Politische Klugheit: Die vergessene Tugend im Zeitalter der sozialen Netzwerke

Wie man in Zeiten der Polarisierung, der Desinformation und der digitalen Unmittelbarkeit aus katholischer Sicht das rechte Urteil wiedererlangt

Wir leben in einer außergewöhnlichen Zeit. Noch nie zuvor hatte die Menschheit Zugang zu so vielen Informationen in so kurzer Zeit. Innerhalb weniger Sekunden können wir Ereignisse erfahren, die sich auf der anderen Seite der Welt abspielen, Tausende von Meinungen lesen, Nachrichten mit Hunderten von Menschen teilen und unsere eigene Sichtweise zu nahezu jedem Thema öffentlich äußern.

Doch dieser scheinbare Vorteil hat eine geistliche Gefahr mit sich gebracht, die aus der Perspektive des Glaubens nur selten betrachtet wird: den Verlust der Klugheit.

Die sozialen Netzwerke haben die Geschwindigkeit zu einer Tugend gemacht, obwohl sie in Wirklichkeit häufig der Feind der Wahrheit ist. Heute scheint es wichtiger zu sein, der Erste zu sein, der eine Meinung äußert, als der Erste zu sein, der wirklich versteht. Impulsive Kommentare, sofortige Empörung, reißerische Überschriften und emotionale Reaktionen werden belohnt. Ruhige Überlegung, ernsthafte Recherche und überlegtes Unterscheidungsvermögen sind dagegen immer seltener geworden.

Diese Realität betrifft auch die Katholiken.

Viele Christen nehmen täglich an politischen, kulturellen oder religiösen Diskussionen teil, ohne sich die Zeit zu nehmen, sich zu fragen, ob das, was sie teilen, wahr ist, ob ihre Worte aufbauen oder zerstören und ob sie wirklich im Einklang mit dem Evangelium handeln.

Die Kirche hat immer gelehrt, dass der Christ sein öffentliches Leben nicht von seinem geistlichen Leben trennen kann. Auch im Internet, auch in der Politik, auch in den sozialen Netzwerken sind wir dazu berufen, die Tugenden zu leben.

Und unter all diesen Tugenden erscheint heute eine als besonders notwendig: die Klugheit.

Nicht die Klugheit, die als Feigheit oder bequemes Schweigen verstanden wird, sondern als die Königin der sittlichen Tugenden, jene Tugend, die alle anderen auf das Gute hin ausrichtet.


Eine oft missverstandene Tugend

Wenn jemand das Wort Klugheit hört, denkt er häufig an einen Menschen, der schüchtern, unentschlossen oder übermäßig vorsichtig ist.

Aber das ist nicht die christliche Klugheit.

Für den heiligen Thomas von Aquin, der der Tradition des Aristoteles folgt und sie im Licht der Offenbarung vollendet, ist die Klugheit:

„Die rechte Vernunft im Handeln.“

Mit anderen Worten: Sie ist die Fähigkeit, das konkrete Gute in einer bestimmten Situation zu erkennen und die geeigneten Mittel zu wählen, um es zu verwirklichen.

Klugheit bedeutet nicht, jede Handlung zu vermeiden.

Sie bedeutet, richtig zu handeln.

Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt:

„Die Klugheit ist die Tugend, die die praktische Vernunft dazu befähigt, unter allen Umständen unser wahres Gut zu erkennen und die rechten Mittel zu wählen, um es zu verwirklichen.“ (KKK 1806)

Das bedeutet, dass ein kluger Mensch:

  • die Wahrheit sucht, bevor er spricht;
  • zuhört, bevor er urteilt;
  • analysiert, bevor er reagiert;
  • überprüft, bevor er etwas weiterverbreitet;
  • die Folgen seiner Handlungen bedenkt;
  • das Gemeinwohl sucht und nicht nur den Sieg der eigenen Gruppe.

All dies ist in der heutigen digitalen Welt zutiefst gegenkulturell.


Die Klugheit in der Heiligen Schrift

Die Bibel spricht ständig über die Klugheit.

Sie erscheint nicht nur als menschliche Eigenschaft, sondern als eine Gabe, die tief mit der Gottesfurcht verbunden ist.

Das Buch der Sprichwörter sagt:

„Der Kluge sieht das Unheil und verbirgt sich; die Unerfahrenen gehen weiter und müssen die Folgen tragen.“ (Sprichwörter 22,3)

An anderer Stelle lesen wir:

„Das Herz des Gerechten überlegt, bevor es antwortet; der Mund der Frevler aber lässt Bosheit sprudeln.“ (Sprichwörter 15,28)

Welch eine aktuelle Beschreibung unserer Zeit.

