„Weil ihr lau seid, werde ich euch aus meinem Mund ausspeien“: Die geistliche Gefahr der Lauheit, die Christus anprangert

Es gibt Worte im Evangelium, die trösten, umarmen und die Seele aufrichten. Aber es gibt auch Worte Christi, die erschüttern, aufrütteln und uns zwingen, ehrlich in unser Inneres zu schauen. Eines der stärksten, direktesten und am meisten gefürchteten Worte ist jenes, das im Buch der Offenbarung erscheint:

„Ich kenne deine Werke: Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich aus meinem Mund ausspeien“ (Offenbarung 3,15–16).

Diese Worte wurden nicht an Heiden gerichtet, noch an Feinde Gottes, noch an Verfolger der Kirche. Sie wurden an eine christliche Gemeinde gerichtet: die Kirche von Laodizea.

Und genau das ist es, was uns am meisten beunruhigen sollte.

Christus spricht hier nicht von denen, die Ihn nie gekannt haben, sondern von denen, die sagen, dass sie glauben, von denen, die innerhalb der Kirche stehen, von denen, die nahe zu sein scheinen… aber mit einem fernen Herzen leben.

Geistliche Lauheit macht keinen Lärm. Sie skandalisiert nicht. Sie zieht gewöhnlich keine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist still, bequem, elegant und sogar gesellschaftlich akzeptiert. Aber gerade deshalb ist sie so gefährlich.

Die laue Seele rebelliert gewöhnlich nicht gegen Gott; sie hört einfach auf, Ihn mit Intensität zu lieben.

Und das kann im Grunde noch schwerwiegender sein.

Heute leben wir in einer Zeit, in der geistliche Lauheit fast zu einer kulturellen Norm geworden ist. Ein Glaube ohne Anspruch, eine Moral ohne Opfer, eine Religion ohne das Kreuz, eine Spiritualität ohne Bekehrung.

Viele lehnen Gott nicht ab; sie stellen Ihn einfach an den Rand.

Sie leugnen Ihn nicht; sie verschieben Ihn.

Sie bekämpfen Ihn nicht; sie kühlen Ihn ab.

Und Christus, der die absolute Liebe ist, akzeptiert es nicht, halbherzig geliebt zu werden.

Dieser Artikel möchte tief in diese gewaltige Warnung unseres Herrn eindringen: was geistliche Lauheit bedeutet, warum sie so gefährlich ist, wie man sie im eigenen Leben erkennt und vor allem, wie man aus ihr herauskommt.

Denn niemand fällt von einem Tag auf den anderen in die Lauheit.

Man gelangt Schritt für Schritt dorthin.

Und man kommt auch Schritt für Schritt wieder heraus… aber mit Entschlossenheit.


Laodizea: Die Stadt, an die Christus diese Warnung richtete

Um diesen Satz besser zu verstehen, müssen wir zuerst seinen Zusammenhang betrachten.

Laodizea war eine reiche, wohlhabende und selbstgenügsame Stadt. Sie hatte einen großen Handel, bedeutende Banken und eine bekannte Textilindustrie. Sie war auch berühmt für eine medizinische Schule, die eine sehr geschätzte Augensalbe herstellte.

Es war eine Stadt, die stolz auf sich selbst war.

Als sie im Jahr 60 n. Chr. von einem verheerenden Erdbeben getroffen wurde, lehnte sie die Hilfe des Römischen Reiches ab, weil sie glaubte, sich selbst wieder aufbauen zu können.

Sie war das Symbol der Selbstgenügsamkeit.

Und genau zu dieser christlichen Gemeinde, die sich in Komfort und falscher Sicherheit eingerichtet hatte, sagt Christus:

„Du sagst: Ich bin reich, ich habe Reichtum erworben und brauche nichts; und du weißt nicht, dass du elend und erbarmungswürdig bist, arm, blind und nackt“ (Offb 3,17).

Hier liegt das Herz des Problems.

Lauheit entsteht oft dann, wenn wir aufhören, unsere Bedürftigkeit vor Gott zu spüren.

Wenn wir glauben, dass schon alles gut ist.

Wenn wir meinen, keine Bekehrung mehr zu brauchen.

Wenn wir uns an einen oberflächlichen Glauben gewöhnen, der das Leben nicht wirklich verwandelt.

Laodizea hatte lauwarmes Wasser wegen seines Wasserversorgungssystems: Es war weder frisch wie das Wasser von Kolossä noch heiß wie das von Hierapolis. Es war unangenehm.

