Wenn kein Priester in der Nähe ist, wenn der Tod naht, wenn die Sünde schwer auf dem Gewissen lastet…
Stellen wir uns eine dramatische Situation vor. Ein Mann erleidet einen Unfall. Eine Frau befindet sich allein in einem Krankenhauszimmer. Ein Soldat steht mitten im Krieg. Ein älterer Mensch spürt, dass der Tod näherkommt. Sie alle haben eines gemeinsam: Es ist kein Priester verfügbar, um das Sakrament der Buße zu spenden.
Was kann eine Seele in einer solchen Situation tun, wenn sie sich aufrichtig mit Gott versöhnen möchte?
Die Antwort der katholischen Kirche ist ebenso tröstlich wie außergewöhnlich: die vollkommene Reue.
Sie gehört zu den schönsten, hoffnungsvollsten und zugleich am wenigsten bekannten Lehren der katholischen Spiritualität. Sie ist ein wahres Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit, eine stets offene Tür zur Vergebung Gottes für jeden, der aus Liebe zu Ihm aufrichtig bereut.
Dennoch haben viele Katholiken niemals von ihr gehört oder kennen sie nur oberflächlich. Das ist eine geistliche Tragödie, denn ihr Verständnis und ihre Praxis können den Unterschied zwischen ewigem Leben und ewigem Tod ausmachen.
In einer Zeit, in der so viele Menschen fern von den Sakramenten leben, in der die Sünde normalisiert wurde und der Tod unerwartet eintreten kann, ist die Wiederentdeckung der vollkommenen Reue dringender denn je.
Was genau ist die vollkommene Reue?
Das Wort „Reue“ stammt vom lateinischen contritio, was „Zerknirschung“ oder „tiefer Schmerz“ bedeutet.
Im geistlichen Sinn ist Reue die aufrichtige Buße über begangene Sünden.
Doch nicht jede Reue ist gleich.
Die katholische Theologie unterscheidet zwischen:
Unvollkommener Reue (Attrition)
Dies ist die Reue, die hauptsächlich motiviert ist durch:
- Die Furcht vor Strafe.
- Die Angst vor der Hölle.
- Die Scham über die eigenen Sünden.
- Den Verlust des Himmels.
Diese Form der Reue ist gut und ausreichend, um in der Beichte gültig die sakramentale Lossprechung zu empfangen.
Vollkommene Reue
Dies ist die Reue, die hauptsächlich aus der Liebe zu Gott hervorgeht.
Der Mensch bereut seine Sünden, weil sie Gott beleidigt haben, der unendlich gut und aller Liebe würdig ist.
Er bereut nicht in erster Linie, weil er Leiden fürchtet.
Nicht weil er Strafe fürchtet.
Nicht weil er die Hölle fürchtet.
Er bereut, weil er das Herz Gottes verwundet hat.
Weil er die Liebe Christi zurückgewiesen hat.
Weil er Dem mit Undankbarkeit begegnet ist, der für ihn am Kreuz gestorben ist.
Das ist vollkommene Reue.
Was die Kirche offiziell lehrt
Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt:
„Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott hervorgeht, der über alles geliebt wird, wird sie ‚vollkommene Reue‘ genannt (Liebesreue). Eine solche Reue vergibt die lässlichen Sünden; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie den festen Vorsatz einschließt, sobald wie möglich die sakramentale Beichte zu empfangen.“ (KKK 1452)
Diese Lehre ist keine moderne Neuerung.
Sie ist tief in der Tradition der Kirche verwurzelt und wurde vom Konzil von Trient als Antwort auf die protestantischen Irrtümer klar definiert.
Seit Jahrhunderten lehrt die Kirche, dass die vollkommene Liebe zu Gott eine Seele bereits vor dem Empfang der sakramentalen Lossprechung mit Ihm versöhnen kann, vorausgesetzt, dass der aufrichtige Vorsatz besteht, sobald wie möglich zu beichten.
Eine Wahrheit voller Hoffnung
Hier begegnen wir einer der barmherzigsten Lehren des Christentums.
Die vollkommene Reue tilgt sofort sogar die Todsünde.
Ja.
Sogar die Todsünde.
Sogar jene Sünde, die die Freundschaft mit Gott zerstört hat.
Sogar jene Sünde, die der Seele die heiligmachende Gnade genommen hat.
Wenn echte Reue aus Liebe zu Gott und der aufrichtige Vorsatz zur Beichte vorhanden sind, wird die Seele in genau diesem Augenblick mit Gott versöhnt.
