Der Mythos vom „Gott nach meiner Vorstellung“: Das wahre Wesen Gottes gegenüber dem modernen Deismus

Wenn der Mensch aufhört, Gott zu suchen, und beginnt, ihn zu erschaffen

Wir leben in einer außergewöhnlichen Zeit. Noch nie zuvor hatte die Menschheit Zugang zu so vielen Informationen, so vielen geistlichen Ressourcen und so vielen Möglichkeiten, die Wahrheit zu erkennen. Paradoxerweise leben wir jedoch auch in einer Epoche, in der Aussagen wie diese immer häufiger zu hören sind:

„Ich glaube an Gott, aber auf meine eigene Weise.“

„Mein Gott verurteilt niemanden.“

„Jeder hat seine eigene Wahrheit über Gott.“

„Hauptsache, man ist ein guter Mensch.“

„Ich brauche keine Religion, um eine Beziehung zu Gott zu haben.“

Diese Aussagen, die auf den ersten Blick harmlos und sogar gut gemeint erscheinen, verbergen eine der größten geistlichen Herausforderungen unserer Zeit: die Ersetzung des wahren Gottes durch einen Gott, der nach persönlichen Vorlieben, Gefühlen und Wünschen geformt wird.

Es handelt sich nicht um offenen Atheismus. Ebenso wenig um eine ausdrückliche Leugnung Gottes. Vielmehr ist es etwas weitaus Subtileres und gerade deshalb wesentlich Gefährlicheres: die Erschaffung eines gezähmten Gottes, der den modernen Empfindungen angepasst ist und nicht mehr herausfordert, korrigiert, fordert oder das menschliche Leben verwandelt.

Dieses Phänomen lässt sich als eine zeitgenössische Form eines praktischen Deismus beschreiben, vermischt mit religiösem Relativismus und moralischem Subjektivismus. Gott hört auf, das absolute Sein zu sein, und wird zu einer psychologischen Projektion des Menschen.

Anstatt zu fragen:

„Wer ist Gott?“

fragen wir:

„Wie hätte ich Gott gern?“

Und genau dort beginnt der Irrtum.


Die erste Sünde der Menschheit: Entscheiden zu wollen, wer Gott ist

Die Versuchung im Garten Eden bestand nicht lediglich darin, eine verbotene Frucht zu essen.

Sie war wesentlich tiefer.

Die Schlange säte Zweifel an der Identität Gottes selbst.

„Hat Gott wirklich gesagt …?“ (Genesis 3,1)

Dann ließ sie den Gedanken aufkommen,

dass Gott etwas verberge,

dass Gott die Freiheit des Menschen einschränke,

dass Gott nicht vollkommen gut sei,

und dass der Mensch selbst entscheiden könne, was gut und was böse ist.

Letztlich bestand die Erbsünde darin, die geoffenbarte Wahrheit durch eine persönliche Interpretation zu ersetzen.

Genau dasselbe geschieht heute.

Der moderne Mensch leugnet die Existenz Gottes nicht unbedingt.

Er definiert lediglich neu, wer Gott ist.

Und wenn der Mensch Gott neu definiert, hört er auf, Ihn anzubeten.

Er beginnt, sich selbst anzubeten.


„Gott nach meiner Vorstellung“: Die Religion des Ichs

Die heutige Kultur hat den Individualismus zu einem absoluten Prinzip erhoben.

Alles soll sich dem Individuum anpassen:

  • die Politik,
  • die Moral,
  • die Familie,
  • die Wahrheit,
  • sogar Gott.

Das Ergebnis ist eine maßgeschneiderte Spiritualität.

Jeder erschafft sich seinen eigenen Gott.

Einen Gott, der niemals widerspricht.

Der niemals zurechtweist.

Der niemals zur Umkehr aufruft.

Der niemals von der Sünde spricht.

Der niemals Bekehrung verlangt.

Doch dieser Gott existiert nicht.

Er ist nichts anderes als ein Götzenbild.

Und die Heilige Schrift spricht unmissverständlich über Götzen:

„Sie haben einen Mund und reden nicht; sie haben Augen und sehen nicht.“ (Psalm 115,5)

Götzen gleichen am Ende immer denen, die sie herstellen.

