Natürliches Christentum, Christentum ohne Christus: Wenn der Glaube zu einer bloßen Sammlung menschlicher Werte wird

Einleitung: Was wäre, wenn wir die Werte bewahrt, aber das Evangelium verloren hätten?

Es gibt eine Form des Christentums, die dem modernen Menschen außerordentlich attraktiv erscheinen kann.

Sie spricht von Liebe.
Sie spricht von Solidarität.
Sie spricht von Brüderlichkeit.
Sie spricht von Gerechtigkeit.
Sie spricht von Aufnahme und Offenheit.
Sie spricht von Frieden.
Sie spricht von Menschenwürde.
Sie spricht davon, sich um Bedürftige zu kümmern.

Und dennoch kann etwas zutiefst Paradoxes geschehen: Sie kann von fast allem sprechen, was das Christentum lehrt, ohne wirklich von Christus zu sprechen.

Man könnte dieses Phänomen als „natürliches“ oder „naturalisiertes Christentum“ bezeichnen, wobei dieser Ausdruck hier nicht im katholischen Sinn des Naturrechts verstanden werden soll, sondern als Reduzierung des Christentums auf das, was der Mensch mit seinen eigenen natürlichen Fähigkeiten verstehen, bewundern und verwirklichen kann.

In dieser reduzierten Version erscheint Jesus Christus vor allem als großer Morallehrer. Das Evangelium wird zu einem Programm für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Kirche wird zu einer Institution, die sich der Förderung bestimmter Werte widmet. Bekehrung wird mit dem Gedanken gleichgesetzt, „ein besserer Mensch“ zu werden. Heiligkeit wird mit moralischer Anständigkeit verwechselt. Die übernatürliche Nächstenliebe wird auf Solidarität reduziert. Das Gebet wird zu einer Form geistlichen Wohlbefindens. Die Sakramente erscheinen als gemeinschaftliche Symbole. Die Liturgie wird als kulturelle Feier verstanden.

Und dann stellt sich eine unbequeme Frage:

Wenn wir Gnade, Erlösung, Sünde, Kreuz, Auferstehung, Sakramente, ewiges Leben und die Notwendigkeit der Bekehrung entfernen – was bleibt dann eigentlich noch vom Christentum übrig?

Es bleibt etwas Gutes.

Aber es bleibt nicht das Christentum in seiner Fülle.

Denn das Christentum begann nicht damit, dass einige Menschen beschlossen, es wäre nützlich, Brüderlichkeit zu fördern.

Es begann damit, dass Gott in die Geschichte eingetreten ist.

Es entstand nicht aus einer ethischen Theorie.

Es entstand aus einem Ereignis.

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

Diese Aussage enthält eine Revolution, die keine Moralphilosophie ersetzen kann.

Das Christentum ist nicht in erster Linie ein Wertesystem.

Es ist die Antwort des Menschen auf einen Gott, der sich offenbart hat, der dem Menschen entgegengekommen ist, der unsere Natur angenommen hat, der für unsere Sünden gestorben und auferstanden ist, um uns die Türen zum ewigen Leben zu öffnen.


1. Das große Missverständnis: Christentum und Humanismus verwechseln

Eine der größten pastoralen Herausforderungen unserer Zeit besteht darin, christlichen Humanismus vom bloßen säkularen Humanismus zu unterscheiden.

Das Christentum hat zweifellos außergewöhnlich humanisierende Konsequenzen.

Der christliche Glaube verteidigt die Würde jedes Menschen, weil jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen wurde.

Er verteidigt das Leben, weil das Leben ein Geschenk Gottes ist.

Er verteidigt die Armen, weil Christus sich auf geheimnisvolle Weise mit den Kleinen und Bedürftigen identifiziert.

Er verteidigt die Familie, weil es eine vom Schöpfer gewollte Ordnung gibt.

Er verteidigt die Gerechtigkeit, weil Gott gerecht ist.

Er verteidigt die Wahrheit, weil Christus selbst die Wahrheit ist.

Aber christliches Denken funktioniert nicht in die umgekehrte Richtung.

Wir sagen nicht:

„Weil Solidarität gut ist, ist das Christentum also gut.“

Wir sagen:

„Weil Gott gut ist und uns in Christus geliebt hat, bringt das christliche Leben notwendigerweise Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Dienst hervor.“

Der Unterschied mag gering erscheinen.

Er ist es nicht.

Im ersten Fall wird das Christentum schließlich zu einem Instrument, um Werte zu fördern, die auch aus anderen Philosophien heraus verteidigt werden könnten.

Im zweiten Fall stammen die christlichen Werte aus etwas unendlich Tieferem:

aus der Teilhabe des Menschen am Leben Gottes.


2. Die Kirche hat niemals gelehrt, dass die Vernunft der Feind des Glaubens sei

Hier müssen wir eine grundlegende theologische Klarstellung vornehmen.

Die Kritik am „naturalisierten Christentum“ bedeutet nicht, dass man die menschliche Natur, die Vernunft oder das Naturrecht verachtet, die alle wesentliche Bestandteile der katholischen Lehre sind.

Die katholische Kirche lehrt genau das Gegenteil.

Die menschliche Vernunft kann grundlegende Wahrheiten über Gott und die sittliche Ordnung erkennen. Der Mensch kann durch seine Vernunft erkennen, dass es objektive Güter gibt, dass bestimmte Handlungen moralisch gut und andere schlecht sind und dass es eine sittliche Ordnung gibt, die in der menschlichen Natur selbst eingeschrieben ist.

Der heilige Paulus bringt dies deutlich zum Ausdruck, wenn er von den Heiden spricht, die, obwohl sie das mosaische Gesetz nicht besitzen, zeigen, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist:

„Sie zeigen damit, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen eingeschrieben ist“ (Röm 2,15).

Die katholische Tradition hat diese Lehre tief entfaltet.

Das Naturrecht ist real.

Die Vernunft ist real.

Die objektive Moral ist real.

Die Menschenwürde ist real.

Aber gerade hier begeht das naturalisierte Christentum seinen Fehler:

Es verwechselt das, was die menschliche Vernunft erkennen kann, mit dem, was nur durch Offenbarung und Gnade empfangen werden kann.

Die Vernunft kann erkennen, dass wir unseren Nächsten lieben müssen.

Aber die Offenbarung enthüllt etwas unendlich Tieferes:

dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie Christus uns geliebt hat.

Die Vernunft kann verstehen, dass wir vergeben sollen.

Aber das Evangelium offenbart das Geheimnis eines Gottes, der unsere Sünden durch das Kreuz vergibt.

Die Vernunft kann die Würde des Menschen erkennen.

Aber das Christentum verkündet, dass der Mensch zu einer unendlich größeren Würde berufen ist:

zur Teilhabe am göttlichen Leben.


