DIE HYPOSTATISCHE UNION: DAS UNERGRÜNDLICHE GEHEIMNIS GOTTES, DER MENSCH WURDE, OHNE AUFZUHÖREN, GOTT ZU SEIN

In Jesus Christus trat die Ewigkeit in die Zeit ein, der Schöpfer nahm unsere menschliche Natur an, und der Sohn Gottes wurde wahrhaft Mensch, ohne aufzuhören, wahrhaft Gott zu sein. Die Kirche hat diese grundlegende Wahrheit über Jahrhunderte hinweg verteidigt: Christus ist weder halb Gott und halb Mensch noch sind in ihm zwei Personen miteinander verbunden. Er ist eine einzige göttliche Person in zwei vollkommenen Naturen. Dies ist das Geheimnis der hypostatischen Union, das Herzstück des christlichen Glaubens.

1. Das Ereignis, das die Geschichte veränderte: Gott wurde Mensch

Es gibt Wahrheiten des christlichen Glaubens, die uns umso mehr die Größe Gottes erkennen lassen, je tiefer wir sie betrachten. Eine davon ist das Geheimnis der Menschwerdung: Der ewige Sohn Gottes nahm eine menschliche Natur an und trat wirklich in unsere Geschichte ein, ohne aufzuhören, das zu sein, was er von Ewigkeit her ist.

Es geht nicht einfach darum, dass Gott sich durch einen außergewöhnlichen Menschen offenbarte oder dass ein Mensch eine besondere Verbindung mit der Gottheit erlangte. Ebenso wenig bedeutet es, dass Jesus Christus ein Mensch war, in dessen Innerem Gott wohnte, so wie er in den Seelen der Gerechten wohnt.

Der katholische Glaube bekennt etwas unendlich Tieferes: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. In ihm bestehen zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, die untrennbar in einer einzigen Person vereint sind: der göttlichen Person des Sohnes.

Diese Vereinigung trägt den Namen hypostatische Union.

Der Ausdruck mag kompliziert erscheinen, doch er birgt eine der schönsten und entscheidendsten Aussagen des Christentums. Derjenige, der in Bethlehem von Maria geboren wurde, ist derselbe ewige Sohn, der seit aller Ewigkeit beim Vater ist. Derjenige, der weinte, Hunger hatte, durch die Wege Galiläas ging und am Kreuz starb, ist wahrhaft Gott, der Mensch geworden ist.

Das Evangelium nach Johannes drückt dieses Geheimnis mit einer der tiefgründigsten Aussagen der gesamten Heiligen Schrift aus:

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Johannes 1,14).

In diesen wenigen Worten ist die Grundlage unseres Glaubens zusammengefasst. Das Wort hörte nicht auf, Gott zu sein, um Mensch zu werden. Es gab seine göttliche Natur nicht auf und verwandelte sich nicht in ein Geschöpf. Es nahm unsere Menschennatur an und machte sie wahrhaft zu seiner eigenen, ohne etwas von seiner Göttlichkeit zu verlieren.

Diese Wahrheit zu verstehen, ermöglicht uns zu begreifen, wer Jesus Christus ist, weshalb sein Opfer einen einzigartigen erlösenden Wert besitzt und warum das christliche Heil nicht einfach darin besteht, moralische Lehren eines außergewöhnlichen Meisters zu empfangen, sondern in Gemeinschaft mit demselben Gott zu treten, der uns nahegekommen ist.

2. Was bedeutet die hypostatische Union genau?

Um diese Lehre zu verstehen, müssen wir bei zwei grundlegenden Begriffen der christlichen Theologie verweilen: Natur und Person.

Die Natur beantwortet die Frage: Was ist jemand?

In Christus finden wir zwei Naturen:

  • Die göttliche Natur: Durch sie ist er wahrer Gott, ewig, allmächtig, allwissend und dem Vater gleich.
  • Die menschliche Natur: Durch sie ist er wahrer Mensch, mit einem menschlichen Leib, einer vernunftbegabten Seele, Verstand, Willen und allen Fähigkeiten, die zu unserem Menschsein gehören, mit Ausnahme der Sünde.

Die Person beantwortet eine andere Frage: Wer ist jemand?

In Jesus Christus gibt es nur eine einzige Person: den ewigen Sohn Gottes, die zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Daher müssen wir sorgfältig unterscheiden:

  • Christus besitzt zwei Naturen.
  • Christus besitzt eine einzige Person.
  • Diese eine Person ist göttlich.
  • Beide Naturen bleiben vollständig bestehen, ohne sich zu vermischen oder voneinander getrennt zu werden.

Das ist das Wesen der hypostatischen Union.

