Das Alter der traditionellen Messe: ein lebendiger Schatz, der in den ersten Jahrhunderten des Christentums verwurzelt ist

Viel älter als das Konzil von Trient

Es gibt eine weit verbreitete Vorstellung, selbst unter vielen Katholiken, dass die sogenannte Tridentinische Messe im 16. Jahrhundert während des Konzils von Trient entstanden sei. Diese Behauptung ist jedoch historisch unzutreffend.

Die Wirklichkeit ist ganz anders: Die traditionelle Messe wurde weder vom Konzil von Trient noch von Papst Pius V. geschaffen, sondern ist das Ergebnis einer organischen Entwicklung der römischen Liturgie, die auf die ersten Jahrhunderte des Christentums zurückgeht und in ihren wesentlichen Elementen ihre Wurzeln bis in die apostolische Zeit selbst hinein erstreckt.

Wenn wir von der traditionellen Messe sprechen, die auch Messe des heiligen Pius V., Tridentinische Messe oder Usus Antiquior genannt wird, sprechen wir von einem der ältesten geistlichen und kulturellen Erbe der Menschheit.

Sie ist keine Erfindung, keine Reform und keine späte Schöpfung. Sie ist der lebendige Ausdruck des Glaubens unzähliger Generationen von Christen, die seit nahezu zweitausend Jahren Gott auf eine außerordentlich beständige und kohärente Weise verehren.

Was hat das Konzil von Trient tatsächlich getan?

Das Konzil von Trient (1545–1563) wurde vor allem als Antwort auf die durch die protestantische Reformation ausgelöste Krise einberufen.

Die Reformatoren, insbesondere Martin Luther, griffen die katholische Lehre über die Eucharistie, das Weihepriestertum und den Opfercharakter der Messe direkt an.

Angesichts dieser Situation musste die Kirche die römische Liturgie bekräftigen und schützen.

Im Jahr 1570 promulgierte Papst Pius V. durch die Bulle Quo Primum Tempore das vereinheitlichte Römische Messbuch.

Dabei gibt es jedoch einen entscheidenden Punkt: Der heilige Pius V. hat keine neue Messe erfunden.

Er selbst machte dies deutlich. Seine Aufgabe bestand darin, einen Ritus, der bereits seit vielen Jahrhunderten existierte, zu sammeln, zu reinigen und zu kodifizieren, neuere lokale Zusätze zu entfernen und die Liturgie zu ihrer traditionellen römischen Form zurückzuführen.

Daher wäre es genauer zu sagen, dass das Konzil von Trient die traditionelle Messe bewahrt hat; es hat sie nicht geschaffen.

Die Ursprünge: die Liturgie der Apostel

Die gesamte christliche Liturgie entspringt dem Letzten Abendmahl.

Unser Herr Jesus Christus setzte die Eucharistie ein, als er die Worte sprach:

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19).

Die Apostel begannen sofort, diesem Auftrag Folge zu leisten.

Bereits im ersten Jahrhundert finden wir ein klares Zeugnis in der Apostelgeschichte:

„Sie hielten fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42).

Der Ausdruck „Brechen des Brotes“ war ein direkter Hinweis auf die Feier der Eucharistie.

Diese ersten Feiern besaßen noch keine vollständig entwickelte Struktur, enthielten jedoch bereits die grundlegenden Elemente:

  • Die Verkündigung des Wortes Gottes.
  • Die gemeinschaftlichen Gebete.
  • Die Darbringung der Gaben.
  • Die Konsekration.
  • Die heilige Kommunion.
  • Die Danksagung.

Diese Elemente sind bis heute erhalten geblieben.

Die ersten schriftlichen Zeugnisse

Eines der ältesten Dokumente, die wir besitzen, ist die Didache, die ungefähr zwischen 70 und 100 n. Chr. verfasst wurde.

Wir besitzen außerdem das Zeugnis des heiligen Justin des Märtyrers, der um das Jahr 155 die Eucharistiefeier in Rom detailliert beschrieb.

Seine Beschreibung kommt jedem Katholiken, der die traditionelle Messe kennt, erstaunlich vertraut vor.