3. Die entscheidende Unterscheidung: Natur und Gnade

Die gesamte Frage lässt sich durch eine grundlegende Unterscheidung der katholischen Theologie verstehen:

Natur und Gnade sind nicht dasselbe.

Die menschliche Natur ist gut, weil sie von Gott geschaffen wurde.

Aber sie ist durch die Sünde verwundet.

Und darüber hinaus wurde sie von Gott zu einer übernatürlichen Bestimmung erhoben.

Das bedeutet, dass der Mensch nicht einfach dazu berufen ist, „ein guter Mensch“ zu sein.

Er ist dazu berufen, heilig zu sein.

Er ist nicht einfach dazu berufen, sich psychologisch zu verbessern.

Er ist dazu berufen, in Gemeinschaft mit Gott zu leben.

Er ist nicht einfach dazu berufen, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen.

Er ist dazu berufen, am göttlichen Leben teilzuhaben.

Hier liegt der Kern des Problems.

Das naturalisierte Christentum spricht häufig von der Verbesserung des Menschen.

Das übernatürliche Christentum spricht von seiner Verwandlung durch die Gnade.

Diese beiden Wirklichkeiten gehören zusammen, aber sie sind nicht identisch.

Ein Mensch kann gebildet, freundlich, großzügig, fleißig, barmherzig und ehrlich sein, ohne den christlichen Glauben zu besitzen.

Er kann bewundernswerte natürliche Tugenden besitzen.

Aber das übernatürliche Leben ist eine andere Wirklichkeit.

Die heiligmachende Gnade ist eine geschaffene Teilhabe am göttlichen Leben.

Daher besteht das letzte Ziel des menschlichen Daseins nicht darin, eine verbesserte Version unserer selbst zu werden.

Es besteht darin, in Gemeinschaft mit Gott einzutreten.


4. Warum wäre Christus gestorben, wenn wir lediglich gute Ratschläge bräuchten?

Diese Frage sollte in jeder zeitgenössischen Katechese widerhallen.

Wenn das Problem des Menschen lediglich darin bestünde, bessere Werte zu benötigen, dann hätte ein hervorragender Lehrer genügt.

Wir könnten Christus zuhören.

Wir könnten ihn bewundern.

Wir könnten seine Lehren anwenden.

Aber das Evangelium verkündet etwas unendlich Dramatischeres.

Der Mensch muss gerettet werden.

Die Sünde ist nicht einfach ein Fehler.

Sie ist nicht lediglich ein Bildungsdefizit.

Sie ist nicht bloß ein ungesundes Verhalten.

Sie ist ein Bruch mit Gott.

Die Sünde beeinträchtigt die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer zutiefst.

Deshalb ist Christus nicht nur gekommen, um uns zu lehren.

Er ist gekommen, um uns zu erlösen.

Das Kreuz ist keine pädagogische Illustration der Solidarität.

Es ist das erlösende Opfer Christi.

Die Auferstehung ist keine Metapher für Hoffnung.

Sie ist ein wirkliches Ereignis, das eine neue Schöpfung eröffnet.

Die Kirche ist nicht einfach ein Zusammenschluss von Menschen, die bestimmte Werte teilen.

Sie ist der mystische Leib Christi.

Die Sakramente sind nicht bloße kulturelle Symbole.

Sie sind wirksame Zeichen der Gnade.

Die Eucharistie ist nicht lediglich ein gemeinschaftliches Mahl.

Sie ist das Sakrament des Leibes und Blutes Christi.

Und die Beichte ist nicht einfach ein therapeutisches Gespräch.

Sie ist das Sakrament, durch das Christus durch den Dienst der Kirche die Sünden vergibt.

Wenn diese übernatürliche Dimension entfernt wird, kann das christliche Gebäude viele seiner Mauern behalten.

Aber seine Fundamente sind verloren gegangen.


5. „Jesus war ein großer Mensch“: Eine unzureichende Aussage

Eine der häufigsten Aussagen unserer Zeit lautet wahrscheinlich:

„Jesus war ein großer Mensch.“

Diese Aussage scheint respektvoll zu sein.

Aber theologisch ist sie radikal unzureichend.

Jesus ist nicht einfach ein großer Mensch.

Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch.

Er ist nicht lediglich ein Morallehrer.

Er ist das ewige Wort, das Fleisch geworden ist.

Er ist nicht einfach gekommen, um uns zu lehren, wie wir leben sollen.

Er ist gekommen, um uns den Vater zu offenbaren und uns mit ihm zu versöhnen.

Deshalb verändert die Reduzierung Jesu auf eine ethische Referenz die Identität des Christentums grundlegend.

Wir können Sokrates bewundern.

Wir können Aristoteles studieren.

Wir können von Seneca lernen.

Wir können große soziale Reformer respektieren.

Aber Christus ist völlig anders.

Christus sagt nicht einfach:

„Hier ist eine interessante Lehre.“

Er sagt:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Er sagt nicht nur:

„Lernt aus meinen Lehren.“

Er sagt:

„Komm und folge mir nach.“

Er präsentiert nicht einfach einen Kodex.

Er präsentiert sich selbst.

Das ist der Skandal und die Schönheit des Christentums.


6. Christentum bedeutet nicht einfach, „ein guter Mensch“ zu sein

Diese Reduktion ist besonders gefährlich, weil sie harmlos erscheint.

„Ich bin ein guter Mensch.“

„Ich versuche, niemandem zu schaden.“

„Ich helfe Menschen, wann immer ich kann.“

„Ich muss nicht zur Messe gehen, um ein guter Mensch zu sein.“

„Gott weiß, dass ich ein gutes Herz habe.“

Natürlich muss der Mensch danach streben, das Gute zu tun.

Aber das Christentum kann nicht darauf reduziert werden.

Denn die grundlegende Frage lautet nicht nur:

„Bin ich ein anständiger Mensch?“

Die christliche Frage lautet:

„Bin ich mit Christus vereint?“

Das ewige Leben besteht nicht einfach darin, eine Belohnung dafür zu erhalten, dass man bestimmte gesellschaftliche Normen eingehalten hat.

Es besteht in der ewigen Gemeinschaft mit Gott.

Und diese Gemeinschaft beginnt bereits hier auf Erden durch die Gnade.

Deshalb verkündet die Kirche nicht nur Moral.

Sie verkündet Bekehrung.

Sie verkündet Glauben.

Sie verkündet die Taufe.

Sie verkündet Buße.

Sie verkündet die Eucharistie.

Sie verkündet das Gebet.

Sie verkündet die Heiligkeit.

Sie verkündet das Kreuz.

Sie verkündet die Auferstehung.

Sie verkündet das Gericht.

Sie verkündet den Himmel.

Und sie warnt ebenfalls vor der realen Möglichkeit, Gott endgültig zurückzuweisen.

