Der Hirte des Hermas: das christliche Buch, das beinahe in die Bibel aufgenommen wurde und die frühe Kirche faszinierte

Unter den erstaunlichsten Texten des frühen Christentums gibt es ein Werk, das heute vielen Katholiken kaum bekannt ist, das jedoch jahrhundertelang in den Kirchen neben der Heiligen Schrift gelesen wurde. Ein Buch, das von einigen Kirchenvätern als inspiriert angesehen wurde, das in alten Bibelkodizes mitkopiert wurde und von den Christen der ersten Jahrhunderte zutiefst geschätzt war.

Dieses Buch ist Der Hirte des Hermas.

Sein Autor, Hermas, wahrscheinlich ein ehemaliger christlicher Sklave des 2. Jahrhunderts, hinterließ uns ein seltsames, symbolisches, zutiefst moralisches und geistlich intensives Werk. Auf seinen Seiten finden wir himmlische Visionen, Engel in Gestalt eines Hirten, geheimnisvolle Gleichnisse, Warnungen vor geistlicher Lauheit, Aufrufe zur Buße und ein ständiges Bestehen auf der Reinheit des Herzens.

Obwohl es letztlich nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurde, nimmt Der Hirte des Hermas einen besonderen Platz in der Geschichte der Kirche ein. Es ist eines jener Werke, die einen Blick in die Seele des frühen Christentums ermöglichen: eine Kirche, die noch verfolgt wurde, asketisch, bußorientiert und zutiefst auf Heiligkeit ausgerichtet war.

Heute, in einer Zeit, die von geistlicher Oberflächlichkeit und moralischem Relativismus geprägt ist, wirkt dieses alte Schriftstück wieder erstaunlich aktuell.


Ein Buch, geboren in der Kirche der Märtyrer

Um Den Hirten des Hermas zu verstehen, müssen wir in das 2. Jahrhundert zurückkehren – eine entscheidende Epoche für das Christentum.

Die Kirche war noch klein. Christen wurden im Römischen Reich immer wieder verfolgt. Die Gemeinden lebten in intensiver Erwartung der Wiederkunft Christi und hielten an einer sehr strengen moralischen Disziplin fest. Christ zu werden war keine kulturelle oder gesellschaftliche Entscheidung: Es konnte Arbeit, Familie oder sogar das Leben kosten.

In diesem Zusammenhang tritt Hermas auf.

Die verbreitetste Überlieferung verortet ihn in Rom. Das sogenannte Muratorische Fragment – eines der frühesten Verzeichnisse christlicher Schriften – berichtet, dass Hermas der Bruder von Papst Pius I. gewesen sei, der die Kirche von Rom ungefähr zwischen 140 und 155 n. Chr. leitete.

Wir wissen nicht, wie historisch zuverlässig diese Angabe ist, aber wir wissen, dass das Werk wahrscheinlich in Rom in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts geschrieben wurde.

Hermas scheint ein ehemaliger Sklave gewesen zu sein, der einen gewissen wirtschaftlichen Wohlstand erreichte. Doch wie er selbst berichtet, geriet er später in familiäre und geistliche Schwierigkeiten. Genau aus dieser Erfahrung von Krise, Reue und Bekehrung entsteht sein Werk.

Und das sagt uns bereits etwas Wichtiges: Der Hirte des Hermas ist keine abstrakte theologische Abhandlung. Es ist das geistliche Zeugnis eines verwundeten Menschen, der die Barmherzigkeit Gottes entdeckt.


Was für ein Buch ist Der Hirte des Hermas?

Das Werk ist in drei große Teile gegliedert:

  1. Die Visionen
  2. Die Gebote
  3. Die Gleichnisse oder Similitudines

Das gesamte Buch ist von einer apokalyptischen und symbolischen Sprache durchdrungen, die stark an Teile des Buches Daniel oder der Offenbarung des Johannes erinnert.

Hermas berichtet von Begegnungen mit himmlischen Gestalten, geheimnisvollen alten Frauen, die die Kirche darstellen, Engeln, Türmen aus lebendigen Steinen und einem Hirten, der ihm geistliche Lehren vermittelt.