Der wahre Gott hingegen ruft uns dazu auf, Ihm ähnlich zu werden.


Der wahre Gott verändert sich nicht, um sich dem Menschen anzupassen

Eines der am meisten vergessenen Attribute Gottes ist seine Unveränderlichkeit.

Die klassische Theologie lehrt, dass Gott sich nicht verändert, weil Er vollkommen ist.

Sich zu verändern bedeutet entweder besser oder schlechter zu werden.

Wenn etwas besser wird, war es zuvor unvollkommen.

Wenn etwas schlechter wird, hört es auf, vollkommen zu sein.

Doch Gott ist die absolute Vollkommenheit.

Darum sagt die Heilige Schrift:

„Denn ich, der Herr, habe mich nicht geändert.“ (Maleachi 3,6)

Und ebenso:

„Bei ihm gibt es keine Veränderung und keinen Wechsel von Licht und Finsternis.“ (Jakobus 1,17)

Diese Wahrheit hat weitreichende Folgen.

Es gibt nicht einen Gott für das erste Jahrhundert und einen anderen für das einundzwanzigste Jahrhundert.

Es gibt keinen „modernisierten“ Gott.

Es gibt keinen Gott, der sein Wesen entsprechend gesellschaftlichen Meinungsumfragen verändert.

Gesellschaften verändern sich.

Ideologien vergehen.

Moden verschwinden.

Doch Gott bleibt in Ewigkeit derselbe.


Die göttliche Einfachheit: Gott ist nicht geteilt

Wenn die Kirche von der göttlichen Einfachheit spricht, meint sie damit nicht, dass Gott „einfach“ im Sinne von unkompliziert oder primitiv sei.

Sie meint etwas unendlich Tieferes.

Gott besteht nicht aus einzelnen Teilen.

Seine Gerechtigkeit ist nicht von seiner Barmherzigkeit getrennt.

Seine Liebe ist nicht von seiner Heiligkeit verschieden.

Sein Wille ist nicht von seiner Weisheit getrennt.

In Gott ist alles eins.

Er ist Liebe.

Er ist Gerechtigkeit.

Er ist Wahrheit.

Er ist Barmherzigkeit.

Und all dies ohne jeden Widerspruch.

Deshalb ist es falsch, die göttlichen Eigenschaften gegeneinander auszuspielen.

Wir können nicht sagen:

„Gott ist Liebe; deshalb richtet Er nicht.“

Ebenso wenig können wir sagen:

„Gott ist gerecht; deshalb vergibt Er nicht.“

Beide Aussagen zerstören die Einheit des göttlichen Wesens.

In Gott stehen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nicht im Gegensatz.

Sie bilden eine vollkommene Harmonie.

Das Kreuz Christi ist gerade der größte Ausdruck dieser Harmonie.

Dort begegnen sich Gottes Gerechtigkeit angesichts der Sünde und seine Barmherzigkeit gegenüber dem Sünder in untrennbarer Einheit.


Gott ist kein Gefühl

Einer der größten Irrtümer unserer Zeit besteht darin, die religiöse Erfahrung auf Gefühle zu reduzieren.

Wenn ich Frieden empfinde …

ist Gott bei mir.

Wenn ich Begeisterung empfinde …

spricht Gott zu mir.

Wenn ich emotional berührt bin …

dann war mein Gebet gut.

Doch Gefühle verändern sich ständig.

Gott nicht.

Die großen Heiligen haben lange Zeiten geistlicher Dunkelheit durchlebt.

Johannes vom Kreuz sprach von der „Dunklen Nacht“, in der die Seele scheinbar keinerlei Trost erfährt und dennoch durch den Glauben mit Gott vereint bleibt.

Teresa von Kalkutta lebte jahrzehntelang in tiefer geistlicher Trockenheit und diente dennoch den Ärmsten der Armen mit heroischer Liebe.

Ein reifes geistliches Leben gründet sich nicht auf vorübergehende Gefühle, sondern auf die göttliche Tugend des Glaubens, die auch dann bestehen bleibt, wenn das Herz keinen Trost empfindet.

