Der zwölfte Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Und das ewige Leben“

Das große Schicksal des Menschen: Himmel, Hölle und christliche Hoffnung

Jeden Sonntag sprechen Millionen von Katholiken auf der ganzen Welt fast ohne innezuhalten einen kurzen und feierlichen Satz am Ende des Glaubensbekenntnisses: „Und das ewige Leben. Amen.“
Es sind nur wenige Worte. Und doch enthalten sie eine der tiefsten, tröstlichsten, aber auch anspruchsvollsten Wahrheiten des gesamten christlichen Glaubens.

Wir leben in einer Zeit, die vom Gegenwärtigen besessen ist. Alles scheint unmittelbar zu sein: schnelle Nachrichten, Sekunden-Videos, sofortige Befriedigung, ständiger Konsum und eine dauerhafte Angst, Zeit zu verlieren. Gerade deshalb erklingt der letzte Artikel des Glaubensbekenntnisses heute mit noch größerer Kraft: Der Mensch wurde nicht nur für einige Jahre auf dieser Erde erschaffen. Er wurde für die Ewigkeit erschaffen.

Die Kirche hat seit den Aposteln bis heute niemals aufgehört, diese grundlegende Wahrheit zu lehren: Das menschliche Leben endet nicht mit dem Tod. Nach diesem zeitlichen Dasein beginnt ein anderes Leben — endgültig, ewig, unumkehrbar und voller Konsequenzen.

Der alte Katechismus fasst es klar zusammen:

„Nach dem gegenwärtigen Leben gibt es ein anderes, entweder ewig selig für die Erwählten im Himmel oder ewig unglücklich für die Verdammten in der Hölle.“

Diese Worte mögen dem modernen Menschen hart erscheinen. Doch in Wirklichkeit offenbaren sie die immense Würde des Menschen. Unser Leben hat Bedeutung. Unsere Entscheidungen tragen ewiges Gewicht. Liebe, Glaube, Sünde, Bekehrung, Gnade und Freiheit sind keine vergänglichen Spiele: Sie formen unser ewiges Schicksal.

Die Sehnsucht nach Ewigkeit im Herzen des Menschen

Auch wenn viele versuchen zu leben, als gäbe es Gott nicht, hungert das menschliche Herz weiterhin nach dem Unendlichen.

Das zeigt sich in allem:

im Wunsch, nicht zu sterben;
in der Angst vor dem Vergessenwerden;
in der ständigen Suche nach Glück;
im Bedürfnis, für immer zu lieben;
im Schmerz über Trennung und Tod.

Der heilige Augustinus drückte es meisterhaft aus:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“

Der moderne Mensch kann sein Leben mit Unterhaltung, Technologie, Reisen oder Vergnügen füllen, doch früher oder später taucht die große Frage auf:

Und was kommt danach?

Das Glaubensbekenntnis antwortet klar:

nach diesem Leben kommt die Ewigkeit;
nach der Zeit kommt das Gericht;
nach der Pilgerschaft kommt das endgültige Ziel.

Der katholische Glaube lehrt weder einen endlosen Kreislauf von Wiedergeburten noch eine unpersönliche Auflösung der Seele. Er lehrt etwas weit Größeres: Jeder Mensch ist einzigartig, unwiederholbar und dazu berufen, ewig vor Gott zu leben.

Der Himmel: weit mehr als nur eine schöne Vorstellung
Was ist der Himmel wirklich?

Oft wird der Himmel kindlich dargestellt:

Wolken,
Harfen,
schwebende Engel,
sentimentale Bilder.

Doch die katholische Lehre verkündet etwas unendlich Tieferes.

Der traditionelle Katechismus sagt:

„Die Seligkeit der Erwählten besteht darin, Gott, die Quelle alles Guten, auf ewig zu schauen, zu lieben und zu besitzen.“

Der Himmel ist vor allem die vollkommene Vereinigung mit Gott.