Christus benutzt dieses alltägliche Bild, um eine tiefe geistliche Wirklichkeit auszudrücken.

Ein lauer Glaube verursacht geistlichen Ekel.

Nicht weil Gott aufhört zu lieben, sondern weil wahre Liebe nicht mit fest eingerichteter Gleichgültigkeit zusammenleben kann.


Was ist geistliche Lauheit wirklich?

Lauheit ist nicht Schwäche.

Es ist nicht das Fallen und wieder Aufstehen.

Es ist nicht das Kämpfen und Leiden.

Es ist nicht das Haben von Versuchungen.

Es ist nicht das Gefühl von Müdigkeit.

All das gehört zum christlichen Leben.

Lauheit ist etwas anderes.

Es ist das freiwillige Sich-Einrichten in einer akzeptierten geistlichen Mittelmäßigkeit.

Es ist das Aufhören zu kämpfen.

Es ist das Schließen eines Paktes mit kleinen Sünden.

Es ist das Sich-Begnügen mit dem Minimum.

Es ist das Beten ohne Seele.

Es ist das Beichten ohne wahre Reue.

Es ist das Empfangen der Kommunion ohne Hunger nach Gott.

Es ist das Leben eines Glaubens aus Gewohnheit und nicht aus Liebe.

Die laue Seele begeht gewöhnlich keine großen Skandale. Ihr Drama ist nicht das Feuer der sichtbaren Sünde, sondern das elegante Eis der Gleichgültigkeit.

Der heilige Thomas von Aquin verbindet diese Wirklichkeit mit der geistlichen Trägheit (Acedia): einer Traurigkeit der Seele angesichts der göttlichen Güter.

Der laue Mensch findet keine Freude an Gott.

Das Gebet fällt ihm schwer.

Die Messe langweilt ihn.

Die moralischen Anforderungen stören ihn.

Heiligkeit macht ihm Unbehagen.

Er bevorzugt eine bequeme Religion, überschaubar und ohne zu viel Verpflichtung.

Er will Gott nicht ganz verlassen, aber sich auch nicht ganz hingeben.

Er will einen Glauben ohne Radikalität.

Und Christus ist nicht gekommen, um eine bequeme Religion zu gründen, sondern um Seelen zu retten.


Die große Täuschung: „So schlecht bin ich doch nicht“

Einer der Lieblingssätze der lauen Seele ist dieser:

„Na ja… so schlecht bin ich doch nicht.“

Und hier erscheint eine der subtilsten Täuschungen des Teufels.

Wir vergleichen uns mit anderen, statt uns mit Christus zu vergleichen.

„Ich töte nicht.“

„Ich stehle nicht.“

„Ich tue niemandem weh.“

„Ich bin nicht schlimmer als andere.“

Aber das Christentum besteht nicht einfach darin, große Sünden zu vermeiden.

Es besteht darin, zu lieben.

Und Liebe verlangt Ganzhingabe.

Christus sagte nicht:

„Seid einigermaßen anständige Menschen.“

Er sagte:

„Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5,48).

Es geht nicht um neurotischen Perfektionismus, sondern um die Berufung zur Heiligkeit.

Lauheit reduziert das Evangelium auf eine Moral des Minimums.

Heiligkeit erhebt es zu einer Antwort maximaler Liebe.

Es genügt nicht, nicht zu verraten.

Man muss lieben.

Es genügt nicht, nicht zu beleidigen.

Man muss sich hingeben.

Es genügt nicht, die Hölle zu vermeiden.

Man muss den Himmel begehren.


Lauheit in unserer Zeit: eine stille Epidemie

Vielleicht war geistliche Lauheit noch nie so normalisiert wie heute.

Wir leben in einer Kultur des „mehr oder weniger“.

Mehr oder weniger glaube ich.

Mehr oder weniger bete ich.

Mehr oder weniger praktiziere ich.

Mehr oder weniger bin ich katholisch.

Mehr oder weniger folge ich Christus.

Aber das Evangelium erlaubt keine Halbheiten.

Heute suchen viele eine Spiritualität, die nicht stört.

Eine emotionale, personalisierte Religion ohne Verzicht.

Man will Christus als Therapeuten, aber nicht Christus als König.

Einen inspirierenden Jesus, aber keinen Herrn, der Bekehrung fordert.

Ein dekoratives Kreuz, aber kein Kreuz, das man tragen muss.

