Entscheidungsbefugnis für die Laien? Die Gefahr der „Parlamentarisierung“ der SynodalKirche

Einleitung: Eine Frage, die die Gegenwart der Kirche prägt

Nur wenige Themen haben in den letzten Jahren innerhalb der katholischen Welt so viele Diskussionen ausgelöst wie der sogenannte synodale Prozess und insbesondere die Vorschläge, die eine stärkere Beteiligung der gläubigen Laien an der Unterscheidung der Geister, an der Leitung und an bestimmten kirchlichen Entscheidungsprozessen vorsehen.

Die Synode über die Synodalität hat tiefgreifende Fragen über das Wesen der Kirche selbst aufgeworfen: Welche Rolle kommt den Laien zu? Wie weit kann ihre Beteiligung gehen? Besteht die Gefahr, die Struktur der Kirche in etwas zu verwandeln, das einer parlamentarischen Demokratie ähnelt? Kann die Mitverantwortung aller Getauften gestärkt werden, ohne die von Christus eingesetzte sakramentale Autorität zu schwächen?

Diese Fragen sind nicht bloß administrativer Natur. Sie berühren das Herz der katholischen Ekklesiologie, also das Verständnis dessen, was die Kirche ist und wie Christus gewollt hat, dass sie geleitet wird.

Aus traditionell katholischer Sicht betrachten viele Gläubige, Priester und Theologen bestimmte Formulierungen in einigen synodalen Dokumenten mit Sorge – nicht weil sie die Beteiligung der Laien ablehnen, sondern weil sie befürchten, dass der wesentliche Unterschied zwischen dem Amtspriestertum und dem gemeinsamen Priestertum der Gläubigen verwischt werden könnte.

Die grundlegende Frage ist einfach, aber entscheidend:

Kann die Kirche Strukturen übernehmen, die modernen Parlamenten eigen sind, ohne ihre göttliche Identität zu verändern?

Um diese Frage angemessen zu beantworten, ist es notwendig, zu den Quellen zurückzukehren: zur Heiligen Schrift, zur apostolischen Tradition, zu den Kirchenvätern, zum Lehramt und zur zweitausendjährigen Geschichte des Katholizismus.


Die Kirche wurde nicht als Demokratie gegründet

Eine der ersten Aussagen der traditionellen katholischen Theologie lautet, dass die Kirche keine menschliche Schöpfung ist.

Sie entstand nicht aus einer verfassungsgebenden Versammlung.

Sie entstand nicht durch eine Abstimmung.

Sie ist nicht das Ergebnis eines Volkskonsenses.

Die Kirche entspringt unmittelbar dem Willen Christi.

Unser Herr versammelte seine Jünger nicht, um sie zu fragen, welches Regierungsmodell sie bevorzugten.

Er war es, der die Apostel auswählte.

Er war es, der eine Hierarchie errichtete.

Er war es, der Autorität verlieh.

Wenn Christus zu Petrus sagt:

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18),

dann unterwirft Er diese Entscheidung keiner Beratung.

Die Autorität kommt von Christus selbst.

Ebenso vertraut der Herr nach der Auferstehung den Aposteln eine besondere Sendung an:

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21).

Die apostolische Sendung geht nicht von der Gemeinschaft aus.

Vielmehr empfängt die Gemeinschaft diejenigen, die Christus gesandt hat.

Diese Wirklichkeit bildet einen der Grundpfeiler der traditionellen katholischen Ekklesiologie.

Die Autorität in der Kirche ist von oben nach unten gerichtet und nicht von unten nach oben.

Sie geht von Gott auf die rechtmäßig eingesetzten Hirten über.

Sie entsteht nicht aus der Basis heraus, wie dies in modernen politischen Systemen der Fall ist.


Die wahre Bedeutung der Synodalität

Es ist wichtig, Karikaturen zu vermeiden.

Die katholische Tradition kannte immer Formen der Synodalität.

Das Wort „Synode“ bedeutet wörtlich „gemeinsam gehen“.

Schon in den ersten Jahrhunderten gab es Synoden, lokale Konzilien und Versammlungen von Bischöfen.