Das Wort hypostatisch stammt vom griechischen Begriff hypóstasis, der in der theologischen Sprache verwendet wird, um auf die persönliche Wirklichkeit oder das selbständige Bestehen einer Person hinzuweisen. In dieser Lehre bringt er zum Ausdruck, dass die menschliche Natur Jesu Christi in der göttlichen Person des Wortes subsistiert.

Das bedeutet, dass Jesus keine eigenständige menschliche Person ist, die sich nachträglich mit einer göttlichen Person verbunden hätte. Seine Menschheit gehört vom ersten Augenblick ihres menschlichen Daseins an persönlich dem Sohn Gottes.

Wenn wir das Kind von Bethlehem betrachten, sehen wir keinen Menschen, der später die Gottheit empfängt. Wir stehen vor demselben Sohn Gottes, der unsere menschliche Natur angenommen hat.

Und wenn wir den gekreuzigten Christus betrachten, sehen wir keinen von Gott getrennten Menschen, der für uns leidet. Es ist die göttliche Person des Sohnes, die gemäß ihrer menschlichen Natur leidet und stirbt.

Diese Unterscheidung ist wesentlich, um das Geheimnis unserer Erlösung zu verstehen.

3. Die beiden Naturen Christi: wahrer Gott und wahrer Mensch

Die Kirche hat niemals gelehrt, dass Jesus Christus eine Mischung aus Göttlichkeit und Menschlichkeit sei. Ebenso wenig hat sie gelehrt, dass seine menschliche Natur nur ein äußerer Anschein oder ein Instrument ohne wirkliche menschliche Wirklichkeit gewesen sei.

Christus ist vollkommen Gott und vollkommen Mensch.

Seine göttliche Natur

Jesus Christus besitzt dieselbe göttliche Natur wie der Vater und der Heilige Geist. Er ist kein untergeordneter Gott, kein außergewöhnlich erhobenes Geschöpf und kein Zwischenwesen zwischen Gott und den Menschen.

Der Prolog des Johannesevangeliums beginnt mit der Aussage:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1).

Das Wort existiert seit aller Ewigkeit. Es beginnt nicht erst in Bethlehem zu existieren. Seine menschliche Geburt markiert den Beginn seines zeitlichen Lebens gemäß der angenommenen Menschheit, nicht den Beginn seiner göttlichen Existenz.

Wenn Jesus deshalb erklärt:

„Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30),

offenbart er seine göttliche Einheit mit dem Vater. Er sagt damit nicht, dass er und der Vater dieselbe Person seien, sondern dass sie die eine göttliche Natur gemeinsam besitzen.

Diese Wahrheit gehört zum Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und ist von der katholischen Christologie untrennbar.

Seine menschliche Natur

Gleichzeitig nahm Jesus Christus eine vollständige menschliche Natur an.

Er besaß einen wirklichen Leib, wurde von einer Frau geboren und erlebte Hunger, Durst, Müdigkeit, Schmerz und Tränen. Er besaß einen menschlichen Verstand und einen menschlichen Willen und lebte tatsächlich unter den Bedingungen des irdischen Daseins.

Das Evangelium zeigt uns Jesus, wie er angesichts des Todes des Lazarus weint (Johannes 11,35), in der Wüste Hunger empfindet (Matthäus 4,2), am Jakobsbrunnen müde ist (Johannes 4,6) und in Getsemani tiefe Angst erlebt (Matthäus 26,38).

Nichts davon war eine bloße Darstellung.

Christus täuschte nicht vor, Mensch zu sein. Seine Menschheit war wirklich.

Der Katechismus der Katholischen Kirche entfaltet diese Lehre insbesondere in den Nummern 464–469 und erklärt, wie die Kirche nach und nach die wahre Gottheit und die wahre Menschheit Jesu Christi bekannt hat.

Eine grundlegende Konsequenz daraus ist, dass Jesus Christus einen wirklichen menschlichen Verstand und einen wirklichen menschlichen Willen besitzt, die seine Göttlichkeit weder ersetzen noch aufheben.

So bekennt es auch die katholische Lehre, wenn sie erklärt, dass die beiden Willen Christi in vollkommener Harmonie wirken und sein menschlicher Wille sich frei dem göttlichen Willen unterordnet.

Wir haben es also nicht mit einer unvollständigen Menschheit zu tun. Der Sohn Gottes nahm alles an, was zu unserer menschlichen Natur gehört, gerade um den Menschen in seiner Ganzheit zu erlösen.

4. Die Lehre der Heiligen Schrift: Das von Anfang an verkündete Geheimnis

Die hypostatische Union ist keine philosophische Konstruktion, die Jahrhunderte nach Jesus Christus erfunden wurde. Sie ist die theologische Formulierung, mit der die Kirche eine Wahrheit ausgedrückt und geschützt hat, die von Anfang an in der christlichen Offenbarung gegenwärtig war.

Die Heilige Schrift bietet zahlreiche Zeugnisse für die Göttlichkeit und Menschlichkeit Christi.

