„Und er wurde vor ihnen verklärt; sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“
(Matthäus 17,2)
Einleitung: Ein Ereignis, das den Blick der Apostel für immer veränderte
Es gibt Ereignisse in der Heilsgeschichte, die zu den tragenden Säulen des christlichen Glaubens gehören. Eines davon ist ohne Zweifel die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus – ein Geschehen, das ebenso voller Geheimnis wie Hoffnung, ebenso strahlend wie tiefgründig ist.
Jedes Jahr am 6. August feiert die Kirche dieses Fest zum Gedächtnis jenes Augenblicks, in dem Jesus Christus drei seiner Jünger für kurze Zeit die Herrlichkeit seiner Gottheit schauen ließ, die unter der Demut seiner menschlichen Natur verborgen war.
Die Verklärung war nicht lediglich ein spektakuläres Wunder, das Petrus, Jakobus und Johannes beeindrucken sollte. Sie war eine wahre Offenbarung des göttlichen Heilsplanes. Sie war eine Vorwegnahme der Auferstehung. Sie war eine Vorbereitung auf das Ärgernis des Kreuzes. Zugleich bleibt sie eine bleibende Unterweisung für alle Christen aller Zeiten.
In einer Welt, die von Äußerlichkeiten, sofortigem Erfolg und vergänglichen Gefühlen besessen ist, erinnert uns die Verklärung daran, dass wahre Herrlichkeit erst nach dem Kreuz kommt.
Diese Botschaft ist heute notwendiger denn je.
Was bedeutet „Verklärung“?
Das Wort stammt vom lateinischen transfiguratio und bedeutet wörtlich Verwandlung der Gestalt oder Offenbarung in einer neuen Erscheinungsform.
Der griechische Ausdruck in den Evangelien lautet μετεμορφώθη (metemorphōthē), von dem unser Wort „Metamorphose“ abgeleitet ist.
Doch eine wichtige Wahrheit muss verstanden werden.
Christus wurde bei der Verklärung nicht erst Gott, denn Er ist Gott von Ewigkeit her.
Es geschah vielmehr genau das Gegenteil.
Für einen kurzen Augenblick ließ Jesus die göttliche Herrlichkeit, die gewöhnlich durch seine Menschheit verhüllt war, sichtbar hervorstrahlen.
Die menschliche Natur Christi wurde von der Herrlichkeit seiner Gottheit durchflutet.
Es handelte sich nicht um eine Veränderung seiner Natur.
Vielmehr war es die Offenbarung dessen, wer Er in Wahrheit ist.
Der Bericht der Evangelien
Die Verklärung wird in drei Evangelien geschildert:
- Matthäus 17,1–9
- Markus 9,2–10
- Lukas 9,28–36
Alle drei berichten dasselbe geschichtliche Ereignis.
Jesus nimmt nur drei Apostel mit sich:
- Petrus;
- Jakobus;
- Johannes.
Das ist kein Zufall.
Gerade diese drei werden später auch seine Todesangst im Garten Getsemani miterleben.
Diejenigen, die seine Herrlichkeit schauen dürfen, werden auch sein Leiden sehen.
Das christliche Leben trennt niemals das Kreuz von der Herrlichkeit.
Der Berg der Verklärung
Die Evangelien sprechen lediglich von „einem hohen Berg“.
Seit Jahrhunderten identifiziert die christliche Tradition diesen Ort mit dem Berg Tabor.
Obwohl manche Gelehrte den Hermon vorgeschlagen haben, hat die liturgische, patristische und geistliche Tradition stets am Berg Tabor als Ort dieses Ereignisses festgehalten.
Über die geografische Frage hinaus besitzt der Berg eine tiefe biblische Symbolik.
Berge sind bevorzugte Orte der Begegnung mit Gott.
Auf einem Berg opferte Abraham Isaak.
Auf einem Berg empfing Mose das Gesetz.
Auf einem Berg hörte Elija das sanfte Säuseln Gottes.
Auf einem Berg verkündete Christus die Seligpreisungen.
Auf einem Berg starb Er am Kreuz.