Der Ton mag dem modernen Leser fremd erscheinen, doch für Christen des 2. Jahrhunderts war diese Sprache vertraut. Symbolik war eine übliche Weise, tiefe geistliche Wahrheiten auszudrücken.


Die Kirche als heilige alte Frau

Eines der schönsten Symbole des Buches ist die Gestalt einer alten Frau, die die Kirche darstellt.

Zunächst erscheint sie gealtert und schwach und spiegelt die Sünden und Spaltungen der Christen wider. Doch nach und nach wird sie jünger und schöner, je mehr die Gläubigen umkehren und zu Gott zurückkehren.

Dieses Bild ist zutiefst theologisch.

Die Kirche wird nicht einfach als menschliche Institution dargestellt, sondern als lebendige geistliche Wirklichkeit. Die Heiligkeit oder Sündhaftigkeit der Christen beeinflusst sichtbar den ganzen Leib.

In einer Zeit wie der unseren, in der viele die Kirche auf Politik, Strukturen oder menschliche Skandale reduzieren, erinnert Der Hirte des Hermas an eine vergessene Wahrheit: Die Kirche ist auch ein übernatürliches Geheimnis.

Die Sünden der Gläubigen verwunden sie.

Die Heiligkeit der Gläubigen verschönert sie.


Das große Hauptthema des Buches: die Buße

Wenn es ein zentrales Thema in Der Hirte des Hermas gibt, dann ist es die Bekehrung.

Hermas betont ständig die Notwendigkeit aufrichtiger Reue. Das Buch spiegelt eine der großen Sorgen der frühen Kirche wider: Was geschieht mit Christen, die nach der Taufe schwere Sünden begehen?

Man muss sich erinnern, dass die Taufe in den ersten Jahrhunderten als radikale Verwandlung des Lebens verstanden wurde. Viele Christen verschoben ihre Taufe sogar bis ins Erwachsenenalter aus Angst, danach zu sündigen.

Deshalb war diese Frage so dramatisch.

Der Hirte des Hermas verkündet etwas außerordentlich Hoffnungsvolles: Gott gewährt noch eine Möglichkeit zur Buße.

Keine billige oder automatische Gnade, sondern eine echte Umkehr des Herzens.

Das Buch fordert:

  • die Abkehr von Doppelzüngigkeit,
  • ein Leben in Reinheit,
  • Wahrhaftigkeit,
  • die Ablehnung der Habgier,
  • die Beherrschung des Zorns,
  • die Sorge um die Armen,
  • die Vermeidung von Heuchelei.

Es ist ein anspruchsvolles, asketisches und sehr konkretes Christentum.

Es genügt nicht, sich einfach „gläubig zu fühlen“. Man muss wie ein Jünger leben.


Der Engel-Hirte: Führer der Seele

Die zentrale Gestalt des Werkes ist der „Hirte“, ein Engel, der von Gott gesandt wird, um Hermas zu unterweisen.

Diese Figur erinnert unmittelbar an Christus als den Guten Hirten, auch wenn sie im Buch eher als himmlischer Bote und geistlicher Lehrer auftritt.

Dieser Hirte lehrt durch Gebote und Gleichnisse. Er spricht schlicht, aber mit großer moralischer Festigkeit.

Seine Lehren offenbaren eine zutiefst praktische Spiritualität:

  • Geduld im Leiden,
  • Beherrschung der Zunge,
  • Demut,
  • Keuschheit,
  • Aufrichtigkeit,
  • Vertrauen auf Gott,
  • Ablehnung ungeordneter Anhänglichkeit an Reichtum.

Es ist bemerkenswert, wie sehr diese Spiritualität jener vieler späterer Heiliger ähnelt.

Beim Lesen von Der Hirte des Hermas erkennt man Anklänge an:

  • die monastische Literatur,
  • die Wüstenväter,
  • den heiligen Benedikt,
  • die mittelalterliche Bußspiritualität,
  • und sogar bestimmte Aspekte der christlichen Mystik.