Das ewige Wort wird Fleisch

Wie bereits erwähnt, gehört Johannes 1,14 zu den grundlegenden Textstellen.

Der Evangelist sagt nicht, dass das Wort einfach in einem Menschen wohnte, sondern dass das Wort Fleisch geworden ist.

Der Ausdruck „Fleisch“ bezeichnet hier die menschliche Natur, die der Sohn Gottes angenommen hat. Derjenige, der von Anfang an beim Vater war, tritt wirklich in die Geschichte der Menschen ein.

Der Sohn Gottes, geboren von einer Frau

Der heilige Paulus schreibt:

„Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Galater 4,4).

Diese Aussage ist von außerordentlicher Bedeutung.

Christus wird vom Vater als sein Sohn gesandt, wird aber von einer Frau geboren. Sein persönlicher Ursprung ist ewig und göttlich; seine Geburt gemäß der menschlichen Natur ereignet sich innerhalb der Zeit.

Der heilige Paulus verbindet damit zwei untrennbare Dimensionen: die göttliche Identität des Sohnes und seine wahre menschliche Natur.

In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit

Im Brief an die Kolosser finden wir eine weitere grundlegende Aussage:

„Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2,9).

In Christus wohnt nicht nur ein Teil der Gottheit und auch nicht lediglich eine symbolische Gegenwart Gottes. In ihm wohnt leibhaftig die ganze Fülle der Gottheit.

Dieser Vers ist besonders wichtig, um zu verstehen, dass die Menschheit Jesu kein Hindernis für seine Göttlichkeit darstellt. Im Gegenteil: Der Leib und die menschliche Natur Christi gehören zum Geheimnis der Menschwerdung des Wortes.

Der Hymnus von der Erniedrigung und Erhöhung Christi

In Philipper 2,6–11 stellt der heilige Paulus einen der tiefgründigsten Texte über das Geheimnis Christi vor.

Er erklärt, dass Jesus Christus, der in göttlicher Gestalt war, die Gestalt eines Knechtes annahm, den Menschen gleich wurde und sich erniedrigte bis zum Tod am Kreuz.

Diese Aussage muss richtig verstanden werden: Christus verzichtete nicht auf seine Göttlichkeit. Seine Erniedrigung bestand darin, unsere menschliche Natur anzunehmen und freiwillig den Weg des Gehorsams und des Opfers zu gehen.

Derjenige, der von Ewigkeit her Gott war, wurde aus Liebe zum Diener.

Das Kreuz ist keine Niederlage seiner Göttlichkeit, sondern die höchste Offenbarung seiner erlösenden Liebe durch die Menschheit, die er angenommen hat.

5. Die Kirche verteidigte dieses Geheimnis gegen christologische Irrlehren

Während der ersten Jahrhunderte des Christentums musste sich die Kirche mit zahlreichen Streitfragen über die Identität Jesu Christi auseinandersetzen.

Es handelte sich nicht um nebensächliche Diskussionen. Auf dem Spiel stand das Verständnis des Heils: Wenn Christus nicht wahrhaft Gott wäre, könnte er uns den Vater nicht vollkommen offenbaren; wenn er nicht wahrhaft Mensch wäre, könnte er unsere menschliche Natur nicht annehmen und erlösen.

Die Kirche präzisierte ihre theologische Sprache durch Konzilien, Glaubensbekenntnisse und das Zeugnis der Kirchenväter.

Der Arianismus: Christus ist kein Geschöpf

Im 4. Jahrhundert vertrat Arius die Auffassung, dass der Sohn Gottes weder ewig noch wesensgleich mit dem Vater sei, sondern ein hervorragendes Geschöpf, das von Gott vor allen übrigen Geschöpfen geschaffen worden sei.

Diese Lehre wurde vom Konzil von Nicäa im Jahr 325 verurteilt. Das Konzil bekannte, dass der Sohn „gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“ ist.

Diese Aussage hatte entscheidende Bedeutung: Jesus Christus gehört nicht zur Ordnung der Geschöpfe. Er ist wahrer Gott.

Wäre Christus ein Geschöpf, so erhaben es auch sein möge, könnte nicht Gott selbst sein, der uns rettet.

Der Nestorianismus: Zwei Personen in Christus?

Im 5. Jahrhundert entstand eine weitere besonders wichtige Kontroverse, die mit Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel, verbunden war.

Die Auseinandersetzung drehte sich um die personale Einheit Jesu Christi und um die Berechtigung des marianischen Titels Theotokos, was „Gottesgebärerin“ bedeutet.

Das Problem bestand nicht einfach in einem Streit darüber, wie die Jungfrau Maria genannt werden sollte. Die grundlegende Frage war, wer von ihr geboren worden war.