Bereits vorhanden waren:

  • Die biblischen Lesungen.
  • Die Predigt.
  • Die Fürbitten der Gläubigen.
  • Die Darbringung der Gaben.
  • Das Eucharistische Hochgebet.
  • Die heilige Kommunion.

Die grundlegende Struktur war bereits vollständig etabliert.

Der Römische Kanon: einer der ältesten Schätze der Kirche

Das Herzstück der traditionellen Messe ist der Römische Kanon.

Viele Historiker betrachten ihn als das älteste Eucharistische Hochgebet, das im gesamten westlichen Christentum ununterbrochen verwendet wird.

Der große Liturgiewissenschaftler Pater Adrien Fortescue schrieb:

„Das Messbuch des heiligen Pius V. ist im Wesentlichen das Gregorianische Sakramentar, das das Gelasianische Buch zum Vorbild nahm, welches seinerseits von der Leoninischen Sammlung abhängt. Wir finden die Gebete unseres Kanons in der Abhandlung ‚De Sacramentis‘ sowie Hinweise auf denselben Kanon im 4. Jahrhundert. Daher reicht unsere Messe ohne wesentliche Veränderungen bis in jene Zeit zurück, in der sich die älteste aller Liturgien entwickelte.“

Diese Aussage besitzt eine enorme historische Bedeutung.

Sie bedeutet, dass der Kern der traditionellen Messe bereits vor mehr als 1.600 Jahren existierte.

Das 4. Jahrhundert: eine bereits erkennbare Liturgie

Die Abhandlung De Sacramentis, die traditionell dem heiligen Ambrosius von Mailand zugeschrieben wird, enthält liturgische Formeln, die denjenigen der heutigen traditionellen Messe außerordentlich ähnlich sind.

Bereits vorhanden waren:

  • Die Präfation.
  • Das Sanctus.
  • Der Kanon.
  • Die Wandlungsworte.
  • Die abschließende Doxologie.

Die Struktur war im Wesentlichen dieselbe.

Dies widerlegt die Vorstellung, dass die traditionelle Messe ein Produkt des Mittelalters sei.

Der Beitrag des heiligen Leo des Großen

Im 5. Jahrhundert spielte der heilige Leo der Große eine entscheidende Rolle bei der Festigung der römischen Liturgie.

Sein Pontifikat hinterließ einen tiefgreifenden Einfluss sowohl auf die Gebete als auch auf die liturgische Theologie.

Viele Formulierungen, die sich im Römischen Messbuch finden, stammen aus dieser Epoche.

Die Feierlichkeit, die lehrmäßige Präzision und die theologische Tiefe, die die römische Liturgie kennzeichnen, wurden unter seinem Einfluss weiter gefestigt.

Das Gelasianische Sakramentar

Am Ende des 5. und zu Beginn des 6. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluss von Papst Gelasius I. das sogenannte Gelasianische Sakramentar entwickelt.

Dieses Buch sammelte zahlreiche bereits bestehende Gebete, Formulare und liturgische Strukturen.

Es handelte sich nicht um eine neue Schöpfung, sondern um eine Zusammenstellung und Ordnung früherer Traditionen.

Viele seiner Elemente blieben bis zum Messbuch des heiligen Pius V. unverändert erhalten.

Der heilige Gregor der Große und die endgültige Konsolidierung

Der große Architekt der römischen Liturgie war der heilige Gregor der Große.

Sein Werk war von entscheidender Bedeutung.

Zu seinen Beiträgen gehörten:

  • Die Neuordnung des Römischen Kanons.
  • Die Ordnung der Gebete.
  • Die Strukturierung des liturgischen Kalenders.
  • Die Förderung des Gregorianischen Chorals.
  • Die Vereinheitlichung des Römischen Ritus.

Die Messe, die er feierte, wäre für einen traditionellen Priester unserer Zeit vollkommen wiedererkennbar.

Deshalb behaupten viele Historiker, dass die traditionelle Messe im Wesentlichen die organisch entwickelte gregorianische Liturgie ist.

Eine organische Entwicklung und keine Erfindung

Die katholische Liturgie wurde niemals als Experimentierlabor verstanden.

Der berühmte Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., erklärte, dass die authentische Liturgie wie ein lebendiger Organismus wächst.

