Die fehlenden Reliquien: Das faszinierende historische Detail aus den ersten Jahrhunderten, das auf die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel hinweist

Es gibt eine Frage, die auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, aber eine enorme historische und theologische Bedeutung besitzt:

Wo befinden sich die Reliquien des Leibes der Jungfrau Maria?

Die Kirche bewahrt und verehrt die Reliquien unzähliger Heiliger. Sie verehrt Knochen, Schädel, unverweste Leiber, Asche, Gewänder und andere Gegenstände, die mit jenen verbunden sind, die ihr Leben Christus geschenkt haben. Schon in den ersten Jahrhunderten erwiesen die Christen den leiblichen Überresten der Märtyrer und Heiligen eine tiefe Ehrfurcht.

Und doch stoßen wir gerade bei der nach Christus am meisten verehrten Person auf etwas Überraschendes: Es gibt keine allgemein anerkannte Tradition von leiblichen Reliquien der Jungfrau Maria.

Und das ist besonders bemerkenswert.

Maria war die Mutter Gottes. Sie war zutiefst mit dem Geheimnis der Menschwerdung verbunden. Sie blieb während seines irdischen Lebens eng mit Christus verbunden, stand unter dem Kreuz und begleitete die entstehende Kirche. Wenn eine christliche Gemeinschaft ihren Leib besessen hätte, könnte man vernünftigerweise erwarten, dass dieser Leib von frühester Zeit an Gegenstand einer außergewöhnlichen Verehrung gewesen wäre.

Doch genau das ist nicht geschehen.

Das Fehlen leiblicher Reliquien Mariens ist eines jener historischen Details, die, wenn man sie richtig versteht, für die Lehre von der Aufnahme Mariens in den Himmel von großer Bedeutung sind.

Es handelt sich nicht um einen „archäologischen Beweis“ im modernen Sinn. Ebenso wenig können wir ehrlich behaupten, dass das Fehlen von Reliquien allein das Dogma mathematisch beweist. Der katholische Glaube gründet nicht auf isolierten archäologischen Argumenten.

Aber wir können etwas weitaus Interessanteres feststellen: Die historische Abwesenheit des Leibes Mariens stimmt in bemerkenswerter Weise mit der uralten christlichen Überzeugung überein, dass die Mutter Gottes mit Leib und Seele verherrlicht wurde.

Und hier beginnt eine faszinierende Geschichte.

1. Die Kirche behandelt den Leib Mariens nicht wie den Leib irgendeines anderen Heiligen

Um die Bedeutung dieser Frage zu verstehen, müssen wir uns zunächst daran erinnern, was eine Reliquie bedeutet.

Für das Christentum ist der menschliche Leib nicht einfach eine Hülle um die Person. Der Mensch ist eine Einheit aus Leib und Seele. Deshalb verehrt die Kirche die Überreste der Heiligen: weil diese Leiber am Leben der Gnade teilhatten, Tempel des Heiligen Geistes waren und ebenfalls die Auferstehung am Ende der Zeiten erwarten.

Der heilige Paulus schreibt:

„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“
(1 Korinther 6,19)

Die christliche Lehre über den Leib unterscheidet sich daher radikal von jeder materialistischen oder rein spirituellen Auffassung.

Der Leib ist wichtig.

Der Leib wird auferstehen.

Das christliche Heil besteht nicht darin, dass die Seele der Materie endgültig entkommt. Das endgültige Ziel des Menschen ist die Auferstehung des Fleisches.

Deshalb haben die Reliquien der Heiligen einen Sinn.

Und gerade aus diesem Grund ist es so bemerkenswert, dass es keine allgemein anerkannte leibliche Reliquie Mariens gibt.

Damit wird die Frage unausweichlich:

Wenn Maria gestorben ist und ihr Leib auf der Erde geblieben wäre, warum finden wir dann keine vergleichbare Tradition hinsichtlich ihrer sterblichen Überreste?

Diese Frage beweist die Aufnahme Mariens in den Himmel nicht allein, aber sie öffnet ein außerordentlich interessantes Fenster zur christlichen Tradition.

2. Das Schweigen der ersten Jahrhunderte

Hier müssen wir sorgfältig und wissenschaftlich vorgehen.

Wir können nicht behaupten, dass die Christen des ersten und zweiten Jahrhunderts uns eine ausdrücklich formulierte und vollständig entwickelte Lehre von der Aufnahme Mariens in den Himmel hinterlassen hätten, genau in den Begriffen, in denen sie 1950 definiert wurde.

