Zum vierten Artikel des Credo: „Gelitten unter Pontius Pilatus; gekreuzigt, gestorben und begraben“

Der unendliche Preis unserer Erlösung und das erschütternde Geheimnis des Kreuzes

Es gibt Worte, die, weil wir sie so oft wiederholt haben, die Gefahr laufen, uns nicht mehr zu erschüttern.

„Gelitten unter Pontius Pilatus; gekreuzigt, gestorben und begraben.“

Wir sprechen sie in jedem Credo. Wir hören sie seit der Kindheit. Wir kennen sie auswendig.

Aber wenn wir wirklich verstünden, was sie enthalten… würden wir auf die Knie fallen.

Denn hier stehen wir nicht einfach vor einer dogmatischen Formel: Wir stehen vor dem Mittelpunkt der gesamten Menschheitsgeschichte. Hier konzentrieren sich das Drama der Sünde, die göttliche Gerechtigkeit, die unendliche Liebe Gottes, die Niederlage Satans und die Rettung des Menschen.

Der vierte Artikel des Credo ist kein nebensächliches Detail unseres Glaubens. Er ist das blutende Herz des Christentums.

Ohne die Passion gibt es keine Erlösung.
Ohne das Kreuz gibt es kein Heil.
Ohne das Blut des Lammes gibt es keine Hoffnung.

I. „Gelitten“: ein kleines Wort für ein Ozean von Schmerz

Der Katechismus lehrt, dass das Wort „gelitten“ alle Schmerzen ausdrückt, die Jesus Christus in seiner Passion ertragen hat.

Und hier müssen wir tief innehalten.

Es heißt nicht einfach, dass er „gestorben“ ist. Zuerst heißt es, dass er „gelitten“ hat.

Denn Christus kam nicht nur, um zu sterben, sondern um aus Liebe freiwillig zu leiden.

Von Gethsemane bis Golgotha hat unser Herr eine Kette physischer, moralischer, geistlicher und mystischer Leiden auf sich genommen, die unmöglich vollständig zu erfassen ist:

1. Körperliches Leiden

  • Die Agonie im Garten, bis zum Blut schwitzen.
  • Die brutale Geißelung an der Säule.
  • Die Dornenkrönung.
  • Schläge, Ohrfeigen und Spucke.
  • Das Tragen des Kreuzes.
  • Die Kreuzigung mit Nägeln.
  • Das fortschreitende Ersticken.
  • Der letzte Lanzenstich.

2. Moralisches Leiden

  • Der Verrat des Judas.
  • Das Verlassenwerden durch viele Jünger.
  • Die Verleugnung des Petrus.
  • Der Spott der Menge.
  • Die Feigheit des Pilatus.
  • Öffentliche Demütigung.

3. Geistliches Leiden

Christus, der auf geheimnisvolle Weise die Sünden der Welt trägt, wollte die Last der durch die Sünde verursachten Trennung erfahren:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Nicht weil der Vater den Sohn in seiner Gottheit wirklich verlassen hätte, sondern weil Christus den Kelch des menschlichen Leidens bis zum letzten Tropfen trinken wollte.

II. Ist Gott gestorben?

Hier betreten wir eines der erhabensten Geheimnisse der katholischen Theologie.

Jesus Christus ist in seiner menschlichen Natur gestorben, nicht in seiner göttlichen Natur.

Die göttliche Natur ist leidensunfähig und unsterblich. Gott kann nicht aufhören zu sein.

Aber Jesus Christus ist eine einzige göttliche Person mit zwei Naturen:

  • wahrer Gott
  • wahrer Mensch

Sein Leib ist wirklich gestorben. Seine menschliche Seele hat sich vom Leib getrennt. Aber seine Gottheit blieb mit beiden vereint.

Dieser Punkt ist grundlegend.

Es ist nicht einfach ein guter Mensch gestorben.
Es ist nicht ein Prophet gestorben.
Es ist nicht ein gewöhnlicher Märtyrer gestorben.

Das fleischgewordene Wort ist in seiner menschlichen Natur gestorben.

Darum hat jeder Tropfen Blut einen unendlichen Wert.

III. Pontius Pilatus: das ewige Symbol menschlicher Gefallsucht und politischer Feigheit

Das Credo nennt Pontius Pilatus beim Namen. Das ist kein Zufall.