Sogar innerhalb der Kirche besteht die Gefahr, das Evangelium zu zähmen, um es gesellschaftlich akzeptabel zu machen.

Es wird viel über Wohlbefinden gesprochen und wenig über Sünde.

Viel über Selbstwertgefühl und wenig über Buße.

Viel über Inklusion und wenig über Bekehrung.

Viel über Toleranz und wenig über Wahrheit.

Die moderne Lauheit leugnet nicht immer die Lehre; oft entleert sie sie einfach ihrer Dringlichkeit.

Und ein Christentum ohne Feuer endet als bloße kulturelle Gewohnheit.


Anzeichen dafür, dass eine Seele in Lauheit geraten könnte

Es ist gut, uns ehrlich zu prüfen.

Einige häufige Anzeichen sind:

Das Gebet wird zu einer leeren Formalität

Man betet aus Gewohnheit, ohne Aufmerksamkeit oder wirklichen Wunsch, Gott zu begegnen.

Formeln werden erfüllt, aber das Herz ist abwesend.

Bewusste lässliche Sünden werden ständig gerechtfertigt

„Das ist doch nichts.“

„Das ist nur eine Kleinigkeit.“

„Das macht doch jeder.“

So entstehen unsichtbare Ketten.

Der Schrecken vor der Sünde geht verloren

Was früher schmerzte, erscheint jetzt normal.

Das Gewissen schläft ein.

Jedes Opfer wird vermieden

Das Kreuz stört.

Abtötung erscheint altmodisch.

Bequemlichkeit herrscht.

Die Beichte wird selten oder oberflächlich

Nicht weil keine Sünde da wäre, sondern weil keine ernsthafte Gewissenserforschung mehr stattfindet.

Die Messe hört auf, das Zentrum zu sein

Man geht hin, wenn es passt.

Wenn nicht, dann eben ein anderes Mal.

Der Glaube wird privatisiert

Christus bleibt im Privaten eingeschlossen, ohne wirkliche Folgen für das öffentliche, familiäre und moralische Leben.

Diese Zeichen sollten uns nicht zur Verzweiflung führen, sondern zur Bekehrung.

Die Krankheit zu erkennen, ist bereits der Beginn der Heilung.


Die Heiligen und ihr Kampf gegen die Lauheit

Die Heiligen haben mit großer Klarheit über dieses Thema gesprochen.

Der heilige Alfons Maria von Liguori sagte, dass Gott den Sünder, der kämpft, mit Geduld erträgt, aber freiwillige Lauheit besonders gefährlich ist, weil die Seele aufhört, geheilt werden zu wollen.

Die heilige Teresa von Ávila warnte:

„Gott bewahre uns vor törichten Frömmigkeiten.“

Das heißt: eine oberflächliche, sentimentale Religiosität ohne wirkliche innere Verwandlung.

Der heilige Josefmaria Escrivá schrieb:

„Lauheit ist die schwerste Krankheit der Seele.“

Denn während sich der große Sünder dramatisch bekehren kann, denkt der Laue gewöhnlich, dass er sich nicht ändern muss.

Der heilige Ignatius von Loyola bestand gerade deshalb auf der täglichen Gewissenserforschung, um dieses schrittweise Sich-Einrichten in der Mittelmäßigkeit zu bekämpfen.

Der Heilige ist nicht derjenige, der niemals fällt.

Er ist derjenige, der sich niemals daran gewöhnt zu fallen.

Das ist der Unterschied.


Wie man aus geistlicher Lauheit herauskommt

Hier liegt die große Hoffnung.

Lauheit ist keine endgültige Verurteilung.

Christus prangert nicht an, um zu demütigen, sondern um zu wecken.

Nach diesem sehr harten Satz in der Offenbarung sagt Er etwas Wunderbares:

„Alle, die ich liebe, weise ich zurecht und erziehe ich“ (Offb 3,19).

Die Zurechtweisung Christi entspringt der Liebe.

Er erschüttert uns nicht, weil Er uns ablehnt, sondern weil Er uns nicht verlieren will.

Aus der Lauheit herauszukommen verlangt konkrete Entscheidungen.


1. Eine ernsthafte Gewissenserforschung wiedergewinnen

Nicht oberflächlich.

Nicht automatisch.

Uns wirklich fragen:

Liebe ich Gott oder verwalte ich Ihn nur?

Kämpfe ich noch oder habe ich aufgegeben?

Will ich heilig werden oder nur korrekt erscheinen?

Aufrichtigkeit ist der Anfang.


