Das Ziel des Lebens ist nicht die Selbstverwirklichung, sondern die Vereinigung mit Gott: Die große Wahrheit, die unsere Zeit vergessen hat

Wir leben in einer Zeit, die von einer Idee besessen ist: der Selbstverwirklichung.

Von der Werbung bis zu den sozialen Medien, von Selbsthilfebüchern bis hin zu zahllosen Motivationsreden scheint die Botschaft immer dieselbe zu sein: „Finde dich selbst“, „Verwirkliche deine Träume“, „Werde die beste Version deiner selbst“, „Lebe, um dich selbst zu verwirklichen“.

Auf den ersten Blick wirken diese Aussagen positiv. Schließlich: Wer könnte etwas gegen persönliches Wachstum oder die Entfaltung der Talente haben, die Gott uns geschenkt hat?

Doch aus traditionell katholischer Sicht wird eine grundlegende Frage nur selten gestellt:

Was, wenn das letzte Ziel des Lebens nicht darin besteht, uns selbst zu verwirklichen, sondern uns mit Gott zu vereinen?

Diese Frage berührt das Herz der menschlichen Existenz.

Denn wenn das Ziel des Menschen lediglich sein eigenes irdisches Glück ist, dann dreht sich das ganze Leben um das eigene Ich.

Wenn aber das Ziel des Menschen Gott ist, dann verändert sich alles.

Unser Verständnis von Erfolg verändert sich.

Unser Verständnis von Leid verändert sich.

Unsere Art zu lieben verändert sich.

Unser Verständnis von Freiheit verändert sich.

Und vor allem verändert sich unser ewiges Schicksal.


Die große Frage: Warum existieren wir?

Jede Philosophie, jede Religion und jede Weltanschauung versucht, eine wesentliche Frage zu beantworten:

Warum bin ich hier?

Die Antwort, die wir darauf geben, bestimmt unser ganzes Leben.

Die moderne Kultur antwortet gewöhnlich:

„Du bist hier, um glücklich zu sein.“

„Du bist hier, um dich selbst zu verwirklichen.“

„Du bist hier, um dein Potenzial auszuschöpfen.“

Die Kirche jedoch hat immer etwas weitaus Tieferes gelehrt.

Der traditionelle Katechismus des heiligen Pius X. fragte:

„Warum hat Gott uns erschaffen?“

Und er antwortete:

„Gott hat uns erschaffen, damit wir Ihn erkennen, Ihn lieben und Ihm in diesem Leben dienen und Ihn im anderen Leben ewig genießen.“

Diese Antwort enthält eine ganze geistliche Revolution.

Wir wurden nicht für uns selbst erschaffen.

Wir wurden für Gott erschaffen.

Wir sind nicht das Zentrum des Universums.

Gott ist das Zentrum.

Wir sind nicht das Ziel.

Wir sind Geschöpfe, die auf ihren Schöpfer hin ausgerichtet sind.


Die Tragödie des modernen Menschen: Leben, ohne zu wissen, wohin man geht

Eine der größten Tragödien unserer Zeit besteht darin, dass Millionen von Menschen ihr letztes Ziel aus den Augen verloren haben.

Sie haben Ziele.

Sie haben Projekte.

Sie haben Ambitionen.

Aber sie haben keine Richtung.

Es ist möglich, Reichtum anzuhäufen und sich dennoch leer zu fühlen.

Es ist möglich, berühmt zu werden und dennoch unglücklich zu sein.

Es ist möglich, alle Träume zu verwirklichen und dennoch festzustellen, dass das Herz unbefriedigt bleibt.

Warum?

Weil im Menschen ein unendliches Verlangen existiert.

Und keine endliche Wirklichkeit kann ein unendliches Verlangen erfüllen.

Wie der heilige Augustinus schrieb:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“

Dieser Satz fasst die gesamte christliche Anthropologie zusammen.

Das menschliche Herz wurde für Gott geschaffen.

Deshalb bleibt alles andere unzureichend, wenn es Seinen Platz einnimmt.


Der Unterschied zwischen Selbstverwirklichung und Heiligkeit

Hier müssen wir eine wichtige Unterscheidung treffen.

Die Kirche ist nicht gegen menschliches Wachstum.

Sie ist nicht gegen die Entfaltung von Talenten.

Sie ist nicht gegen Bildung, Arbeit, Familiengründung oder das Erreichen legitimer Ziele.

Was sie ablehnt, ist, diese Dinge zum letzten Sinn der Existenz zu machen.

Die moderne Selbstverwirklichung sagt:

„Werde der, der du sein willst.“

Die christliche Spiritualität sagt:

„Werde der, zu dem Gott dich erschaffen hat.“

Das scheint ein kleiner Unterschied zu sein.

In Wirklichkeit ist er gewaltig.

Die erste Sichtweise stellt den menschlichen Willen in den Mittelpunkt.

Die zweite stellt den göttlichen Willen in den Mittelpunkt.

Die erste fragt:

„Was will ich?“

Die zweite fragt:

„Was will Gott von mir?“

Die erste sucht die Erhöhung des Individuums.

Die zweite sucht die Heiligkeit.

