Je mehr du dich selbst erkennst, desto weniger verherrlichst du dich selbst: Die vergessene Lehre der Heiligen

Wir leben in einer Zeit, die vom Bild besessen ist. Die sozialen Netzwerke laden uns ständig dazu ein, eine idealisierte Version unserer selbst zu erschaffen. Man ermutigt uns, hervorzustechen, unsere Erfolge zu präsentieren, Erfolg auszustrahlen und ein scheinbar unerschütterliches Selbstwertgefühl zu pflegen. Die moderne Kultur wiederholt immer wieder dieselbe Botschaft: „Glaube an dich selbst“, „Du bist außergewöhnlich“, „Du verdienst alles“.

Die traditionelle katholische Spiritualität lehrt jedoch seit Jahrhunderten etwas, das scheinbar in die entgegengesetzte Richtung geht: Je tiefer ein Mensch sich selbst erkennt, desto weniger Gründe findet er, sich selbst zu verherrlichen.

Diese Aussage mag dem modernen Menschen seltsam erscheinen. Hatten die Heiligen ein geringes Selbstwertgefühl? Litten sie unter Minderwertigkeitskomplexen? Verachteten sie sich selbst?

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Die Heiligen besaßen eine außerordentlich realistische Sicht auf sich selbst. Gerade weil sie Gott tief kannten, verstanden sie klar, wer sie selbst waren. Und dieses Licht ermöglichte es ihnen, gleichzeitig zwei grundlegende Wahrheiten zu entdecken:

  • Die unermessliche Würde des von Gott geschaffenen Menschen.
  • Das tiefe Elend, das durch die Sünde verursacht wird.

Aus der Vereinigung dieser beiden Wahrheiten entstand die wahre Demut.

Heute, da Stolz als Selbstwertgefühl dargestellt wird und Eitelkeit mit Selbstliebe verwechselt wird, ist es notwendiger denn je, diese große geistliche Lehre wiederzuentdecken.


Das große Problem unserer Zeit: Eine Menschheit, die sich selbst nicht mehr kennt

Einer der berühmtesten Aussprüche der Antike war auf dem Tempel von Delphi eingraviert:

„Erkenne dich selbst.“

Obwohl dieser Satz aus der heidnischen Welt stammt, wurde diese Einsicht von der christlichen Tradition übernommen und vervollkommnet.

Die Kirchenväter verstanden, dass die Selbsterkenntnis der Beginn des Weges zu Gott ist.

Warum?

Weil niemand sich bekehren kann, wenn er nicht weiß, wer er ist.

Niemand kann geheilt werden, wenn er seine Krankheit leugnet.

Niemand kann die Heiligkeit erreichen, wenn er sich bereits für vollkommen hält.

Das Problem unserer Zeit besteht darin, dass wir von Ablenkungen umgeben leben.

Viele Menschen kennen die politischen Ansichten von Fremden, Sportergebnisse, virale Trends oder das Privatleben von Berühmtheiten bis ins Detail, wissen aber nichts über den Zustand ihrer eigenen Seele.

Sie kennen die ganze Welt, aber sie sind sich selbst fremd.

Deshalb leben so viele Menschen in einer gefährlichen geistlichen Illusion.


Die Heiligen hatten keine übertriebene Meinung von sich selbst

Wenn man das Leben der Heiligen studiert, entdeckt man etwas Erstaunliches.

Die größten Heiligen der Geschichte betrachteten sich selbst als große Sünder.

Nicht, weil sie logen.

Nicht, weil sie demütig erscheinen wollten.

Sondern weil sie ein besonderes Licht empfangen hatten, mit dem sie ihre Seele betrachten konnten.

Während oberflächliche Menschen nur ihre Tugenden sehen, sahen die Heiligen auch ihre verborgensten Fehler.

Während der stolze Mensch seine Sünden mit denen anderer vergleicht, verglichen die Heiligen ihre Sünden mit der unendlichen Heiligkeit Gottes.

Deshalb wurden sie umso demütiger, je mehr sie im geistlichen Leben voranschritten.

Nicht weniger heilig.

Sondern demütiger.


