Wer sind diejenigen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten?

Das brennende Verlangen nach Heiligkeit, das die Seele verwandelt

Unter den tiefsten und anspruchsvollsten Worten, die aus den Lippen unseres Herrn Jesus Christus hervorgingen, finden wir eine Seligpreisung, die oft missverstanden oder auf ein einfaches Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit oder menschlichem Gleichgewicht reduziert wird. Doch ihre Bedeutung ist weit höher, tiefer und übernatürlicher.

Christus sagte in der Bergpredigt:

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden“ (Matthäus 5,6).

Diese Worte sprechen nicht einfach von denen, die wünschen, dass die Welt nach menschlichen Maßstäben gerechter werde, noch nur von denen, die gegen soziale Ungerechtigkeit kämpfen — obwohl auch das seinen Platz hat —, sondern vor allem von jenen, die innerlich brennen, ohne Unterlass in der Gnade Gottes, in der Heiligkeit und in der beständigen Ausübung guter Werke zu wachsen.

Nach Gerechtigkeit hungern und dürsten jene, die innig danach verlangen, Gott zu gefallen, die Sünde zu überwinden, in Freundschaft mit dem Herrn zu leben und ständig auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten.

Diese Seligpreisung beschreibt keine vorübergehende Emotion, sondern eine bleibende Haltung der Seele.

Heute mehr denn je, in einer Gesellschaft, die Gerechtigkeit mit vergänglichen Ideologien und Moral mit persönlichen Meinungen verwechselt hat, müssen wir den wahren Sinn dieser evangelischen Lehre wiederentdecken.

Denn die Gerechtigkeit, von der Christus spricht, ist nicht zuerst politisch: sie ist geistlich.

Und dieser Hunger wird nicht durch den Applaus der Welt gestillt, sondern durch den Besitz Gottes.


Die Gerechtigkeit nach dem Evangelium

Wenn wir das Wort „Gerechtigkeit“ hören, denken wir gewöhnlich an Gerichte, Gesetze, Strafen oder Menschenrechte. Doch in der biblischen Sprache, besonders im Evangelium, bedeutet Gerechtigkeit etwas weit Höheres.

Gerechtigkeit im evangelischen Sinn ist die Rechtschaffenheit der Seele vor Gott.

Es bedeutet, nach Seinem Willen zu leben.

Es bedeutet, Gott das zu geben, was Ihm gebührt: Anbetung, Gehorsam, Liebe, Treue und Hingabe.

Es bedeutet auch, dem Nächsten das zu geben, was wir ihm schulden: Nächstenliebe, Wahrheit, Respekt und Barmherzigkeit.

Vor allem aber bedeutet es, im Stand der Gnade zu sein.

Eine gerechte Seele ist eine Seele, die mit Gott vereint ist.

Darum spricht Christus, wenn Er davon spricht, nach Gerechtigkeit zu hungern und zu dürsten, vom brennenden Verlangen nach Heiligkeit.

Der heilige Augustinus erklärte, dass dieser Hunger die Sehnsucht nach geistlicher Vollkommenheit ist, jene heilige Unzufriedenheit, die den Christen niemals mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden sein lässt.

Es genügt nicht einfach, „nichts Böses zu tun“.

Die Seele, die Gott wirklich liebt, will alles Gute tun, das möglich ist.

Sie will wachsen.

Sie will Christus ähnlicher werden.

Sie will ganz für den Himmel leben.

Das ist der wahre Hunger.

Das ist der wahre Durst.


Hunger und Durst: Ein intensives, nicht oberflächliches Verlangen

Jesus sagte nicht einfach:

„Selig, die Gerechtigkeit begehren“

sondern:

„die hungern und dürsten“.

Und das verändert den Sinn vollkommen.

Hunger und Durst sind lebensnotwendige Bedürfnisse.

Sie sind keine Launen.

Sie sind keine Vorlieben.

Sie sind keine optionalen Hobbys.

Sie sind tiefe Dringlichkeiten.

Wer wirklich hungrig ist, denkt an Nahrung.

Wer wirklich durstig ist, sucht verzweifelt nach Wasser.