Und auf einem Berg offenbarte Er seine Herrlichkeit.
Das Licht Christi
Das Evangelium sagt:
„Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne.“
Es war kein äußeres Licht.
Kein himmlischer Scheinwerfer.
Kein atmosphärisches Phänomen.
Es war die eigene göttliche Herrlichkeit Christi, die sichtbar wurde.
Die Kirchenväter lehren, dass dieses Licht das ungeschaffene Licht, die ewige Herrlichkeit des Sohnes Gottes, war.
Für einen Augenblick wurde die Menschheit Jesu wie ein durchsichtiges Kristall, durch das die Apostel die Schönheit Gottes selbst betrachten konnten.
Die weißen Gewänder
Die Evangelien betonen dieses Detail in besonderer Weise.
Seine Gewänder wurden weißer als Schnee.
Die weiße Farbe steht für:
- Heiligkeit;
- Reinheit;
- Sieg;
- himmlische Herrlichkeit;
- Auferstehung.
Es ist kein Zufall, dass Engel in weißen Gewändern erscheinen.
Ebenso wenig, dass der auferstandene Christus in strahlendem Licht erscheint.
Alles weist auf den endgültigen Sieg über den Tod hin.
Warum erscheinen Mose und Elija?
Dies ist einer der tiefgründigsten Aspekte des Berichtes.
Neben Jesus erscheinen zwei Gestalten:
- Mose;
- Elija.
Sie wurden nicht zufällig ausgewählt.
Mose steht für das Gesetz
Er empfing die Zehn Gebote.
Er ist der große Gesetzgeber Israels.
Der gesamte Alte Bund findet seine Erfüllung in Christus.
Elija steht für die Propheten
Er war der große Verteidiger der wahren Gottesverehrung gegen den Götzendienst.
Die gesamte prophetische Verkündigung findet ihre Erfüllung in Christus.
Damit wird eine großartige Wahrheit offenbar.
Christus ist nicht gekommen, um das Alte Testament abzuschaffen.
Er ist gekommen, um es zu erfüllen.
Wie Er selbst sagt:
„Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen, aufzuheben, sondern zu erfüllen.“
(Matthäus 5,17)
Die gesamte Heilige Schrift weist auf Ihn hin.
Die leuchtende Wolke
Im Alten Testament ist die Wolke das Zeichen der Gegenwart Gottes.
Die Wolke begleitete das Volk Israel durch die Wüste.
Sie bedeckte den Sinai.
Sie erfüllte den Tempel Salomos.
Nun erscheint sie erneut.
Nicht als gewöhnliche Wolke.
Sie ist die sichtbare Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit.
Aus ihrem Inneren erklingt die Stimme des Vaters.
Die Stimme des Vaters
Dies ist einer der feierlichsten Augenblicke der gesamten Heiligen Schrift.
„Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“
(Matthäus 17,5)
Es ist nahezu dieselbe Erklärung wie bei der Taufe des Herrn.
Doch nun wird ein Auftrag hinzugefügt:
Hört auf ihn.
Das ganze christliche Leben lässt sich in diesen wenigen Worten zusammenfassen.
Auf Christus hören.
Nicht auf unsere Gefühle.
Nicht auf die Mode des Augenblicks.
Nicht auf den Geist der Welt.
Auf den Sohn hören.
Petrus möchte bleiben
Voller Staunen ruft Petrus aus:
„Herr, es ist gut, dass wir hier sind!“
Das ist eine zutiefst menschliche Reaktion.
Wenn die Seele die Nähe Gottes erfährt, möchte sie die Zeit anhalten.
Doch Christus erlaubt ihnen nicht, auf dem Berg zu bleiben.
Auf den Berg folgt das Tal.
Auf die Betrachtung folgt die Sendung.
Auf den Trost folgt der geistliche Kampf.
Das christliche Leben wechselt zwischen Zeiten des Lichtes und Zeiten der Dunkelheit.
Beides ist notwendig.
Warum geschieht die Verklärung vor dem Leiden?
Dies ist vielleicht der wichtigste Schlüssel zum Verständnis dieses ganzen Ereignisses.