Historisch gesehen besaßen diese Gremien jedoch ein wesentliches Merkmal:

Sie wurden von denen geleitet, die apostolische Autorität besaßen.

Die Gläubigen konnten angehört werden.

Theologen konnten beraten.

Ordensleute konnten ihre Unterscheidung der Geister einbringen.

Doch die lehrmäßigen und disziplinären Entscheidungen lagen bei den Bischöfen.

Diese Struktur wurde niemals als Ungerechtigkeit betrachtet.

Im Gegenteil.

Man verstand sie als Teil der von Gott gewollten Ordnung.

Das Problem entsteht, wenn einige die Synodalität mit zeitgenössischen politischen Kategorien interpretieren.

Dann tauchen Begriffe auf wie:

  • Repräsentation;
  • Mehrheitsprinzip;
  • verbindlicher Konsens;
  • entscheidende Abstimmungen;
  • Gewaltenteilung.

Und genau hier werden viele traditionelle Katholiken aufmerksam.

Denn diese Kategorien gehören zum politischen Bereich und nicht notwendigerweise zum kirchlichen.


Was bedeutet die „Parlamentarisierung“ der Kirche?

Wenn Kritiker von einer „Parlamentarisierung“ sprechen, kritisieren sie nicht die Beteiligung der Laien.

Sie weisen auf ein anderes Phänomen hin.

Parlamentarisierung bedeutet, die Logik ziviler Parlamente auf die Kirche zu übertragen.

In einem Parlament:

  • geht die Autorität von den Wählern aus;
  • entscheidet die Mehrheit;
  • kann sich die politische Wahrheit ändern;
  • können Gesetze durch Abstimmungen verändert werden.

Die Kirche funktioniert jedoch anders.

Die geoffenbarte Wahrheit hängt nicht von Mehrheiten ab.

Die Gebote können nicht durch Abstimmungen geändert werden.

Die Sakramente sind nicht Eigentum einer Versammlung.

Der katholische Glaube ist nicht das Ergebnis von Verhandlungen.

Die Kirche empfängt einen geoffenbarten Glaubensschatz, den sie treu bewahren muss.

Der heilige Paulus schreibt an Timotheus:

„Bewahre das kostbare Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt“ (2 Tim 1,14).

Beachten wir, dass Paulus nicht davon spricht, den Glaubensschatz neu zu erfinden.

Er spricht davon, ihn zu bewahren.


Das gemeinsame Priestertum und das Amtspriestertum

Einer der heikelsten Punkte dieser Debatte besteht darin, den Unterschied zwischen zwei sich ergänzenden Wirklichkeiten richtig zu verstehen.

Einerseits gibt es das gemeinsame Priestertum aller Getauften.

Andererseits gibt es das Amtspriestertum, das durch das Sakrament der Weihe verliehen wird.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat diesen Unterschied klar gelehrt.

Alle Gläubigen haben Anteil an der Sendung Christi.

Alle sind zur Heiligkeit berufen.

Alle besitzen die Würde der Taufe.

Alle können aktiv am Leben der Kirche mitwirken.

Das bedeutet jedoch nicht, dass alle dieselbe Aufgabe haben.

Der Priester empfängt eine sakramentale Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt.

Der Bischof empfängt die Fülle des Weihesakramentes.

Die pastorale Autorität ist genau mit dieser sakramentalen Wirklichkeit verbunden.

Deshalb betont die traditionelle Theologie, dass die Gleichheit der Würde nicht die Gleichheit der Funktionen bedeutet.

So wie in einer Familie alle die gleiche menschliche Würde besitzen, aber unterschiedliche Aufgaben erfüllen, gibt es auch in der Kirche verschiedene Berufungen und Verantwortlichkeiten.


Die Gefahr, Beratung mit Entscheidung zu verwechseln

Hier stoßen wir auf eine zentrale Frage.

Die Kirche hat immer Beratung praktiziert.

Die Hirten müssen zuhören.

Die Bischöfe müssen die Bedürfnisse der Gläubigen kennen.

Die Priester müssen auf die Erfahrungen ihrer Gemeinden achten.

Niemand bestreitet dies.