Tatsächlich erkennt die historische Forschung ein bemerkenswertes Schweigen der ältesten christlichen Quellen hinsichtlich des Endes des irdischen Lebens Mariens. Besonders die ersten vier Jahrhunderte enthalten nur wenige ausdrückliche Zeugnisse über ihren Tod und ihre Verherrlichung. Die erzählenden Traditionen über die Entschlafung Mariens werden in späteren Jahrhunderten deutlicher.

Dies muss ohne Angst anerkannt werden.

Der katholische Glaube braucht nicht vorzugeben, dass jedes Detail des Dogmas bereits in Dokumenten des ersten Jahrhunderts vollständig entwickelt vorliegt.

Die christliche Offenbarung funktioniert nicht auf diese Weise.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Glaubensgut, dem fortschreitenden Verständnis dieses Glaubensgutes und der späteren dogmatischen Formulierung.

Ein Same kann bereits vorhanden sein, bevor der Baum seine volle Höhe erreicht.

Und genau dies geschah bei zahlreichen Aspekten der christlichen Lehre.

Die Lehre von der Dreifaltigkeit, die Gottheit Christi, die Gottesmutterschaft Mariens sowie das Verhältnis zwischen Gnade und Natur wurden allmählich mit größerer Präzision formuliert, als die Kirche mit Kontroversen, Irrlehren und neuen Fragen konfrontiert wurde.

Eine spätere Definition bedeutet nicht notwendigerweise eine spätere Erfindung.

Sie kann vielmehr eine spätere präzise Formulierung eines alten Glaubens bedeuten.

3. Die merkwürdige Abwesenheit eines Leibes

Hier begegnen wir einem der interessantesten Details.

Es gibt alte Traditionen, die das Ende des irdischen Lebens Mariens in Jerusalem ansiedeln, während andere, später entstandene Traditionen Maria mit Ephesus verbinden. Es gibt auch Orte, die traditionell mit ihrem Grab in Verbindung gebracht werden.

Doch im Vergleich zu anderen Heiligen finden wir einen grundlegenden Unterschied:

Es gibt keine allgemein anerkannte Tradition, die den Leib Mariens als körperliche Reliquie bewahrt.

Einige katholische Quellen haben gerade diese Besonderheit hervorgehoben: Es gibt Traditionen hinsichtlich ihres Grabes, aber keine vergleichbare universelle Tradition über den Besitz und die Verehrung ihrer körperlichen Überreste.

Das ist besonders bemerkenswert, wenn man die Bedeutung der Reliquien im frühen Christentum betrachtet.

Die Christen hatten keine Haltung der Verachtung gegenüber den Körpern der Heiligen.

Ganz im Gegenteil.

Die Märtyrer wurden mit Ehre bestattet. Ihre Gräber wurden zu Wallfahrtsorten. Die Eucharistie wurde über ihren Gräbern gefeiert. Ihre Überreste wurden feierlich übertragen. Reliquien wurden zu sichtbaren Zeichen der Gemeinschaft zwischen der pilgernden Kirche auf Erden und der triumphierenden Kirche.

Warum also stellt Maria eine derart außergewöhnliche Ausnahme dar?

Die traditionelle christliche Antwort lautet genau deshalb: Ihr Leib blieb nicht auf der Erde zurück, um zu einer Reliquie zu werden.

4. Jerusalem und das geheimnisvolle leere Grab

Eine der bekanntesten Traditionen erscheint Jahrhunderte später in den Predigten des heiligen Johannes von Damaskus.

Nach einer von ihm überlieferten Tradition soll Juvenal, der Bischof von Jerusalem, im Zusammenhang mit dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 erklärt haben, dass Kaiser Marcian und Kaiserin Pulcheria den Leib der Gottesmutter besitzen wollten.

Die Antwort ist bedeutsam: Das Grab Mariens sei leer vorgefunden worden.

Die Tradition verband diese Tatsache mit der Schlussfolgerung der Apostel, dass ihr Leib in den Himmel aufgenommen worden sei. Diese Erzählung wird vom heiligen Johannes von Damaskus überliefert, einem der großen patristischen Zeugen der Entschlafung Mariens.

Auch hier müssen wir zwischen Geschichte und Tradition unterscheiden.