Das Paradox der Heiligkeit

Es gibt ein geistliches Paradox, das viele überrascht:

Sünder glauben, besser zu sein, als sie tatsächlich sind.

Heilige glauben, schlechter zu sein, als sie tatsächlich sind.

Warum geschieht das?

Weil die Sünde den Verstand verdunkelt.

Der Stolz wirkt wie eine Augenbinde über den Augen der Seele.

Der hochmütige Mensch nimmt seine Fehler kaum wahr.

Er findet immer Ausreden.

Er rechtfertigt stets sein Verhalten.

Er gibt immer anderen die Schuld.

Wenn jedoch die Gnade das Herz erleuchtet, treten Fehler zutage, die zuvor verborgen waren.

Es ist wie beim Reinigen eines Zimmers.

Auf den ersten Blick scheint es sauber zu sein.

Doch wenn ein Sonnenstrahl hinein fällt, sieht man den Staub in der Luft schweben.

Das Licht erschafft den Staub nicht.

Es macht ihn lediglich sichtbar.

Ebenso erfindet die Gnade unsere Fehler nicht.

Sie bringt sie ans Licht.

Deshalb fühlten sich die Heiligen vor Gott so klein.


Jesaja: Der Prophet, der vor der göttlichen Heiligkeit erzitterte

Ein außergewöhnliches Beispiel findet sich im Buch Jesaja.

Der Prophet schaut eine himmlische Vision.

Er sieht die Herrlichkeit des Herrn.

Er hört die Seraphim singen:

„Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen.“ (Jes 6,3)

Die Reaktion Jesajas ist aufschlussreich.

Er beglückwünscht sich nicht dafür, auserwählt worden zu sein.

Er prahlt nicht mit seiner Vision.

Er hält sich nicht für etwas Besonderes.

Im Gegenteil.

Er ruft aus:

„Weh mir! Ich bin verloren! Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen.“ (Jes 6,5)

Je mehr er Gott betrachtet, desto klarer erkennt er seine eigene Armut.

Dies ist ein beständiges geistliches Gesetz.

Die Erkenntnis Gottes führt zur Erkenntnis seiner selbst.

Und die Erkenntnis seiner selbst führt zur Demut.


Der heilige Petrus und die Entdeckung des eigenen Elends

Etwas Ähnliches geschieht im Evangelium.

Nach dem wunderbaren Fischfang erkennt der heilige Petrus, dass er vor jemandem steht, der unendlich größer ist als er selbst.

Seine Reaktion besteht nicht darin, Ehren zu verlangen.

Er bittet nicht um ein Amt.

Er rühmt sich nicht seiner Erwählung.

Er fällt auf die Knie und sagt:

„Herr, geh weg von mir; ich bin ein sündiger Mensch.“ (Lk 5,8)

Petrus entdeckt in diesem Augenblick zwei Dinge zugleich:

Die Größe Christi.

Und seine eigene Kleinheit.

Jede wahre Demut entspringt genau dieser Erfahrung.


Die Selbsterkenntnis nach den geistlichen Meistern

Die großen Autoren der katholischen Tradition haben immer wieder auf diesen Punkt hingewiesen.

Die heilige Teresa von Ávila lehrte, dass das gesamte geistliche Leben auf zwei untrennbaren Erkenntnissen beruht:

  • Der Erkenntnis Gottes.
  • Der Erkenntnis seiner selbst.

Für sie läuft die Seele, die aufhört, sich selbst zu prüfen, große Gefahr.

Sie kann schließlich in einer geistlichen Fiktion leben.

Sie kann glauben, voranzuschreiten, während sie in Wirklichkeit zurückfällt.

Sie kann meinen, Gott zu lieben, während sie in Wahrheit sich selbst liebt.

Der heilige Bernhard von Clairvaux lehrte seinerseits, dass Demut darin besteht, in der Wahrheit zu leben.

Nicht darin, seine Fehler zu übertreiben.

Nicht darin, seine Tugenden zu leugnen.

Sondern darin, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Und die Wahrheit ist, dass alles Gute von Gott kommt.


Der Stolz: Die Sünde, die das geistliche Sehvermögen zerstört

Die christliche Tradition betrachtet den Stolz als die Wurzel aller Sünden.

Warum?