Der moderne Deismus: Ein ferner und unnötiger Gott

Der klassische Deismus vertrat die Auffassung, dass Gott das Universum erschaffen und es anschließend sich selbst überlassen habe.

Heute gibt es jedoch eine weitaus subtilere Form.

Viele Menschen glauben an einen Schöpfergott …

leben jedoch so, als würde Er niemals eingreifen.

Sie beten nicht.

Sie empfangen die Sakramente nicht.

Sie lesen die Heilige Schrift nicht.

Sie bemühen sich nicht, seinen Willen zu erkennen.

Sie lassen nicht zu, dass Gott ihre Entscheidungen verwandelt.

Es ist ein Glaube, der auf eine abstrakte Idee reduziert wurde.

Doch der Gott, den Jesus Christus offenbart hat, ist kein Uhrmacher, der sein Werk im Stich lässt.

Er ist ein fürsorglicher Vater.

Christus selbst lehrt:

„Bei euch aber sind sogar die Haare auf eurem Haupt alle gezählt.“ (Matthäus 10,30)

Nichts entzieht sich der göttlichen Vorsehung.

Nicht deshalb, weil Gott unsere Freiheit aufheben würde, sondern weil Er alles mit unendlicher Weisheit lenkt.


Das Problem des religiösen Subjektivismus

Die heutige Kultur hat das individuelle Gewissen zur höchsten Autorität erhoben.

Doch das Gewissen muss geformt werden.

Es erschafft die Wahrheit nicht.

Es entdeckt sie.

Die Kirche hat stets gelehrt, dass das Gewissen erleuchtet werden muss durch:

  • die Offenbarung,
  • die Tradition,
  • das Lehramt,
  • das Gebet,
  • die rechte Vernunft.

Wenn das Gewissen aufhört, nach der objektiven Wahrheit zu suchen, rechtfertigt es schließlich jedes beliebige Verhalten.

So entsteht eine Spiritualität, in der jeder selbst entscheidet, welche Gebote er behalten und welche er verwerfen möchte, welche Lehren er annimmt und welche er neu interpretiert. Der Glaube wird nicht länger als Gabe angenommen, die Christus seiner Kirche anvertraut hat, sondern zu einem maßgeschneiderten Produkt, das den persönlichen Vorlieben des Einzelnen angepasst wird.


Die göttliche Vollkommenheit: Gott muss nicht korrigiert werden

Immer häufiger neigt man heute dazu, Gott nach rein menschlichen Maßstäben zu beurteilen.

Manche behaupten, bestimmte Bibelstellen „müssten anders sein“, einige moralische Lehren „seien überholt“, oder Gott „sollte anders denken“.

Solche Aussagen kehren die richtige Ordnung um.

Nicht Gott muss sich dem Menschen anpassen.

Der Mensch muss sich bekehren, um sich Gott anzupassen.

Die göttliche Vollkommenheit bedeutet, dass in Gott keinerlei Mangel existiert.

Er muss sich nicht weiterentwickeln.

Er muss nichts lernen.

Er muss sich nicht korrigieren.

Wie die christliche philosophische Tradition lehrt, die von Thomas von Aquin geprägt wurde, ist Gott der actus purus – der reine Akt: die Fülle des Seins ohne irgendeine noch zu verwirklichende Möglichkeit. In Ihm gibt es weder Mangel noch die Möglichkeit einer Vervollkommnung, denn Er besitzt jede Vollkommenheit in unendlichem Maß.

Wenn uns daher etwas in der göttlichen Offenbarung schwer verständlich oder schwer annehmbar erscheint, sollte unsere erste Frage nicht lauten: „Was stimmt mit Gott nicht?“, sondern vielmehr: „Was muss in meiner eigenen Denkweise gereinigt werden?“


Jesus Christus: Das vollkommene Antlitz des Vaters

Gegenüber allen verzerrten Vorstellungen von Gott bietet das Christentum einen endgültigen Maßstab: Jesus Christus.

Er selbst sagt:

„Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Johannes 14,9)

In Christus schauen wir Barmherzigkeit und Wahrheit, Sanftmut und Entschiedenheit, Vergebung und den Ruf zur Umkehr.