Der berühmte Turm aus lebendigen Steinen

Eines der bekanntesten Gleichnisse des Buches beschreibt einen gewaltigen Turm im Bau.

Der Turm steht für die Kirche.

Die Steine stehen für die Gläubigen.

Einige Steine passen vollkommen und werden in das Bauwerk eingefügt. Andere müssen bearbeitet werden. Manche sind beschädigt. Wieder andere werden verworfen, weil sie rissig oder verdorben sind.

Das Bild knüpft unmittelbar an die Theologie der Kirche als geistliches Gebäude an, die sich ebenfalls im Neuen Testament findet.

Hier erhält sie jedoch eine zutiefst persönliche Dimension.

Jeder Christ entscheidet durch sein Leben, ob er mit dem Werk Gottes zusammenarbeitet oder nicht.

Es geht nicht nur darum, äußerlich zur Kirche zu „gehören“, sondern sich innerlich verwandeln zu lassen.

Im Kern spricht das Gleichnis von Heiligkeit.

Gott möchte uns zu lebendigen Steinen seines Reiches machen.


Warum hielten manche Christen es für Heilige Schrift?

Hier gelangen wir zu einer der faszinierendsten Fragen.

Im 2. und 3. Jahrhundert betrachteten viele Christen Den Hirten des Hermas als inspirierten Text.

Zum Beispiel:

  • zitierte der heilige Irenäus von Lyon ihn beinahe wie die Schrift,
  • behandelte Clemens von Alexandrien ihn mit großem Respekt,
  • hielt Origenes ihn für inspiriert,
  • enthält der berühmte Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert ihn neben dem Neuen Testament.

Das zeigt etwas Wichtiges: Der biblische Kanon fiel nicht vom Himmel bereits abgeschlossen herab.

Die Kirche erkannte schrittweise, welche Bücher wirklich vom Heiligen Geist inspiriert waren.

Während dieses Prozesses war Der Hirte des Hermas sehr nahe daran, in den Kanon aufgenommen zu werden.


Warum wurde es dann nicht Teil der Bibel?

Der Hauptgrund war die Apostolizität.

Im Laufe der Zeit entwickelte die Kirche genauere Kriterien zur Anerkennung inspirierter Bücher:

  • Verbindung zu den Aposteln,
  • universaler liturgischer Gebrauch,
  • Übereinstimmung mit der Lehre,
  • apostolisches Alter.

Obwohl Der Hirte des Hermas orthodox und hochgeschätzt war, schien er zu spät verfasst worden zu sein, um direkt aus der apostolischen Generation zu stammen.

Deshalb wurde er schließlich aus dem endgültigen Kanon ausgeschlossen.

Dennoch betrachtete die Kirche ihn niemals als häretischen Text. Im Gegenteil: Er galt weiterhin als geistlich wertvolle und erbauliche Lektüre.

Viele Kirchenväter empfahlen sogar seine Lektüre zur Stärkung des sittlichen Lebens und der Buße.


Ein radikal ernstes Christentum

Etwas, das beim Lesen von Der Hirte des Hermas besonders auffällt, ist der Ernst, mit dem die frühen Christen das geistliche Leben verstanden.

Man findet hier kein oberflächliches oder bequemes Christentum.

Es gibt ein Bewusstsein für die Sünde.

Es gibt Gottesfurcht.

Es gibt geistlichen Kampf.

Es gibt moralische Disziplin.

Es gibt die absolute Überzeugung, dass menschliche Entscheidungen ewige Konsequenzen haben.

Für den modernen Menschen, der an eine Kultur gewöhnt ist, in der alles verhandelbar scheint, kann das unbequem wirken.

Aber auch zutiefst erfrischend.

Hermas spricht von einem Glauben, der die ganze Existenz verwandelt.

Nicht von einer Religion, die auf vorübergehende Gefühle oder kulturelle Identität reduziert ist.

Sondern von einem neuen Leben.