Wir können diese spätere Erzählung nicht in eine zeitgenössische Aufzeichnung aus dem ersten Jahrhundert darüber verwandeln, was tatsächlich geschehen ist.

Aber wir können eine Frage stellen:

Warum betrachtete eine spätere christliche Tradition gerade die Abwesenheit des Leibes Mariens als etwas, das mit ihrer leiblichen Verherrlichung übereinstimmte?

Weil die innere Logik dieser Tradition sehr klar ist.

Christus hatte den Leib seiner Mutter nicht einfach als Reliquie auf der Erde zurückgelassen.

Die Mutter war auf einzigartige Weise mit dem Sieg ihres Sohnes verbunden.

5. Die Entschlafung Mariens: Eine tief verwurzelte östliche Tradition

Im Osten wird das Fest, das wir traditionell als Mariä Aufnahme in den Himmel bezeichnen, Entschlafung der Gottesgebärerin genannt.

Der Begriff „Entschlafung“ ist außerordentlich schön.

Er leugnet nicht notwendigerweise die Wirklichkeit des Todes. Vielmehr bringt er eine christliche Auffassung des Todes als Übergang zum Leben zum Ausdruck.

Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort.

Deshalb zeigen traditionelle Darstellungen der Entschlafung Maria ruhend, während Christus erscheint und ihre Seele in seinen Händen hält.

Die östliche Liturgie entwickelte um dieses Geheimnis eine außerordentlich reiche Spiritualität.

Und hier zeigt sich ein grundlegender Punkt: Die östliche und die westliche Tradition stimmen in der Überzeugung überein, dass Maria auf einzigartige Weise an der Herrlichkeit Christi teilhat.

Der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel wurde in der östlichen und westlichen Kirche zwischen dem siebten und achten Jahrhundert fest verankert, auch wenn die erzählenden Traditionen über die Entschlafung bereits früher vorhanden waren.

Es wäre daher ein Fehler, sich vorzustellen, die Aufnahme Mariens in den Himmel sei lediglich eine Idee gewesen, die 1950 von einem Papst erfunden wurde.

Papst Pius XII. hat die Aufnahme Mariens in den Himmel nicht „erfunden“.

Er definierte sie feierlich als Dogma, nachdem ein langer Prozess der Rezeption, theologischen Reflexion, liturgischen Feier, patristischen Überlieferung und Befragung des weltweiten Episkopats vorausgegangen war.

6. Der heilige Johannes von Damaskus und eine beeindruckende theologische Logik

Der heilige Johannes von Damaskus bietet zudem eine Betrachtung, die es verdient, meditiert zu werden.

Sein Argument ist nicht archäologischer Natur.

Es ist theologisch.

Wenn Maria die Mutter Gottes war; wenn sie das fleischgewordene Wort in ihrem Schoß trug; wenn sie eng mit dem Geheimnis Christi verbunden blieb; wenn sie gemäß der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis vor der Erbsünde bewahrt wurde, dann ist es zutiefst angemessen, dass ihr Leib nicht der gewöhnlichen Verwesung des Grabes überlassen blieb.

Der heilige Johannes von Damaskus entwickelt genau diese Logik der Angemessenheit.

Sein Gedankengang wurde später von Pius XII. bei der dogmatischen Vorbereitung der Definition aufgegriffen.

Der Gedanke lässt sich so zusammenfassen:

Jene, die dem Erlöser ihr Fleisch schenkte, sollte nicht endgültig der Verwesung überlassen werden.

Nicht weil Maria eine Göttin wäre.

Nicht weil sie aus eigener Kraft Macht besäße.

Nicht weil sie Christus gleich wäre.

Sondern gerade deshalb, weil jedes Privileg Mariens von Christus kommt und auf Christus hingeordnet ist.

Die Aufnahme Mariens in den Himmel mindert Jesus nicht.

Sie verherrlicht ihn.

7. „Eine Frau, mit der Sonne bekleidet“

Die Heilige Schrift enthält keinen Satz, der wörtlich sagt: „Maria wurde leiblich in den Himmel aufgenommen.“

Und es wäre intellektuell unehrlich, das Gegenteil zu behaupten.

Die Kirche hat die Heilige Schrift jedoch immer als Ganzes gelesen, erhellt durch die Tradition.