Er ist nicht einfach ein schöner Ort.
Er ist keine materielle Belohnung.
Er ist keine verbesserte Version der Erde.

Der Himmel ist die absolute Erfüllung der menschlichen Seele in der Betrachtung Gottes.

Die Theologie nennt dies die seligmachende Anschauung: Gott „von Angesicht zu Angesicht“ zu sehen.

Der heilige Paulus schreibt:

„Jetzt schauen wir wie in einem Spiegel und rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ (1 Kor 13,12)

Jedes menschliche Verlangen findet dort seine Erfüllung:

das Verlangen nach Wahrheit,
das Verlangen nach Schönheit,
das Verlangen nach Gerechtigkeit,
das Verlangen nach Liebe,
das Verlangen nach Glück.
Warum können wir die Herrlichkeit des Himmels nicht begreifen?

Die Antwort 248 des Katechismus sagt etwas Außergewöhnliches:

„Wir können die Seligkeit der Herrlichkeit nicht begreifen, weil sie unser begrenztes Verständnis übersteigt.“

Das hat enorme geistliche Konsequenzen.

Oft denken wir über den Himmel in irdischen Kategorien nach. Doch der Himmel übersteigt unsere gegenwärtige Erfahrung radikal.

Die Schrift drückt es so aus:

„Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und keinem Menschen ist es in den Sinn gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

Jede irdische Freude ist nur ein Schatten:

die Freude einer geeinten Familie,
Frieden nach dem Leiden,
die Geburt eines Kindes,
die Betrachtung einer Landschaft,
wahre Liebe,
die Schönheit der Liturgie,
die Ergriffenheit durch sakrale Musik.

All dies sind nur winzige Spiegelungen des unendlichen Guten, das Gott ist.

Darum sprachen die Heiligen mit sehnsüchtigen Tränen vom Himmel. Sie verstanden, dass das gegenwärtige Leben selbst in seinen schönsten Momenten eine Pilgerschaft bleibt.

Die moderne Tragödie: leben, ohne an die Ewigkeit zu denken

Eines der geistlichen Dramen unserer Zeit besteht darin, dass viele Getaufte aufgehört haben, über die letzten Dinge nachzudenken:

Tod,
Gericht,
Himmel,
Hölle.

Und doch standen diese Themen jahrhundertelang im Mittelpunkt der christlichen Verkündigung. Nicht um krankhafte Angst zu erzeugen, sondern um Weisheit zu lehren.

Die Erinnerung an die Ewigkeit verändert die gesamte Lebensweise.

Wer daran denkt, dass es den Himmel gibt:

relativiert die Eitelkeiten der Welt;
erträgt Leiden geduldiger;
versteht den Wert des Opfers;
kämpft gegen die Sünde;
lernt, in Hoffnung zu leben.

Wenn der Mensch dagegen die Ewigkeit vergisst:

vergötzt er das Vergnügen;
entwickelt er eine obsessive Angst vor dem Tod;
macht er den Erfolg zum Götzen;
verliert er den Sinn des Opfers;
fällt er leicht in den Nihilismus.

Eine Gesellschaft, die den Himmel vergessen hat, versucht schließlich, künstliche Paradiese auf Erden zu errichten… und erzeugt meist neue Formen von Leere und Verzweiflung.

Die Hölle: die Wahrheit, die die moderne Welt zum Schweigen bringen will
Gibt es die Hölle wirklich?

Christus sprach mit großer Klarheit über die Hölle — viel mehr, als viele glauben.

Der Katechismus lehrt:

„Das Unglück der Verdammten besteht darin, für immer der Anschauung Gottes beraubt zu sein und mit ewigen Qualen bestraft zu werden.“

Die schlimmste Strafe der Hölle ist nicht das materielle Feuer.
Die schlimmste Strafe ist die ewige Trennung von Gott.

