Es gibt Gesten in der Liturgie, die vielen Gläubigen kaum auffallen und doch eine ungeheure geistliche Tiefe in sich tragen. Eine davon ist jener kurze, fast stille Moment, in dem der Priester die Stola nimmt… und sie küsst.
Es mag wie ein unbedeutendes Detail erscheinen. Doch in der Logik des Glaubens enthalten gerade die kleinsten Zeichen oft die größten Geheimnisse. Und diese Geste spricht in besonderer Weise von Liebe, von Hingabe, von heiliger Autorität… und auch von Verantwortung.
Heute wollen wir in die tiefe Bedeutung dieses Aktes eintreten, indem wir seine Geschichte, seine Theologie und vor allem das betrachten, was er uns für unser christliches Leben lehren kann.
Was ist die Stola und warum ist sie so wichtig?
Bevor wir den Kuss verstehen, müssen wir verstehen, was geküsst wird.
Die Stola ist ein Stoffband, das der Priester über seine Schultern legt. Sie ist nicht nur ein Schmuckstück. Sie stellt die priesterliche Vollmacht dar, also die Autorität, die er im Sakrament der Weihe empfangen hat, um in persona Christi zu handeln — in der Person von Jesus Christus.
Schon seit den ersten Jahrhunderten der Katholischen Kirche ist die Stola ein Zeichen des heiligen Dienstes. Diakone tragen sie diagonal; Priester und Bischöfe tragen sie über beide Schultern. In gewisser Weise ist sie das „sanfte Joch“, von dem das Evangelium spricht:
„Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Mt 11,30).
Die Stola symbolisiert keine menschliche Macht, sondern aufopfernden Dienst.
Der Ursprung der Geste: eine bedeutungsvolle Tradition
Der Kuss der Stola ist weder eine improvisierte noch eine neue Geste. Er gehört zur liturgischen Tradition, besonders sichtbar in der außerordentlichen Form des römischen Ritus, aber auch — wenn auch diskreter — in der ordentlichen Form vorhanden.
Wenn der Priester sich ankleidet und die Stola anlegt, betet er:
„Gib mir, Herr, die Stola der Unsterblichkeit zurück, die ich durch die Sünde meines ersten Vaters verloren habe…“
Und in vielen Fällen küsst er sie.
Warum?
Weil in der christlichen Tradition das Küssen von etwas Heiligem ein Akt der Verehrung, der Liebe und der Hingabe ist. Man küsst nicht einen Gegenstand, sondern das, was er darstellt.
So wie der Altar geküsst wird — als Symbol Christi — oder das Evangelium — das lebendige Wort Gottes —, wird die Stola geküsst, weil sie das Priestertum Christi, das dem Diener anvertraut ist, darstellt.
Eine Geste der Liebe… aber auch der heiligen Ehrfurcht
Hier liegt ein entscheidender Schlüssel.
Der Kuss ist nicht nur ein Zeichen der Zuneigung. Er ist auch das Bewusstsein der Größe und der Last der Sendung.
Der Priester küsst die Stola, als würde er sagen:
- „Ich liebe diesen Dienst, den ich empfangen habe“
- „Ich erkenne, dass ich aus mir selbst nicht würdig bin“
- „Ich nehme diese Verantwortung an“
Es ist eine Geste, die Liebe und Demut vereint.
In einer Welt, in der Macht oft als Herrschaft verstanden wird, erinnert die Stola daran, dass wahre christliche Macht darin besteht, zu dienen, zu leiden und sich hinzugeben.
Die theologische Dimension: Christus gleichgestaltet
Der Priester handelt nicht in eigenem Namen. Wenn er die Sakramente feiert, ist es Jesus Christus, der durch ihn handelt.
Deshalb symbolisiert die Stola diese ontologische Gleichgestaltung mit Christus, dem Priester.
Sie zu küssen ist im Grunde ein zutiefst christologischer Akt:
- anzuerkennen, dass das Priestertum von Christus kommt
- zu akzeptieren, sein Werkzeug zu sein
- sich daran zu erinnern, dass alle Gnade von ihm kommt
Die Stola ist kein Zeichen von Prestige, sondern ein Zeichen der Teilnahme am Kreuz.
Ein Aufruf zur Reinheit und zur Übereinstimmung des Lebens
Diese Geste hat auch eine sehr konkrete moralische Dimension.
Der Priester, der die Stola küsst, sagt damit stillschweigend:
„Ich möchte dessen würdig sein, was ich darstelle.“
Denn es genügt nicht, die Stola zu tragen. Man muss entsprechend leben.
In diesem Sinne wird die Geste zu einer stillen Gewissenserforschung:
- Lebe ich entsprechend meiner Berufung?
- Bin ich im Einklang mit dem, was ich feiere?
- Bin ich Christus im Verborgenen treu?
Eine mit Andacht geküsste Stola wird zu einem Ruf zur Heiligkeit.
Und was hat das mit dir zu tun?
Man könnte denken, dass diese Geste nur die Priester betrifft. Doch das stimmt nicht.
Alle Getauften haben in gewisser Weise Anteil am Priestertum von Jesus Christus (das gemeinsame Priestertum der Gläubigen).
Deshalb spricht diese Geste auch zu uns.
1. Das lieben, was Gott dir anvertraut hat
So wie der Priester seine Stola küsst, bist auch du berufen, deine Berufung zu lieben:
- deine Familie
- deine Arbeit
- deine Sendung in der Welt
Nimmst du sie mit Liebe an… oder erträgst du sie mit Resignation?
2. In Übereinstimmung leben
Die Stola erinnert daran, dass es nicht genügt, „christlich zu erscheinen“.
Auch du hast eine „unsichtbare Stola“: deine Taufe.
Lebst du entsprechend dem, was du bist?
3. Den Wert der Gesten neu entdecken
In unserer Kultur hat das Symbolische viel an Kraft verloren. Doch der christliche Glaube ist reich an Zeichen:
- das Knien
- das Kreuzzeichen
- das Küssen eines Kreuzes
Diese Gesten erziehen die Seele.
Der Kuss der Stola lehrt uns, dass wahre Liebe sich auch durch den Körper ausdrückt.
Eine Lehre für unsere Zeit
Wir leben in einer Zeit, die dazu neigt, das Heilige zu banalisieren. Alles scheint relativ, austauschbar, oberflächlich.
Demgegenüber erinnern uns die Liturgie — und Gesten wie diese — daran, dass es Wirklichkeiten gibt, die Ehrfurcht, Stille und Respekt verdienen.
Der Priester, der die Stola küsst, verkündet ohne Worte:
„Das ist nicht irgendetwas. Das gehört Gott.“
Und diese Aussage ist zutiefst gegen den Zeitgeist gerichtet.
Schluss: Der Kuss, der ein Herz offenbart
Der Kuss der Stola ist kein bloßes liturgisches Detail.
Er ist ein Akt voller Bedeutung:
- Liebe zum Dienst
- Treue zu Christus
- Demut vor der Sendung
- Verpflichtung zur Heiligkeit
Es ist eine Geste, die, obwohl sie kurz ist, eine ganze Spiritualität in sich trägt.
Wenn du sie das nächste Mal siehst — oder an sie denkst —, erinnere dich daran, dass der christliche Glaube nicht nur durch Ideen gelebt wird, sondern auch durch sichtbare Zeichen, die uns zum Unsichtbaren führen.
Und vielleicht kannst du in der Stille deine eigene innere Geste machen:
das küssen, was Gott in deine Hände gelegt hat… und es mit Liebe leben.