So muss das Verlangen nach Heiligkeit in der christlichen Seele sein.

Nicht wie eine schöne Idee.

Nicht wie eine gelegentliche Praxis.

Nicht wie eine Sonntagsgewohnheit.

Sondern wie eine innere Notwendigkeit.

Viele wollen Gott … aber ohne zu viel Mühe.

Viele wünschen sich den Himmel … aber ohne auf die Sünde zu verzichten.

Viele bewundern die Heiligkeit … aber wollen nicht das Opfer, das sie verlangt.

Das ist kein Hunger.

Das ist kein Durst.

Der wahre Jünger Christi erfährt eine heilige Unruhe.

Er weiß, dass er noch zu wenig liebt.

Er weiß, dass er noch zu wenig betet.

Er weiß, dass er noch zu wenig gibt.

Und deshalb verlangt er nach mehr.

Er gibt sich nicht zufrieden.

Er richtet sich nicht bequem ein.

Er verhandelt nicht mit der Lauheit.

Er ist hungrig.

Er ist durstig.

Er dürstet nach Gott.

Wie der Psalmist sagte:

„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Psalm 42,2).


Die Tradition der Kirche und diese Seligpreisung

Die Kirchenväter und die großen geistlichen Lehrer haben diese Seligpreisung immer im Licht der inneren Heiligkeit verstanden.

Der heilige Thomas von Aquin lehrt, dass dieser Hunger nach Gerechtigkeit das Verlangen nach vollkommener Tugend und nach der vollständigen Erfüllung des göttlichen Willens ist.

Es geht nicht einfach darum, die Todsünde zu vermeiden, sondern danach zu streben, die Fülle der Liebe zu erreichen.

Der heilige Johannes Chrysostomus betonte, dass Christus nicht jene lobt, die Gerechtigkeit kalt praktizieren, sondern jene, die sie mit Leidenschaft begehren.

Es ist eine Gerechtigkeit, die mit innerem Feuer gelebt wird.

Nicht aus Pflicht.

Nicht aus äußerem Schein.

Sondern aus Liebe.

Der heilige Gregor der Große erklärte, dass derjenige, der die göttliche Gerechtigkeit wirklich liebt, Schmerz über seine eigenen Unvollkommenheiten empfindet und unaufhörlich nach einer größeren Vereinigung mit Gott verlangt.

Darum fühlten sich die Heiligen niemals „gut genug“.

Je näher sie Gott waren, desto bewusster waren sie sich, wie viel ihnen noch an Liebe fehlte.

Nicht weil sie in Angst lebten, sondern weil wahre Liebe immer wachsen will.

Der Mittelmäßige hält sich selbst für heilig.

Der Heilige weiß, wie sehr er Gott braucht.


Die falsche Gerechtigkeit der modernen Welt

Wir leben in einer Zeit, die ständig von Gerechtigkeit spricht, aber Gott oft völlig vergessen hat.

Soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Gerechtigkeit, politische Gerechtigkeit, historische Gerechtigkeit werden gefordert … aber die Gerechtigkeit der Seele wird vergessen.

Man prangert die Sünden der anderen an, aber rechtfertigt die eigenen.

Man fordert öffentliche Moral, aber lehnt die persönliche Umkehr ab.

Man verteidigt Menschenrechte, aber verachtet das göttliche Gesetz.

Das schafft große Verwirrung.

Denn ohne Gott wird Gerechtigkeit schließlich durch Macht, Mode oder die herrschende Ideologie neu definiert.

Heute nennt man gut, was gestern böse genannt wurde.

Und umgekehrt.

Doch die Gerechtigkeit Christi verändert sich nicht.

Sie hängt nicht von Umfragen ab.

Sie hängt nicht von Regierungen ab.

Sie hängt nicht von kulturellen Trends ab.

Sie hängt von der ewigen Wahrheit ab.

Nach Gerechtigkeit zu hungern und zu dürsten bedeutet, nach dieser Wahrheit leben zu wollen, auch wenn die Welt sie ablehnt.