Weil er uns daran hindert, unsere Abhängigkeit von Gott anzuerkennen.

Der Stolze möchte den Platz einnehmen, der dem Schöpfer gehört.

Er möchte selbstgenügsam sein.

Er möchte sich die empfangenen Gaben zuschreiben.

Er möchte die Ehre empfangen, die Gott gehört.

Deshalb ist der Stolz so gefährlich.

Er erzeugt nicht nur Sünden.

Er erzeugt Blindheit.

Der stolze Mensch gelangt schließlich dazu, aufrichtig zu glauben, besser zu sein, als er tatsächlich ist.

Und diese geistliche Illusion kann ein ganzes Leben andauern.


Die Gewissenserforschung: Ein vergessenes Heilmittel

Jahrhundertelang praktizierten Katholiken täglich die Gewissenserforschung.

Es war eine gewöhnliche Gewohnheit.

Vor dem Schlafengehen überprüften sie:

  • Ihre Gedanken.
  • Ihre Worte.
  • Ihre Taten.
  • Ihre Unterlassungen.

Nicht, um sich zu quälen.

Nicht, um in Angst zu leben.

Sondern um sich selbst kennenzulernen.

Wer seine Seele niemals prüft, läuft Gefahr, sich selbst fremd zu werden.

Wer jedoch regelmäßig die Gewissenserforschung praktiziert, beginnt wiederkehrende Muster, Fehler, Schwächen und Versuchungen zu erkennen.

Und dann kann er gegen sie kämpfen.

Demut entsteht nicht aus Unwissenheit.

Sie entsteht aus Selbsterkenntnis.


Falsche Demut und wahre Demut

Es gibt auch eine falsche Demut.

Sie besteht darin, die Gaben zu verachten, die Gott geschenkt hat.

Manche Menschen sagen:

„Ich bin nichts wert.“

„Ich tauge zu nichts.“

„Ich habe keine Tugenden.“

Auch das ist nicht wahr.

Und Demut kann niemals auf einer Lüge beruhen.

Wahre Demut erkennt:

„Alles Gute in mir kommt von Gott.“

Deshalb kann der demütige Mensch seine Talente anerkennen, ohne eitel zu werden.

Er kann seine Tugenden erkennen, ohne stolz zu werden.

Er kann Lob annehmen, ohne es sich innerlich anzueignen.

Er weiß, dass er Verwalter und nicht Eigentümer ist.

Alles wurde ihm geschenkt.


Je heiliger man wird, desto weniger betrachtet man sich als Hauptperson

Es gibt eine Eigenschaft, die allen Heiligen gemeinsam ist.

Sie betrachteten sich nicht als Hauptpersonen.

Sie sahen sich als Werkzeuge.

Sie wussten, dass Gott der eigentliche Urheber jedes guten Werkes ist.

Deshalb suchten sie keine Anerkennung.

Sie brauchten nicht ständig Bestätigung.

Sie waren nicht von Beifall abhängig.

Ihre Identität war in Gott verwurzelt.

Heute geschieht oft genau das Gegenteil.

Viele Menschen leben abhängig von Likes, Aufrufen, Komplimenten und der Bewunderung anderer.

Wenn die Anerkennung verschwindet, erscheint die Leere.

Die Heiligen hingegen fanden ihren Wert darin, Kinder Gottes zu sein.

Nicht in der Meinung anderer.


Die geistliche Gefahr der Kultur der Selbstvergötterung

Die moderne Gesellschaft hat eine wahre Kultur der Selbstvergötterung entwickelt.

Wir werden ständig dazu ermutigt, über uns selbst zu sprechen.

Uns selbst zu vermarkten.

Eine persönliche Marke aufzubauen.

Zum Mittelpunkt unserer eigenen Geschichte zu werden.

Das Problem liegt nicht in der Nutzung moderner Werkzeuge.

Das Problem besteht darin, schließlich das eigene Bild anzubeten.

Die Heilige Schrift warnt ständig vor dieser Versuchung.

Der Herr sagt:

„Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5)

Nicht einige Dinge.

Nichts.

Jede Gnade.

Jede Tugend.

Jede Beharrlichkeit.

Jede Heiligkeit.

Alles kommt von Gott.