Und die Heiligkeit ist jeder Form menschlichen Erfolges unendlich überlegen.


Jesus Christus hat niemals Selbstverwirklichung versprochen

Wenn wir die Evangelien ehrlich betrachten, entdecken wir etwas Überraschendes.

Jesus hat niemals gesagt:

„Folge Mir nach, und alle deine Träume werden wahr.“

Er hat niemals Bequemlichkeit versprochen.

Er hat niemals Erfolg versprochen.

Er hat niemals Anerkennung versprochen.

Stattdessen sagte Er:

„Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Lk 9,23)

Diese Worte stehen im direkten Gegensatz zur Denkweise unserer Zeit.

Die moderne Kultur verkündet:

„Verwirkliche dich selbst.“

Christus verkündet:

„Verleugne dich selbst.“

Die Kultur sagt:

„Folge dir selbst.“

Christus sagt:

„Folge Mir.“

Die Kultur sagt:

„Suche deinen eigenen Willen.“

Christus sagt:

„Suche den Willen des Vaters.“


Das Geheimnis der Vereinigung mit Gott

Das letzte Ziel des Menschen besteht nicht einfach darin, sich gut zu verhalten.

Es besteht nicht nur darin, Regeln zu befolgen.

Es besteht nicht nur darin, die Sünde zu vermeiden.

All das ist wichtig, aber es gibt etwas viel Größeres.

Die katholische Theologie lehrt, dass der Mensch dazu berufen ist, am göttlichen Leben teilzuhaben.

Wie der Zweite Petrusbrief lehrt:

„Damit ihr Anteil an der göttlichen Natur erhaltet.“ (2 Petr 1,4)

Diese Aussage ist außergewöhnlich.

Wir wurden nicht nur erschaffen, um Gott aus der Ferne zu bewundern.

Wir wurden erschaffen, um in Gemeinschaft mit Ihm zu leben.

Um an Seinem Leben teilzuhaben.

Um an Seiner Liebe teilzuhaben.

Um in eine verwandelnde Beziehung mit unserem Schöpfer einzutreten.

Die Kirchenväter nannten dies Vergöttlichung oder Theosis, nicht im Sinne, dass wir von Natur aus Götter würden, sondern dass wir durch die Gnade am göttlichen Leben teilhaben.

Dies ist das höchste Schicksal, das man sich vorstellen kann.


Was bedeutet es wirklich, mit Gott vereint zu sein?

Die Vereinigung mit Gott ist keine Emotion.

Sie ist kein vorübergehendes Gefühl.

Sie ist keine psychologische Erfahrung.

Sie ist eine übernatürliche Wirklichkeit.

Sie besteht darin, dass unser Verstand, unser Wille und unser Herz durch die Gnade verwandelt werden.

Das bedeutet, immer mehr wie Christus zu denken.

Immer mehr wie Christus zu lieben.

Immer mehr wie Christus zu handeln.

Immer mehr mit Christus zu leiden.

Und schließlich ewig mit Christus zu herrschen.

Heiligkeit besteht nicht darin, unserem Leben etwas Äußerliches hinzuzufügen.

Sie besteht darin, Gott zu erlauben, unser Leben von innen heraus zu verwandeln.


Die Falle einer auf das Ich ausgerichteten Spiritualität

Selbst in religiösen Kreisen gibt es eine gefährliche Versuchung.

Gott um unseretwillen zu suchen.

Geistliche Erfahrungen zu suchen, um sich gut zu fühlen.

Das Gebet zu suchen, um Frieden zu erlangen.

Die Religion zu suchen, um Probleme zu lösen.

All diese Dinge können legitim sein.

Aber sie sind nicht das Zentrum.

Gott ist das Zentrum.

Wahre Liebe geht immer über sich selbst hinaus.

Deshalb suchten die Heiligen Gott selbst dann, wenn sie nichts fühlten.

Sie liebten Gott selbst in der Dunkelheit.

Sie blieben treu, selbst wenn das Gebet trocken erschien.

Denn sie hatten eine wesentliche Wahrheit verstanden:

Der Glaube besteht nicht darin, Gott für unser Glück zu benutzen.

Er besteht darin, uns Gott hinzugeben, weil Er es verdient, geliebt zu werden.


Die Heiligen: Männer und Frauen, die ihre Erfüllung fanden, weil sie aufhörten, sich selbst zu suchen

In der Geschichte der Kirche gibt es ein faszinierendes Paradox.

Die erfülltesten Menschen der Geschichte sind gerade diejenigen, die aufgehört haben, ihre eigene Erfüllung zu suchen.

Denken wir an Franz von Assisi.

Er verzichtete auf Reichtum.

Er verzichtete auf Ansehen.

Er verzichtete auf Macht.

Und dennoch erreichte er eine außergewöhnliche geistliche Fülle.

Denken wir an Teresa von Ávila.

Denken wir an Johannes vom Kreuz.

Denken wir an Mutter Teresa.

Sie alle fanden ihr Glück genau in dem Moment, als sie aufhörten, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Denn der Mensch wurde geschaffen, um zu lieben.

