Jahwe, Jehova oder einfach „der Herr“? Die faszinierende Geschichte des heiligsten Namens der gesamten Heiligen Schrift
Es gibt Worte, die eine außergewöhnliche Kraft besitzen. Manche erwecken Erinnerungen, andere rufen Gefühle hervor, und wieder andere sind in der Lage, den Lauf der Geschichte zu verändern. Doch es gibt einen Namen, der alle anderen unendlich überragt. Einen Namen, der nach biblischer Überlieferung von Gott selbst offenbart wurde; einen Namen, der so heilig ist, dass das Volk Israel aufgehört hat, ihn aus Ehrfurcht auszusprechen; einen Namen, der fast siebentausend Mal im Alten Testament erscheint und den dennoch die meisten Christen kaum kennen.
Dieser Name ist das Tetragramm, die vier geheimnisvollen hebräischen Buchstaben:
יהוה
In das lateinische Alphabet übertragen:
JHWH oder YHWH
Diese vier Konsonanten bilden den Eigennamen, mit dem Gott sich Mose am Berg Horeb offenbaren wollte. Über Jahrhunderte hinweg hat dieser Name Studien, Kontroversen, Aussprachefehler und tiefgehende theologische Reflexionen hervorgerufen. Aus ihm entstanden so bekannte Formen wie Jahwe und Jehova, obwohl keine von ihnen mit absoluter Sicherheit der ursprünglichen Aussprache entspricht.
Doch hinter dieser sprachlichen Frage steht eine unendlich tiefere Wirklichkeit: Der Name offenbart, wer Gott ist.
Die Bedeutung des Tetragramms zu verstehen, ist keine bloße akademische Übung. Es bedeutet, sich dem Herzen der göttlichen Offenbarung selbst zu nähern.
Die Bedeutung des Begriffs „Tetragramm“
Das Wort Tetragramm stammt aus dem Griechischen:
- tetra = vier
- grammata = Buchstaben
Wörtlich bedeutet es:
„Die vier Buchstaben“.
Es bezeichnet ausschließlich den göttlichen Namen, der mit den hebräischen Konsonanten geschrieben wird:
Jod – He – Waw – He
יהוה
Im alten Hebräisch wurden nur die Konsonanten geschrieben. Die Vokale wurden erst viele Jahrhunderte später durch diakritische Zeichen hinzugefügt.
Dies erklärt, warum wir heute nicht mit absoluter Sicherheit wissen, wie der Name ursprünglich ausgesprochen wurde.
Der Zusammenhang der Offenbarung des Namens
Die große Offenbarung geschieht im Buch Exodus.
Mose erblickt den brennenden Dornbusch.
Gott beauftragt ihn, Israel aus Ägypten zu befreien.
Da fragt Mose:
„Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage: ‚Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt‘, und sie mich fragen: ‚Wie ist sein Name?‘, was soll ich ihnen antworten?“
Da antwortet Gott:
„Ich bin, der ich bin.“ (Exodus 3,14)
Und fügt unmittelbar hinzu:
„So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich bin‘ hat mich zu euch gesandt.“
Und weiter heißt es:
„Das ist mein Name auf ewig, und so soll man mich nennen von Geschlecht zu Geschlecht.“ (Exodus 3,15)
Hier erscheint das Tetragramm.
Es handelt sich nicht einfach um einen Eigennamen.
Es ist eine Offenbarung des göttlichen Wesens selbst.
„Ich bin, der ich bin“: weit mehr als ein Name
Das Hebräische verwendet den Ausdruck:
Ehje Ascher Ehje
Er kann auf verschiedene Arten übersetzt werden:
- Ich bin, der ich bin.
- Ich bin der, der existiert.
- Ich bin der, der sein wird.
- Ich bin der, der bleibt.
- Ich bin der, der immer ist.
Alle diese Übersetzungen sind teilweise richtig.
Die katholische Tradition sieht, besonders in der Nachfolge des heiligen Thomas von Aquin, in diesem Ausdruck die Offenbarung des absoluten Seins.
