„Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ (Genesis 28,17)
Einleitung: Wenn Kirchen nicht mehr wie Kirchen aussehen
Wir leben in einer Zeit, in der nahezu alles nach einem einzigen Kriterium entworfen wird: dem Nutzen. Häuser sollen funktional sein, Autos effizient, Büros flexibel und Krankenhäuser praktisch. Der Funktionalismus hat alle Bereiche des modernen Lebens durchdrungen und ist beinahe zu einer eigenen Philosophie geworden.
Das Problem beginnt, wenn diese Denkweise auch in die sakrale Architektur eindringt.
Jahrhundertelang erkannte jeder Mensch – selbst wenn er kein Christ war – beim Anblick einer Kirche sofort, dass dieses Gebäude etwas Besonderes war. Ihre Türme wiesen zum Himmel. Ihre Mauern sprachen von der Ewigkeit. Ihre Buntglasfenster verwandelten das Licht in Katechese. Ihre Altäre verkündeten das Geheimnis des Opfers Christi.
Heute hingegen ist es nicht ungewöhnlich, dass neu errichtete Kirchen mit Auditorien, Kulturzentren, Museen, Konferenzsälen oder Verwaltungsgebäuden verwechselt werden könnten. Viele von ihnen haben das verloren, was sie einst unverkennbar heilig machte.
Dabei handelt es sich nicht lediglich um eine Frage des künstlerischen Geschmacks.
Architektur ist niemals neutral.
Gebäude lehren.
Die Steine sprechen.
Und wenn die Steine aufhören, von Gott zu sprechen, beginnen sie, vom Menschen zu sprechen.
Dieses Phänomen ist kein Zufall. Es ist der sichtbare Ausdruck einer tiefgreifenden theologischen Veränderung, die das Verständnis der Liturgie, der Gegenwart Gottes, des Priestertums und sogar des Wesens der Kirche selbst verändert hat.
Diese Wirklichkeit zu verstehen, ist unerlässlich, wenn wir den wahren Sinn des christlichen Gotteshauses wiederentdecken wollen.
Gott hat niemals den Bau eines bloßen Versammlungsraumes angeordnet
Eine der heute am häufigsten vertretenen Auffassungen lautet, dass „das Wichtigste die Menschen seien“ und das Gebäude selbst letztlich kaum Bedeutung habe.
Die Heilige Schrift zeigt jedoch ein völlig anderes Bild.
Als Gott Mose befiehlt, das Bundeszelt zu errichten, überlässt Er praktisch kein einziges Detail dem Zufall.
Mehrere Kapitel des Buches Exodus widmen sich ausführlichen Anweisungen über:
- die Maße;
- die Materialien;
- die Farben;
- die Stickereien;
- die kostbaren Metalle;
- die Ausrichtung;
- die liturgischen Geräte;
- die Bundeslade;
- den Vorhang;
- den Altar.
Nichts geschieht zufällig.
Gott sagt nicht:
„Errichtet einen bequemen Ort, an dem ihr euch versammeln könnt.“
Vielmehr beschreibt Er bis ins Einzelne, wie Seine Wohnstatt gebaut werden soll.
Dasselbe geschieht später beim Tempel Salomos.
Die Pracht dieses Bauwerks sollte nicht die Menschen beeindrucken, sondern – soweit es einem geschaffenen Werk möglich ist – die unendliche Majestät des Schöpfers widerspiegeln.
Denn Gott verdient das Beste.
Immer.
Die christliche Kirche: Weit mehr als ein Versammlungssaal
Mit der Menschwerdung Christi und später mit der Eucharistie tritt eine noch wunderbarere Wirklichkeit hervor.
Gott wohnt nicht mehr nur auf symbolische Weise.
Er ist wahrhaft gegenwärtig.
Die katholische Lehre bekennt, dass Jesus Christus im Tabernakel wahrhaft, wirklich und wesentlich gegenwärtig ist.
Nicht als Symbol.
Nicht als Darstellung.
Nicht als bloße Erinnerung.
Sondern Christus selbst.
Das verändert alles.
Wenn schon die Bundeslade des Alten Bundes wegen der Tafeln des Gesetzes mit solcher Ehrfurcht behandelt wurde, wie viel würdiger muss dann der Ort sein, an dem Gott selbst, Mensch geworden, wirklich gegenwärtig ist?