Jesus vergibt der Ehebrecherin, sagt ihr aber zugleich: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (vgl. Johannes 8,11). Er nimmt Sünder auf, nennt jedoch die Sünde niemals gut. Er liebt ohne Maß, doch gerade diese Liebe verwandelt, reinigt und heiligt.

Das wahre Bild Gottes entspringt nicht unseren persönlichen Vorstellungen, sondern der vollkommenen Offenbarung des menschgewordenen Sohnes.


Die praktischen Folgen des Glaubens an den wahren Gott

Den von der Kirche geoffenbarten Gott anzunehmen, ist nicht bloß eine intellektuelle Übung. Es hat konkrete Auswirkungen auf das gesamte Leben.

Wer Gottes Unveränderlichkeit anerkennt, versteht, dass die Wahrheit nicht von kulturellen Strömungen abhängt, und lernt, standhaft zu bleiben, selbst wenn die Gesellschaft anders denkt.

Wer die göttliche Einfachheit betrachtet, hört auf, Liebe gegen Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit gegen Heiligkeit auszuspielen, und erkennt, dass alle Eigenschaften Gottes eine vollkommene Harmonie bilden.

Wer an Gottes Vollkommenheit glaubt, gibt die Versuchung auf, Gott „korrigieren“ zu wollen, und beginnt stattdessen, sich von Ihm korrigieren zu lassen – durch das Gebet, die Lesung der Heiligen Schrift, den häufigen Empfang der Sakramente und die regelmäßige Gewissenserforschung.

Schließlich lernt derjenige, der die göttliche Vorsehung entdeckt, auch mitten in Prüfungen zu vertrauen. Der Glaube hängt dann nicht mehr von wechselnden Gefühlen ab, sondern wird zu einer festen Bindung an den Gott, der sich niemals verändert.


Ein Aufruf zur geistigen und geistlichen Umkehr

Der Götzendienst gehört nicht nur der Vergangenheit an.

Auch heute erscheint er in verfeinerten und scheinbar religiösen Formen.

Jedes Mal, wenn wir Gott auf unsere eigenen Erwartungen reduzieren, errichten wir einen Götzen.

Jedes Mal, wenn wir eine göttliche Eigenschaft ablehnen, weil sie unserem Empfinden unangenehm ist, erschaffen wir einen eingebildeten Gott.

Jedes Mal, wenn wir unsere eigene Meinung über die göttliche Offenbarung stellen, wiederholen wir die alte Sünde des Gartens Eden.

Die christliche Umkehr beginnt, wenn wir aufhören zu fragen: „Wie möchte ich, dass Gott ist?“, und stattdessen in Demut fragen: „Wer ist Gott, und was hat Er über sich selbst offenbart?“

Erst dann hört der Glaube auf, sich um das eigene Ich zu drehen, und richtet sich auf den, der das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, das ewige und unveränderliche Sein ist.

Schlussfolgerung: Vom selbstgemachten Gott zum lebendigen Gott

Die große geistliche Tragödie unserer Zeit besteht nicht nur darin, dass viele Menschen aufgehört haben, an Gott zu glauben, sondern auch darin, dass viele andere weiterhin seinen Namen anrufen, während sie ein Bild verehren, das nach ihren eigenen Vorstellungen geformt wurde. Der „Gott nach meiner Vorstellung“ ist bequem, weil er uns niemals herausfordert; er ist schweigsam, weil er nichts von uns verlangt; er ist harmlos, weil er aus unseren eigenen Wünschen hervorgeht. Gerade deshalb kann er jedoch nicht retten.

Der lebendige Gott, der in der Heiligen Schrift offenbart und von der Kirche bekannt wird, ist unendlich größer als unsere Vorstellungen. Er ist einfach, unveränderlich, vollkommen, ewig, heilig, gerecht, barmherzig und allmächtig. Er muss sich nicht den wechselnden Zeitströmungen anpassen, denn Er ist die Quelle aller Wahrheit. Er verändert sich nicht im Lauf der Jahrhunderte, weil sein Sein absolute Fülle ist. Er kann nicht auf ein vorübergehendes Gefühl reduziert werden, weil Er selbst das Fundament der gesamten Wirklichkeit ist.