All dies ist für eine Kultur unbequem, die ein therapeutisches, positives und wenig forderndes Christentum bevorzugt.

Aber gerade deshalb ist es notwendig, zum Evangelium zurückzukehren.


7. Wenn „Liebe“ aufhört, Bekehrung zu bedeuten

Ein weiteres Symptom des naturalisierten Christentums ist die Verwendung des Wortes Liebe ohne übernatürlichen Inhalt.

„Gott ist Liebe.“

Das ist wahr.

Aber die christliche Liebe bedeutet nicht einfach emotionale Zustimmung.

Die wahre Liebe sucht das Wohl des Geliebten.

Und das höchste Gut des Menschen ist Gott.

Deshalb bedeutet die Liebe zum Sünder nicht, dass wir all seine Verhaltensweisen als gut bestätigen.

Christus liebt den Sünder gerade deshalb, weil er ihn retten will.

Im Evangelium finden wir eine Verbindung, die unsere Zeit nur schwer aufrechterhalten kann:

Barmherzigkeit und Wahrheit.

Christus vergibt.

Aber er ruft auch zur Bekehrung auf.

Christus nimmt auf.

Aber er sagt ebenfalls:

„Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11).

Barmherzigkeit ohne Wahrheit wird zur Freizügigkeit.

Wahrheit ohne Liebe kann zu Härte werden.

Das Christentum hält beides zusammen.


8. Das Kreuz ist das große Element, für das das naturalisierte Christentum keinen Platz findet

Es gibt einen Grund, warum das naturalisierte Christentum lieber über Werte spricht und das Opfer vermeidet.

Das Kreuz ist unbequem.

Das Kreuz erinnert uns daran, dass es Sünde gibt.

Es erinnert uns daran, dass der Mensch Bekehrung braucht.

Es erinnert uns daran, dass das Heil einen Preis hat.

Es erinnert uns daran, dass die Nachfolge Christi Verzicht einschließt.

Es erinnert uns daran, dass nicht jeder Wunsch automatisch zu einem Recht werden muss.

Es erinnert uns daran, dass zwischen unserem Willen und dem Willen Gottes ein Unterschied besteht.

Christus hat nicht versprochen:

„Ihr werdet glücklich sein, wenn ihr euren Wünschen folgt.“

Er sagte:

„Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24).

Diese Worte sind zutiefst gegenkulturell.

Die Gesellschaft lehrt:

„Verwirkliche dich selbst.“

Christus sagt:

„Verleugne dich selbst.“

Die Kultur sagt:

„Tu alles, was du fühlst.“

Christus sagt:

„Folge mir.“

Die Kultur sagt:

„Deine Freiheit besteht darin, alles wählen zu können, was du willst.“

Das Christentum antwortet:

Die wahre Freiheit besteht darin, das Gute wählen zu können.


9. Das naturalisierte Christentum und die Kultur der Selbstoptimierung

Es gibt auch eine besonders moderne Form des naturalisierten Christentums: das Christentum, das zu spiritueller Selbstoptimierung umgewandelt wurde.

Gott erscheint als eine Art himmlischer Therapeut.

Das Gebet soll dazu dienen, dass wir uns besser fühlen.

Die Kirche soll Gemeinschaft anbieten.

Die Bibel soll positive Gedanken liefern.

Jesus soll Inspiration geben.

Religion wird zu einer Technik des emotionalen Wohlbefindens.

Aber das Evangelium verspricht nicht einfach, dass wir uns besser fühlen werden.

Es verspricht etwas viel Größeres und zugleich viel Anspruchsvolleres:

dass wir verwandelt werden.

Manchmal tröstet uns Gott.

Manchmal schenkt er uns Frieden.

Aber er kann uns auch auf Wege der Läuterung, des Opfers und des Leidens führen.

Die Heiligen haben dies vollkommen verstanden.

Die heilige Teresa von Ávila, der heilige Johannes vom Kreuz, der heilige Ignatius von Loyola, der heilige Franziskus von Assisi und viele andere haben keine bequeme Religion gesucht.

Sie haben Gott gesucht.

Und sie entdeckten, dass der Weg zu ihm notwendigerweise durch die Bekehrung des Herzens führt.


10. Die Sakramente sind keine Nebensachen

Eine praktische Folge des naturalisierten Christentums besteht darin, dass die Sakramente zunehmend als zweitrangig erscheinen.

„Wichtig ist, dass man glaubt.“

„Wichtig ist, dass man liebt.“

„Wichtig ist, dass man hilft.“

Aber wir müssen eine Frage stellen:

Warum wollte Christus eine sakramentale Kirche?

Weil Gott den Menschen nicht rettet, als wäre er ein körperloser Geist.

Der Mensch besteht aus Leib und Seele.

Deshalb verwendet Gott sichtbare Zeichen, um uns unsichtbare Gnade mitzuteilen.

Das Wasser der Taufe.

Brot und Wein der Eucharistie.

Die Handauflegung.

Die Salbung.

Die Ehe.

Die Beichte.

Die Sakramente gehören zur Struktur der Heilsökonomie selbst.

Sie sind daher nicht bloße Zeremonien.

Sie sind Begegnungen mit Christus.

Ein Christentum, das die Werte bewahrt, aber die Sakramente aufgibt, läuft Gefahr, zu einer Art christianisiertem Stoizismus zu werden.

Es kann weiterhin über Tugend sprechen.

Aber es lebt nicht mehr aus der Gnade.


11. Die Eucharistie allein widerlegt ein rein natürliches Christentum

Denken wir an die Eucharistie.

Wenn das Christentum lediglich eine Ethik wäre, würde es genügen, sich an die Lehren Jesu zu erinnern.

Aber Christus wollte uns etwas unendlich Tieferes hinterlassen:

seine wirkliche Gegenwart.

Die Eucharistie zwingt uns, eine rein natürliche Sicht auf die Religion aufzugeben.

Der Altar ist nicht einfach ein symbolischer Tisch.

Die Messe ist nicht einfach eine Versammlung.

Die Liturgie ist nicht lediglich eine gemeinschaftliche Aktivität.

In der eucharistischen Feier nimmt die Kirche sakramental am Opfer Christi teil.

Deshalb kann das christliche Leben nicht darauf reduziert werden, „Gutes zu tun“.

Wir müssen zunächst lernen, von Gott zu empfangen.

Das christliche Leben entsteht aus der Gnade.

Dann bringt es Früchte hervor.


12. „Ohne mich könnt ihr nichts vollbringen“

Christus hat einen Satz gesprochen, der als dauerhafte Impfung gegen den Pelagianismus dienen sollte:

„Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5).

Der Pelagianismus besteht, vereinfacht gesagt, darin, die Fähigkeit des Menschen zu überschätzen, aus eigener Kraft das Heil zu erlangen.

Das katholische Christentum lehrt etwas anderes.