Gott empfängt die Existenz nicht.
Gott beginnt nicht zu existieren.
Gott hängt von nichts ab.
Er ist.
Alles andere existiert, weil es am empfangenen Sein teilhat.
Nur Gott besitzt das Sein aus sich selbst heraus.
Wie der Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 206) lehrt, drückt der offenbarte Name aus, dass Gott das Sein selbst ist, derjenige, der sich selbst und seinen Verheißungen durch alle Zeiten hindurch treu bleibt.
Nach den Worten des Aquinaten ist Gott das Ipsum Esse Subsistens, das subsistierende Sein selbst.
Deshalb bezeichnet das Tetragramm nicht nur eine Identität; es offenbart die göttliche Natur.
Wie oft erscheint das Tetragramm?
Erstaunlicherweise erscheint es ungefähr:
6.828 Mal
im hebräischen Text des Alten Testaments.
Es ist der am häufigsten vorkommende Name in der gesamten Heiligen Schrift.
Dennoch ersetzen viele moderne Bibeln ihn durch:
HERR
geschrieben in Großbuchstaben.
Diese Gewohnheit geht auf eine sehr alte jüdische Tradition zurück.
Warum hörten die Juden auf, den Namen auszusprechen?
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich eine außerordentliche Ehrfurcht vor dem göttlichen Namen.
Das dritte Gebot lautet:
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ (Exodus 20,7)
Um jede Entweihung zu vermeiden, begannen die Rabbiner, das Tetragramm niemals mehr auszusprechen.
Wenn sie während der Lesung der Heiligen Schrift darauf stießen, sagten sie:
Adonai
was bedeutet:
Herr.
In anderen Zusammenhängen verwendeten sie:
HaSchem
also:
Der Name.
Mit der Zeit ging die ursprüngliche Aussprache verloren.
Nicht, weil Gott sich verbergen wollte, sondern weil das Volk die größtmögliche Ehrfurcht vor seiner Heiligkeit zeigen wollte.
Wie entstand die Aussprache „Jehova“?
Hier begegnen wir einer der interessantesten Geschichten der biblischen Philologie.
Zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert nach Christus fügten die jüdischen Schriftgelehrten, die als Masoreten bekannt sind, dem hebräischen Text Vokalzeichen hinzu, um seine korrekte Lesung zu bewahren.
Wenn sie auf das Tetragramm stießen:
יהוה
schrieben sie nicht die ursprünglichen Vokale des Namens.
Stattdessen setzten sie die Vokale von:
Adonai
ein, als Erinnerung daran, dass der Leser „Herr“ sagen und den göttlichen Namen nicht aussprechen sollte.
Optisch erschien dies ungefähr in der Form:
YeHoWaH
Viele christliche Gelehrte des Mittelalters kannten diese Konvention nicht.
Sie gingen davon aus, dass diese Vokale tatsächlich zum göttlichen Namen gehörten.
So entstand:
Jehova
Die erste eindeutige Dokumentation dieser Form findet sich im Mittelalter, insbesondere bei lateinischen Autoren wie Petrus Galatinus (16. Jahrhundert), obwohl Vorformen bereits seit dem 13. Jahrhundert belegt sind.
Daher ist Jehova nicht die ursprüngliche Aussprache des göttlichen Namens, sondern das Ergebnis der Verbindung der Konsonanten des Tetragramms mit den Vokalen von Adonai.
Über Jahrhunderte hinweg verbreitete sich die Form „Jehova“ jedoch weit in der westlichen Theologie, in Kirchenliedern, biblischen Kommentaren und sogar in einigen Bibelübersetzungen.
Woher kommt „Jahwe“?
Ab dem 19. Jahrhundert ermöglichte das vergleichende Studium der semitischen Sprachen eine andere Hypothese.