Der Weg des Jüngers besteht nicht darin, Gott nach den eigenen Vorstellungen zu formen, sondern darin, sich von Ihm formen zu lassen. Diese Verwandlung kann anspruchsvoll sein, führt jedoch zur wahren Freiheit. Wie Jesus Christus lehrt:

„Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32)

Möge unser Gebet stets das des Propheten Samuel sein: „Rede, Herr, denn dein Diener hört“ (vgl. 1 Samuel 3,9) – und niemals das des modernen Menschen, der Gott vorschreiben möchte, wie Er sein sollte. Nur wer sich in Demut vor dem wahren Gott beugt, entdeckt, dass er seine Freiheit nicht verliert, sondern den letzten Sinn seines Daseins und die Hoffnung auf das ewige Leben findet.


Abschließende Betrachtung

Die Glaubenskrise der modernen Welt ist nicht nur eine Krise der religiösen Praxis; sie ist vor allem eine Krise der Gotteserkenntnis. Wenn Gott nicht mehr so erkannt wird, wie Er wirklich ist, wird Er unweigerlich durch ein Bild ersetzt, das den menschlichen Erwartungen besser entspricht. Doch kein vom Menschen geschaffener Gott kann die Menschheit erlösen, die Sünde vergeben, den Tod besiegen oder das ewige Leben schenken.

Die katholische Tradition hat immer verkündet, dass die Theologie nicht das Studium einer abstrakten Idee ist, sondern die Betrachtung des lebendigen Gottes, der sich in der Geschichte offenbart hat. Deshalb ist jeder Christ dazu berufen, Gott nicht zu erfinden, sondern Ihn demütig anzunehmen – durch die Heilige Schrift, die Heilige Überlieferung und das authentische Lehramt der Kirche.

In einer Zeit, die das eigene Ich über alles stellt, ist der Christ eingeladen, die Tugend der Anbetung neu zu entdecken. Anbetung bedeutet anzuerkennen, dass Gott Gott ist und wir seine Geschöpfe sind. Es bedeutet zu erkennen, dass die Wahrheit nicht aus uns selbst stammt, sondern von Dem kommt, der die Wahrheit selbst ist.

Dies ist das Gegenmittel gegen den modernen Mythos vom „Gott nach meiner Vorstellung“: nicht ein kälterer Glaube und auch keine rein intellektuelle Religion, sondern eine tiefere Begegnung mit dem Gott, der ist – dem Gott, der Mose seinen heiligen Namen offenbarte:

„ICH BIN, DER ICH BIN.“ (Exodus 3,14)

In dieser göttlichen Offenbarung liegt das Fundament der gesamten katholischen Theologie. Gott ist nicht ein Wesen unter vielen. Er ist das Sein selbst, der Eine, dessen Existenz von niemandem und von nichts abhängt. Alles, was existiert, existiert, weil Er es in Freiheit gewollt hat.

Diese Wahrheit neu zu entdecken bedeutet, die wahre Anbetung neu zu entdecken. Es bedeutet, die zerbrechlichen Götzen unserer eigenen Vorstellung gegen die unendliche Majestät der Allerheiligsten Dreifaltigkeit einzutauschen. Es bedeutet, eine auf das eigene Ich ausgerichtete Religion aufzugeben und ein Leben anzunehmen, das ganz auf Gott ausgerichtet ist.

Erst dann können wir die Worte der seligen Jungfrau Maria wirklich zu unseren eigenen machen:

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“ (Lukas 1,38)

Möge dies das Gebet jedes Christen unserer Zeit sein: nicht „Herr, werde so, wie ich Dich haben möchte“, sondern vielmehr: „Herr, verwandle mich in den Menschen, zu dem Du mich erschaffen hast.“

Denn letztlich liegt das Heil nicht darin, einen Gott zu erschaffen, der uns ähnelt, sondern darin, uns nach dem Bild des einen wahren Gottes formen zu lassen, der sich in Jesus Christus offenbart hat, „derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8).

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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