Was hindert den geistlichen Fortschritt am meisten?

Eine theologische und pastorale Betrachtung für den Christen von heute

Das geistliche Leben ist seinem Wesen nach der Weg der Vereinigung mit Gott. Es ist eine innere Pilgerreise, die mit der Taufe beginnt und zur Heiligkeit führen soll. Wer jedoch versucht, seinen Glauben ernsthaft zu leben, entdeckt schon bald eine ernüchternde Wirklichkeit: Im geistlichen Leben voranzukommen ist weit schwieriger, als es zunächst scheint.

Viele Christen beten, besuchen die Heilige Messe, empfangen die Sakramente und verrichten sogar Werke der Nächstenliebe, haben jedoch das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Sie fragen sich, warum sie kein tieferes geistliches Wachstum erfahren, warum sie immer wieder in dieselben Fehler zurückfallen oder weshalb ihre Beziehung zu Gott nicht wirklich voranschreitet.

Die Frage ist grundlegend: Was hindert den geistlichen Fortschritt am meisten?

Die Antwort mag einfach erscheinen, enthält jedoch eine außerordentliche theologische Tiefe: Was den geistlichen Fortschritt am meisten verhindert, ist die ungeordnete Anhänglichkeit an das eigene Ich. Anders ausgedrückt: der Hochmut.

Alle anderen Hindernisse entspringen auf die eine oder andere Weise dieser Wurzel.


Der große verborgene Feind

Wenn wir an Hindernisse des geistlichen Lebens denken, zeigen wir meist auf äußere Faktoren: die moderne Welt, Versuchungen, Zeitmangel, schlechte Einflüsse, die Säkularisierung oder persönliche Schwierigkeiten.

Die geistliche Tradition der Kirche hat jedoch immer gelehrt, dass sich der eigentliche Feind in unserem Inneren befindet.

Die Wüstenväter, die großen geistlichen Meister des Ostens und Westens, der heilige Benedikt, der heilige Bernhard, der heilige Thomas von Aquin, die heilige Teresa von Ávila, der heilige Johannes vom Kreuz und der heilige Franz von Sales stimmen alle in derselben Lehre überein: Das größte Hindernis für das Wirken Gottes in der Seele ist die ungeordnete Selbstliebe.

Dabei geht es nicht um ein gesundes Selbstwertgefühl oder um eine berechtigte Sorge um die eigene Person. Das Problem beginnt dort, wo der Mensch sich selbst in den Mittelpunkt stellt.

Der Hochmut bringt uns dazu, unseren eigenen Willen über den Willen Gottes zu stellen.

Er lässt uns Gott dienen wollen – aber nach unseren eigenen Bedingungen.

Er führt dazu, dass wir nur dann beten, wenn wir Lust dazu haben.

Dass wir nur dann gehorchen, wenn wir einverstanden sind.

Dass wir Tugenden nur so lange üben, wie sie uns nicht allzu viel kosten.

Letztlich versucht der Hochmut, Gott zum Diener unserer Wünsche zu machen.


Der Ursprung des Problems: Eine Wunde, die aus der Erbsünde stammt

Um diese Wirklichkeit zu verstehen, müssen wir zum Buch Genesis zurückkehren.

Die erste Versuchung der Schlange war geradezu eine Einladung zum Hochmut:

„Ihr werdet sein wie Gott.“ (Gen 3,5)

Die Erbsünde bestand nicht einfach darin, eine verbotene Frucht zu essen.

Sie bestand in der Entscheidung, den eigenen Willen über den Willen Gottes zu stellen.

Adam und Eva hörten auf, Gott zu vertrauen, und wollten selbst bestimmen, was gut und böse ist.

Seitdem trägt die gesamte Menschheit diese Neigung in sich.

Die katholische Theologie nennt diese Tendenz „Konkupiszenz“.

Obwohl die Taufe die Erbsünde tilgt, bleibt in uns eine Neigung zum Bösen bestehen, die uns fortwährend dazu drängt, unser eigenes Interesse über die Ehre Gottes zu stellen.