Dies nennt man die „Strafe des Verlustes“: für immer das höchste Gut zu verlieren, für das die Seele geschaffen wurde.

Die Hölle ist keine „grausame Laune“ Gottes.
Sie ist die endgültige Folge der freien Zurückweisung Gottes.

Gott verdammt nicht willkürlich. Der Mensch kann sein Herz hartnäckig vor der Gnade verschließen.

Warum heute über die Hölle sprechen?

Viele glauben, über die Hölle zu sprechen sei veraltet, negativ oder unpastoral. Doch sie zu verschweigen wäre eine falsche Barmherzigkeit.

Wenn Christus darüber gesprochen hat, kann die Kirche nicht schweigen.

Außerdem hat die Abschaffung der Hölle schwerwiegende Folgen:

die Sünde erscheint nicht mehr ernst;
das Kreuz verliert seinen Sinn;
die Erlösung wird überflüssig;
die göttliche Gerechtigkeit verschwindet;
die menschliche Freiheit verliert ihre Bedeutung.

Merkwürdigerweise spricht die moderne Welt ständig über Gerechtigkeit… lehnt aber die Idee des ewigen Gerichts ab.

Die katholische Lehre hält beide Wahrheiten fest:

Gott ist unendlich barmherzig;
Gott ist unendlich gerecht.

Die Barmherzigkeit hebt die menschliche Freiheit nicht auf.

Auch der Leib wird auferstehen

Der Katechismus lehrt eine oft vergessene Wahrheit:

„Nach der Auferstehung werden die Menschen entweder glücklich oder gequält sein — für immer an Seele und Leib.“

Das Christentum verachtet den Leib nicht.

Das ist äußerst wichtig in einer Zeit, die geprägt ist von:

Ideologien, die die menschliche Identität verwirren;
Verachtung des Körpers;
Hedonismus;
Transhumanismus;
materialistischer Reduktion des Menschen.

Der katholische Glaube lehrt, dass der menschliche Leib eine immense Würde besitzt, weil er dazu bestimmt ist, verherrlicht aufzuerstehen.

Christus ist leiblich auferstanden.
Und auch wir werden auferstehen.

Die endgültige Auferstehung bedeutet, dass der ganze Mensch — Seele und Leib — an seinem ewigen Schicksal teilhaben wird.

Werden alle dieselbe Herrlichkeit empfangen?

Die Antwort 252 des Katechismus ist äußerst bemerkenswert:

„Die Güter des Himmels … werden größer oder geringer sein je nach den Verdiensten oder Verfehlungen jedes Einzelnen.“

Alle Seligen werden vollkommen glücklich sein, doch es wird unterschiedliche Grade der Herrlichkeit geben.

Dies erzeugt keinen Neid im Himmel, weil jede Seele vollkommen mit Gott erfüllt sein wird — entsprechend ihrer Fähigkeit.

Die Heiligen verstanden dies vollkommen. Deshalb strebten sie nach heroischer Heiligkeit.

Jeder Akt der Liebe:

ein gläubig gesprochenes Gebet,
eine dargebrachte Buße,
eine aufrichtige Beichte,
ein Werk der Barmherzigkeit,
ein geduldig getragenes Kreuz,
eine stille Treue,

hat ewiges Gewicht.

Nichts geht vor Gott verloren.

Das ewige Leben beginnt bereits hier

Auch wenn der Himmel seine Vollendung erst nach dem Tod erreicht, beginnt das ewige Leben geheimnisvoll schon hier.

Jesus sagte:

„Das ist das ewige Leben: Dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen.“ (Joh 17,3)

Jedes Mal, wenn wir:

beten,
die Sakramente empfangen,
Christus anbeten,
in der Gnade leben,
wahrhaft lieben,

beginnt die Ewigkeit unser Leben zu berühren.