Die erstaunliche Aktualität von Der Hirte des Hermas

Obwohl das Werk vor fast zweitausend Jahren geschrieben wurde, scheint es viele geistliche Krankheiten der Gegenwart zu beschreiben.

1. Doppelleben

Hermas prangert ständig religiöse Heuchelei an.

Christen, die äußerlich heilig erscheinen, innerlich jedoch Sklaven von Stolz, Habgier oder Lüge sind.

Man kann dabei kaum vermeiden, an die Glaubwürdigkeitskrise der Kirche heute zu denken, wenn Skandale das Vertrauen der Gläubigen zerstören.

Das Buch erinnert daran, dass das Zeugnis zählt.

Und zwar zutiefst.


2. Anhänglichkeit an Reichtum

Das Werk kritisiert scharf jene, die ihre Sicherheit auf Reichtum gründen.

Es verurteilt nicht einfach den Besitz materieller Güter, sondern davon beherrscht zu werden.

In einer konsumorientierten Gesellschaft, in der selbst Christen Erfolg oft nach rein materiellen Maßstäben messen, wirkt diese Botschaft unangenehm aktuell.


3. Der Verlust des Sinnes für Buße

Eine der großen modernen Tragödien ist das Verschwinden der Sprache der Umkehr.

Viele sprechen über Selbstwertgefühl, Wohlbefinden oder persönliche Entwicklung, aber kaum jemand spricht über Sünde, Reue oder geistlichen Kampf.

Hermas tut es.

Und zwar ohne Verzweiflung.

Denn für ihn ist Buße keine leere Demütigung, sondern der Weg zur Heilung.


4. Die Notwendigkeit des Durchhaltens

Das Buch betont ständig die Treue inmitten von Prüfungen und Versuchungen.

Christen des 2. Jahrhunderts konnten wegen ihres Glaubens ihr Leben verlieren.

Heute gibt es zwar vielerorts keine blutigen Verfolgungen mehr, doch kultureller Druck, Spott und geistliche Erschöpfung bestehen weiterhin.

Der Hirte des Hermas erinnert daran, dass alltägliche Treue ebenfalls eine Form stillen Martyriums ist.


Sollte ein Katholik es heute lesen?

Ja, mit einigen wichtigen Klarstellungen.

Es ist keine inspirierte Heilige Schrift.

Es gehört nicht zur Bibel.

Und einige seiner Aussagen spiegeln disziplinäre Debatten der alten Kirche wider.

Dennoch bleibt es ein außergewöhnliches Zeugnis frühchristlicher Spiritualität.

Seine Lektüre hilft dabei:

  • die ersten Christen besser zu verstehen,
  • zu entdecken, wie sie Buße lebten,
  • den Prozess der Entstehung des biblischen Kanons zu verstehen,
  • den universalen Ruf zur Heiligkeit zu vertiefen.

Außerdem besitzt es eine geistliche Kraft, die schwer zu ignorieren ist.

Es gibt ganze Passagen, die wie für unsere Zeit geschrieben wirken.


Ein Echo der alten Kirche, das noch immer spricht

Vielleicht ist genau das das Faszinierendste an Der Hirte des Hermas.

Es ist ein Buch an der Grenze des Neuen Testaments.

Ein Text, der entstand, als das direkte Echo der Apostel noch hörbar war.

Eine Schrift, die uns die Sorgen, Kämpfe und Hoffnungen der ersten Christen hören lässt.

Und was wir hören, klingt erstaunlich vertraut.

Denn das menschliche Herz braucht noch immer dieselben Dinge:

  • Umkehr,
  • Wahrheit,
  • Barmherzigkeit,
  • Treue,
  • Hoffnung.

Hermas, jener ehemalige Sklave des 2. Jahrhunderts, erinnert uns weiterhin an etwas Wesentliches: Heiligkeit besteht nicht darin, von Anfang an vollkommen zu sein, sondern sich geduldig von Gott neu aufbauen zu lassen.

Wie lebendige Steine eines ewigen Turmes, der noch immer weiter errichtet wird.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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