Deshalb ist das geistliche Leben ein ständiger Kampf.

Nicht gegen Gott.

Nicht gegen andere Menschen.

Sondern gegen unseren eigenen Egoismus.


Der Hochmut: Die Wurzel aller Sünden

Die christliche Tradition betrachtet den Hochmut als die Mutter aller Sünden.

Der heilige Thomas von Aquin lehrt, dass Hochmut eine Unordnung ist, durch die der Mensch nach einer Größe strebt, die ihm nicht zusteht.

Er ist die praktische Weigerung, von Gott abhängig zu sein.

Deshalb kann sich der Hochmut sogar hinter den besten Werken verbergen.

Es kann Hochmut im Fasten geben.

Es kann Hochmut im Gebet geben.

Es kann Hochmut im Studium der Theologie geben.

Es kann Hochmut im Apostolat geben.

Es kann sogar Hochmut im Streben nach Heiligkeit geben.

Die hochmütige Seele möchte für ihre Tugend bewundert werden.

Sie möchte Anerkennung erhalten.

Sie möchte Recht behalten.

Sie möchte sich hervorheben.

Sie möchte Kontrolle ausüben.

Sie möchte im Mittelpunkt stehen.

Und solange das „Ich“ im Mittelpunkt steht, bleibt Christus an den Rand gedrängt.


Das Evangelium zeigt uns den Gegensatz

Christus stellt uns zwei gegensätzliche Vorbilder vor Augen.

Auf der einen Seite den Pharisäer.

Auf der anderen Seite den Zöllner.

Im Evangelium heißt es:

„Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich: ‚Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen Menschen…‘“

Der Zöllner hingegen sagte lediglich:

„Gott, sei mir Sünder gnädig.“ (Lk 18,11–13)

Jesus schließt mit den Worten:

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 18,14)

Diese Lehre ist revolutionär.

Der geistliche Fortschritt hängt nicht in erster Linie davon ab, wie viel wir tun, sondern davon, wie sehr wir Gott in uns wirken lassen.

Und Gott wirkt besonders in den demütigen Seelen.


Geistliche Selbstgenügsamkeit: Eine Krankheit der Moderne

Unsere Zeit begünstigt das Wachstum des Hochmuts in besonderer Weise.

Wir leben in einer Kultur, die den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt.

Die persönliche Autonomie wird ständig verherrlicht.

Immer wieder hören wir:

„Vertraue auf dich selbst.“

„Folge deiner eigenen Wahrheit.“

„Tu, was dich glücklich macht.“

„Sei von niemandem abhängig.“

Obwohl einige dieser Aussagen durchaus positive Elemente enthalten, geraten sie, wenn sie absolut gesetzt werden, in direkten Widerspruch zum Evangelium.

Der christliche Glaube lehrt etwas ganz anderes:

Wir brauchen Gott.

Wir sind von Gott abhängig.

Wir können uns nicht selbst retten.

Wir können uns nicht aus eigener Kraft heiligen.

Wir können die Sünde ohne die Gnade nicht überwinden.

Jesus sagt mit aller Deutlichkeit:

„Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15,5)

Dieser Satz sollte ständig in unserem Inneren nachklingen.

Er sagt nicht: „Ihr könnt wenig tun.“

Er sagt nicht: „Ihr könnt weniger tun.“

Er sagt:

„Ihr könnt nichts tun.“

Heiligkeit ist ohne die göttliche Gnade unmöglich.


Ein weiteres großes Hindernis: Die geistliche Lauheit

Aus dem Hochmut erwächst häufig ein weiterer gefährlicher Feind: die Lauheit.

Lauheit bedeutet, sich mit einem mittelmäßigen geistlichen Leben zufriedenzugeben.

Es bedeutet, den Kampf aufzugeben.

Es bedeutet, sich in einem oberflächlichen Glauben einzurichten.

Der laue Christ lehnt Gott nicht offen ab.

Er hört einfach auf, ihn mit ganzem Herzen zu suchen.

Er tut nur das Notwendigste.

Er betet, wenn es ihm passt.

Er geht gelegentlich zur Beichte.