Die traditionelle Liturgie hat dieses Bewusstsein der Transzendenz stets bewahrt. Weihrauch, Stille, gregorianischer Gesang, die Ausrichtung auf Gott, die Heiligkeit des Tempels — all dies weist auf das himmlische Jerusalem hin.

Die Kirche existiert nicht einfach, um die zeitliche Welt zu verbessern. Sie existiert vor allem, um Seelen in den Himmel zu führen.

Die tiefe Bedeutung des „Amen“

Der Katechismus schließt mit der Frage:

„Was bedeutet das Wort AMEN am Ende des Glaubensbekenntnisses?“

Und er antwortet:

„So ist es … Ich glaube, dass alles, was in diesen zwölf Artikeln enthalten ist, reine Wahrheit ist.“

„Amen“ ist nicht bloß eine dekorative Formel.
Es ist ein Bekenntnis der Gewissheit.

Wenn der Christ „Amen“ zum Glaubensbekenntnis sagt, bekennt er:

ich glaube an Gott;
ich glaube an Christus;
ich glaube an die Kirche;
ich glaube an die Auferstehung;
ich glaube an das Gericht;
ich glaube an das ewige Leben.

Auch ohne es bereits zu sehen.

In einer Kultur, die vom Relativismus beherrscht wird, ist das christliche „Amen“ ein Akt geistlichen Mutes.

Die große Frage: Wofür leben wir?

Der letzte Artikel des Glaubensbekenntnisses zwingt jeden Menschen, sich eine unbequeme, aber entscheidende Frage zu stellen:

Lebe ich für die Ewigkeit oder nur für die Gegenwart?

Viele leben:

indem sie Güter anhäufen, die sie zurücklassen werden;
indem sie vergänglichen Ruhm suchen;
indem sie sich ständig mit Unterhaltung beschäftigen;
indem sie die Stille meiden;
indem sie Gedanken an den Tod verdrängen.

Doch früher oder später wird jeder Mensch vor Gott stehen.

Die Heiligen besaßen gerade deshalb eine tiefe innere Freiheit, weil sie sich ständig an die Ewigkeit erinnerten.

Das bedeutet nicht, von Angst besessen zu leben.
Es bedeutet, auf das wahre Ziel hin zu leben.

Christliche Hoffnung angesichts der modernen Angst

Unsere Zeit hat Angst:

Angst vor dem Altern,
Angst vor dem Leiden,
Angst vor dem Sterben,
Angst vor der Leere.

Der christliche Glaube beseitigt den Schmerz nicht auf magische Weise, aber er verwandelt radikal seinen Sinn.

Der Christ weiß:

dass der Tod durch Christus besiegt wurde;
dass Leiden heiligen kann;
dass dieses Leben vergänglich ist;
dass wahre Liebe bleibt;
dass es eine ewige Heimat gibt.

Darum konnten Märtyrer singend sterben.
Darum konnten Heilige Verfolgungen ertragen.
Darum begegneten so viele einfache Christen dem Tod mit übernatürlicher Gelassenheit.

Sie glaubten wirklich an das ewige Leben.

Schlussfolgerung: mit dem Blick auf den Himmel leben

Der zwölfte Artikel des Glaubensbekenntnisses ist keine nebensächliche Idee. Er ist der gesamte Horizont der christlichen Existenz.

Das ganze Leben des Gläubigen verändert sich, wenn er versteht:

dass er für den Himmel geschaffen wurde;
dass jede Entscheidung ewiges Gewicht hat;
dass Christus die Tore des Heils geöffnet hat;
dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Die Kirche verkündet nicht nur moralische Werte oder psychologisches Wohlbefinden. Sie verkündet eine unendliche Verheißung:

Gott will den Menschen zum ewigen Leben führen.

Und deshalb kann der Christ am Ende des Glaubensbekenntnisses mit voller Hoffnung sagen:

„Amen.“
So ist es.
So glaube ich.
Und auf diese Ewigkeit gehe ich zu.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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