Ein besonders bedeutender Text ist Offenbarung 12:

„Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“

Die Auslegung dieses Kapitels ist komplex und besitzt eine ekklesiale Dimension: Die Frau steht für das Volk Gottes, für Israel und für die Kirche, und in der katholischen Tradition wird sie in besonderer Weise auch auf Maria bezogen.

Wir haben hier kein historisches Foto der Aufnahme Mariens in den Himmel vor uns.

Wir haben ein biblisches Bild vor uns, das die christliche Tradition mit der Verherrlichung Mariens verbunden hat.

Pius XII. wies ausdrücklich darauf hin, dass Theologen in der Frau der Offenbarung ein Bild gesehen hatten, das mit dem Geheimnis der Verherrlichung der Jungfrau vereinbar ist.

Und es gibt einen weiteren grundlegenden Text:

„Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“
(Lukas 1,45)

Das gesamte Leben Mariens ist ein Leben des Glaubens.

Die Aufnahme in den Himmel erscheint als die Vollendung dieser ganz Gott übergebenen Existenz.

8. Das Dogma von 1950: Keine Erfindung, sondern eine Definition

Am 1. November 1950, am Hochfest Allerheiligen, promulgierte Papst Pius XII. die Apostolische Konstitution Munificentissimus Deus und definierte feierlich:

„Die unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria wurde nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen.“

Dies ist die dogmatische Definition.

Und sie enthält ein wichtiges Detail.

Pius XII. definierte nicht ausdrücklich, ob Maria vor ihrer Aufnahme in den Himmel gestorben ist oder ob sie verherrlicht wurde, ohne den Tod zu erfahren. Die Formulierung „nach Vollendung ihres irdischen Lebens“ lässt diese Frage offen.

Die Kirche verlangt daher den Glauben an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel, verpflichtet die Katholiken aber nicht dazu, jedes historische Detail darüber zu klären, auf welche Weise genau dies geschehen ist.

Dies zeigt eine bemerkenswerte doktrinäre Umsicht.

9. Das Fehlen von Reliquien ist kein isolierter Beweis

Hier müssen wir innehalten, um eine übertriebene Behauptung zu vermeiden.

Zu sagen: „Es gibt keine Reliquien, also ist die Aufnahme Mariens in den Himmel archäologisch bewiesen“, wäre falsch.

Das Fehlen von Beweisen stellt nicht automatisch einen positiven Beweis dar.

Aber es gibt etwas anderes:

Wenn die Abwesenheit des Leibes mit einer alten Tradition der leiblichen Verherrlichung zusammenfällt, wird diese Abwesenheit zu einer historisch bemerkenswerten Tatsache.

Die Frage lautet nicht:

„Haben wir eine Reliquie?“

Die Frage lautet:

„Warum entwickelte sich in einer christlichen Kultur, die so stark von der Verehrung der Reliquien geprägt war, keine universelle Tradition der Verehrung des Leibes Mariens?“

Und die traditionelle Antwort der Kirche ist schlüssig:

weil der Leib Mariens nicht auf der Erde zurückblieb.

Wir dürfen daraus kein vereinfachtes Argument machen.

Aber wir dürfen auch seine historische und geistliche Kraft nicht ignorieren.

10. Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist kein isoliertes Privileg

Vielleicht ist dies der wichtigste theologische Punkt.

Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist keine Art „Sonderbelohnung“, die vom übrigen Glauben losgelöst wäre.

Sie steht in enger Verbindung mit vier großen christlichen Wahrheiten:

Christus.

Die Unbefleckte Empfängnis.

Die Würde des menschlichen Leibes.

Die Auferstehung des Fleisches.

Christus ist wirklich auferstanden.

Es handelte sich nicht um eine bloße geistige Erscheinung.

Das Grab war leer.

Der verherrlichte Leib Christi ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens.

Maria nimmt an dieser Verherrlichung vorwegnehmend teil.

Deshalb erklärte Pius XII., dass die Aufnahme Mariens in den Himmel unsere Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung stärkt.

Maria ist gewissermaßen die sichtbare Vorwegnahme der endgültigen Bestimmung der Kirche.

Sie schaut bereits das, worauf wir hoffen.

11. Die Aufnahme Mariens in den Himmel als Antwort auf den Materialismus unserer Zeit

Diese Lehre ist erstaunlich aktuell.

Wir leben in einer Zeit, die zwischen zwei entgegengesetzten Irrtümern schwankt.