Nur wenige Tage zuvor hatte Jesus zum ersten Mal sein Leiden angekündigt.
Die Apostel waren verwirrt.
Sie erwarteten einen siegreichen Messias.
Sie konnten das Kreuz nicht begreifen.
Daraufhin gewährt Christus ihnen einen Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit.
Es ist, als würde Er zu ihnen sagen:
„Verliert nicht den Glauben, wenn ihr mich am Kreuz hängen seht.
Erinnert euch an das, was ihr heute gesehen habt.“
Die Verklärung stärkt den Glauben vor der Prüfung.
Und sie tut dies auch heute noch für jeden von uns.
Die Lehre der Kirchenväter
Die Kirchenväter betrachteten dieses Geheimnis mit außergewöhnlicher Tiefe.
Der heilige Leo der Große lehrte, dass die Verklärung den Glauben der Apostel stärken sollte, damit die Erniedrigung des Leidens ihr Vertrauen auf Christus nicht erschüttere.
Der heilige Johannes Chrysostomus erklärte, dass Jesus nur so viel von seiner Herrlichkeit offenbarte, wie die Jünger zu ertragen vermochten.
Der heilige Thomas von Aquin lehrt, dass die Verklärung eine Vorwegnahme der zukünftigen Herrlichkeit der Gerechten war und in Christus offenbarte, woran die Glieder seines Mystischen Leibes eines Tages durch die Gnade Anteil haben werden.
Die theologische Bedeutung
Aus der Sicht der traditionellen katholischen Theologie besitzt die Verklärung zahlreiche Dimensionen.
Sie offenbart die Gottheit Christi
Jesus ist nicht lediglich ein Lehrer.
Er ist nicht nur ein weiterer Prophet.
Er ist der ewige Sohn Gottes.
Sie kündigt die Auferstehung an
Die Herrlichkeit des Berges Tabor weist voraus auf die Herrlichkeit des Ostermorgens.
Sie nimmt die Herrlichkeit des Himmels vorweg
Was die Apostel sahen, war nur ein kleiner Vorgeschmack der ewigen Seligkeit.
Sie stärkt in Zeiten der Prüfung
Jedes Kreuz, das mit Christus getragen wird, führt zur Herrlichkeit.
Sie offenbart die endgültige Bestimmung des Menschen
Das Heil besteht nicht nur darin, der Hölle zu entgehen.
Es besteht darin, am göttlichen Leben selbst Anteil zu erhalten.
Wie der heilige Petrus lehrt:
„…damit ihr Anteil an der göttlichen Natur erhaltet.“
(2 Petrus 1,4)
Die Verklärung und unsere eigene Verwandlung
Das Geheimnis des Tabor spricht nicht nur von Christus.
Es spricht auch von uns.
Jeder Christ ist dazu berufen, durch die Gnade verwandelt zu werden.
Nicht durch bloß menschliche Methoden.
Nicht durch Selbsthilfe.
Sondern durch:
- das Gebet;
- die Sakramente;
- die Buße;
- die Nächstenliebe;
- das Leben in der Gnade;
- den Gehorsam gegenüber Gott.
Heiligkeit besteht gerade darin, Christus unsere Seele verwandeln zu lassen.
Das Fest der Verklärung in der Liturgie
Die Kirche feiert das Fest der Verklärung des Herrn am 6. August.
Obwohl dieses Fest im christlichen Osten bereits seit den ersten Jahrhunderten begangen wurde, wurde es im Westen im Jahr 1457 allgemein eingeführt, als Papst Kalixt III. es für die gesamte lateinische Kirche als Dank für den christlichen Sieg bei der Belagerung von Belgrad über das Osmanische Reich einführte. Die Nachricht von diesem Sieg erreichte Rom ausgerechnet am 6. August.
In der traditionellen Liturgie besitzt dieses Fest einen zutiefst kontemplativen Charakter. Die liturgischen Gewänder sind weiß – die Farbe der Herrlichkeit, der Freude und der Reinheit. Die heilige Messe und das Stundengebet laden die Gläubigen ein, ihren Blick auf den verherrlichten Christus zu richten und dadurch ihre Hoffnung inmitten der Kämpfe dieser Welt zu stärken.