Während die sozialen Netzwerke zu sofortigen Antworten drängen, lädt uns die Heilige Schrift dazu ein, nachzudenken, bevor wir antworten.

Auch der Apostel Jakobus mahnt:

„Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jakobus 1,19)

Dieser Vers könnte als eines der besten Verhaltensprogramme für jeden Nutzer des Internets betrachtet werden.

Zuhören.

Nachdenken.

Erst danach sprechen.

Nicht umgekehrt.

Auch unser Herr Jesus Christus hat diese Tugend gelehrt.

Als die Pharisäer versuchten, ihn mit politischen Fragen in eine Falle zu locken, antwortete er niemals impulsiv.

Er stellte Fragen.

Er unterschied.

Er erkannte die wahren Absichten seiner Gesprächspartner.

Und er antwortete mit einer Weisheit, die selbst seine Feinde zum Schweigen brachte.

Seine berühmte Antwort:

„So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ (Matthäus 22,21)

ist ein außergewöhnliches Beispiel politischer Klugheit.

Er fällt nicht auf Manipulation herein.

Er akzeptiert kein falsches Dilemma.

Er antwortet nicht aus Leidenschaft oder Zorn.

Er antwortet aus der Wahrheit heraus.


Die politische Klugheit in der katholischen Tradition

Die Kirche hat das Christentum niemals mit einer bestimmten politischen Partei gleichgesetzt.

Die moralischen Grundsätze sind dauerhaft.

Politische Entscheidungen, die dem Bereich der Klugheit angehören, können hingegen verschiedene legitime Lösungen zulassen.

Hier begegnen wir einem sehr wichtigen Begriff der katholischen Soziallehre.

Nicht jede politische Frage besitzt nur eine einzige verpflichtende Antwort für alle Katholiken.

Es gibt unverzichtbare Prinzipien:

  • die Verteidigung des menschlichen Lebens;
  • die Würde jedes Menschen;
  • die Religionsfreiheit;
  • der Schutz der Familie;
  • die soziale Gerechtigkeit;
  • das Gemeinwohl.

Dennoch gibt es viele technische oder strategische Fragen, bei denen gläubige Katholiken zu unterschiedlichen legitimen Meinungen gelangen können.

Wer dies vergisst, verfällt dem Fanatismus.

Wer den Glauben mit einer Ideologie verwechselt, macht die Politik letztlich zu einer Religion.

Und das ist eine moderne Form des Götzendienstes.


Das Problem der Polarisierung

Die sozialen Netzwerke leben von unserer Aufmerksamkeit.

Und nichts zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich als Konflikte.

Die Algorithmen belohnen das, was starke Emotionen hervorruft:

  • Empörung;
  • Angst;
  • Wut;
  • Skandal;
  • Verachtung.

Je stärker eine Gesellschaft gespalten ist, desto länger bleiben die Menschen miteinander verbunden.

Deshalb schaffen viele Plattformen letztlich echte Echokammern.

Wir sehen nur noch Meinungen, die unseren eigenen ähneln.

Wir lesen nur noch das, was unsere bereits bestehenden Überzeugungen bestätigt.

Nach und nach hören wir auf, wirklich miteinander zu sprechen.

Wir beginnen, diejenigen zu karikieren, die anders denken als wir.

Danach hören wir auf, ihnen zuzuhören.

Schließlich erkennen wir sogar ihre menschliche Würde nicht mehr an.

Aber ein Christ darf niemals zulassen, dass ein Algorithmus bestimmt, wie er seinen Nächsten liebt.


Desinformation: Ein moralisches Problem

Das Teilen falscher Informationen ist nicht immer eine schwere Sünde.

Aber es kann dazu werden, wenn eine schuldhafte Nachlässigkeit vorliegt.

Das achte Gebot verbietet nicht nur bewusstes Lügen.

Es verpflichtet uns auch dazu, die Wahrheit zu achten.

Gerüchte verbreiten.

Daten manipulieren.

Aussagen aus ihrem Zusammenhang reißen.

Videos bearbeiten, um zu täuschen.

Überschriften teilen, ohne den eigentlichen Inhalt gelesen zu haben.

All dies kann zu einer Mitwirkung an der Lüge werden.

Und der Vater der Lüge hat einen Namen.

Jesus identifiziert ihn eindeutig:

„Er war ein Menschenmörder von Anfang an und stand nicht in der Wahrheit.“ (Johannes 8,44)

Jedes Mal, wenn wir falsche Informationen verbreiten, ohne sie zu überprüfen, wirken wir – auch wenn nur indirekt – an einer Kultur der Lüge mit.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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