Pilatus steht für alle, die die Wahrheit erkennen, sich aber dem Druck der Welt beugen.

Er wusste, dass Christus unschuldig war. Er erklärte es öffentlich. Er wollte sich die Hände waschen.

Aber er gab nach.

Hier liegt eine hochaktuelle Lehre.

Wie viele wissen heute, was wahr ist, schweigen aber aus Angst?
Wie viele ziehen es vor, der Menge zu gefallen, statt Christus zu verteidigen?
Wie viele verurteilen ihn erneut, um Macht, Ansehen oder gesellschaftliche Akzeptanz zu behalten?

Pilatus war nicht nur eine historische Figur.

Pilatus lebt jedes Mal wieder auf, wenn die Wahrheit der Bequemlichkeit geopfert wird.

IV. Das Kreuz: die grausamste und zugleich glorreiche Strafe

Die römische Kreuzigung war die brutalste und entehrendste Strafe.

Sie zielte nicht nur darauf ab zu töten, sondern zu entwürdigen.

Es war ein Tod:

  • öffentlich
  • langsam
  • schmerzhaft
  • schändlich

Und genau diesen hat Christus gewählt.

Warum?

Weil er in die tiefste Tiefe unseres Elends hinabsteigen wollte, um alles zu erlösen.

Das Kreuz, ein Folterinstrument, wurde zum Thron.
Die Schande wurde zur Herrlichkeit.
Die scheinbare Niederlage wurde zum ewigen Sieg.

Darum sieht der Katholik das Kreuz nicht als bloßes dekoratives Symbol. Er sieht es als den Altar, an dem sein Lösegeld bezahlt wurde.

V. Hätte Jesus sich befreien können?

Ja. Absolut.

Mit einem einzigen Wort hätte er seine Feinde niederwerfen können.

Er hat es bereits in Gethsemane gezeigt, als er sagte: „Ich bin es“, und sie zu Boden fielen.

Christus war kein hilfloses Opfer. Er war Priester und freiwilliges Opfer.

Niemand nahm ihm das Leben. Er gab es freiwillig.

Hier erstrahlt die wahre Liebe:
Nicht lieben, wenn es keine andere Wahl gibt…
sondern das Opfer wählen, obwohl man es vermeiden könnte.

VI. Warum musste er zugleich Gott und Mensch sein?

Diese Frage berührt den Kern der Erlösung.

Die Sünde beleidigt Gott, dessen Majestät unendlich ist.
Daher musste die Wiedergutmachung einen unendlichen Wert haben.

Aber der Mensch hatte gesündigt, also musste der Mensch zahlen.

Das Problem:
Der endliche Mensch kann keine unendliche Genugtuung leisten.

Die göttliche Lösung:
Der Sohn Gottes wird Mensch.

Als Mensch kann er leiden.
Als Gott hat sein Leiden unendlichen Wert.

Nur Jesus Christus konnte die Brücke schlagen.

Kein Engel hätte genügt.
Nicht die ganze Menschheit zusammen.
Nicht Jahrhunderte der Buße.

Nur der Gott-Mensch.

VII. War so viel Leiden notwendig?

Theologisch: nein.

Der kleinste Akt Christi hatte unendlichen Wert.

Eine einzige Träne hätte genügt.

Warum also so viel Schmerz?

Weil er wollte:

1. Die erschreckende Schwere der Sünde zeigen

Wenn die Sünde gering wäre, hätte ein solcher Preis notwendig sein müssen?

2. Die unermessliche Liebe Gottes offenbaren

Das Kreuz antwortet für immer jedem, der an der göttlichen Liebe zweifelt.

3. Unsere Herzen zur Umkehr bewegen

Jede Wunde ruft:
„So sehr liebe ich dich.“
„So schwer ist die Sünde.“
„Kreuzige mich nicht erneut.“

VIII. Die sieben Worte vom Kreuz: ewiges Testament

Vom Holz des Kreuzes aus:

  • vergibt Christus seinen Henkern,
  • verheißt dem guten Schächer das Paradies,
  • gibt uns Maria als Mutter,
  • äußert seinen Durst,
  • verkündet die Vollendung,
  • übergibt seinen Geist.

Am Kalvarienberg entsteht auch unsere geistliche Mutterschaft:
„Siehe, deine Mutter.“

Maria ist kein sentimentales Beiwerk. Sie ist das Geschenk des gekreuzigten Christus.