Viele Fachgelehrte kamen zu dem Schluss, dass die der ursprünglichen Aussprache am nächsten kommende Form wahrscheinlich gewesen sei:
Jahweh
Im Deutschen:
Jahwe
Diese Rekonstruktion stützt sich auf verschiedene Hinweise:
- alte griechische Zeugnisse;
- hebräische theophore Namen (wie Jesaja, Jeremia oder Elija);
- die Lautregeln des alten Hebräischen;
- Zeugnisse der Kirchenväter.
Dennoch muss ein wichtiger Punkt hervorgehoben werden: Niemand kann mit absoluter Sicherheit behaupten, dass dies die exakte ursprüngliche Aussprache war, da die lebendige Tradition der Aussprache des Namens bereits viele Jahrhunderte verloren gegangen war, bevor es phonetische Aufzeichnungen gab.
Deshalb ist „Jahwe“ eine sehr wahrscheinliche wissenschaftliche Rekonstruktion, aber keine absolute historische Gewissheit.
Warum bevorzugt die Kirche die Bezeichnung „Herr“?
Seit den ersten Christen gab es eine Praxis, die aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, übernommen wurde: das Tetragramm mit Kyrios, also „Herr“, zu übersetzen.
Die Autoren des Neuen Testaments folgen ebenfalls dieser Tradition, wenn sie das Alte Testament zitieren, und wenden zugleich den Titel „Herr“ auf Jesus Christus an, wodurch sie seine volle Gottheit bekennen.
In Fortsetzung dieser Tradition hat die Kirche bestimmt, dass in der Liturgie die entsprechende Übersetzung „Herr“ verwendet werden soll und nicht eine rekonstruierte Aussprache des Tetragramms.
Diese Praxis möchte die Ehrfurcht vor dem offenbarten Namen ausdrücken und der überlieferten liturgischen Tradition treu bleiben.
Wenn wir also in der Heiligen Messe sprechen:
„Wort des Herrn“
oder:
„Der Herr sei mit euch“,
verwenden wir keine bloße Höflichkeitsformel.
Wir gebrauchen den Titel, mit dem die Kirche seit Jahrhunderten den Gott Israels und Jesus Christus bekannt hat: den wahren Gott und den wahren Menschen.
Der Name Gottes und die Göttlichkeit Christi
Eine der außergewöhnlichsten Stellen des Neuen Testaments ist, dass Jesus auf sich selbst den Ausdruck anwendet:
„Ich bin“ (ego eimi).
Als er mit den Juden diskutiert, sagt er:
„Ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Johannes 8,58)
Er sagt nicht:
„Ich war.“
Er sagt:
„Ich bin.“
Seine Zuhörer verstanden die Bedeutung dieser Aussage vollkommen.
Deshalb wollten sie ihn steinigen.
Sie verstanden seine Worte nicht als eine bloße Metapher.
Sie verstanden sie als einen Anspruch auf Gleichheit mit Gott.
Jesus Christus identifizierte sich mit dem Gott, der aus dem brennenden Dornbusch gesprochen hatte.
Die gesamte Christologie wird durch diese Perspektive erhellt: Das ewige Wort besitzt vollständig das göttliche Sein und den göttlichen Namen.
Das zweite Gebot und die Ehrfurcht vor dem Namen Gottes
Wir leben in einer Kultur, in der der Name Gottes häufig als bloße Ausrufung oder sogar als Gotteslästerung verwendet wird.
Die katholische Tradition erinnert daran, dass das zweite Gebot nicht nur den Meineid oder die Lästerung verbietet, sondern dazu einlädt, den göttlichen Namen mit Anbetung, Dankbarkeit und Vertrauen auszusprechen.
Jedes Mal, wenn wir das Kreuzzeichen machen, rufen wir den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist an.
Jedes Mal, wenn wir das Vaterunser beten, sagen wir:
„Geheiligt werde dein Name.“
Wir bitten nicht darum, dass Gott heilig werde — denn Er ist die Heiligkeit selbst —, sondern darum, dass sein Name in der ganzen Schöpfung erkannt, geliebt und verherrlicht werde.
