Kann Gott alles tun? Das Geheimnis der „potentiellen Allmacht“, das unseren Glauben herausfordert

Wir leben in einer Zeit, in der alles messbar, kontrollierbar und erklärbar zu sein scheint. Doch sobald wir in den Bereich Gottes eintreten, begegnen wir einer Wirklichkeit, die jedes menschliche Denkschema übersteigt. Und eine der tiefsten — und zugleich am meisten missverstandenen — Fragen lautet: Was bedeutet es wirklich, dass Gott allmächtig ist?

Hier kommt ein Schlüsselbegriff der klassischen Theologie ins Spiel, der mit großer Strenge von Santo Tomás de Aquino entwickelt wurde: die potentielle Allmacht.

Mach dich bereit, denn das ist kein abstraktes Thema ohne Konsequenzen. Es zu verstehen kann deine Art zu vertrauen, zu beten… und zu leben verwandeln.


1. Die falsch gestellte Frage: „Kann Gott alles tun?“

Du hast wahrscheinlich schon Fragen gehört wie:

  • „Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht heben kann?“
  • „Kann Gott lügen?“
  • „Kann Gott aufhören zu existieren?“

Diese Fragen wirken tiefgründig… doch in Wirklichkeit enthalten sie einen grundlegenden Fehler.

Die katholische Theologie, besonders in der Linie von Santo Tomás de Aquino, antwortet klar:
Gott kann alles… aber alles, was möglich ist.

Und hier liegt der Schlüssel: Nicht alles, was sich in Worten ausdrücken lässt, ist wirklich „möglich“.


2. Was ist die potentielle Allmacht?

Die „potentielle Allmacht“ bedeutet:

Gott hat Macht über alles, was wirklich möglich ist, das heißt über alles, was keinen Widerspruch in sich trägt.

Das bedeutet, dass Gott nicht „tun“ kann:

  • Einen quadratischen Kreis erschaffen
  • Etwas hervorbringen, das zugleich ist und nicht ist
  • Aufhören, Gott zu sein

Nicht weil ihm Macht fehlt… sondern weil diese Dinge keine Wirklichkeiten sind, sondern Absurditäten.

Wie Santo Tomás de Aquino in der Summa Theologica erklärt:
„Was einen Widerspruch in sich enthält, fällt nicht unter die göttliche Allmacht.“

Mit anderen Worten:
👉 Gott ist nicht begrenzt…
👉 vielmehr kann das Nichts selbst nicht erschaffen werden — nicht einmal von Gott.


3. Biblische Grundlage: Ein allmächtiger… und zugleich kohärenter Gott

Die Heilige Schrift bekräftigt mit Nachdruck die Allmacht Gottes:

„Für Gott ist alles möglich“ (vgl. Evangelium nach Matthäus 19,26)

Doch sie offenbart auch etwas Entscheidendes:

„Er kann sich selbst nicht verleugnen“ (vgl. Zweiter Brief an Timotheus 2,13)

Das ist keine Einschränkung, sondern eine tiefe Offenbarung:

👉 Gott kann nicht aufhören, Gott zu sein
👉 Er kann nicht gegen sein eigenes Wesen handeln, das Wahrheit, Güte und absolutes Sein ist


4. Die Genialität des heiligen Thomas: Potenz und Akt

Um dies besser zu verstehen, müssen wir — wenn auch nur kurz — eine zentrale Unterscheidung der thomistischen Metaphysik betrachten:

  • Potenz: das, was werden kann
  • Akt: das, was bereits ist

Gott ist nach Santo Tomás de Aquino:

reiner Akt (Actus Purus)

Das bedeutet:

  • Er hat keine unerfüllten Möglichkeiten
  • Er verändert sich nicht
  • Er „wird“ nicht etwas anderes

Wie also ist seine Allmacht zu verstehen?