Er besucht die Messe, jedoch ohne echte innere Umkehr.

Nach und nach verliert er seinen Eifer.

Und das Gefährlichste ist, dass er es oft nicht einmal bemerkt.

Das Buch der Offenbarung enthält eine der eindringlichsten Warnungen der gesamten Heiligen Schrift:

„Weil du lau bist, weder heiß noch kalt, werde ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ (Offb 3,16)

Diese Worte mögen hart erscheinen, doch sie bringen eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck: Gott verlangt unser ganzes Herz.

Nicht nur einen Teil davon.

Nicht das, was übrig bleibt.

Nicht die Zeit, die nach allem anderen noch übrig ist.


Die Anhänglichkeit an lässliche Sünden

Ein weiteres großes Hindernis für das geistliche Wachstum ist die freiwillige Anhänglichkeit an lässliche Sünden.

Viele Menschen glauben irrtümlich, solange sie keine Todsünde begehen, sei alles in Ordnung.

Die Heiligen lehren jedoch, dass jeder, der in der Heiligkeit wachsen möchte, auch gegen die kleinen Sünden kämpfen muss.

Nicht weil sie die heiligmachende Gnade zerstören, sondern weil sie die Liebe schwächen.

Kleine Zugeständnisse führen schließlich zu Gewohnheiten.

Gewohnheiten schaffen Fesseln.

Und Fesseln erschweren schließlich das Wirken Gottes erheblich.

Der heilige Johannes vom Kreuz gebrauchte hierfür ein sehr anschauliches Bild.

Ein Vogel, der mit einem dicken Seil festgebunden ist, kann nicht fliegen.

Aber ebenso wenig kann er fliegen, wenn er nur mit einem dünnen Faden angebunden ist.

Es kommt nicht auf die Dicke des Seils an.

Entscheidend ist, dass er gebunden bleibt.


Die Ablenkungen der heutigen Welt

Noch nie war es so leicht, sich ablenken zu lassen wie heute.

Soziale Medien, ständige Unterhaltung, permanente Vernetzung und der ununterbrochene Konsum von Informationen haben eine Umgebung geschaffen, die dem inneren Leben wenig förderlich ist.

Viele Christen sagen, sie hätten keine Zeit zum Beten.

Aber sie verbringen Stunden mit ihrem Smartphone.

Sie haben keine Zeit, das Evangelium zu lesen.

Aber sie haben Zeit, Hunderte von Beiträgen durchzusehen.

Sie haben keine Zeit für die eucharistische Anbetung.

Aber sie haben Zeit für ununterbrochene Unterhaltung.

Das Problem ist nicht die Technologie an sich.

Das Problem besteht darin, dass der äußere Lärm schließlich einen gewaltigen inneren Lärm erzeugt.

Und Gott spricht gewöhnlich in der Stille.

Erinnern wir uns an die Erfahrung des Propheten Elija.

Gott war nicht im Erdbeben.

Nicht im Feuer.

Nicht im Sturm.

Er offenbarte sich im sanften, leisen Säuseln (1 Kön 19,11–13).

Seelen, die niemals Stille suchen, werden die Stimme Gottes nur schwer hören können.


Das Fehlen eines sakramentalen Lebens

Kein echtes geistliches Wachstum ist ohne die Sakramente möglich.

Vor allem nicht ohne die häufige Beichte und die Eucharistie.

Die Gnade ist keine abstrakte Idee.

Sie ist eine übernatürliche Wirklichkeit, die Gott schenkt.

Die Sakramente sind die gewöhnlichen Kanäle, durch die Christus weiterhin in seiner Kirche wirkt.

Wer die Sakramente vernachlässigt, versucht geistlich voranzukommen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen.

Es ist, als wollte man einen Marathon laufen, ohne etwas zu essen.

Früher oder später wird die Erschöpfung siegen.

Die Heiligen waren Männer und Frauen mit einem zutiefst sakramentalen Leben.

Sie wussten, dass Heiligkeit nicht allein durch menschliche Anstrengung entsteht.

Sie wächst durch die Zusammenarbeit mit der Gnade Gottes.