Das bedeutet nicht, dass die Beichte nicht mehr notwendig wäre.
Die Kirche lehrt klar, dass jeder, der eine Todsünde begangen hat, so bald wie möglich das Sakrament empfangen muss.
Aber es bedeutet, dass Gott den reuigen Sünder nicht schutzlos zurücklässt, wenn der unmittelbare Zugang zu einem Priester nicht möglich ist.
Der gute Schächer: Ein Beispiel vollkommener Reue
Eines der bewegendsten Beispiele finden wir im Evangelium.
Während Christus am Kreuz stirbt, erkennt einer der neben Ihm gekreuzigten Verbrecher seine Schuld an und wendet sich an Jesus:
„Jesus, denk an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“ (Lk 23,42)
Und Christus antwortet:
„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)
Es blieb keine Zeit für eine sakramentale Beichte.
Es gab keine lange Bußzeit.
Es gab keine ausgedehnte Wiedergutmachung.
Es gab etwas Wichtigeres.
Es gab Liebe.
Es gab Demut.
Es gab Reue.
Es gab Vertrauen.
Die göttliche Barmherzigkeit wirkte augenblicklich.
Das Geheimnis eines Aktes vollkommener Reue
Viele Menschen glauben fälschlicherweise, sie müssten überwältigende Gefühle empfinden.
Sie denken:
„Ich muss weinen.“
„Ich muss einen gewaltigen Schmerz fühlen.“
„Ich muss tiefe Traurigkeit empfinden.“
Doch die katholische Theologie lehrt etwas sehr Wichtiges:
Die vollkommene Reue ist in erster Linie ein Akt des Willens, nicht der Gefühle.
Gefühle können helfen, sind aber nicht notwendig.
Ein Mensch kann viele Tränen vergießen und dennoch keine wahre Reue besitzen.
Ein anderer kann innerlich trocken sein und Gott dennoch tief lieben.
Entscheidend ist die innere Entscheidung:
- Die Sünde zurückzuweisen.
- Gott über alles zu lieben.
- Ihn nie wieder beleidigen zu wollen.
Das Kruzifix: Die einfachste Schule der vollkommenen Reue
Viele Heilige lehrten eine außerordentlich einfache Methode.
Stellen Sie sich vor ein Kruzifix.
Und stellen Sie sich drei Fragen.
Wer leidet?
Es ist nicht irgendein Mensch.
Es ist der Sohn Gottes.
Das ewige Wort.
Der König des Universums.
Der Schöpfer aller Dinge.
Derjenige, der uns von Ewigkeit her geliebt hat.
Was leidet Er?
Die Geißelung.
Die Dornenkrönung.
Die Nägel.
Den Durst.
Die Verlassenheit.
Die Todesangst.
Den Tod selbst.
Einen schrecklichen Tod, der Verbrechern vorbehalten war.
Warum leidet Er?
Wegen meiner Sünden.
Wegen meiner Untreue.
Wegen meines Stolzes.
Wegen meines Egoismus.
Wegen meiner Gleichgültigkeit.
Wegen meines Mangels an Liebe.
Wenn die Seele dies auch nur ansatzweise begreift, beginnt die vollkommene Reue zu erwachen.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Liebe.
Die vollkommene Reue und die Stunde des Todes
Vielleicht liegt hierin ihre größte Bedeutung.
Niemand weiß, wann er sterben wird.
Wir leben in einer Kultur, die den Tod zu verbergen versucht.
Doch der Tod wird kommen.
Und er kann kommen, wenn man es am wenigsten erwartet.
Deshalb empfahlen unzählige Heilige, häufig Akte vollkommener Reue zu erwecken.
Nicht weil sie die Beichte ersetzen.
Sondern weil sie die Seele auf die Begegnung mit Gott vorbereiten.
Wenn die letzte Stunde kommt und kein Priester erreichbar ist, besitzt die Seele, die einen aufrichtigen Akt vollkommener Reue zu erwecken weiß, einen unschätzbaren Schatz.
Er kann buchstäblich den Unterschied zwischen Erlösung und Verdammnis ausmachen.
Eine vergessene Praxis, die jedem Katholiken gelehrt werden sollte
Es gab eine Zeit, in der Kinder diese Lehre im Katechismus lernten.
Eltern brachten sie ihren Kindern bei.
Priester predigten regelmäßig darüber.
Die Gläubigen übten sie jeden Abend vor dem Schlafengehen.
Heute haben viele Katholiken niemals von ihr gehört.
Dabei sollte sie ein Teil des gewöhnlichen geistlichen Lebens sein.