Es bedeutet, die Treue zu Gott dem Beifall der Menschen vorzuziehen.

Es bedeutet, die Wahrheit zu verteidigen, auch wenn es etwas kostet.

Es bedeutet, das Kreuz dem Komfort vorzuziehen.

Und das verlangt Mut.


Hunger nach Gnade: Ständig wachsen

„Nach Gerechtigkeit hungern und dürsten jene, die brennend danach verlangen, ständig in der göttlichen Gnade und in der Ausübung guter Werke zu wachsen.“

Dieser Ausdruck fasst wunderbar den tiefen Sinn dieser Seligpreisung zusammen.

Es genügt nicht, die Gnade empfangen zu haben.

Man muss in ihr wachsen.

Das geistliche Leben ist nicht statisch.

Entweder wir schreiten voran oder wir gehen zurück.

Neutralität existiert nicht.

Der Christ, der aufhört zu kämpfen, beginnt zu erkalten.

Darum hat die Kirche immer auf der Notwendigkeit der ständigen Umkehr bestanden.

Jede gute Beichte.

Jede andächtige Kommunion.

Jeder Akt der Nächstenliebe.

Jedes verborgene Opfer.

Jeder Kampf gegen eine ungeordnete Leidenschaft.

Jeder Akt der Geduld.

Jeder Verzicht aus Liebe zu Gott.

All das lässt die Seele wachsen.

Und wer nach Gerechtigkeit hungert, verlangt genau danach:

nicht dort zu bleiben, wo er ist.

Er will mehr Reinheit.

Mehr Demut.

Mehr Gebet.

Mehr Liebe.

Mehr Wahrheit.

Mehr Christus.

Nicht aus menschlichem Perfektionismus, sondern aus übernatürlicher Liebe.


Gute Werke: Die Frucht dieses heiligen Hungers

Der wahre Hunger nach Gerechtigkeit bleibt nicht in inneren Gefühlen stehen.

Er bringt sichtbare Früchte hervor.

Die Seele, die Gott begehrt, handelt.

Sie liebt.

Sie dient.

Sie vergibt.

Sie leistet Wiedergutmachung.

Sie hilft.

Sie evangelisiert.

Sie opfert sich.

Sie gehorcht.

Sie verharrt treu.

Gute Werke sind kein optionaler Schmuck des Glaubens.

Sie sind seine natürliche Folge.

Wie Jakobus sagt:

„Der Glaube ohne Werke ist tot“ (Jakobus 2,26).

Nicht weil Werke das Heil „erkaufen“, sondern weil ein lebendiger Glaube das Leben notwendigerweise verwandelt.

Wer nach Heiligkeit hungert, fragt nicht:

„Was ist das Minimum, das ich tun muss?“

sondern vielmehr:

„Herr, was kann ich Dir noch mehr geben?“

Diese Veränderung der Frage verändert alles.

Die laue Seele sucht das Minimum.

Die verliebte Seele sucht das Maximum.

Die Heiligen waren keine Männer und Frauen des Minimums.

Sie waren Seelen, die vom Verlangen, Gott zu gefallen, verzehrt wurden.


Wie weiß ich, ob ich nach Gerechtigkeit hungere und dürste?

Diese Frage ist notwendig.

Denn wir können jahrelang in der Kirche leben und dennoch in einer bequemen geistlichen Mittelmäßigkeit verharren.

Einige Zeichen dieses heiligen Hungers sind:

Echten Schmerz über die Sünde empfinden.

Den Wunsch haben, gut und häufig zu beichten.

Wirkliche Zeiten des Gebets suchen.

Den Glauben besser kennenlernen wollen.

Ernsthaft gegen persönliche Fehler kämpfen.

Sich nicht mit einer oberflächlichen Religion zufriedengeben.

Ein Verlangen nach der Eucharistie haben.

Die Wahrheit lieben, auch wenn sie unbequem ist.

Den Willen Gottes über die eigenen Launen stellen.

Spüren, dass noch viel zu lieben bleibt.

Es geht nicht um sofortige Vollkommenheit.

Es geht um eine innere Ausrichtung.