Aus diesem Grund entwickelte die christliche Architektur im Laufe von nahezu zwanzig Jahrhunderten ihre eigene Sprache, um diese Wahrheit sichtbar zum Ausdruck zu bringen.
Alles führte zum Altar.
Alles lud zur Stille ein.
Alles erinnerte an die Transzendenz.
Alles verkündete die göttliche Gegenwart.
Die Kirche war nicht einfach irgendein Gebäude.
Sie war ein Stück Himmel auf Erden.
Der heilige Thomas von Aquin und die Sprache der Schönheit
Der heilige Thomas lehrt, dass die Schönheit zu den Transzendentalien des Seins gehört.
Obwohl er sich systematisch vor allem mit dem Guten und dem Wahren beschäftigt, versteht die gesamte thomistische Tradition die Schönheit als Offenbarung der Vollkommenheit des Seins.
Das Schöne zieht den Menschen an, weil es etwas von Gott widerspiegelt.
Es ist kein Luxus.
Es ist eine geistliche Notwendigkeit.
Die Schönheit erhebt die Seele zu ihrem Schöpfer.
Deshalb waren die mittelalterlichen Kirchen nicht bloß Kunstdenkmäler.
Sie waren wahre theologische Abhandlungen aus Stein.
Jeder Spitzbogen erhob den Blick nach oben.
Jedes Gewölbe ließ die Unendlichkeit erahnen.
Jeder Kirchturm sprach vom Himmel.
Jedes Buntglasfenster verkündete das Evangelium.
Jedes heilige Bild unterwies selbst jene, die weder lesen noch schreiben konnten.
Die Architektur selbst wurde zu einer stillen Predigt.
Die funktionalistische Revolution
Im 20. Jahrhundert setzte sich eine neue Auffassung von Architektur durch.
Der Funktionalismus fasste seine Philosophie in einem berühmten Satz zusammen:
„Die Form folgt der Funktion.“
Dieses Prinzip mag für eine Fabrik sinnvoll gewesen sein.
Für einen Bahnhof.
Für einen Flughafen.
Für ein Verwaltungsgebäude.
Auf die sakrale Architektur angewandt hatte es jedoch tiefgreifende Folgen.
Wenn eine Kirche lediglich ein Ort ist, an dem sich eine Gemeinschaft versammelt …
dann genügt jeder beliebige Saal.
Das Gebäude verliert seine symbolische Bedeutung.
Die Vertikalität verschwindet.
Kirchtürme werden nicht mehr errichtet.
Kreuzförmige Grundrisse werden durch beliebige Formen ersetzt.
Altäre beginnen gewöhnlichen Esstischen zu ähneln.
Tabernakel werden an Nebenplätze verlegt.
Der Schmuck verschwindet.
Heilige Bilder werden reduziert.
Kruzifixe treten in den Hintergrund.
Die architektonische Stille heiliger Räume weicht neutralen Umgebungen.
Niemand sagt ausdrücklich, dass Gott nicht mehr im Mittelpunkt steht.
Doch das Gebäude selbst beginnt genau dies zu vermitteln.
Wenn Architektur die Theologie verändert
Es gibt eine Wahrheit, welche die großen Baumeister des Mittelalters vollkommen verstanden.
Architektur erzieht.
Noch bevor der Gläubige eine Predigt hört, hat er bereits eine visuelle Katechese empfangen.
Ein Kind, das eine Kathedrale betritt, versteht instinktiv, dass es einen Ort betreten hat, der sich von allen anderen unterscheidet.
Es spürt das Geheimnis.
Es spürt die Stille.
Es spürt die Größe.
Es spürt, dass dort etwas Übernatürliches geschieht.
Wenn jedoch eine Kirche einem modernen Auditorium ähnelt, verändert sich die Wahrnehmung.
Unbewusst versteht der Gläubige diesen Ort lediglich als Versammlungssaal.
Und wenn das Gebäude den Eindruck einer Versammlung vermittelt …
dann beginnt auch die Liturgie wie eine Versammlung zu wirken.
