Wir leben in einer Zeit, in der das Individuum zum absoluten Maßstab aller Dinge erhoben wurde. Persönlicher Erfolg, Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit und die Erfüllung der eigenen Wünsche werden häufig als das höchste Ziel der menschlichen Existenz dargestellt. Schon von klein auf lernen wir, dass wir „unseren Träumen folgen“, „das tun sollen, was uns glücklich macht“ und „von niemandem abhängig sein dürfen“. Obwohl diese Aussagen durchaus berechtigte Elemente enthalten, führen sie, wenn sie verabsolutiert werden, letztlich zu einem zutiefst verarmten Menschenbild.
Paradoxerweise wurde das Individuum noch nie so sehr verherrlicht wie heute, und dennoch haben noch nie so viele Menschen unter Einsamkeit, Angst, familiärer Zerrüttung und dem Verlust des Gemeinschaftssinnes gelitten.
Die katholische Kirche bietet, insbesondere durch das Denken der Scholastik, eine außerordentlich aktuelle Antwort auf diese Krise. Dem modernen Individualismus stellt die Scholastik das Gemeinwohl gegenüber – ein zutiefst christliches Konzept, das den Menschen nicht schmälert, sondern ihn gerade zu seiner vollkommenen Entfaltung führt.
Dies ist nicht in erster Linie eine politische, sondern vor allem eine anthropologische, moralische und geistliche Frage.
Denn die große Frage bleibt dieselbe:
Leben wir für uns selbst oder für etwas unendlich Größeres?
Der Mensch wurde niemals geschaffen, um isoliert zu leben
Schon auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift begegnen wir einer grundlegenden Wahrheit.
Gott erschafft den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis (Genesis 1,26), erklärt aber unmittelbar darauf:
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (Genesis 2,18)
Dieser Satz wird häufig ausschließlich auf die Ehe bezogen, doch seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus.
Der Mensch wurde zur Gemeinschaft geschaffen.
Nicht nur mit Gott.
Sondern auch mit den Mitmenschen.
Die gesamte Offenbarung Gottes kreist um einen Bund.
Es gibt keinen Gott, der isolierte Einzelpersonen rettet.
Es gibt das Volk Gottes.
Zuerst Israel.
Dann die Kirche.
Immer Gemeinschaft.
Immer Communio.
Der heilige Paulus entfaltet diese Wahrheit meisterhaft, indem er die Kirche als einen einzigen Leib beschreibt.
„Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat … so ist es auch mit Christus.“ (1 Korinther 12,12)
Kein Glied lebt für sich selbst.
Jedes existiert zum Wohl des ganzen Leibes.
Die Entstehung des Individualismus
Obwohl der Egoismus seit der Erbsünde existiert, ist der moderne Individualismus etwas anderes.
Er besteht nicht einfach darin, zuerst an sich selbst zu denken.
Er ist eine vollständige Philosophie.
Sie behauptet:
- die individuelle Freiheit sei der höchste Wert;
- jeder Mensch bestimme seine eigene Wahrheit;
- die Gesellschaft existiere ausschließlich zum Schutz privater Interessen;
- jede Autorität müsse sich ständig vor dem Individuum rechtfertigen;
- das Gemeinwohl werde mit Misstrauen betrachtet, weil es die persönliche Freiheit einschränken könnte.
Diese Denkweise hat sogar viele christliche Kreise durchdrungen.
Heute leben manche ihren Glauben als reine Privatsache:
„Ich glaube auf meine eigene Weise.“
„Ich brauche die Kirche nicht.“
„Gott weiß doch, wie ich bin.“
„Mein Gewissen entscheidet.“
Doch das Christentum war niemals die Religion des isolierten „Ich“.
Es ist die Religion des „Wir“.
Unser Vater.
Nicht Mein Vater.
Die Antwort der Scholastik
Die Scholastik, insbesondere in der Lehre des heiligen Thomas von Aquin, entwickelt ein zutiefst harmonisches Verständnis der Gesellschaft.
Für den heiligen Thomas besitzt jedes Geschöpf ein Ziel.
Nichts existiert ohne Zweck.
So wie jedes Organ zum Wohl des ganzen Körpers wirkt, nimmt auch jeder Mensch an einem höheren Gut teil.
Dieses höhere Gut nennt man das Gemeinwohl.