Um eine tiefe Orientierung des Herzens.

Wer nach Gerechtigkeit hungert, kann fallen, aber er kehrt zurück.

Er kann müde werden, aber er macht weiter.

Er kann weinen, aber er gibt nicht auf.

Denn er weiß, dass es außerhalb Gottes kein wahres Leben gibt.


„Denn sie werden gesättigt werden“

Christus verspricht keinen leichten Weg.

Er verspricht Fülle.

„Denn sie werden gesättigt werden“.

Er sagt nicht „beklatscht“.

Er sagt nicht „verstanden“.

Er sagt nicht „bewundert“.

Er sagt „gesättigt“.

Und das ist unendlich größer.

Die Welt bietet Vergnügungen an, die unterhalten, aber nicht sättigen.

Erfolg.

Geld.

Prestige.

Macht.

Anerkennung.

All das lässt das Herz leer zurück, wenn es den Platz Gottes einnimmt.

Nur Gott sättigt.

Nur die Wahrheit sättigt.

Nur die Heiligkeit sättigt.

Nur Christus kann den Abgrund des menschlichen Herzens erfüllen.

Und diese Fülle beginnt schon hier, wenn auch unvollkommen, und wird ihre volle Vollendung im Himmel erreichen.

Diejenigen, die auf Erden nach Gott hungerten, werden in der seligen Gottesschau ewig gesättigt werden.

Dort wird es keinen Kampf mehr geben.

Keine Sünde mehr.

Keinen Durst mehr.

Denn Gott wird alles in allem sein.


Ein dringender Ruf für unsere Zeit

Wir leben in Zeiten geistlicher Lauheit.

Viele Getaufte überleben religiös, aber sie brennen innerlich nicht.

Das Bewusstsein für den geistlichen Kampf ist verloren gegangen.

Mittelmäßigkeit wurde normalisiert.

Die Ansprüche des Evangeliums wurden herabgesetzt.

Doch Christus hat Seine Jünger nicht zu einem bequemen Glauben berufen.

Er hat sie zur Heiligkeit berufen.

Zur Radikalität der Liebe.

Zum Kreuz.

Zur Vollkommenheit des Vaters.

Heute klingt diese Seligpreisung wie ein dringender Ruf:

Wache auf.

Gib dich nicht zufrieden.

Lebe nicht halbherzig.

Verhandle nicht mit der Sünde.

Reduziere deinen Glauben nicht auf eine gesellschaftliche Gewohnheit.

Sei hungrig.

Sei durstig.

Suche Gott mit deiner ganzen Seele.

Denn wer sich mit wenig zufriedengibt, verliert am Ende alles.

Und wer alles für Christus hingibt, gewinnt alles.


Schlussfolgerung: Der heilige Nicht-Konformismus des Christen

Nach Gerechtigkeit zu hungern und zu dürsten bedeutet, mit einer heiligen Unzufriedenheit zu leben.

Nicht mit einer krankhaften Traurigkeit, sondern mit einer Liebe, die so groß ist, dass sie sich niemals zufriedengibt.

Es bedeutet zu wissen, dass Gott mehr verdient.

Dass wir mehr lieben können.

Dass wir heiliger werden können.

Dass noch Weg vor uns liegt.

Es ist der Nicht-Konformismus der Heiligen.

Es ist die Sehnsucht nach dem Himmel.

Es ist das tiefe Verlangen, dass Christus vollständig in der Seele herrscht.

Die Welt lehrt uns, uns zufriedenzugeben.

Christus lehrt uns, das Unendliche zu begehren.

Und deshalb müssen wir uns heute ehrlich fragen:

Habe ich wirklich Hunger nach Gott?

Habe ich wirklich Durst nach Heiligkeit?

Oder habe ich mich an einen lauen und bequemen Glauben gewöhnt?

Die Antwort auf diese Frage kann ein ganzes Leben verändern.

Denn die Heiligen waren keine außergewöhnlichen Menschen von Natur aus.

Sie waren Menschen, die Hunger hatten.

Und sie hörten nie auf zu suchen, bis sie in Gott gesättigt wurden.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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