Wenn es den Eindruck einer bloßen Zusammenkunft vermittelt …
wird die heilige Messe psychologisch auf eine Versammlung reduziert.
Die Architektur formt letztlich den Glauben.
Der Altar oder die Bühne?
Eine der bedeutendsten Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts ist die sichtbare Umgestaltung des Altars.
Traditionell hob sich der Altar deutlich vom übrigen Kirchenraum ab.
Er war durch mehrere Stufen erhöht.
Er wurde von einem prächtigen Hochaltar oder Retabel gekrönt.
Das Kruzifix beherrschte das gesamte liturgische Geschehen.
Alles machte deutlich, dass dort das Opfer von Golgotha sakramental gegenwärtig wurde.
Heute erscheint der Altar in vielen modernen Kirchen isoliert auf einer Plattform, die einer Bühne ähnelt.
Die Anordnung der liturgischen Ausstattung erinnert häufig an einen Vortragssaal, in dem der Blick auf denjenigen gerichtet ist, der spricht, und nicht auf das Geheimnis, das gefeiert wird.
Aus traditionell katholischer Sicht geht diese Veränderung weit über eine bloße ästhetische Frage hinaus. Der christliche Altar repräsentiert Christus selbst und ist der Ort des eucharistischen Opfers. Die Gestaltung des Altarraums sollte daher die Anbetung, die Sammlung und das tiefe Bewusstsein fördern, dass sich in der heiligen Messe ein Geheimnis vollzieht, das jede rein menschliche Versammlung unendlich übersteigt.
Der Verlust der Symbolsprache
Die christliche Architektur hat Symbole niemals lediglich als Dekoration verwendet.
Alles hatte eine Bedeutung.
Die Ausrichtung nach Osten erinnerte an die Erwartung der glorreichen Wiederkunft Christi.
Die zwölf Säulen verwiesen auf die zwölf Apostel.
Die drei Portale sprachen von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.
Das Kreuz bestimmte den gesamten Grundriss.
Die Glocken verkündeten die Gegenwart Gottes.
Das Licht symbolisierte die Gnade.
Der Weihrauch stellte die Gebete dar, die zum Himmel aufsteigen.
Selbst die mathematischen Proportionen brachten Harmonie und Ordnung zum Ausdruck.
In vielen modernen Kirchen ist diese symbolische Sprache nahezu vollständig verschwunden.
Die Folge ist offensichtlich:
Die Kirche lehrt nicht mehr.
Und wenn das Gotteshaus keine sichtbare Katechese mehr vermittelt, wird auch die Weitergabe des Glaubens ärmer.
Das Gotteshaus offenbart, wer Gott ist
Die klassische Theologie lehrt, dass Gott Eigenschaften besitzt, die zu seinem eigenen Wesen gehören: Er ist einfach, vollkommen, ewig, unendlich, unveränderlich, allmächtig, allwissend und die höchste Schönheit.
Diese Eigenschaften sind keine abstrakten philosophischen Begriffe. Sie sollten sich – soweit es möglich ist – in der Verehrung widerspiegeln, die die Kirche Gott darbringt.
Eine Kirche, die ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Funktionalität entworfen wurde, läuft Gefahr, ein verkleinertes Bild Gottes zu vermitteln: menschlich nah, aber ohne Transzendenz; zugänglich, aber ohne Geheimnis; gegenwärtig, aber ohne Majestät.
Die katholische Tradition, erleuchtet durch das Denken des heiligen Thomas von Aquin, erinnert daran, dass der Gottesdienst der Würde dessen entsprechen muss, dem er dargebracht wird. Wenn Gott selbst die Schönheit, die Wahrheit und das Gute ist, dann darf die Architektur, die seiner Anbetung dient, diesen Wirklichkeiten gegenüber nicht gleichgültig sein.
Alte Kirchen evangelisieren selbst dann, wenn sie leer sind
Millionen von Menschen haben ihren Weg der Bekehrung begonnen, indem sie einfach eine Kathedrale betraten.
Ohne Katechese.
Ohne Predigt.
Ohne Musik.
Allein durch das Schauen.
Die Schönheit öffnet einen Spalt im menschlichen Herzen.