Die Gnade ist notwendig.

Wir werden nicht ausschließlich durch unsere moralischen Fähigkeiten gerettet.

Wir brauchen Christus.

Wir brauchen die Gnade.

Wir brauchen die Kirche.

Wir brauchen die Sakramente.

Wir brauchen das Gebet.

Wir brauchen die Bekehrung.

Das bedeutet nicht, dass unsere Werke unwichtig sind.

Im Gegenteil.

Die Gnade verwandelt unsere Fähigkeit zu handeln.

Aber der Christ kann nicht sagen:

„Ich kann mich einfach dadurch retten, dass ich ein guter Mensch bin.“

Die Antwort des Evangeliums lautet:

Du brauchst Christus.


13. Der entgegengesetzte Fehler: Wir dürfen die guten Werke ebenfalls nicht verachten

Hier müssen wir ein anderes Extrem vermeiden.

Die Kritik am naturalisierten Christentum bedeutet nicht, dass gute Werke unwichtig wären.

Ganz im Gegenteil.

Christus ist eindeutig:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16).

Die Gnade bringt Früchte hervor.

Der wahre Glaube verwandelt das Leben.

Der Christ, der ständig von der Lehre spricht, aber keine Nächstenliebe besitzt, widerspricht dem Evangelium.

Der heilige Paulus bringt dies mit außerordentlicher Kraft zum Ausdruck:

„Wenn ich die Liebe nicht habe, bin ich nichts“ (1 Kor 13,2).

Das Problem besteht also nicht darin, gute Werke zu tun.

Das Problem besteht darin, die guten Werke von ihrer übernatürlichen Quelle zu trennen.

Die christliche Nächstenliebe ist nicht einfach Philanthropie.

Sie ist die Liebe Gottes, die in das Herz ausgegossen wurde.

Solidarität kann natürlich sein.

Die Caritas ist übernatürlich.

Der Unterschied liegt in der Wurzel.


14. Nächstenliebe ist nicht dasselbe wie Philanthropie

Wir können den Unterschied einfach formulieren:

Philanthropie hilft dem Menschen, weil sie in ihm einen menschlichen Wert erkennt.

Die christliche Liebe liebt den Menschen, weil sie in ihm ein von Gott geliebtes Geschöpf und gewissermaßen Christus selbst erkennt.

Deshalb kann die christliche Liebe Extreme erreichen, die eine rein natürliche Ethik nur schwer erklären kann.

Dem Feind vergeben.

Für diejenigen beten, die uns verfolgen.

Geben, ohne etwas zurückzuerwarten.

Leid aus Liebe annehmen.

Opfer für die Bekehrung anderer darbringen.

Jemanden lieben, für den wir von Natur aus keinerlei Sympathie empfinden.

All dies wird verständlich, wenn wir erkennen, dass das christliche Leben nicht nur aus unserer natürlichen Sympathie hervorgeht.

Es kommt von Gott.


15. Die Gnade zerstört die Natur nicht: Sie erhebt sie

Eine der großen Leistungen der katholischen Theologie besteht gerade darin, zwei entgegengesetzte Irrtümer zu vermeiden.

Einerseits:

Naturalismus: Alles kann durch die menschlichen Fähigkeiten erklärt und verwirklicht werden.

Andererseits:

Verachtung der Natur: Als wäre alles Menschliche schlecht.

Die katholische Tradition lehrt etwas viel Schöneres:

Die Gnade vollendet die Natur.

Die menschliche Natur ist gut, obwohl sie verwundet ist.

Die Vernunft ist gut.

Die Intelligenz ist gut.

Die Freiheit ist gut.

Der Körper ist gut.

Die Sexualität ist in der von Gott gewollten Ordnung gut.

Die Ehe ist gut.

Die Kultur ist gut.

Die Arbeit ist gut.

Die Politik kann gut sein.

Die Wissenschaft kann gut sein.

Aber keine dieser Wirklichkeiten kann zu einem Ersatz für Gott werden.

Das Christentum zerstört das Menschliche nicht.

Es ordnet es auf Gott hin.


16. Wie entstand diese Tendenz, das Christentum zu naturalisieren?

Die Versuchung ist alt.

Seit den ersten Jahrhunderten musste die Kirche die übernatürliche Dimension des Glaubens gegen verschiedene Formen des Reduktionismus verteidigen.

Das Christentum musste immer wieder erklären, dass Christus nicht einfach ein Morallehrer war.

Die Kirchenväter betonten die Gottheit Christi.

Die großen Konzilien verteidigten seine wahre Menschheit und seine wahre Gottheit.

Die mittelalterliche Theologie vertiefte die Beziehung zwischen Natur und Gnade.

Der heilige Thomas von Aquin zeigte, dass Vernunft und Offenbarung einander nicht widersprechen.

Die Reformation und die Gegenreformation warfen neue Fragen über Gnade, Rechtfertigung und Freiheit auf.

Die Moderne brachte eine noch größere Herausforderung:

die Möglichkeit, ein Weltbild ohne Bezug auf Gott aufzubauen.

Von da an begann die westliche Kultur zunehmend, bestimmte Elemente des christlichen Erbes zu bewahren, während ihr theologisches Fundament schwächer wurde.

Und es entstand eine paradoxe Situation:

Eine Gesellschaft konnte weiterhin von Würde, Gleichheit, Brüderlichkeit, Rechten, Solidarität und Gerechtigkeit sprechen, während sie gleichzeitig die christliche Weltanschauung ablehnte, die historisch entscheidend dazu beigetragen hatte, viele dieser Begriffe zu prägen.

Dies führte zu einem kulturellen Christentum, das immer stärker vom Glauben getrennt wurde.


17. Kulturelles Christentum: Wenn die Form bleibt und der Inhalt verschwindet

Kulturelles Christentum kann über Generationen hinweg bestehen.

Taufen.

Erstkommunionen.

Hochzeiten.

Weihnachten.

Karwoche.

Prozessionen.

Weihnachtslieder.

Religiöse Bilder.

Patronatsfeste.

Aber wenn all dies den Bezug zum Glauben verliert, kann lediglich eine kulturelle Tradition übrig bleiben.

Das Problem besteht nicht darin, dass christliche Kultur schlecht wäre.

Im Gegenteil.

Sie ist ein außergewöhnliches Erbe.

Das Problem entsteht, wenn die Kultur den Glauben ersetzt.

Wir können den Weihnachtsbaum bewahren und Christus vergessen.

Wir können die Prozessionen bewahren und die Bekehrung vergessen.

Wir können die Kirchen bewahren und die Anbetung vergessen.

Wir können christliche Worte bewahren und sie ihres Inhalts berauben.

Wir können von Liebe sprechen und die Wahrheit beseitigen.

Wir können von Barmherzigkeit sprechen und die Sünde beseitigen.