Doch Vorsicht.
Das Gemeinwohl bedeutet nicht einfach den Nutzen der Mehrheit.
Ebenso wenig bedeutet es, dass sich der Einzelne blind dem Staat opfern müsse.
Das Gemeinwohl ist die Gesamtheit der Bedingungen, die jedem Menschen ermöglichen, seine sittliche und geistliche Vollkommenheit zu erreichen.
Mit anderen Worten:
Das Gemeinwohl dient jedem Einzelnen gerade deshalb, weil es das Wohl aller sucht.
Das gemeinsame Ziel steht über dem privaten Interesse
Der heilige Thomas lehrt einen Gedanken, der heute beinahe revolutionär erscheint.
Das Gemeinwohl ist höher als das private Wohl.
Warum?
Weil Gott selbst das Universum nach einer geordneten Ordnung regiert.
Alles ist auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet.
Der Mensch erreicht seine Vollkommenheit, indem er an dieser Ordnung teilnimmt.
Nicht indem er gegen sie kämpft.
Ein Vergleich macht dies verständlicher.
Stellen wir uns ein Orchester vor.
Jeder Musiker beherrscht sein Instrument vollkommen.
Wenn aber jeder eine andere Melodie spielt und nur seine eigene Individualität ausdrücken möchte …
dann entsteht ein unerträgliches Chaos.
Schönheit entsteht nur dann, wenn alle an einer höheren Harmonie teilhaben.
Genau so funktioniert auch die Gesellschaft.
Egoismus baut niemals eine Zivilisation auf
Die Geschichte bestätigt diese Lehre.
Die großen Zivilisationen blühten dort auf, wo ein starkes Pflichtbewusstsein herrschte.
Die Familie.
Die Pfarrei.
Die Gemeinde.
Die Zünfte.
Die Universitäten.
Die Klöster.
Sie alle funktionierten, weil die Menschen verstanden, dass sie zu etwas Größerem gehörten als zu sich selbst.
Der Individualismus zerstört diese Bindungen.
Wenn jeder nur noch seinen eigenen Vorteil sucht, treten unweigerlich folgende Folgen auf:
- zerbrochene Familien;
- sinkende Geburtenraten;
- Isolation;
- Verlust des Verantwortungsbewusstseins;
- Korruption;
- gesellschaftliches Misstrauen;
- Autoritätskrisen;
- eine Wegwerfkultur.
Nicht weil die Gesellschaft unvollkommen wäre.
Sondern weil jeder beginnt, ausschließlich für sich selbst zu leben.
Die Erbsünde und der Bruch des Gemeinwohls
Die Theologie erklärt diese Wirklichkeit mit bemerkenswerter Tiefe.
Die Erbsünde zerstörte nicht nur die Freundschaft mit Gott.
Sie zerstörte auch die Harmonie zwischen den Menschen.
Adam beschuldigt Eva.
Eva beschuldigt die Schlange.
Die Sünde zerstört immer die Gemeinschaft.
Deshalb kam Christus gerade, um die verlorene Einheit wiederherzustellen.
Er vergab nicht nur individuelle Sünden.
Er gründete ein neues Volk.
Eine Kirche.
Einen Leib.
Eine Gemeinschaft.
Das Heil besteht niemals in geistlicher Isolation.
Es führt immer zur Gemeinschaft.
Christus: das vollkommene Vorbild des Gemeinwohls
Unser Herr lebte niemals für sich selbst.
Er selbst sagt:
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,28)
Sein ganzes Leben war Selbsthingabe.
Von Bethlehem bis Golgotha.
Das Kreuz stellt das genaue Gegenteil des Individualismus dar.
Der Egoismus sagt:
„Mein Leben zuerst.“
Christus antwortet:
„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Johannes 15,13)
Die christliche Logik verwandelt das „Ich“ immer in ein „Wir“.
Die Kirche als Schule des Gemeinwohls
Jedes Sakrament erzieht uns dazu, über uns selbst hinauszugehen.
Die Taufe gliedert uns in ein Volk ein.
Die Firmung stärkt uns für unsere Sendung.
Die Eucharistie macht uns zu einem einzigen Leib.
Das Bußsakrament stellt die durch die Sünde zerbrochene Gemeinschaft wieder her.