👉 Nicht als Fähigkeit, sich zu verändern oder zu entwickeln
👉 Sondern als die absolute Quelle von allem, was existieren kann


5. Warum ist das heute wichtig?

Das mag wie eine philosophische Diskussion erscheinen… aber es hat sehr konkrete Auswirkungen auf dein tägliches Leben.

a) Es befreit dich von einem kindlichen Glauben

Viele verlieren den Glauben, weil sie eine falsche Vorstellung von Gott haben:

  • Ein launischer „Zauberer“
  • Ein willkürliches Wesen
  • Jemand, der jeden Unsinn tun könnte

Doch der wahre Gott ist:

👉 Vollkommen vernünftig
👉 Vollkommen kohärent
👉 Vollkommen treu

Das stärkt den Glauben. Es schwächt ihn nicht.


b) Es lehrt dich, besser zu vertrauen

Wenn Gott sich selbst widersprechen, lügen oder willkürlich handeln könnte…
👉 wie könntest du ihm vertrauen?

Da er das aber nicht kann:

👉 Seine Treue ist absolut
👉 Seine Verheißungen sind sicher

Darum sagt die Schrift:

„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (vgl. Evangelium nach Matthäus 24,35)


c) Es gibt dem Leiden einen Sinn

Hier betreten wir eine heikle Frage:

👉 Wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er das Böse zu?

Die potentielle Allmacht gibt uns einen Hinweis:

  • Gott kann alles, was möglich ist
  • Aber er kann das Böse nicht zum Guten machen, ohne die Wirklichkeit selbst zu zerstören

Doch er kann etwas Größeres tun:

👉 Aus dem Bösen Gutes hervorbringen

Das höchste Beispiel ist das Kreuz.


6. Das Kreuz: Wo Allmacht als Schwäche erscheint

In Jesucristo sehen wir etwas Erschütterndes:

  • Gott leidet
  • Gott stirbt
  • Gott scheint ohnmächtig

Doch gerade dort offenbart sich eine tiefere Wahrheit:

👉 Die Allmacht Gottes ist nicht die der Herrschaft… sondern die der Liebe

Wie San Pablo sagt:

„Die Schwäche Gottes ist stärker als die Menschen“ (vgl. Erster Brief an die Korinther 1,25)


7. Praktische Anwendungen: Aus dieser Wahrheit leben

Wie kannst du das in deinem Leben anwenden?

1. Hör auf, absurde Dinge zu erbitten

Nicht alles, was du dir wünschst, ist wirklich gut oder möglich.
Lerne, in Wahrheit zu beten.


2. Vertraue auf die Kohärenz Gottes

Gott wird dich nicht verraten.
Er wird niemals gegen das Gute handeln.


3. Akzeptiere, dass nicht alles von Wundern abhängt

Gott kann Wunder wirken…
aber gewöhnlich handelt er durch die Wirklichkeit.


4. Umfange das Geheimnis, ohne ins Chaos zu fallen

Der Glaube ist nicht irrational.
Er ist über-rational.


5. Entdecke die wahre Allmacht

Sie liegt nicht in der Zerstörung…
👉 sondern darin, bis zum Äußersten zu lieben


8. Eine sehr aktuelle pastorale Warnung

Heute verbreiten sich viele gefährliche Ideen:

  • „Gott kann alles wollen“
  • „Alles ist ohne Unterschied Gottes Wille“
  • „Die Wahrheit verändert sich“

Das ist falsch.

Die göttliche Allmacht ist keine Willkür.
Sie ist Vollkommenheit.

Und das hat eine anspruchsvolle Konsequenz:

👉 Gott passt sich nicht dem Irrtum an… er ruft uns zur Wahrheit


9. Schluss: Ein Gott, der alles kann… außer aufzuhören, dich zu lieben

Die potentielle Allmacht mindert Gott nicht.
Im Gegenteil:

👉 Sie reinigt ihn von unseren menschlichen Projektionen
👉 Sie offenbart ihn als absolut vollkommen

Gott kann alles, was wirklich ist.
Und das Wirklichste von allem… ist die Liebe.

Die eigentliche Frage lautet also nicht:

❌ „Kann Gott alles tun?“

Sondern:

Bin ich bereit, einem Gott zu vertrauen, der sich niemals widerspricht… und immer zum Guten handelt?


Zum Nachdenken für heute

„Ich bin der Herr, der Gott allen Fleisches. Sollte mir etwas unmöglich sein?“
(vgl. Buch Jeremia 32,27)

Die Antwort ist klar:
👉 Für Gott ist nichts unmöglich…
👉 außer aufzuhören, das zu sein, was er ist: unendliche Liebe.

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Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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