Dies zu vergessen ist der Beginn des Stolzes.

Sich daran zu erinnern ist der Beginn der Demut.


Die Demut der seligen Jungfrau Maria

Niemand kannte Gott besser als die selige Jungfrau Maria.

Und niemand war demütiger als sie.

Als sie das Magnificat spricht, spricht sie nicht über ihre Verdienste.

Sie rühmt sich nicht ihrer Heiligkeit.

Sie verherrlicht sich nicht selbst.

Sie sagt:

„Meine Seele preist die Größe des Herrn.“ (Lk 1,46)

Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf Maria.

Sie richtet sich auf Gott.

Gerade weil sie sich selbst vollkommen kannte, wusste sie, dass alles von Ihm kam.

Deshalb nennt die Kirche sie Königin der Heiligen und Spiegel der Gerechtigkeit.

Sie verkörpert die vollkommene Harmonie zwischen Würde und Demut.


Praktische Anwendungen für das tägliche Leben

Wie können wir diese Lehre heute leben?

1. Täglich die Gewissenserforschung praktizieren

Nimm dir jeden Abend einige Minuten Zeit, um den Tag zu betrachten.

Frage dich:

  • Wo habe ich versagt?
  • Wo war ich egoistisch?
  • Wo habe ich der Gnade widerstanden?

2. Korrekturen annehmen

Gerechte Kritik ist eine Schule der Demut.

Wer immer zornig wird, wenn er korrigiert wird, offenbart eine starke Bindung an den Stolz.

3. Erfolge Gott zuschreiben

Jedes Talent ist ein Geschenk.

Jede Gelegenheit ist eine Gnade.

Jeder geistliche Sieg kommt von Gott.

4. Häufig beichten

Die Beichte zerstört viele geistliche Illusionen.

Sie zwingt uns, uns selbst ehrlich zu betrachten.

5. Über das Leiden Christi nachdenken

Nichts zerstört den Stolz wirksamer, als den gekreuzigten Sohn Gottes zu betrachten, der für unsere Sünden gelitten hat.


Die große Freiheit der Demut

Viele Menschen glauben, dass Demut den Menschen erniedrigt.

Die Wirklichkeit ist genau das Gegenteil.

Der Stolz versklavt.

Die Demut befreit.

Der Stolze muss ständig sein Image schützen.

Er muss vortäuschen.

Er muss seine Fehler rechtfertigen.

Er muss seine Schwächen verbergen.

Der demütige Mensch kann in der Wahrheit leben.

Er muss nichts vortäuschen.

Er muss niemanden beeindrucken.

Er muss seinen Wert nicht ständig beweisen.

Er ruht in Gott.

Und deshalb ist er frei.


Schlussfolgerung: Der vergessene Weg zur Heiligkeit

Die große Lehre der Heiligen bleibt auch heute zutiefst aktuell.

Je näher wir Gott kommen, desto klarer erkennen wir, wer wir sind.

Und je klarer wir erkennen, wer wir sind, desto weniger Gründe finden wir, uns selbst zu verherrlichen.

Nicht, weil wir wertlos wären.

Nicht, weil uns Würde fehlen würde.

Sondern weil wir entdecken, dass alles Gute vom Herrn kommt.

Christliche Demut besteht nicht darin, weniger von sich selbst zu denken.

Sie besteht darin, weniger an sich selbst und mehr an Gott zu denken.

Wenn die Seele diese Wahrheit erreicht, verschwindet das ständige Bedürfnis nach Anerkennung, Bewunderung oder Beifall.

Dann versteht sie die Worte des heiligen Paulus:

„Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7)

Diese Frage hallt heute noch mit derselben Kraft wider wie vor zweitausend Jahren.

Denn sie ist die Frage, die jeden Stolz zerstört.

Und sie ist zugleich die Tür, die zur echten Heiligkeit führt.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

Auch ansehen

Offene Grenzen oder politische Klugheit? Was der heilige Thomas von Aquin wirklich über Einwanderung lehrte und warum es heute noch relevant ist

Die Einwanderung ist eines der am meisten diskutierten Themen unserer Zeit. Regierungen, internationale Organisationen, Medien …

error: catholicus.eu