Es ist klug, einen Akt vollkommener Reue zu erwecken:
- Jeden Abend.
- Nach einem schweren Fall in die Sünde.
- Vor einer Reise.
- Während einer Krankheit.
- Nach dem Erhalt schlechter Nachrichten.
- Immer dann, wenn Lebensgefahr besteht.
Auch für Nichtkatholiken
Es gibt noch eine weitere pastorale Konsequenz von enormer Bedeutung.
Viele Menschen haben Angehörige, die weit von der Kirche entfernt sind.
Andere haben protestantische Freunde.
Wieder andere kennen Menschen, die niemals getauft wurden oder nur eine geringe religiöse Bildung besitzen.
In extremen Situationen, besonders in Todesgefahr, kann es ein gewaltiger Akt der Nächstenliebe sein, ihnen zu zeigen, wie sie sich mit aufrichtiger Reue und Liebe Christus zuwenden können.
Gott will das Heil aller Menschen.
Und die Gnade kann in den letzten Augenblicken des Lebens auf außergewöhnliche Weise wirken.
Der Fehler, den wir vermeiden müssen
Wenn manche Menschen von dieser Lehre hören, könnten sie denken:
„Dann brauche ich ja nicht mehr zu beichten.“
Das wäre ein schwerer Irrtum.
Die vollkommene Reue schließt notwendigerweise den Vorsatz ein, so bald wie möglich das Sakrament der Beichte zu empfangen.
Wer die Beichte absichtlich ablehnt, zeigt gerade dadurch, dass seine Liebe zu Gott nicht vollkommen ist.
Die vollkommene Reue ersetzt das Sakrament nicht.
Sie führt zu ihm.
Sie verlangt nach ihm.
Sie sucht es.
Sie sehnt sich danach.
Ein Heilmittel für eine Zeit geistlicher Lauheit
Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Sünde nicht mehr Sünde genannt wird.
In der viele Menschen das Bewusstsein für Schuld verloren haben.
In der das Kreuz Christi ignoriert oder verspottet wird.
Gerade deshalb ist die vollkommene Reue so notwendig.
Sie zwingt uns, erneut auf den Gekreuzigten zu schauen.
Sie erinnert uns an den Preis unserer Erlösung.
Sie lässt uns verstehen, dass Sünde nicht einfach ein Regelverstoß ist.
Sie ist eine Wunde, die der Liebe zugefügt wird.
Sie ist die Zurückweisung Dessen, der Sein Leben für uns hingegeben hat.
Das Gebet der vollkommenen Reue
Das folgende Gebet bringt die inneren Haltungen der vollkommenen Reue auf wunderbare Weise zum Ausdruck:
„MEIN GOTT, ich bereue von ganzem Herzen alle meine Sünden und bitte Dich um Vergebung. NICHT SO SEHR deshalb, weil diese Sünden mir Leiden und die Hölle bringen, sondern weil sie meinen geliebten Erlöser Jesus Christus gekreuzigt und Deine unendliche Güte beleidigt haben. Mit Hilfe Deiner Gnade nehme ich mir fest vor, meine Sünden zu beichten, Buße zu tun und mein Leben zu bessern. Amen.“
Schlussfolgerung: Ein Schlüssel der Barmherzigkeit, den kein Katholik ignorieren sollte
Die vollkommene Reue ist eines der kostbarsten Juwelen im geistlichen Schatz der Kirche.
Sie erinnert uns daran, dass Gott kein kalter Richter ist, der nach Verurteilung sucht, sondern ein Vater, der dem verlorenen Sohn entgegenläuft.
Sie lehrt uns, dass die Liebe eine gewaltige Kraft besitzt.
Sie zeigt uns, dass selbst nach den schwersten Sünden der Weg nach Hause offen bleibt.
Wenn Sie auf ein Kruzifix blicken, erinnern Sie sich an diese drei Fragen:
Wer leidet?
Was leidet Er?
Warum leidet Er?
Und lassen Sie Ihr Herz antworten.
Vielleicht werden Sie dann entdecken, dass die vollkommene Reue nicht etwas ist, das nur großen Heiligen vorbehalten wäre.
Sie ist eine Gnade, die Gott allen schenken möchte, die mit Demut, Liebe und Vertrauen zu Ihm zurückkehren.
Denn solange Leben vorhanden ist, solange das Herz noch schlägt, solange die Seele aufrichtig sagen kann: „Jesus, ich liebe Dich, und es tut mir leid, Dich beleidigt zu haben“, bleibt die Barmherzigkeit Gottes größer als alle unsere Sünden.