Wenn wir über die katholische Kirche sprechen, gibt es Begriffe, die wir regelmäßig verwenden, ohne über ihre wahre Bedeutung nachzudenken. Einer davon ist der Ausdruck „Laie“, ein anderer „Weltchrist“ beziehungsweise „weltlicher Gläubiger“. Oft werden beide Begriffe als Synonyme verwendet, und im alltäglichen Sprachgebrauch beziehen sie sich gewöhnlich auf dieselbe Wirklichkeit. Hinter diesen Worten verbirgt sich jedoch ein theologischer, historischer und pastoraler Reichtum, der es verdient, verstanden zu werden.
Ist es genau dasselbe, ein Laie zu sein und ein Weltchrist zu sein? Warum verwendet die Kirche beide Begriffe? Welche Rolle spielen die nicht geweihten Gläubigen in der Sendung der Kirche? Was ist die besondere Berufung des Christen, der in der Welt lebt?
Die Antwort auf diese Fragen ist nicht nur eine sprachliche Kuriosität. Die Identität des Laien zu verstehen, kann die Art und Weise, wie man den Glauben in der Familie, im Beruf, in der Gesellschaft und im Alltag lebt, tiefgreifend verändern.
Wir leben in einer Zeit, in der viele Katholiken denken, dass Heiligkeit etwas sei, das Priestern, Ordensmännern oder Ordensfrauen vorbehalten ist. Die Kirche lehrt jedoch genau das Gegenteil: Die überwältigende Mehrheit der Heiligen ist gerade dazu berufen, mitten in der Welt heilig zu werden.
Deshalb bedeutet zu verstehen, was es heißt, ein Laie oder Weltchrist zu sein, auch besser zu verstehen, welchen Platz Gott für Millionen von Christen vorgesehen hat.
Der Ursprung der Begriffe
Beginnen wir mit der Bedeutung der Wörter.
Was bedeutet „Laie“?
Das Wort „Laie“ stammt vom griechischen laikos, das sich von laos ableitet und „Volk“ bedeutet.
Ursprünglich bezeichnete es jemanden, der zum Volk Gottes gehörte.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums unterschied dieses Wort die Gläubigen, die das Sakrament der Weihe nicht empfangen hatten.
Der Begriff hatte daher keine negative Bedeutung und bezeichnete keine niedrigere Kategorie innerhalb der Kirche.
Im Gegenteil.
Laie zu sein bedeutete, zum heiligen Volk zu gehören, das von Christus versammelt wurde.
Was bedeutet „weltlich“ oder „säkular“?
Das Wort „säkular“ stammt vom lateinischen saecularis und bedeutet „zur Welt“ oder „zum Zeitalter gehörend“.
Es bezieht sich nicht auf die Welt als sündige Wirklichkeit, sondern auf den zeitlichen Bereich, in dem sich das menschliche Leben entfaltet:
- Die Familie.
- Die Arbeit.
- Die Politik.
- Die Wirtschaft.
- Die Kultur.
- Die Bildung.
- Die Wissenschaft.
- Die sozialen Beziehungen.
Deshalb betont der Begriff „weltlich“ oder „säkular“ die Gegenwart des Christen in den zeitlichen Wirklichkeiten.
Sind Laie und Weltchrist dasselbe?
Im heutigen katholischen Sprachgebrauch werden beide Begriffe häufig austauschbar verwendet.
Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied.
„Laie“ beschreibt, was eine Person innerhalb der Struktur der Kirche ist.
„Weltchrist“ oder „weltlicher Gläubiger“ beschreibt den Bereich, in dem diese Person ihre christliche Berufung lebt.
Mit anderen Worten:
- Jeder Weltchrist ist ein Laie.
- Jeder Laie ist gewöhnlich ein Weltchrist.
- Aber die Begriffe heben unterschiedliche Aspekte derselben Wirklichkeit hervor.
Ein einfaches Beispiel:
Ein katholischer Familienvater, der als Arzt arbeitet, ist ein Laie, weil er weder Priester noch Ordensmann ist.
Und er ist ein Weltchrist, weil er seine christliche Berufung mitten in der Welt lebt.
Die grundlegende Struktur der Kirche
Um diese Frage besser zu verstehen, ist es notwendig, sich daran zu erinnern, wie die Kirche aufgebaut ist.
Traditionell unterscheiden wir drei große Lebensstände:
1. Die geweihten Amtsträger
Dies sind diejenigen, die das Sakrament der Weihe empfangen haben:
- Diakone.
- Priester.
- Bischöfe.
Ihre Hauptaufgabe besteht darin, das Volk Gottes zu heiligen, zu lehren und zu leiten.
2. Die Ordensleute
Dies sind Männer und Frauen, die die evangelischen Räte durch Gelübde leben:
- Armut.
- Keuschheit.
- Gehorsam.
Ihre Berufung besteht darin, ein sichtbares Zeugnis für das Reich Gottes zu geben.