Und wer wirklich liebt, übersteigt immer sein eigenes Ego.


Das Kreuz: Der Weg, den die Welt nicht versteht

Einer der schwierigsten Aspekte für die moderne Denkweise ist der erlösende Wert des Kreuzes.

Die heutige Kultur betrachtet Leiden als etwas völlig Sinnloses.

Das Christentum lehrt etwas anderes.

Es sucht das Leiden nicht um seiner selbst willen.

Aber es erkennt an, dass Leiden, wenn es mit Christus vereint wird, zu einem Weg der Heiligung werden kann.

Das Kreuz ist nicht das Scheitern der Liebe Gottes.

Es ist ihre höchste Offenbarung.

Deshalb weiß der Christ, dass selbst die schmerzhaftesten Momente zu Gelegenheiten einer tieferen Vereinigung mit dem Herrn werden können.


Die Eucharistie: Die Vereinigung mit Gott als Sakrament

Wenn es einen Ort gibt, an dem diese Vereinigung in diesem Leben eine einzigartige Intensität erreicht, dann ist es die Heilige Eucharistie.

In der Heiligen Kommunion empfangen wir nicht einfach einen Segen.

Wir empfangen kein Symbol.

Wir empfangen keine Erinnerung.

Wir empfangen Christus selbst.

Leib.

Blut.

Seele.

Und Gottheit.

Jede würdig empfangene Kommunion vertieft unsere Vereinigung mit Gott wirklich.

Deshalb dreht sich das echte geistliche Leben um den Altar.

Die Eucharistie ist kein Zusatz.

Sie ist das Herz des christlichen Lebens.


Praktische Anwendungen für das tägliche Leben

Die Vereinigung mit Gott ist keine Theorie, die nur für Klöster bestimmt ist.

Sie hat konkrete Folgen für jeden Menschen.

Bei der Arbeit

Wir arbeiten nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern um Gott zu verherrlichen.

In der Familie

Wir lieben unseren Ehepartner und unsere Kinder als Teilhabe an der göttlichen Liebe.

Im Leiden

Wir bringen unsere Kreuze dar, indem wir sie mit dem Leiden Christi vereinen.

Bei Entscheidungen

Wir fragen:

„Was will Gott von mir?“

bevor wir fragen:

„Wonach ist mir gerade?“

Im Gebet

Wir suchen die Begegnung mit Gott, nicht bloß ein besseres Gefühl.

Im Umgang mit sozialen Medien

Wir erinnern uns daran, dass unsere Identität nicht von „Likes“ abhängt, sondern davon, Kinder Gottes zu sein.


Die Sicht auf die Ewigkeit verändert alles

Die moderne Gesellschaft ist vom gegenwärtigen Augenblick besessen.

Der katholische Glaube richtet den Blick auf die Ewigkeit.

Alles vergeht.

Die Jugend vergeht.

Die Schönheit vergeht.

Die Gesundheit vergeht.

Der Reichtum vergeht.

Der Erfolg vergeht.

Die Moden vergehen.

Die Ideologien vergehen.

Aber Gott bleibt.

Und die menschliche Seele ist dazu bestimmt, für immer bei Ihm zu bleiben.

Deshalb weiß der Christ, dass wahres Scheitern nicht darin besteht, Geld, Ansehen oder Macht zu verlieren.

Das wahre Scheitern wäre es, die Freundschaft mit Gott zu verlieren.

Und der wahre Sieg besteht nicht darin, die Welt zu erobern.

Er besteht darin, die Heiligkeit zu erlangen.


Schlussfolgerung: Nur Gott kann das menschliche Herz erfüllen

Die große Lüge unserer Zeit besteht darin, uns glauben zu machen, dass wir Erfüllung finden, indem wir ständig auf uns selbst schauen.

Die große Wahrheit des Christentums ist genau das Gegenteil.

Wir finden uns selbst, wenn wir aufhören, uns zwanghaft zu suchen.

Wir werden erfüllt, wenn wir aufhören, für uns selbst zu leben.

Wir werden vollständig menschlich, wenn wir für Gott leben.

Das letzte Ziel der Existenz besteht nicht darin, ein perfektes Selbst aufzubauen.

Es besteht nicht darin, Erfahrungen anzuhäufen.

Es besteht nicht darin, eine idealisierte Version unserer selbst zu erreichen.

Es ist etwas unendlich Größeres.

Es ist der Eintritt in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.

Es ist, Ihn mit ganzem Herzen zu lieben.

Es ist, uns von Seiner Gnade verwandeln zu lassen.

Es ist, auf die Heiligkeit zuzugehen.

Es ist, uns darauf vorzubereiten, Ihn von Angesicht zu Angesicht in alle Ewigkeit zu schauen.

Denn am Ende des Lebens wird die entscheidende Frage nicht sein, wie viel Erfolg wir hatten, wie viel Geld wir verdient haben oder wie viele Träume wir verwirklicht haben.

Die entscheidende Frage wird sein:

Haben wir gelernt, Gott über alles zu lieben?

Und in der Antwort auf diese Frage liegt nicht nur der Sinn unseres Lebens, sondern auch unser ewiges Schicksal.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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