Geistliche Anwendungen für den Christen von heute
Das Studium des Tetragramms darf nicht nur im Bereich der Gelehrsamkeit bleiben.
Es hat konkrete Auswirkungen auf das geistliche Leben.
1. Den Sinn für die Anbetung wiederentdecken.
Das Geheimnis des göttlichen Namens erinnert uns daran, dass Gott unendlich größer ist als unsere menschlichen Vorstellungen und eine tiefe Ehrfurcht verdient.
2. Auf unsere Sprache achten.
Die Vermeidung eines leichtfertigen Umgangs mit dem Namen Gottes ist ein Zeugnis unseres Glaubens in einer Welt, die das Heilige banalisiert.
3. Auf die göttliche Treue vertrauen.
Der Gott, der Mose seinen Namen offenbarte, ist derselbe Gott, der heute seine Kirche begleitet und seinen Verheißungen treu bleibt.
4. Christus als den Herrn erkennen.
Jesus als den großen „Ich bin“ zu erkennen, stärkt unseren Glauben an seine Gottheit und an seine wirkliche Gegenwart in der Heiligen Eucharistie.
5. Die Heiligkeit im Alltag leben.
Wenn wir den Namen Christen tragen, sind wir dazu berufen, durch unser Leben die Heiligkeit des Gottes widerzuspiegeln, dessen Namen wir verehren.
Eine Lehre für unsere Zeit
In einer Epoche, die vom Relativismus geprägt ist, in der Gott häufig auf eine Idee, ein Gefühl oder eine bloße persönliche Meinung reduziert wird, erinnert uns das Tetragramm an eine wesentliche Wahrheit:
Gott ist keine Projektion des Menschen.
Er ist das ewige Sein, der Schöpfer, der Herr der Geschichte, der Heilige Israels, der sich offenbart hat und der mit seinem Volk einen Bund schließen wollte.
Die Geschichte der Namen Jahwe und Jehova zu kennen, ist interessant und hilft, die Überlieferung der Heiligen Schrift besser zu verstehen.
Die entscheidende Frage besteht jedoch nicht darin, einige alte hebräische Konsonanten korrekt auszusprechen, sondern darin, im Glauben denjenigen aufzunehmen, der sich Mose offenbart hat und der sich in der Fülle der Zeiten endgültig in Jesus Christus gezeigt hat.
Schluss
Das Tetragramm bleibt eines der größten Geheimnisse der göttlichen Offenbarung.
Vier Buchstaben, die mehr als dreitausend Jahre Geschichte durchschritten haben; mit Ehrfurcht abgeschrieben von Generationen von Schriftgelehrten, betrachtet von Propheten, Kirchenvätern, Theologen und Heiligen.
Vier Buchstaben, die uns zu einer gewaltigen Wahrheit führen:
Gott ist der Einzige, der aus sich selbst heraus existiert, der ewig Treue, der Anfang und das Ende aller Dinge.
Deshalb ist der Gläubige über das historische Interesse an den Formen Jahwe oder Jehova hinaus dazu berufen, die tiefere Bedeutung des göttlichen Namens zu betrachten und mit jener Haltung zu antworten, die Mose vor dem brennenden Dornbusch einnahm:
die Sandalen des Stolzes abzulegen, in der Stille anzubeten und sich durch die Gegenwart des lebendigen Gottes verwandeln zu lassen.
Wie der Psalmist verkündet:
„Die einen verlassen sich auf Wagen, die anderen auf Pferde; wir aber rufen den Namen des Herrn, unseres Gottes, an.“ (Psalm 20,8)
Möge dieser heiligste Name, der im Alten Bund offenbart und in Jesus Christus vollkommen verherrlicht wurde, für uns eine Quelle der Anbetung, des Vertrauens und der Hoffnung sein, bis zu jenem Tag, an dem wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden — jenen Gott, dessen Geheimnis unsere menschlichen Worte unendlich übersteigt.