Die Sorge entsteht dann, wenn Beratung zu verbindlicher Mitentscheidung wird.

Der Unterschied ist enorm.

Beratung bedeutet, einen Rat einzuholen.

Mitentscheidung bedeutet, formell an der Entscheidungsfindung teilzunehmen.

Aus traditioneller Sicht kann und soll die Autorität breit zuhören.

Die letzte Verantwortung liegt jedoch beim rechtmäßig eingesetzten Hirten.

Christus sagte zu Petrus nicht:

„Berate dich und lass dann die Mehrheit entscheiden.“

Er sagte:

„Weide meine Schafe“ (Joh 21,17).

Die pastorale Verantwortung bleibt bei Petrus und seinen Nachfolgern.


Die Erfahrung einiger getrennter christlicher Gemeinschaften

Viele traditionelle Beobachter verweisen zudem auf bestimmte Lehren der Geschichte.

Zahlreiche kirchliche Gemeinschaften, die aus der protestantischen Reformation hervorgegangen sind, übernahmen nach und nach immer demokratischere Strukturen.

Im Laufe der Jahrhunderte begannen einige von ihnen, grundlegende Glaubensfragen durch interne Abstimmungen zu verändern.

Was eine Generation als unveränderliche Wahrheit betrachtete, konnte von der nächsten revidiert werden.

Die Folge war in vielen Fällen eine zunehmende lehrmäßige Zersplitterung.

Die katholische Kirche hat stets daran festgehalten, dass die geoffenbarte Wahrheit solchen Prozessen nicht unterworfen ist.

Der von den Aposteln empfangene Glaube ist ein heiliges Erbe.

Er gehört nicht einer bestimmten Generation.

Er gehört Christus.

Deshalb betrachten Traditionalisten jede Struktur mit Sorge, die einer parlamentarischen Mentalität Tür und Tor öffnen könnte.


Die Sicht der Kirchenväter

Die frühen christlichen Schriftsteller zeigen ein außerordentlich klares Verständnis kirchlicher Autorität.

Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts betonte Der heilige Ignatius von Antiochien immer wieder die Notwendigkeit, mit dem Bischof verbunden zu bleiben.

Für ihn garantierte die Gemeinschaft mit dem Bischof die Gemeinschaft mit der universalen Kirche.

Er konnte sich keine Gemeinschaft vorstellen, die von autonomen Versammlungen regiert wurde.

Die bischöfliche Autorität wurde als Fortsetzung der apostolischen Sendung verstanden.

Diese Sichtweise blieb über Jahrhunderte hinweg konstant.

Nicht weil die Kirche die Gläubigen geringgeschätzt hätte.

Ganz im Gegenteil.

Weil sie die apostolische Autorität als ein Geschenk Christi verstand, das die Einheit und die Wahrheit schützen soll.


Bedeutet das, dass die Laien passiv bleiben sollen?

Keineswegs.

Dies ist eines der häufigsten Missverständnisse.

Die katholische Tradition hat die Laien niemals zu bloßen Zuschauern reduziert.

Die großen heiligen Laien haben die Geschichte der Kirche verändert.

Denken wir an:

  • Die heilige Katharina von Siena;
  • Der heilige Ludwig IX.;
  • Der heilige Thomas Morus;
  • Der selige Carlo Acutis.

Keiner von ihnen benötigte Entscheidungsbefugnisse, um die Welt zu verändern.

Ihr Einfluss entsprang der Heiligkeit.

Die Kirche wird in erster Linie durch Heilige erneuert, nicht durch Strukturen.

Die Geschichte zeigt, dass echte Reformen aus tiefgreifenden Bekehrungen hervorgingen und nicht aus administrativen Veränderungen.


Die wahre Mitverantwortung in der Kirche

Das Wort Mitverantwortung kann richtig oder missverständlich verstanden werden.

Richtig verstanden bedeutet es, dass jeder Getaufte eine Sendung hat.

Eltern evangelisieren ihre Kinder.

Katecheten vermitteln den Glauben.

Berufstätige geben Zeugnis in der Welt.

Ordensleute weihen ihr Leben Gott.