Wir können von Würde sprechen und Gott beseitigen.

Wir können von Jesus sprechen und vergessen, dass er der Herr ist.


18. Ein Christentum „ohne Sünde“

Es gibt Worte, die unsere Zeit besonders unbequem findet.

Eines davon ist:

die Sünde.

Ohne Sünde brauchen wir keinen Erlöser.

Ohne Sünde brauchen wir keine Bekehrung.

Ohne Sünde brauchen wir keine Beichte.

Ohne Sünde wird das Kreuz zu einer absurden Tragödie.

Daher führt die Beseitigung der Sünde unweigerlich zur Naturalisierung des Christentums.

Wenn der Mensch lediglich „wachsen“ muss, ist Christus ein Lehrer.

Wenn der Mensch gerettet werden muss, ist Christus der Retter.

Der Unterschied ist gewaltig.

Das Evangelium beginnt gerade mit einem Ruf:

„Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).

Bekehrung ist keine Therapie für das Selbstwertgefühl.

Sie ist die Rückkehr zu Gott.

Sie bedeutet anzuerkennen, dass unser Leben uns nicht absolut gehört.

Sie bedeutet, die Sünde aufzugeben.

Sie bedeutet, die Gnade anzunehmen.

Sie bedeutet, neu anzufangen.


19. Warum ist das naturalisierte Christentum so attraktiv?

Weil es bequem ist.

Es erlaubt uns, eine christliche Identität zu bewahren, ohne alle ihre Konsequenzen anzunehmen.

Es erlaubt uns zu sagen:

„Ich bin Christ, weil ich an die Liebe glaube.“

Aber ohne über Lehre zu sprechen.

Es erlaubt uns, Solidarität zu verteidigen, ohne über Bekehrung zu sprechen.

Es erlaubt uns, Jesus zu bewundern, ohne seine Gebote anzunehmen.

Es erlaubt uns, über Barmherzigkeit zu sprechen, ohne über das Gericht zu sprechen.

Es erlaubt uns, über Würde zu sprechen, ohne über Gott zu sprechen.

Es erlaubt uns, über Brüderlichkeit zu sprechen, ohne über die Sünde zu sprechen.

Es erlaubt uns, eine Religion zu haben, ohne unser Leben tiefgreifend verändern zu müssen.

Und hier entsteht eine der großen pastoralen Fragen unserer Zeit:

Bilden wir Jünger aus oder lediglich Menschen, die Sympathie für bestimmte christliche Werte empfinden?

Denn Jesus hat nicht gesagt:

„Geht und lehrt die Menschen, mich zu bewundern.“

Er sagte:

„Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19).

Jünger.

Keine Zuschauer.

Keine Bewunderer.

Keine religiösen Konsumenten.

Jünger.


20. Das naturalisierte Christentum und das Smartphone

Dieses Problem zeigt sich auch in der digitalen Welt.

Die sozialen Netzwerke sind voller Inhalte, die christliche Sprache verwenden.

Zitate Jesu.

Bilder von Heiligen.

Botschaften über Liebe.

Überlegungen über Frieden.

Religiöse Videos.

Aber ein christlicher Satz erzeugt nicht automatisch ein christliches Leben.

Wir können zwanzig Bibelzitate teilen und niemals beten.

Wir können Bilder von Heiligen veröffentlichen und niemals zur Beichte gehen.

Wir können stundenlang über Theologie diskutieren und unseren Nächsten nicht lieben.

Wir können öffentlich die christliche Moral verteidigen und heimlich in Sünde leben.

Der Algorithmus kann sogar die Religion in Content verwandeln.

Aber Christus ist nicht gekommen, um Content zu werden.

Er ist gekommen, um unser Leben zu werden.


21. Der Unterschied zwischen religiöse Inhalte zu konsumieren und den Glauben zu leben

Diese Unterscheidung ist für die heutige Pastoral entscheidend.

Religiöse Inhalte zu konsumieren, kann gut sein.

Theologie zu lesen, ist gut.

Predigten zu hören, ist gut.

Dokumentationen über Heilige anzusehen, kann gut sein.

Katholischen Accounts zu folgen, kann gut sein.

Aber nichts davon ersetzt:

  • das Gebet;
  • die Beichte;
  • die Heilige Messe;
  • die eucharistische Anbetung;
  • die Lektüre der Heiligen Schrift;
  • die Gewissenserforschung;
  • die Buße;
  • die Nächstenliebe;
  • den Kampf gegen die Sünde;
  • das sakramentale Leben.

Das Christentum wird nicht hauptsächlich auf einem Bildschirm gelebt.

Es wird vor Gott gelebt.


22. Der Christ ist nicht einfach dazu berufen, „gut“ zu sein: Er ist zur Heiligkeit berufen

Diese Unterscheidung verdient es, in unsere Herzen eingeprägt zu werden.

Ein guter Mensch kann viele Sünden vermeiden.

Ein Heiliger sucht darüber hinaus eine immer tiefere Vereinigung mit Gott.

Ein guter Mensch kann großzügig sein.

Ein Heiliger lernt, durch Christus zu lieben.

Ein guter Mensch kann Regeln respektieren.

Ein Heiliger sucht den Willen Gottes.

Ein guter Mensch kann ein moralisch geordnetes Leben führen.

Ein Heiliger möchte, dass sein ganzes Dasein Gott dargebracht wird.

Heiligkeit ist weit mehr als moralische Korrektheit.

Sie ist eine innere Verwandlung.

Deshalb sagt der heilige Paulus nicht einfach:

„Werdet besser.“

Er sagt:

„Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Hier finden wir das Herz des übernatürlichen Lebens.

Es geht nicht einfach darum, einem natürlichen Leben religiöse Verhaltensweisen hinzuzufügen.

Es geht darum, Christus zu erlauben, unser ganzes Dasein zu verwandeln.


23. Die Kirche ist keine religiöse NGO

Die Kirche kann außergewöhnliche soziale Werke vollbringen.

Sie tut dies seit Jahrhunderten.

Krankenhäuser.

Schulen.

Universitäten.

Waisenhäuser.

Hilfe für Arme.

Missionen.

Pflege für Kranke.

Hilfe für Verfolgte.

Aber wenn die Kirche lediglich eine humanitäre Organisation wäre, könnten wir sie durch eine NGO ersetzen.

Die Kirche existiert, weil sie eine unvergleichliche Sendung besitzt:

Christus zu verkünden und das Heil zu vermitteln.

Materielle Hilfe ist notwendig.

Aber der Mensch braucht mehr als Brot.

Er braucht Gott.

Deshalb verkündet Christus, während er die Menschenmengen speist, auch das Brot des Lebens.

Die Kirche darf Evangelisierung und Nächstenliebe nicht gegeneinander ausspielen.

Sie muss beides verwirklichen.

Denn die christliche Liebe entsteht aus dem Glauben und führt zu Gott.