IX. Die Wunder bei seinem Tod: die Schöpfung erbebt

Als Christus stirbt:

  • verfinstert sich die Sonne,
  • erbebt die Erde,
  • zerreißt der Tempelvorhang,
  • öffnen sich Gräber.

Die Natur reagiert, weil ihr Schöpfer geopfert wird.

Der zerrissene Vorhang kündigt etwas Großes an:
Der Zugang zu Gott ist durch das Blut des Lammes geöffnet.

X. Er wurde begraben: die volle Realität seines Todes

Christus wurde wirklich begraben.

Er hat nicht nur scheinbar gelitten.
Er ist nicht nur ohnmächtig geworden.
Er war kein Symbol.

Er ist wirklich gestorben.

Das neue Grab bestätigt die historische Realität seines Todes… und bereitet die unvergleichliche Herrlichkeit der Auferstehung vor.

XI. Er ist für alle gestorben… aber nicht alle werden gerettet

Hier ist die katholische Lehre klar:

Christus ist für alle ohne Ausnahme gestorben.
Sein Opfer ist für alle ausreichend.
Aber nicht alle nehmen seine Früchte an.

Das Heil wird nicht aufgezwungen.

Viele lehnen ab:

  • den Glauben
  • die Bekehrung
  • die Sakramente
  • den Gehorsam

Das Kreuz öffnet die Tür.
Aber jede Seele muss eintreten.

XII. Die Sakramente: die lebendige Anwendung der Passion

Die Kirche lehrt etwas Entscheidendes: Es genügt nicht, zu wissen, dass Christus gestorben ist.

Die Verdienste seiner Passion müssen persönlich angewendet werden.

Wie?
Vor allem durch die Sakramente:

  • Taufe
  • Beichte
  • Eucharistie
  • usw.

Die Sakramente sind keine leeren Riten; sie sind Kanäle des Blutes Christi.

Sie zu verachten bedeutet, das Heilmittel abzulehnen.

XIII. Die große moderne Tragödie: Christus ohne Kreuz wollen

Heute wollen viele einen inspirierenden Jesus, aber keinen gekreuzigten.
Einen therapeutischen Jesus, aber keinen Erlöser.
Einen toleranten Jesus, aber keinen Retter.

Aber das Credo sagt nicht:
„Er wurde bewundert, beklatscht und verstanden.“

Es sagt:
„Er hat gelitten… ist gekreuzigt worden…“

Christentum ohne Kreuz rettet nicht.
Glaube ohne Opfer wird leer.
Religion ohne Sühne wird zu bloßem Gefühl.

XIV. Was verlangt dieser Artikel von uns?

1. Abscheu vor der Sünde

Jede Todsünde ruft: „Kreuzige ihn!“

2. Unendliche Dankbarkeit

Wir wurden nicht mit Gold erkauft, sondern mit Blut.

3. Vereinigung mit unserem eigenen Leiden

Wenn wir mit Christus leiden, wird das Kreuz zum Weg der Heiligung.

4. Treue

Es genügt nicht, vor dem Gekreuzigten bewegt zu sein. Man muss ihm folgen.

Schluss: Auf das Kreuz schauen, bis wir erkennen, wer wir sind

Der vierte Artikel des Credo lehrt zwei untrennbare Wahrheiten:

Das Grauen der Sünde

und

Die Unermesslichkeit der göttlichen Liebe

Schau auf das Kreuz und du wirst verstehen, wie viel die Sünde kostet.
Schau auf das Kreuz und du wirst verstehen, wie viel du Gott wert bist.

Du bist kein Zufall.
Du bist keine Statistik.
Du bist kein Abfall.

Du bist eine Seele, für die Christus angenommen hat:

  • die Geißel,
  • die Dornen,
  • die Nägel,
  • den Durst,
  • die Lanze,
  • das Grab.

Jeden Karfreitag scheint das ganze Universum zu flüstern:

„Nicht das Eisen hielt Christus am Kreuz… es war die Liebe.“

Und nun ist die große Frage nicht nur:
„Was hat Christus gelitten?“

Sondern:
„Was werde ich mit diesem Opfer tun?“

Denn vor dem Kreuz bleibt niemand neutral.
Entweder du umarmst es…
oder du verachtest es.

Und von dieser Antwort hängt die Ewigkeit ab.

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Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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