Sie wird nicht hergestellt.

Sie wird nicht in einem Büro entworfen.

Sie wird nicht improvisiert.

Sie reift langsam im Laufe der Jahrhunderte unter dem Wirken des Heiligen Geistes und durch das Leben der Kirche.

Die traditionelle Messe ist genau die Frucht dieses organischen Wachstums.

Jede Generation empfing einen Schatz, bewahrte ihn und gab ihn an die nächste weiter.

Warum wird sie auf Latein gefeiert?

Latein wurde weder aus Elitedenken noch aus Nostalgie gewählt.

Als die Kirche begann, sich im Westen auszubreiten, war Latein die gemeinsame Sprache des Römischen Reiches.

Die Kirche übernahm sie, weil sie die lehrmäßige und liturgische Einheit ermöglichte.

Während sich die modernen Sprachen ständig weiterentwickelten, blieb das Lateinische unverändert.

Dies brachte enorme Vorteile mit sich:

  • Es schützte die lehrmäßige Präzision.
  • Es verhinderte willkürliche Veränderungen.
  • Es förderte die Universalität.
  • Es ermöglichte einem Katholiken, überall auf der Welt die Messe zu besuchen und dieselbe Feier wiederzuerkennen.

Latein wurde zu einem sichtbaren Zeichen der Katholizität der Kirche.

Auf Gott ausgerichtet

Eines der charakteristischsten Merkmale der traditionellen Messe ist die gemeinsame Ausrichtung von Priester und Gläubigen zum Altar hin.

Häufig wird der Ausdruck ad orientem verwendet, was „nach Osten“ bedeutet.

Dabei geht es nicht darum, dass der Priester „dem Volk den Rücken zukehrt“.

Die Symbolik ist wesentlich tiefer.

Alle blicken in dieselbe Richtung, weil alle gemeinsam auf Gott zugehen.

Die Liturgie ist weder auf die Versammlung noch auf menschliche Kreativität oder die Persönlichkeit des Zelebranten ausgerichtet.

Christus ist ihr absoluter Mittelpunkt.

Ein geistliches Erbe der Menschheit

Die traditionelle Messe hat im Laufe der Jahrhunderte unzählige Heilige geheiligt.

Sie wurde gefeiert und geliebt von:

  • Dem heiligen Thomas von Aquin.
  • Der heiligen Teresa von Ávila.
  • Dem heiligen Johannes vom Kreuz.
  • Dem heiligen Franz von Sales.
  • Dem heiligen Johannes Maria Vianney.
  • Dem heiligen Pio von Pietrelcina.
  • Dem heiligen Maximilian Kolbe.

Ganze Generationen fanden in ihr eine Schule der Heiligkeit.

Ein Erbe, das es wert ist, kennengelernt zu werden

Die traditionelle Messe gehört weder einer bestimmten Gruppe noch einer besonderen Empfindsamkeit oder einer vorübergehenden Mode.

Sie gehört der ganzen Kirche.

Sie ist ein Erbe, das wir von unseren Vätern im Glauben empfangen haben.

Ihr hohes Alter ist nicht bloß eine archäologische Tatsache, sondern ein Zeugnis der Kontinuität.

Jedes Mal, wenn sie gefeiert wird, werden Tausende Jahre christlicher Tradition gegenwärtig.

Wir haben es weder mit einer historischen Rekonstruktion noch mit einer Darstellung der Vergangenheit zu tun.

Wir stehen vor einer lebendigen Liturgie, die tief in der Geschichte der Kirche verwurzelt ist und über unzählige Generationen hinweg weitergegeben wurde.

Denn letztlich ist die traditionelle Messe kein Museumsstück.

Sie ist das Gebet der Jahrhunderte.

Sie ist die Stimme der Kirche, die die Zeiten durchdringt.

Sie ist das Echo der Apostel, das bis in unsere Tage hinein weiterklingt.

Und genau deshalb berührt sie weiterhin die Herzen so vieler Gläubiger, die in ihr etwas Außergewöhnliches entdecken: das Gefühl, für einige Augenblicke in die Ewigkeit Gottes selbst einzutreten.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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