Die Demut: Der Schlüssel zu jedem geistlichen Fortschritt

Wenn der Hochmut das größte Hindernis ist, dann ist die Demut die wichtigste Lösung.

Demut bedeutet nicht, sich selbst zu verachten.

Auch nicht zu glauben, man sei nichts wert.

Demut bedeutet, in der Wahrheit zu leben.

Zu erkennen, wer Gott ist.

Zu erkennen, wer wir selbst sind.

Unsere völlige Abhängigkeit von der Gnade anzuerkennen.

Die Jungfrau Maria ist das vollkommene Vorbild.

Als der Engel ihr ankündigt, dass sie die Mutter Gottes werden soll, antwortet sie:

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“ (Lk 1,38)

Sie sucht keine besondere Stellung.

Sie sucht keine Anerkennung.

Sie verlangt keine Erklärungen.

Sie überlässt sich einfach dem göttlichen Willen.

Und gerade wegen ihrer Demut wurde sie zum größten aller Geschöpfe.


Wie kann man im geistlichen Leben wirklich vorankommen?

Im Licht der gesamten katholischen Tradition lassen sich einige konkrete Mittel nennen:

1. Tägliches und beharrliches Gebet

Warte nicht darauf, dass du Lust zum Beten hast.

Das Gebet muss zu einer täglichen Priorität werden.

2. Häufige Beichte

Die Beichte ist nicht nur für schwere Sünden bestimmt.

Sie ist eine Schule der Demut.

3. Ein tief gelebtes eucharistisches Leben

Christus selbst nährt die Seele.

4. Tägliche Gewissenserforschung

Sie hilft, Fehler zu entdecken, die uns gewöhnlich verborgen bleiben.

5. Geistliche Lesung

Die Heilige Schrift und die Schriften der Heiligen erleuchten den Weg.

6. Die Demut einüben

Korrekturen annehmen.

Eigene Fehler eingestehen.

Um Vergebung bitten.

Dienen, ohne Anerkennung zu suchen.

7. Gegen ungeordnete Anhänglichkeiten kämpfen

Sich ehrlich fragen:

Was nimmt in meinem Herzen den Platz ein, der eigentlich Gott gehören sollte?


Schlussfolgerung: Der wahre Kampf findet in unserem Inneren statt

Die Geschichte des geistlichen Lebens ist in hohem Maße die Geschichte eines Kampfes zwischen zwei Arten der Liebe.

Auf der einen Seite die Liebe zu Gott.

Auf der anderen Seite die ungeordnete Liebe zu sich selbst.

Alle geistlichen Hindernisse führen letztlich zu diesem Scheideweg.

Hochmut, Lauheit, Anhänglichkeiten, Ablenkungen, Selbstgenügsamkeit und Sünde haben dieselbe Wurzel: den Versuch, unser eigenes Ich auf den Thron zu setzen, der allein Gott gehört.

Die frohe Botschaft ist, dass Christus uns in diesem Kampf nicht allein lässt.

Seine Gnade ist stärker als unsere Schwächen.

Seine Barmherzigkeit ist größer als unsere Niederlagen.

Und je mehr wir unsere geistliche Armut erkennen, desto mehr Raum geben wir ihm, in uns zu wirken.

Die großen Heiligen waren keine vollkommenen Menschen. Sie waren zutiefst demütige Menschen, die eine grundlegende Wahrheit verstanden hatten: Die Heiligkeit beginnt in dem Augenblick, in dem wir aufhören, vor allem auf uns selbst zu vertrauen, und anfangen, ganz auf Gott zu vertrauen.

Wenn wir also wirklich im geistlichen Leben vorankommen wollen, lautet die entscheidende Frage nicht, wie viel wir wissen, wie viel wir tun oder welchen Eindruck wir auf andere machen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Bin ich bereit, Gott den ersten Platz in meinem Leben zu überlassen?

Denn dort, wo das Ego zurücktritt, schreitet die Gnade voran. Und dort, wo die Gnade voranschreitet, beginnt der wahre Weg zur Heiligkeit.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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