24. Das eigentliche pastorale Problem: ein Christentum ohne Anforderungen anbieten

Eine pastorale Haltung, die ausschließlich darauf ausgerichtet ist, dass sich die Menschen wohlfühlen, läuft Gefahr zu vergessen, dass das Evangelium uns auch unbequem macht.

Christus tröstet.

Aber Christus korrigiert auch.

Christus umarmt.

Aber Christus ruft uns auch dazu auf, alles hinter uns zu lassen.

Christus vergibt.

Aber er fordert auch:

„Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“

Eine echte Pastoral der Barmherzigkeit verbirgt die Wahrheit nicht.

Sie verkündet sie in Liebe.

Ein Arzt, der seinen Patienten liebt, sagt ihm nicht:

„Sie haben keine Krankheit.“

Er sagt ihm die Wahrheit, damit er geheilt werden kann.

Ebenso liebt die Kirche den Menschen nicht dadurch, dass sie ihm sagt, die Sünde spiele keine Rolle.

Sie liebt ihn, indem sie verkündet, dass die Gnade stärker ist als die Sünde.


25. Das übernatürliche Christentum ist keine Flucht aus der Welt

Ein weiteres häufiges Missverständnis besteht darin zu glauben, dass die Verteidigung der übernatürlichen Dimension eine Verachtung der Welt bedeute.

Nein.

Der Christ lebt tief in der Welt.

Er arbeitet.

Er gründet eine Familie.

Er nimmt an der Gesellschaft teil.

Er studiert.

Er forscht.

Er schafft Kunst.

Er betreibt Wissenschaft.

Er beteiligt sich an der Politik.

Er hilft Bedürftigen.

Aber er tut dies mit einem anderen Bewusstsein:

Diese Welt ist nicht Gott.

Und sie ist auch nicht unsere endgültige Heimat.

Der heilige Paulus sagt:

„Unsere Heimat aber ist im Himmel“ (Phil 3,20).

Diese Wahrheit macht uns nicht weniger verantwortlich für die Welt.

Sie macht uns verantwortlicher.

Denn wir wissen, dass unser Leben eine ewige Bestimmung besitzt.


26. Wie erkennt man das naturalisierte Christentum?

Wir können einige einfache Fragen stellen.

Erste Frage: Spricht man über Christus oder nur über Werte?

Wenn Jesus lediglich als moralische Inspiration erscheint, gibt es ein Problem.

Zweite Frage: Spricht man über die Sünde?

Wenn alles durch „Fehler“, „Prozesse“ oder „Umstände“ erklärt wird, könnte die biblische Kategorie der Sünde verloren gegangen sein.

Dritte Frage: Wird Bekehrung verkündet?

Das Evangelium ruft uns immer zur Bekehrung.

Vierte Frage: Spricht man über die Gnade?

Wenn alles von unseren Fähigkeiten abhängt, stehen wir vor einer naturalistischen Reduktion.

Fünfte Frage: Spricht man über die Sakramente?

Das christliche Leben ist sakramental.

Sechste Frage: Spricht man über das ewige Leben?

Das Christentum richtet seinen Blick letztlich auf die ewige Gemeinschaft mit Gott.

Siebte Frage: Hat das Kreuz einen zentralen Platz?

Wenn das Kreuz verschwindet, ist etwas Wesentliches verloren gegangen.

Achte Frage: Wird Christus als Retter oder lediglich als Lehrer vorgestellt?

Die Antwort zeigt unmittelbar, welche Art von Christentum wir verkünden.


27. Wie können wir das übernatürliche Christentum wiederfinden?

Die Antwort besteht nicht darin, die Vernunft aufzugeben oder die Kultur abzulehnen.

Es geht darum, zur Mitte zurückzukehren.

Und die Mitte ist Christus.

Keine Ideologie.

Keine Ästhetik.

Keine Nostalgie.

Keine politische Identität.

Kein Kulturkampf.

Keine Sammlung von Werten.

Christus.

Alles muss bei ihm beginnen und in ihm enden.


28. Erste praktische Anwendung: Zum Gebet zurückkehren

Wenn wir eine rein natürliche Religion überwinden wollen, müssen wir das Gebet wiederentdecken.

Nicht nur über Gott lesen.

Mit Gott sprechen.

Nicht nur geistliche Zitate veröffentlichen.

Niederknien.

Nicht nur religiöse Podcasts hören.

Still werden.

Das Gebet erinnert uns an etwas Wesentliches:

Ich bin nicht Gott.

Ich muss empfangen.

Ich muss bitten.

Ich muss danken.

Ich muss anbeten.

Ich muss bereuen.


29. Zweite Anwendung: Die Beichte wiederentdecken

Die Beichte ist eine der großen Antworten auf das naturalisierte Christentum.

Warum?

Weil wir dort etwas anerkennen, das die moderne Kultur beseitigen möchte:

Wir haben gesündigt.

Aber wir erkennen zugleich etwas noch Schöneres:

Gott kann uns vergeben.

Die Beichte zerstört zwei Irrtümer.

Der erste:

„Ich bin vollkommen.“

Der zweite:

„Ich bin hoffnungslos schuldig.“

Das Christentum lehrt:

Du bist ein Sünder, aber Gottes Barmherzigkeit ist größer als deine Sünde, wenn du bereust.


30. Dritte Anwendung: Zur Eucharistie zurückkehren

Die Eucharistie erinnert uns daran, dass das christliche Leben nicht darin besteht, unser Heil selbst hervorzubringen.

Wir empfangen zuerst.

Dann geben wir.

Zuerst schenkt Christus sich selbst.

Dann lernen wir, uns selbst hinzugeben.

Zuerst empfangen wir die Gnade.

Dann können wir Frucht bringen.

Deshalb darf die Messe nicht einfach als wöchentliche Verpflichtung betrachtet werden.

Sie ist das Zentrum des christlichen Lebens.


31. Vierte Anwendung: Die Lehre wiederentdecken

Das naturalisierte Christentum gedeiht dort, wo religiöse Unwissenheit herrscht.

Wenn ein Katholik seinen Glauben nicht kennt, ersetzt er das Christentum leicht durch seine eigenen Meinungen.

Deshalb müssen wir dringend wiederentdecken:

  • den Katechismus;
  • die Heilige Schrift;
  • die Tradition;
  • die Kirchenväter;
  • die Theologie;
  • das Leben der Heiligen;
  • die Dokumente des Lehramtes.

Nicht um Spezialisten zu werden, die unfähig sind zu lieben.

Sondern damit unser Glaube Wurzeln bekommt.

Ein Glaube ohne Bildung wird leicht zu Sentimentalität.


32. Fünfte Anwendung: Den Sinn des Opfers wiederfinden

Wir leben in einer Kultur, die versucht, jedes Unbehagen zu beseitigen.