Die Ehe begründet eine Lebensgemeinschaft.
Das Weihesakrament dient dem Volk Gottes.
Die Krankensalbung vereint das persönliche Leiden mit dem Leiden der ganzen Kirche.
Nichts im Christentum fördert die Isolation.
Alles führt zur Gemeinschaft.
Das Subsidiaritätsprinzip
Die Scholastik und später die katholische Soziallehre lehren ein weiteres grundlegendes Prinzip.
Nicht alles soll vom Staat erledigt werden.
Die Familien.
Die Vereinigungen.
Die Pfarreien.
Die Gemeinden.
Die vermittelnden Gemeinschaften.
Sie alle besitzen ihre eigene Sendung.
Das Gemeinwohl entsteht von unten.
Nicht nur von oben.
Eine gesunde Gesellschaft beseitigt die kleinen Gemeinschaften nicht.
Sie stärkt sie.
Wenn Familie, Pfarrei und Vereinigungen verschwinden, bleibt der Einzelne allein gegenüber der politischen oder wirtschaftlichen Macht.
Und ein isolierter Mensch ist immer verletzlicher.
Das Gemeinwohl beginnt zu Hause
Viele Menschen glauben, das Gemeinwohl sei ein Begriff, der ausschließlich Politiker betrifft.
Nichts könnte falscher sein.
Es beginnt im eigenen Zuhause.
Jedes Mal, wenn Eltern ihre eigene Ruhe für ihre Kinder opfern.
Jedes Mal, wenn ein Sohn oder eine Tochter sich um die alten Eltern kümmert.
Jedes Mal, wenn jemand vergibt.
Jedes Mal, wenn ein Nachbar Hilfe leistet.
Jedes Mal, wenn ein Arbeitgeber einen gerechten Lohn zahlt.
Jedes Mal, wenn ein Arbeitnehmer seine Pflicht ehrlich erfüllt.
Jedes Mal, wenn ein Priester einen Kranken besucht.
Jedes Mal, wenn jemand für andere betet.
Genau dort entsteht das Gemeinwohl.
Die falsche Freiheit des Individualismus
Die heutige Kultur setzt Freiheit mit der Abwesenheit jeglicher Grenzen gleich.
Der heilige Thomas lehrt jedoch etwas völlig anderes.
Wahre Freiheit besteht darin, das Gute zu wählen.
Nicht einfach irgendeine beliebige Möglichkeit.
Ein Pianist ist nicht deshalb frei, weil er irgendeinen Ton anschlägt.
Er ist frei, weil er seine Kunst beherrscht.
Ebenso erreicht der Christ die wahre Freiheit, wenn er das Gute liebt.
Der Individualismus macht das Verlangen zum Maßstab.
Die Scholastik macht die Wahrheit zum Maßstab.
Und nur die Wahrheit macht wirklich frei.
Wie Christus sagt:
„Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32)
Das Gemeinwohl und die Liebe
Die Tugend, die das Gemeinwohl möglich macht, ist die Liebe.
Nicht bloß Gefühl.
Nicht eine vorübergehende Emotion.
Die Liebe besteht darin, das wahre Wohl des anderen aus Liebe zu Gott zu wollen.
Deshalb schreibt der heilige Paulus:
„Keiner suche seinen eigenen Vorteil, sondern den des anderen.“ (1 Korinther 10,24)
Die Liebe durchbricht den Kreislauf des Egoismus.
Sie macht die Familie möglich.
Sie macht die Kirche möglich.
Sie macht die Gesellschaft möglich.
Ja, sie macht sogar die Zivilisation möglich.
Eine Kirche, die in Generationen denkt
Der Individualismus lebt besessen von der Gegenwart.
Die christliche Tradition denkt in Jahrhunderten.
Die Erbauer der Kathedralen begannen Bauwerke, deren Vollendung sie niemals erleben würden.
Die Mönche kopierten Handschriften für Menschen, denen sie niemals begegnen würden.
Eltern erziehen Kinder, deren Zukunft sie nicht kennen.
Die Heiligen säten Samen aus, deren Früchte wir noch heute ernten.
Das Gemeinwohl denkt immer an diejenigen, die nach uns kommen werden.
Wie können wir heute nach dem Gemeinwohl leben?
Die Antwort beginnt mit einer Bekehrung des Herzens.