Zugleich besitzt dieses Fest eine tiefe eschatologische Bedeutung: Es erinnert daran, dass die Herrlichkeit, die auf dem Berg Tabor sichtbar wurde, eines Tages das ewige Erbe aller sein wird, die in der Freundschaft Gottes ausharren.
Die Verklärung und die moderne Welt
Wir leben in einer Kultur, die von Äußerlichkeiten fasziniert ist.
Die sozialen Medien zeigen sorgfältig bearbeitete Bilder.
Man strebt nach sofortigem Erfolg.
Nach Ruhm.
Nach Anerkennung.
Nach äußerer Schönheit.
Doch die Verklärung lehrt etwas grundlegend anderes.
Wahre Schönheit entsteht aus der Vereinigung mit Gott.
Wahres Licht kommt nicht von Scheinwerfern.
Es kommt aus der Heiligkeit.
Der moderne Mensch möchte seinen Körper verändern.
Christus möchte seine Seele verwandeln.
Wie können wir heute im Geist der Verklärung leben?
Jeder Christ kann sich dieses Geheimnis durch konkrete Schritte zu eigen machen:
- Sich jeden Tag Zeit für das stille Gebet nehmen, um „auf den Berg zu steigen“ und auf den Herrn zu hören.
- Häufig und andächtig an der heiligen Messe teilnehmen, in der Christus weiterhin sakramental gegenwärtig wird.
- Regelmäßig das Sakrament der Buße empfangen und der Gnade erlauben, das Herz zu verwandeln.
- Die Heilige Schrift lesen und betrachten, insbesondere die Evangelien.
- Die Kreuze des täglichen Lebens mit Hoffnung annehmen und daran denken, dass der Tabor zum Kalvarienberg führt und der Kalvarienberg zur Auferstehung.
- Die Nächstenliebe üben und das Licht Christi im Umgang mit anderen sichtbar machen.
Die Verklärung lädt uns nicht dazu ein, vor der Welt zu fliehen, sondern mit einem erneuerten Herzen zu ihr zurückzukehren.
Schlussfolgerung: Den Tabor besteigen, um den Weg nach Golgota zu lernen
Die Verklärung ist weder ein isoliertes Ereignis noch eine bloße historische Erinnerung. Sie ist ein Fenster, das sich auf das Ziel öffnet, zu dem Gott uns geschaffen hat. Auf dem Berg Tabor schauten die Apostel die Herrlichkeit des menschgewordenen Wortes Gottes und empfingen die Kraft, das Ärgernis des Kreuzes zu bestehen. Auch wir müssen unseren Blick erheben, damit wir die Hoffnung nicht verlieren, wenn Leid, Unsicherheit oder Prüfungen über uns kommen.
Christus lehrt uns, dass das Kreuz nicht das Ende des Weges, sondern die Schwelle zur Herrlichkeit ist. Derselbe Herr, der auf dem Berg Tabor wie die Sonne strahlte, ist derjenige, der auf Golgota sein Leben hingab und am dritten Tag siegreich auferstand. Sein Licht ist nicht erloschen; es wurde aus Liebe lediglich verhüllt, um unsere Erlösung zu vollbringen.
Jedes Mal, wenn wir beten, die Sakramente empfangen und im Stand der Gnade leben, beginnt bereits in uns eine wahre innere Verklärung. Heiligkeit besteht gerade darin, dass wir zulassen, dass das Licht Christi unsere Gedanken erleuchtet, unsere Taten läutert und unser Herz verwandelt, bis wir Ihn eines Tages „von Angesicht zu Angesicht“ schauen dürfen (vgl. 1 Korinther 13,12).
Möge die Betrachtung des verklärten Herrn unseren Glauben erneuern, unsere Hoffnung stärken und unsere Liebe entflammen, damit wir – indem wir stets auf die Stimme des Vaters hören: „Dies ist mein geliebter Sohn … auf ihn sollt ihr hören.“ – treu dem Weg zur ewigen Herrlichkeit folgen, die Er denen bereitet hat, die Ihn lieben.