Deshalb sagte Papst Benedikt XVI., dass die wahre Schönheit die Seele des Menschen innerlich verwundet und sie zu Gott hinführt.
Eine wahrhaft heilige Kirche predigt auch dann noch, wenn sie leer ist.
Ihre Steine verkünden weiterhin das Evangelium.
Ihre Mauern verkünden weiterhin die Herrlichkeit Gottes.
Ihre Stille spricht.
Geht es lediglich um eine Frage des Geldes?
Manche behaupten, der Bau schöner Kirchen sei eine unnötige Ausgabe.
Die Geschichte beweist jedoch das Gegenteil. Viele der Kirchen, die heute Bewunderung hervorrufen, wurden durch die Opferbereitschaft einfacher Menschen errichtet, die ihre Zeit, ihre Arbeit, ihre Materialien und ihre Spenden großzügig hingaben, weil sie verstanden hatten, dass nichts für das Haus Gottes zu kostbar sein kann.
Die entscheidende Frage ist nicht Luxus, sondern Würde.
Eine Kirche kann schlicht sein und dennoch zutiefst heilig, wenn ihre Gestaltung die Zentralität Christi, die Würde des Altars, die Bedeutung des Tabernakels und die der katholischen Glaubenstradition eigene Symbolsprache zum Ausdruck bringt.
Evangelische Armut hat niemals bedeutet, den göttlichen Kult zu vernachlässigen.
Pastorale Anwendungen für unsere Zeit
Angesichts einer Kultur, die von Unmittelbarkeit und Nützlichkeitsdenken beherrscht wird, kann das christliche Gotteshaus erneut zu einem prophetischen Zeichen werden.
Dazu ist es notwendig, einige konkrete Haltungen wiederzuentdecken:
- Die Kirche mit dem Bewusstsein betreten, sich in der wirklichen Gegenwart Christi zu befinden.
- Die Stille als Ausdruck der Anbetung bewahren.
- Die Katechese über die Symbolik und die Bedeutung der sakralen Architektur fördern.
- Das künstlerische und liturgische Erbe der Kirche als kraftvolles Mittel der Evangelisierung wertschätzen.
- Die Erhaltung und Restaurierung historischer Kirchen unterstützen.
- Wann immer es möglich ist, architektonische Projekte fördern, die Schönheit, Symbolik und Treue zur liturgischen Tradition der Kirche miteinander verbinden.
Die Schönheit ersetzt den Glauben nicht, doch sie kann das Herz darauf vorbereiten, ihn zu empfangen.
Die Steine sprechen noch immer
Unsere Zeit muss neu entdecken, dass der Glaube nicht nur gehört wird.
Er wird auch geschaut.
Er wird im Duft des Weihrauchs wahrgenommen.
Er wird im Stein berührt.
Er spiegelt sich im Licht wider.
Er wird in der Stille erfahren.
Fast zweitausend Jahre lang hat die Kirche verstanden, dass Evangelisierung auch bedeutet, Schönheit zur Ehre Gottes zu errichten.
Kathedralen, Basiliken, Kapellen und schlichte Dorfkirchen legen bis heute Zeugnis von dieser Überzeugung ab.
Sie wurden nicht lediglich gebaut, um Menschen aufzunehmen.
Sie wurden errichtet, um – noch bevor auch nur ein einziges Wort gesprochen wird – zu verkünden, dass Gott hier gegenwärtig ist.
Wie der Psalmist lehrt:
„Eines habe ich vom Herrn erbeten, danach verlangt mich: im Hause des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens, die Schönheit des Herrn zu schauen und in seinem Tempel zu verweilen.“ (Psalm 27 [26],4)
Mögen unsere Kirchen wieder wahrhaft Häuser Gottes werden, in denen jeder Stein, jede Säule, jedes heilige Bild, jeder Altar und jeder Lichtstrahl das Herz des Menschen auf den hinlenken, der die unendliche Schönheit, die ewige Wahrheit und das höchste Gut ist. Denn wenn Architektur aus dem Glauben geboren wird, bleiben die Steine nicht stumm: Sie verkünden in einer stillen und doch beredten Sprache die Herrlichkeit des lebendigen Gottes und rufen den Menschen dazu auf, seinen Blick zum Himmel zu erheben.