Auf der einen Seite gibt es einen Materialismus, der den Menschen auf Chemie, Neuronen, Hormone und biologische Daten reduziert.

Auf der anderen Seite gibt es eine entkörperlichte Spiritualität, die davon spricht, „Energie zu sein“, „die Seele zu befreien“ oder den Körper zu verlassen, als wäre er ein bedeutungsloser Zufall.

Das Christentum lehnt beide Perspektiven ab.

Der Leib ist gut, weil er von Gott geschaffen wurde.

Der Leib besitzt Würde, weil Christus einen menschlichen Leib angenommen hat.

Der Leib ist zur Auferstehung bestimmt.

Und Maria zeigt uns das Ziel bereits im Voraus.

In einer Kultur, die vom äußeren Erscheinungsbild besessen ist und gleichzeitig zutiefst gleichgültig gegenüber dem ewigen Schicksal des Leibes ist, enthält die Aufnahme Mariens in den Himmel ein kraftvolles Paradox:

Der Leib ist kein Gegenstand, den man zur Schau stellt, und kein Instrument, das man konsumiert; er ist Teil der Person, die zur Herrlichkeit bestimmt ist.

12. Die Aufnahme Mariens in den Himmel und die Würde der Frau

Hier finden wir ebenfalls eine zutiefst schöne Dimension.

Nach dem Glauben der Kirche ist das erste menschliche Geschöpf, das die Herrlichkeit Christi leiblich schaut, eine Frau.

Keine politische Königin.

Keine Kaiserin.

Keine Berühmtheit.

Eine demütige Frau aus Nazareth.

Die junge Frau, die sagte:

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“
(Lukas 1,38)

ist die verherrlichte Frau.

Dies verändert das christliche Verständnis von Größe radikal.

Die Welt sagt: Groß ist, wer herrscht.

Das Evangelium antwortet: Groß ist, wer sich hingibt.

Die Welt sagt: Wichtig ist, wer es schafft, gesehen zu werden.

Maria antwortet: Wichtig ist, wer Gott in seinem Leben sichtbar werden lässt.

Die Welt sagt: Der Körper ist ein Gegenstand des Konsums.

Die Aufnahme Mariens in den Himmel antwortet: Der Leib ist für die Ewigkeit bestimmt.

13. Was bedeutet das für unser tägliches Leben?

Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht einfach eine Lehre, die wir auswendig lernen müssen.

Sie hat pastorale Konsequenzen.

Erstens: Sie erinnert uns daran, dass unser Körper Würde besitzt

Wir dürfen ihn nicht verachten.

Aber wir dürfen ihn auch nicht zu einem Götzen machen.

Der Christ sorgt für seinen Körper, weil er Gott gehört.

Zweitens: Sie lehrt uns, mit dem Blick zum Himmel zu leben

Maria ist nicht auf der Erde geblieben.

Ihre Geschichte endete nicht in einem Grab.

Auch unsere Geschichte endet nicht mit dem Tod.

Der Tod ist real, schmerzhaft und geheimnisvoll, aber er ist nicht unser endgültiges Schicksal.

Drittens: Sie hilft uns, den Wert der Reinheit zu verstehen

Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist zutiefst unvereinbar mit einer vulgären Sicht auf den Körper.

Der Leib kann ein Tempel sein.

Er kann ein Werkzeug der Liebe sein.

Er kann Gott dargebracht werden.

Er kann an der Heiligkeit teilhaben.

Viertens: Sie lehrt uns zu hoffen

In einer Gesellschaft, die von der Unmittelbarkeit beherrscht wird, lehrt Maria Geduld.

Gott improvisiert nicht.

Die Heilsgeschichte besitzt ein Ziel.

Und dieses Ziel ist herrlich.

14. Die „fehlenden Reliquien“ als stille Katechese

Vielleicht finden wir hier das schönste Bild des gesamten Geheimnisses.

Normalerweise sagt eine Reliquie:

„Hier sind die Überreste eines Menschen, der heilig gelebt hat.“

Im Fall Mariens scheint das Schweigen jedoch etwas anderes zu sagen:

„Suche hier unten nicht das, was Gott bereits in die Herrlichkeit aufgenommen hat.“

Wir besitzen den Leib Mariens nicht, wie wir die körperlichen Reliquien so vieler Heiliger besitzen.

Stattdessen haben wir eine Tradition, die nach oben weist.