3. Die Laien
Sie bilden die überwältigende Mehrheit der Getauften.
Sie bleiben vollständig in die zeitlichen Wirklichkeiten eingebunden.
Gerade dort sollen sie das Evangelium leben und verbreiten.
Die große Wiederentdeckung des Zweiten Vatikanischen Konzils
Jahrhundertelang hatten viele Christen den Eindruck, dass das Ordensleben eine höhere Form der Heiligkeit sei und die Laien eine zweitrangige Stellung einnähmen.
Obwohl die Kirche dies niemals offiziell gelehrt hat, förderte eine bestimmte Denkweise diese Wahrnehmung.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die eigentliche Würde der Laien mit großer Kraft neu hervorgehoben.
Die Konstitution Lumen Gentium erklärt:
„Die Laien sind von Gott berufen, gleichsam als Sauerteig von innen her zur Heiligung der Welt beizutragen.“
Diese Lehre war für viele Katholiken revolutionär.
Heiligkeit ist nicht das Monopol von Klöstern und Ordenshäusern.
Heiligkeit erblüht auch:
- In einem Büro.
- In einer Fabrik.
- In einer Schule.
- Auf einem Bauernhof.
- In einer Küche.
- An einer Universität.
- In einem Unternehmen.
Die besondere Berufung des Weltchristen
Hier finden wir einen der wichtigsten Punkte der gesamten Theologie des Laientums.
Der Priester heiligt vor allem durch die Sakramente.
Der Ordensmensch heiligt durch das radikale Zeugnis der evangelischen Räte.
Der Weltchrist heiligt die Welt von innen heraus.
Dieser Unterschied ist wesentlich.
Die eigentliche Aufgabe des Laien besteht nicht darin, ein „halber Priester“ zu werden.
Seine Aufgabe besteht auch nicht darin, das zu tun, was eigentlich dem Klerus zukommt.
Seine besondere Berufung besteht darin, die zeitlichen Wirklichkeiten nach dem Geist Christi zu verwandeln.
Ein Bild, das beim Verstehen hilft
Stellen wir uns einen Brotteig vor.
Der Priester könnte mit dem Bäcker verglichen werden, der den Teig vorbereitet.
Der Laie aber ist die Hefe, die von innen wirkt.
Man sieht sie nicht.
Sie zieht keine Aufmerksamkeit auf sich.
Und dennoch verwandelt sie den ganzen Teig.
Genau das erwartet Christus von den Laien.
Die biblische Grundlage der Berufung des Laien
Die Heilige Schrift enthält zahlreiche Texte, die diese Sendung erhellen.
Jesus sagte:
„Ihr seid das Salz der Erde.“
(Matthäus 5,13)
Und ebenso:
„Ihr seid das Licht der Welt.“
(Matthäus 5,14)
Beachten wir etwas Wichtiges.
Jesus richtet diese Worte nicht ausschließlich an die Apostel.
Er richtet sie an seine Jünger.
Das heißt: an alle Gläubigen.
Die Sendung, die Welt zu erleuchten, gehört jedem Getauften.
Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen
Eines der wichtigsten Konzepte zum Verständnis der Identität der Laien ist das sogenannte gemeinsame Priestertum.
Der heilige Petrus schreibt:
„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde.“
(1 Petrus 2,9)
Das bedeutet nicht, dass alle Amtspriester sind.
Es bedeutet, dass jeder Getaufte geistlich am Priestertum Christi teilhat.
Wie?
Indem er Gott darbringt:
- Seine Arbeit.
- Seine Leiden.
- Seine Freuden.
- Seine Opfer.
- Sein tägliches Leben.
Jeder Tag kann zu einem Opfer werden, das dem Herrn wohlgefällig ist.
Moderne Irrtümer über die Laien
Heute begegnen wir zwei entgegengesetzten Irrtümern.
Erster Irrtum: Die Klerikalisierung der Laien
Dieser Irrtum besteht darin zu glauben, dass ein Laie nur dann wichtig sei, wenn er Aufgaben innerhalb der Pfarrei ausübt.
Nach dieser Denkweise wären:
- Das Vorlesen in der Messe.
- Die Mithilfe bei pfarrlichen Aktivitäten.
- Die Mitarbeit in kirchlichen Gruppen.
wichtiger als die Evangelisierung am Arbeitsplatz oder in der Familie.
Doch das ist falsch.
Die Hauptmission des Laien liegt außerhalb des Kirchengebäudes.
Zweiter Irrtum: Die Verweltlichung des Laien
Dies ist der gegenteilige Irrtum.
Er besteht darin zu glauben, dass der Glaube ausschließlich in die Privatsphäre gehöre.
Das Ergebnis ist ein gespaltenes Leben:
- Christ am Sonntag.
- Weltmensch während des Rests der Woche.
Diese Denkweise widerspricht dem Evangelium vollkommen.
Die Familie: Das erste Feld des Apostolats
Für die meisten Weltchristen liegt die erste Mission nicht in einer Pfarrei.