2. Zur häufigen Beichte zurückkehren

Die Beichte ist nicht nur für schwere Sünden.

Sie ist Medizin für die Seele.

Sie ist eine Schule der Demut.

Sie ist ein Feuer, das die Kruste der Gleichgültigkeit aufbricht.

Viele entdecken ihr geistliches Leben neu, wenn sie zu einer guten Beichte zurückkehren.


3. Beten, auch wenn man keine Lust hat

Die laue Seele wartet gewöhnlich darauf, „Lust zu haben“.

Aber wahre Liebe hängt nicht von Begeisterung ab.

Treue ist mehr wert als Emotion.

Beten, wenn es schwerfällt, reinigt das Herz.


4. Freiwillige Opfer einführen

Kleine Abtötungen.

Konkrete Verzichte.

Innere Disziplin.

Dauernde Bequemlichkeit schwächt die Seele.

Das angenommene Kreuz stärkt sie.


5. Geistliche Begleitung suchen

Oft sehen wir unsere eigene Lauheit nicht.

Wir brauchen einen äußeren, weisen und treuen Blick.

Das geistliche Leben sollte nicht in Isolation gelebt werden.


6. Christus den Gekreuzigten öfter betrachten

Nichts durchbricht Lauheit mehr, als ernsthaft auf das Kreuz zu schauen.

Vor dem gekreuzigten Christus brechen unsere Ausreden zusammen.

Er war nicht lau, als Er uns liebte.

Er hat sich nicht halb hingegeben.

Er hat nicht oberflächlich gelitten.

Er hat uns bis zum Äußersten geliebt.

Und wer das in Wahrheit betrachtet, kann nicht mehr so weiterleben wie zuvor.


Die Jungfrau Maria: das vollkommene Gegenmittel gegen die Lauheit

Maria war niemals lau.

Ihr Fiat war nicht gemäßigt.

Es war total.

Es war radikal.

Es war absolut.

Sie sagte nicht:

„Ich werde tun, was ich kann.“

Sie sagte:

„Mir geschehe nach deinem Wort.“

Ihr ganzes Leben war Verfügbarkeit.

Ihre ganze Existenz war Glut.

Ihre ganze Mutterschaft war Hingabe.

Darum ist die Hinwendung zu Maria eine mächtige Medizin gegen geistliche Mittelmäßigkeit.

Sie lässt uns nicht bequem stehen bleiben.

Sie führt uns immer zu Christus.

Sie lehrt uns, mit Ganzhingabe zu antworten.

Eine marianische Seele kann nicht lange bequem in der Lauheit leben.

Denn Maria drängt immer zum Feuer der wahren Liebe.


Eine letzte Frage, der wir nicht ausweichen können

Am Ende dieses Themas reicht es nicht, die Kraft dieses Satzes zu bewundern.

Wir müssen zulassen, dass er uns richtet.

Christus hat das nicht gesagt, um religiöse Gemälde zu schmücken.

Er sagte es, damit jeder sich fragt:

Bin ich kalt?

Bin ich brennend?

Oder bin ich lau geworden?

Die schlimmste Antwort ist nicht, unsere Armut zu erkennen.

Die schlimmste Antwort ist, sie nicht sehen zu wollen.

Denn die große Gefahr des Lauen ist nicht, weit von Gott entfernt zu sein.

Es ist zu glauben, schon nahe genug zu sein.

Und vielleicht wiederholt der Herr uns heute:

„Ich kenne deine Werke…“

Nicht um uns zu zerstören.

Sondern um uns aufzuwecken.

Denn es ist noch Zeit.

Noch.

Solange der Wunsch zur Umkehr da ist, gibt es Hoffnung.

Solange Demut da ist, gibt es einen Weg.

Solange Reue da ist, gibt es Barmherzigkeit.

Aber spielen wir nicht mit dem Feuer geistlicher Mittelmäßigkeit.

Denn Christus ist nicht gekommen, um uns einfach religiös zu machen.

Er ist gekommen, um uns heilig zu machen.

Und Heiligkeit beginnt nicht erst dann, wenn wir aufhören, schwere Sünden zu begehen.

Sie beginnt dann, wenn wir aufhören, uns damit zufriedenzugeben, wenig zu lieben.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

Auch ansehen

Verschlossene Türen: Angst, Glaube und das Eindringen Christi in unser Leben

(Eine theologische und pastorale Betrachtung zum Zweiten Sonntag der Osterzeit) Es gibt Szenen im Evangelium, …

error: catholicus.eu