Es ist, als wäre die Abwesenheit selbst zu einem Zeichen geworden.

Das Grab kann jene nicht festhalten, die durch ein einzigartiges Privileg Gottes mit Leib und Seele verherrlicht wurde.

Wir dürfen daraus kein vereinfachtes Argument machen.

Aber wir dürfen auch seine historische und geistliche Kraft nicht ignorieren.

15. Eine bereits verherrlichte Frau und eine noch pilgernde Kirche

Die Kirche betrachtet Maria als das, was die Kirche selbst werden soll.

Der Katechismus und die katholische Tradition stellen die Aufnahme Mariens in den Himmel als Vorwegnahme der glorreichen Bestimmung der Glieder Christi dar.

Maria ist ein Zeichen der Hoffnung.

Deshalb darf die Aufnahme Mariens in den Himmel keine gefühlsbetonte Frömmigkeit hervorbringen, die von einem christlichen Leben getrennt ist.

Sie muss zur Bekehrung führen.

Wenn wir beten:

„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“,

bitten wir gerade jene, die bereits die Schwelle des Todes überschritten hat und an der himmlischen Herrlichkeit teilhat, uns auf unserem eigenen Weg zu begleiten.

Sie weiß, wohin wir gehen.

Sie ist bereits dort angekommen.

Schluss: Ein Leib, den wir nicht finden, weil die Kirche glaubt, dass er im Himmel ist

Die ursprüngliche Frage kehrt nun mit ihrer ganzen Kraft zurück:

Wo sind die Reliquien des Leibes Mariens?

Historisch besitzen wir keine allgemein anerkannte körperliche Reliquie, die als ihr Leib identifiziert werden könnte. Es gibt Traditionen über ihr Grab und über Orte, die mit ihrer Entschlafung verbunden sind, aber wir finden keine Tradition, die mit der Verehrung der körperlichen Reliquien so vieler Heiliger vergleichbar wäre.

Und genau hier begegnen wir einem der faszinierendsten Details der christlichen Tradition.

Die Kirche bejaht die Aufnahme Mariens in den Himmel nicht einfach deshalb, weil „der Leichnam nie gefunden wurde“.

Sie bejaht sie, weil sie darin eine Wahrheit erkennt, die mit dem gesamten Geheimnis Christi, mit der überlieferten Tradition, mit der Liturgie, mit der Reflexion der Kirchenväter und mit der organischen Entwicklung des Glaubens übereinstimmt.

Nach Jahrhunderten der Reflexion definierte Pius XII. sie 1950 feierlich als eine göttlich offenbarte Wahrheit. Die Definition wurde nicht als Neuerung dargestellt, sondern als Höhepunkt eines Glaubens, den die Kirche im Laufe der Jahrhunderte bekannt und immer tiefer verstanden hatte.

Und vielleicht lässt sich dies am besten so verstehen:

Maria besitzt keine körperlichen Reliquien, weil sie nach dem Glauben der Kirche selbst bereits eine lebendige Reliquie des endgültigen Sieges Christi über den Tod ist.

In ihr sehen wir unser eigenes Schicksal vorweggenommen.

Wir wurden nicht für die Verwesung erschaffen.

Wir wurden nicht erschaffen, um zu verschwinden.

Wir wurden nicht einfach dazu erschaffen, Jahre anzusammeln und schließlich zu sterben.

Wir wurden für Gott erschaffen.

Wir wurden für die Auferstehung erschaffen.

Wir wurden für die Herrlichkeit erschaffen.

Und Maria, die demütige Jungfrau von Nazareth, schaut bereits das, was wir durch die Barmherzigkeit Christi zu empfangen hoffen.

Deshalb ist die Aufnahme Mariens in den Himmel keine ferne Lehre.

Sie ist eine Verheißung.

Wenn die Kirche auf Maria blickt, die mit Leib und Seele im Himmel verherrlicht ist, blickt sie zugleich auf die Zukunft all jener, die Christus treu bleiben.

Das Grab hat nicht das letzte Wort.

Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Die Sünde hat nicht das letzte Wort.

Christus hat das letzte Wort.

Und Maria, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen, bleibt vor uns als lebendiges Zeugnis dafür, dass der Sieg ihres Sohnes keine Metapher ist.

Es ist ein wirklicher Sieg.

Über die Sünde.

Über den Tod.

Und schließlich über die Verwesung des Grabes.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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