Sie liegt zu Hause.
Die Eltern sind die ersten Glaubenserzieher.
Die Familie bildet eine wahre Hauskirche.
Dort lernt man:
- Zu beten.
- Zu vergeben.
- Sich aufzuopfern.
- Zu lieben.
Keine Katechese kann jemals das Beispiel wahrhaft christlicher Eltern ersetzen.
Die Arbeit als Weg zur Heiligkeit
Eine der größten geistlichen Entdeckungen der letzten Jahrhunderte besteht darin zu erkennen, dass Arbeit ein direkter Weg zu Gott sein kann.
Wir arbeiten nicht nur, um Geld zu verdienen.
Arbeit, die mit Liebe verrichtet wird:
- Heiligt denjenigen, der sie verrichtet.
- Heiligt diejenigen, die ihre Früchte empfangen.
- Heiligt die Gesellschaft.
Ein heiliger Mechaniker.
Eine heilige Krankenschwester.
Ein heiliger Landwirt.
Ein heiliger Unternehmer.
Ein heiliger Lehrer.
Sie alle verwandeln die Welt für Christus.
Das gesellschaftliche Engagement des Weltchristen
Die Kirche lehrt, dass die Laien eine besondere Verantwortung beim Aufbau einer gerechten Gesellschaft haben.
Deshalb sind sie berufen, einen christlichen Einfluss auszuüben auf:
- Die Politik.
- Die Wirtschaft.
- Die Bildung.
- Die Kultur.
- Die Medien.
Nicht um den Glauben mit Gewalt aufzuzwingen.
Sondern um diese Bereiche mit der Wahrheit des Evangeliums zu erleuchten.
Laienheilige, die die Welt verändert haben
Die Geschichte der Kirche ist voller außergewöhnlicher Laien.
Zu ihnen gehören:
- Heiliger Thomas Morus.
- Heiliger Ludwig IX..
- Heilige Gianna Beretta Molla.
- Seliger Carlo Acutis.
Keiner von ihnen musste die Welt verlassen, um die Heiligkeit zu erlangen.
Gerade mitten in der Welt fanden sie ihren Weg zu Gott.
Die Bedeutung der Wiederentdeckung der weltlichen Identität heute
Unsere Zeit braucht dringend gut ausgebildete Laien.
Es genügt nicht, getauft zu sein.
Es genügt nicht, gelegentlich die Messe zu besuchen.
Die moderne Welt braucht Katholiken, die fähig sind:
- Die Wahrheit zu verteidigen.
- Starke Familien aufzubauen.
- Ihre Kinder im Glauben zu erziehen.
- Ihren Glauben konsequent zu leben.
- Öffentlich Zeugnis für Christus abzulegen.
Die Krise der modernen Gesellschaft wird nicht allein durch mehr Priester gelöst werden.
Sie erfordert Millionen von Weltchristen, die von ihrer Sendung überzeugt sind.
Sollte ich also „Laie“ oder „Weltchrist“ sagen?
Die einfache Antwort lautet: Beide Begriffe sind richtig.
Allerdings:
- „Laie“ betont, dass Sie zum Volk Gottes gehören, ohne Teil des Klerus zu sein.
- „Weltchrist“ hebt hervor, dass Ihre Berufung hauptsächlich mitten in der Welt gelebt wird.
Es sind zwei sich ergänzende Perspektiven derselben Wirklichkeit.
Schlussfolgerung: Die Heiligkeit ist nicht weit von Ihnen entfernt
Vielleicht ist die wichtigste Lehre dieses gesamten Themas folgende:
Gott ruft die meisten Christen nicht dazu auf, die Welt zu verlassen.
Er ruft sie dazu auf, die Welt zu verwandeln.
Man muss kein Ordensgewand tragen, um heilig zu werden.
Man muss nicht in einem Kloster leben.
Man muss nicht von einer Kanzel predigen.
Die überwältigende Mehrheit der Getauften ist dazu berufen, Gott im gewöhnlichen Leben zu finden.
In der Küche.
Im Büro.
In der Werkstatt.
Auf dem Feld.
Im Krankenhaus.
Im Klassenzimmer.
Im Familienleben.
Dort entscheidet sich ein großer Teil der Heilsgeschichte.
Der Weltchrist ist kein Christ zweiter Klasse. Er ist auch kein bloßer Zuschauer innerhalb der Kirche. Er ist ein Jünger Christi, der mitten in die Welt gesandt wurde, um Salz, Licht und Sauerteig zu sein.
Und wenn ein Laie diese Sendung wirklich versteht, entdeckt er etwas Außergewöhnliches: dass sein Schreibtisch, sein Zuhause, seine Werkstatt, sein Unternehmen oder seine Schule zu einem wahren Altar werden können, auf dem er Gott jeden Tag sein Leben darbringt und am Aufbau des Reiches Christi auf Erden mitwirkt.