Aber das Christentum besitzt ein anderes Wort:

Opfer.

Fasten.

Buße.

Abtötung.

Verzicht.

Schweigen.

Disziplin.

Großzügigkeit.

Dienst.

All dies erzieht das Herz.

Denn wer niemals gelernt hat, sich selbst „Nein“ zu sagen, wird große Schwierigkeiten haben, zu Gott „Ja“ zu sagen.

Die christliche Freiheit bedeutet nicht, jedem unserer Wünsche zu gehorchen.

Sie bedeutet, frei zu sein, das Gute zu wählen.


33. Sechste Anwendung: Lernen, gegen den Strom zu leben

Der Christ muss nicht ständig den Konflikt suchen.

Aber er darf auch keine Angst davor haben, nach dem Evangelium zu leben, wenn dieses den vorherrschenden Tendenzen widerspricht.

Wenn die Kultur sagt:

„Jeder Wunsch muss erfüllt werden“,

antwortet der Christ:

Nicht jeder Wunsch ist gut.

Wenn sie sagt:

„Die Wahrheit hängt von jedem Einzelnen ab“,

antwortet er:

Die Wahrheit existiert.

Wenn sie sagt:

„Religion ist eine private Meinung“,

antwortet er:

Gott ist wirklich.

Wenn sie sagt:

„Der Tod ist das Ende“,

antwortet er:

Christus ist auferstanden.

Wenn sie sagt:

„Der Mensch rettet sich selbst“,

antwortet er:

Wir brauchen einen Retter.


34. Die Gefahr, das Christentum in eine Ideologie zu verwandeln

Es gibt auch eine Gefahr für diejenigen, die das naturalisierte Christentum bekämpfen wollen.

Wir können vom Extrem eines Christentums ohne Lehre zum Extrem einer Lehre ohne Leben gelangen.

Wir können ständig über Tradition, Liturgie, Moral, Politik und Kultur sprechen und die Nächstenliebe vergessen.

Wir können eine Wahrheit korrekt verteidigen und dies dennoch mit einem Herzen tun, das unfähig ist zu lieben.

Wir können Diskussionen gewinnen und Seelen verlieren.

Das wäre eine andere Form der Naturalisierung: den Glauben in eine kulturelle oder ideologische Identität zu verwandeln.

Die wahre katholische Tradition ist keine Ideologie.

Sie ist die lebendige Weitergabe des apostolischen Glaubens, den die Kirche von Christus und den Aposteln empfangen hat.

Und ihr Zentrum bleibt Christus.


35. Tradition bedeutet keine Nostalgie

Dieser Punkt ist besonders wichtig.

Die wahre Tradition besteht nicht einfach darin, Formen der Vergangenheit zu bewahren.

Tradition bedeutet, das zu empfangen und weiterzugeben, was die Kirche von Christus und den Aposteln empfangen hat.

Die traditionelle katholische Liturgie kann auf machtvolle Weise dazu beitragen, den Sinn für das Heilige wiederzuentdecken.

Die Kirchenmusik kann die Seele erheben.

Die Stille kann Anbetung lehren.

Das Lateinische kann an die Universalität der Kirche erinnern.

Die sakrale Architektur kann Katechese sein.

Aber keine äußere Form kann die innere Bekehrung ersetzen.

Die Liturgie muss uns zu Christus führen.

Die Tradition muss uns zu Christus führen.

Die Lehre muss uns zu Christus führen.

Die Frömmigkeit muss uns zu Christus führen.


36. Das übernatürliche Christentum stellt die wahre Größe des Menschen wieder her

Paradoxerweise würdigt das Christentum den Menschen umso tiefer, je übernatürlicher es ist.

Denn es sagt nicht:

„Du bist lediglich ein intelligentes Tier.“

Es sagt:

Du bist für Gott geschaffen.

Es sagt nicht:

„Dein Leben endet im Grab.“

Es sagt:

Du bist zur Auferstehung berufen.

Es sagt nicht:

„Deine Sünden definieren dich für immer.“

Es sagt:

Du kannst Vergebung empfangen.

Es sagt nicht:

„Du musst dich aus eigener Kraft retten.“

Es sagt:

Gott schenkt dir seine Gnade.

Es sagt nicht:

„Dein Leiden ist sinnlos.“

Es sagt:

Du kannst es mit dem Kreuz Christi vereinen.

Es sagt nicht:

„Du bist allein.“

Es sagt:

Christus ist bei dir.


37. Das Christentum verspricht nicht einfach ein besseres Leben: Es verspricht ein neues Leben

Vielleicht ist dies die beste Zusammenfassung.

Das Christentum ist nicht einfach eine Methode, um das Leben zu verbessern.

Es ist die Verkündigung eines neuen Lebens.

Der heilige Paulus drückt es wunderbar aus:

„Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17).

Eine neue Schöpfung.

Nicht einfach ein Mensch, der ein wenig besser geworden ist.

Keine optimierte Version unserer selbst.

Eine durch die Gnade erneuerte Existenz.

Das erklärt, warum die Heiligen auf eine Weise leben konnten, die der Welt unverständlich erschien.

Sie waren nicht einfach außergewöhnlich disziplinierte Menschen.

Sie waren Männer und Frauen, die von Gott verwandelt worden waren.


38. Das wahre Christentum beginnt dort, wo der selbstgenügsame Mensch aufhört

Der moderne Mensch will Kontrolle.

Kontrolle über seinen Körper.

Kontrolle über seine Zukunft.

Kontrolle über sein Bild.

Kontrolle über seinen Ruf.

Kontrolle über seine Umgebung.

Sogar Kontrolle über seine Identität.

Aber das Evangelium beginnt, wenn der Mensch entdeckt, dass er sich selbst nicht retten kann.

Und dann hört er eine außergewöhnliche Nachricht:

Gott ist gekommen, um ihn zu suchen.

Wir müssen nicht aus eigener Kraft zu Gott hinaufsteigen.

Gott ist zu uns herabgestiegen.

Das Christentum beginnt in Bethlehem.

Es geht weiter in Nazareth.

Es führt über Golgota.

Es triumphiert in der Auferstehung.

Es breitet sich an Pfingsten aus.

Und es besteht sakramental in der Kirche fort.

Das ist keine vom Menschen erfundene Philosophie.

Es ist die Geschichte des Heils.


39. Eine Frage für unsere Zeit: Was würde übrig bleiben, wenn wir Christus entfernten?

Wir können ein sehr einfaches Experiment machen.

Stellen wir uns vor, dass morgen alle Verweise auf die folgenden Elemente aus dem christlichen Diskurs verschwinden:

  • Gott;
  • Christus;
  • Sünde;
  • Gnade;
  • Kreuz;
  • Auferstehung;
  • Sakramente;
  • Kirche;
  • Gebet;
  • Bekehrung;
  • ewiges Leben.