Jeden Tag können wir uns fragen:
- Dienen meine Entscheidungen nur meinen eigenen Interessen?
- Wie kann ich meiner Familie besser dienen?
- Trage ich zur Einheit meiner Pfarrei bei oder verursache ich Spaltungen?
- Arbeite ich ehrlich, auch wenn mich niemand sieht?
- Suche ich die Wahrheit oder nur die Bestätigung meiner eigenen Ansichten?
- Bete ich nur für meine eigenen Anliegen oder auch für die Anliegen anderer?
- Nehme ich aktiv am Leben der Kirche und meiner Gemeinschaft teil?
Jede dieser Fragen hilft uns, das Gefängnis des „Ich“ zu verlassen und unser Leben auf das von Gott gewollte „Wir“ auszurichten.
Der Himmel: die Vollendung des Gemeinwohls
Die scholastische Sicht erreicht ihre größte Tiefe, wenn sie das endgültige Ziel des Menschen betrachtet.
Das zeitliche Gemeinwohl ist wichtig, aber es ist nicht unser letztes Ziel.
Unsere Bestimmung ist die ewige Gemeinschaft mit Gott und mit allen Heiligen.
Der Himmel wird keine Ansammlung individuellen Glücks sein.
Er wird die vollkommene Gemeinschaft der Erlösten in der seligmachenden Gottesschau sein.
Dort werden Egoismus, Rivalität und Isolation für immer verschwinden.
Die Herrlichkeit jedes Einzelnen wird die Freude aller vermehren, weil jede verherrlichte Seele vollkommen an der Liebe Gottes selbst teilhaben wird.
In diesem Sinne ist das ganze christliche Leben eine Vorbereitung auf den Himmel.
Jeder Akt der Liebe.
Jedes dargebrachte Opfer.
Jeder demütige Dienst.
Jeder Verzicht auf den Egoismus.
All dies bereitet uns auf jene vollkommene Gemeinschaft vor.
Schlussfolgerung: Die Weisheit der Scholastik wiederentdecken, um unsere Zeit zu heilen
Die Krise unserer Zeit ist nicht nur wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Natur. In ihrem tiefsten Kern ist sie eine Krise des Verständnisses vom Menschen. Wenn der Mensch sich selbst zum absoluten Mittelpunkt seines Daseins macht, schließt er sich letztlich in sich selbst ein. Der Individualismus verspricht Autonomie, bringt jedoch oft Einsamkeit hervor; er verspricht grenzenlose Freiheit, zerstört aber nach und nach genau jene Bindungen, die ein wirklich menschliches Leben tragen.
Die Scholastik und vor allem die Lehre des heiligen Thomas von Aquin bieten eine Antwort von außergewöhnlicher Aktualität: Der Mensch findet seine Erfüllung, wenn er sein Leben auf das Gemeinwohl ausrichtet, denn dieses steht der Würde der Person nicht entgegen, sondern vollendet sie. Familie, Kirche und Gesellschaft blühen auf, wenn jeder erkennt, dass ihm Gaben nicht nur für sich selbst, sondern zum Dienst an den anderen anvertraut wurden.
Letztlich gründet das Gemeinwohl in Gott selbst, der das höchste Gut und der Ursprung jeder Gemeinschaft ist. Je mehr wir uns Ihm durch die Gnade, die Sakramente und die Ausübung der Liebe nähern, desto mehr werden wir fähig, versöhnte Gemeinschaften, starke Familien und eine Gesellschaft aufzubauen, in der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Hand in Hand gehen.
In einer Welt, die unaufhörlich wiederholt: „Denk zuerst an dich selbst“, schlägt das Evangelium weiterhin einen weit anspruchsvolleren – und gerade deshalb unendlich befreienderen – Weg vor: Gott über alles zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Das ist die große Lehre der Scholastik und die immerwährende Antwort der Kirche auf die Zersplitterung des modernen Menschen. Erst wenn wir aufhören, ausschließlich für uns selbst zu leben, entdecken wir, dass wir dazu geschaffen wurden, an etwas unendlich Größerem teilzuhaben: an der Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Brüdern und Schwestern, wodurch wir schon auf Erden jene Einheit vorwegnehmen, die im Himmelreich ihre vollkommene Erfüllung finden wird.