Priester heiligen durch die Sakramente.

Bischöfe leiten ihre Diözesen.

Alle arbeiten zusammen.

Aber nicht alle erfüllen dieselbe Aufgabe.

Einheit verlangt keine Gleichförmigkeit.

Gemeinschaft hebt die Hierarchie nicht auf.

Wahre Mitverantwortung besteht darin, dass jedes Glied des Leibes Christi seine Berufung vollständig lebt.


Die Herausforderung unserer Zeit

Wir leben in einer zutiefst demokratischen Kultur.

Das hat positive Seiten.

Sie hat die Bürgerbeteiligung gefördert.

Sie hat die Verteidigung vieler legitimer Rechte unterstützt.

Dennoch besteht die Gefahr anzunehmen, jede Institution müsse nach denselben Prinzipien organisiert werden.

Die Kirche ist kein Staat.

Sie ist kein Unternehmen.

Sie ist keine Gewerkschaft.

Sie ist keine politische Vereinigung.

Sie ist der Mystische Leib Christi.

Ihre Struktur entspringt nicht soziologischen Theorien, sondern einer göttlichen Stiftung.

Deshalb muss jede Reform das respektieren, was zur von Christus gewollten Verfassung der Kirche gehört.

Die Beteiligung kann wachsen.

Die Beratung kann erweitert werden.

Das Zuhören kann vertieft werden.

Doch immer unter Wahrung des wesentlichen Unterschieds zwischen denen, die die apostolische Sendung zur Leitung empfangen haben, und denen, die aktiv am Leben der Kirche mitwirken.


Eine pastorale Perspektive: Zuhören, ohne die Kirche zu verfälschen

Aus pastoraler Sicht besteht die Herausforderung darin, zwei Extreme zu vermeiden.

Das erste Extrem wäre der Klerikalismus.

Das heißt, den geistlichen und menschlichen Reichtum der Laien ungerechtfertigt zu ignorieren.

Das zweite Extrem wäre ein kirchlicher Egalitarismus.

Das heißt, den sakramentalen Charakter der Autorität zu verwässern.

Die traditionelle katholische Lösung hat immer ein Gleichgewicht angestrebt.

Breit zuhören.

Klug unterscheiden.

Die von Christus gewollte Struktur respektieren.

Die Sendung der Laien stärken, ohne die Kirche in eine parlamentarische Demokratie zu verwandeln.


Schlussfolgerung: Die Kirche geht gemeinsam, aber nicht wie ein Parlament

Die Frage nach der Entscheidungsbefugnis der Laien gehört zu den wichtigsten Debatten des gegenwärtigen Katholizismus.

Aus traditioneller Sicht besteht die Hauptsorge nicht in der Beteiligung der Gläubigen – die die Kirche immer geschätzt hat –, sondern in der möglichen Verwechslung von Beteiligung und Autorität.

Die Kirche ist synodal, weil sie gemeinsam geht.

Aber sie ist auch hierarchisch, weil Christus sie so gegründet hat.

Die Kirche hört allen zu.

Aber sie empfängt ihre Autorität nicht von allen.

Die Kirche berät.

Doch die letzte Verantwortung liegt bei denen, die die heilige Weihe und die apostolische Sukzession empfangen haben.

In einer Welt, die daran gewöhnt ist, jede Autorität nach demokratischen Maßstäben zu beurteilen, sind die Katholiken aufgerufen, sich an eine grundlegende Wahrheit zu erinnern: Die Kirche gehört weder einer Mehrheit noch einer bestimmten Generation noch einer ideologischen Strömung.

Die Kirche gehört Christus.

Und gerade weil sie Christus gehört, muss sie die Gestalt treu bewahren, die Er selbst ihr geben wollte.

Wie der heilige Paulus erinnert:

„Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8).

Die wahre Erneuerung der Kirche wird niemals darin bestehen, der Welt ähnlicher zu werden, sondern Christus ähnlicher zu werden. Und diese Erneuerung beginnt immer mit Heiligkeit, Treue zur apostolischen Tradition und liebevollem Gehorsam gegenüber der geoffenbarten Wahrheit.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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