Und dass wir nur Folgendes behalten:

  • Solidarität;
  • Gerechtigkeit;
  • Gleichheit;
  • Brüderlichkeit;
  • Frieden;
  • Würde;
  • Toleranz;
  • Hilfe für Bedürftige.

Hätten wir dann noch das Christentum?

Die Antwort ist klar:

Nicht im vollen Sinn des Wortes.

Wir hätten Werte, die mit dem Christentum vereinbar sind.

Aber wir hätten das verloren, was diese Werte zu Früchten des übernatürlichen Lebens macht.


40. Der Christ von morgen muss das Wort „übernatürlich“ wiederentdecken

Eine der großen Herausforderungen der Evangelisierung der kommenden Jahrzehnte wird vielleicht gerade darin bestehen, ein Wort wiederzuentdecken, das wir aufgehört haben zu benutzen:

übernatürlich.

Denn wenn es das Übernatürliche nicht gibt, dann ist das Gebet lediglich Selbstreflexion.

Die Messe ist nur eine Versammlung.

Die Beichte ist nur Psychologie.

Die Eucharistie ist nur ein Symbol.

Die Gnade ist nur eine Metapher.

Die Wunder sind nur alte Geschichten.

Die Auferstehung ist nur ein Bild.

Die Heiligen sind nur moralische Beispiele.

Der Himmel ist nur eine poetische Hoffnung.

Aber wenn Gott existiert und Christus auferstanden ist, dann verändert sich alles.

Religion hört auf, eine menschliche Konstruktion zu sein.

Und sie wird zu einer Begegnung mit der tiefsten Wirklichkeit, die existiert:

Gott selbst.


41. Das wahre Christentum ist radikal übernatürlich und radikal menschlich

Hier liegt die abschließende Synthese.

Wir müssen nicht zwischen Menschlichkeit und Übernatürlichkeit wählen.

Christus selbst ist die Antwort.

Der Sohn Gottes hat eine menschliche Natur angenommen.

Die Gnade hat die Menschlichkeit Christi nicht zerstört.

Sie hat sie zu ihrer Fülle geführt.

Ebenso zerstört die Gnade den Menschen nicht.

Sie stellt ihn wieder her.

Sie erhebt ihn.

Sie heiligt ihn.

Sie vergöttlicht ihn durch Teilhabe.

Deshalb ist das wahre Christentum zutiefst menschlich, gerade weil es zutiefst übernatürlich ist.

Es liebt den Menschen, weil es Gott liebt.

Es dient dem Menschen, weil es in ihm das Bild Gottes erkennt.

Es verteidigt die Wahrheit, weil Christus die Wahrheit ist.

Es schützt das Leben, weil das Leben von Gott kommt.

Es liebt den Feind, weil Christus für die Sünder gestorben ist.

Es vergibt, weil es selbst Vergebung erfahren hat.

Es hofft, weil Christus den Tod besiegt hat.


42. Schluss: Wir brauchen kein „natürlicheres“ Christentum, sondern eine Rückkehr zur übernatürlichen Quelle

Vielleicht besteht das Problem unserer Zeit nicht darin, dass es zu viel Christentum gibt.

Vielleicht besteht das Problem darin, dass wir in vielen Bereichen versucht haben, das Christentum zu etwas zu machen, das die Welt akzeptieren kann, ohne sich bekehren zu müssen.

Wir haben das Evangelium auf Werte reduziert.

Jesus auf einen Lehrer.

Die Kirche auf eine Institution.

Die Liturgie auf eine Feier.

Die Sakramente auf Symbole.

Die Moral auf Regeln.

Die Nächstenliebe auf Solidarität.

Das Gebet auf Wohlbefinden.

Den Glauben auf kulturelle Identität.

Und dadurch hört das Christentum auf, Anstoß zu erregen.

Aber es hört damit auch auf, zu retten.

Denn das Evangelium wurde nicht verkündet, damit die Welt sagt:

„Was für wunderbare Werte!“

Es wurde verkündet, damit der Mensch sagen kann:

„Herr, rette mich!“

Das Christentum verkündet nicht einfach, dass wir besser werden müssen.

Es verkündet, dass Gott uns seine Gnade schenkt.

Es verkündet nicht einfach, dass wir lieben müssen.

Es verkündet, dass Gott uns zuerst geliebt hat.

Es verkündet nicht einfach, dass wir vergeben müssen.

Es verkündet, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist.

Es verkündet nicht einfach, dass wir Hoffnung haben müssen.

Es verkündet, dass Christus den Tod besiegt hat.

Es verkündet nicht einfach eine neue Ethik.

Es verkündet eine neue Schöpfung.

Deshalb muss die Kirche angesichts jedes Versuchs, das Christentum auf eine menschliche Ethik zu reduzieren, erneut mit aller Kraft verkünden, was den Kern ihrer Existenz ausmacht:

Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch.

Christus ist für unsere Sünden gestorben.

Christus ist auferstanden.

Christus ist in der Eucharistie wahrhaft gegenwärtig.

Christus vergibt die Sünden.

Christus schenkt seine Gnade.

Christus ruft uns zur Bekehrung.

Christus hat seine Kirche gegründet.

Christus wird wiederkommen.

Christus ist Anfang und Ende.

Und dann verstehen wir den wahren Unterschied zwischen einer naturalisierten Religion und dem Christentum.

Eine naturalisierte Religion sagt:

„Tu Gutes und sei ein guter Mensch.“

Das Evangelium sagt:

„Komm zu Christus, empfange seine Gnade, bekehre dich, folge ihm nach und lass ihn dein Leben verwandeln.“

Eine naturalisierte Religion kann bewundernswerte Menschen hervorbringen.

Aber nur die Gnade kann Heilige hervorbringen.

Und die Kirche existiert nicht einfach dazu, gute Bürger hervorzubringen.

Sie existiert, um die Menschen zu Christus zu führen.

Denn am Ende all unserer Werke, all unserer Tugenden, all unserer Pläne, all unserer Diskussionen und all unserer menschlichen Leistungen bleibt eine einzige wirklich entscheidende Frage:

Haben wir Christus erkannt?

Und mehr noch:

Haben wir Christus erlaubt, in uns zu leben?

Hier beginnt das wahre Christentum.

Nicht in bloßer Moral.

Nicht in Ideologie.

Nicht in Kultur.

Nicht im Sentimentalismus.

Nicht in einer Sammlung von Werten.

In Christus.

Denn das Christentum ist nicht einfach eine Art zu leben.

Es ist das Leben Christi, das dem Menschen durch die Gnade mitgeteilt wird.

Und deshalb muss die Kirche angesichts jedes Versuchs, es auf eine menschliche Ethik zu reduzieren, erneut mit aller Kraft verkünden, was den Kern ihrer Existenz ausmacht:

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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