Wenn Maria lediglich einen Menschen zur Welt gebracht hätte, mit dem sich das Wort später verbunden hätte, könnte der Eindruck entstehen, in Christus existierten zwei personale Subjekte: eines menschlich und eines göttlich.

Der katholische Glaube bekennt jedoch, dass derjenige, der von Maria geboren wurde, der Sohn Gottes selbst ist, der Mensch geworden ist.

Deshalb bestätigte das Konzil von Ephesus im Jahr 431 die Berechtigung des Titels Theotokos.

Maria ist wahrhaft Mutter Gottes, weil sie die Mutter Jesu Christi ist und Jesus Christus eine einzige göttliche Person ist.

Das bedeutet nicht, dass Maria Gott vorausgeht, dass sie die göttliche Natur des Sohnes hervorgebracht hätte oder dass sie die Mutter der Dreifaltigkeit sei. Es bedeutet, dass derjenige, den sie gemäß der menschlichen Natur geboren hat, der ewige Sohn Gottes ist.

Die Gottesmutterschaft Mariens ist somit eine unmittelbare Konsequenz der hypostatischen Union.

Der Monophysitismus: Eine einzige Natur nach der Menschwerdung?

Eine weitere Kontroverse stand im Zusammenhang mit Eutyches, der eine Position vertrat, welche den Fortbestand der wahren menschlichen Natur Christi nach der Vereinigung infrage stellte.

Diesem Irrtum gegenüber musste die Kirche präzisieren, dass die Vereinigung der Göttlichkeit und der Menschlichkeit nicht bedeutet, dass sich beide vermischen und dadurch eine neue Natur entsteht.

Die Menschheit Christi verschwindet nicht in seiner Göttlichkeit, und die Göttlichkeit wird nicht von seiner Menschheit aufgesogen.

Beide bleiben vollständig erhalten.

Diese Präzisierung wurde vom Konzil von Chalcedon feierlich formuliert.

6. Das Konzil von Chalcedon: Die grundlegende Definition der hypostatischen Union

<text color=“secondary“ size=“xs“ weight=“medium“>JAHR 451 · VIERTES ÖKUMENISCHES KONZIL</text>

Das Konzil von Chalcedon, das im Jahr 451 abgehalten wurde, stellt einen der entscheidenden Momente in der Geschichte der christologischen Lehre dar.

Seine dogmatische Definition fasste die Lehre der Heiligen Schrift, der apostolischen Tradition und der vorausgegangenen Formulierungen der Kirche zusammen.

Die Konzilsväter bekannten, dass Jesus Christus ist:

  • Vollkommen in seiner Göttlichkeit.
  • Vollkommen in seiner Menschlichkeit.
  • Wahrhaft Gott.
  • Wahrhaft Mensch, aus vernunftbegabter Seele und Leib bestehend.
  • Dem Vater wesensgleich hinsichtlich seiner Göttlichkeit.
  • Uns wesensgleich hinsichtlich seiner Menschlichkeit, ausgenommen die Sünde.

Die bekannteste Formulierung des Konzils besagt jedoch, dass Christus in zwei Naturen, unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt erkannt werden muss.

Diese vier Ausdrücke sind grundlegend, um das Geheimnis richtig zu verstehen.

Unvermischt: Die göttliche und die menschliche Natur vermischen sich nicht und bringen keine dritte Natur hervor.

Unverändert: Keine der beiden Naturen verwandelt sich in die andere. Die Göttlichkeit wird nicht zur Menschlichkeit und die Menschlichkeit nicht zur Göttlichkeit.

Ungeteilt: Christus ist nicht in zwei voneinander unabhängige personale Subjekte geteilt.

Ungetrennt: Die beiden Naturen bleiben in der einen Person des Wortes untrennbar miteinander verbunden.

Das Konzil wollte gleichzeitig zwei Wahrheiten schützen: die Vollständigkeit der Naturen und die Einheit der Person.

Wir dürfen nicht die eine opfern, um die andere zu verteidigen.

Die Definition von Chalcedon ist eine der präzisesten Formulierungen des katholischen Glaubens über Jesus Christus und bleibt ein grundlegender Bezugspunkt der Christologie.

Der Katechismus der Katholischen Kirche übernimmt diese Formulierung in Nummer 467.

Warum waren diese vier Ausdrücke so wichtig?

Weil sie uns ermöglichen, zwei entgegengesetzte Irrtümer zu vermeiden.

Einerseits dürfen wir uns Christus nicht als eine Art Mischung aus Gott und Mensch vorstellen, in der seine Menschheit von seiner Göttlichkeit aufgesogen worden wäre.

Andererseits dürfen wir ihn uns nicht als zwei verschiedene Personen vorstellen, die lediglich zusammenarbeiten: auf der einen Seite ein Mensch und auf der anderen der Sohn Gottes.

Der katholische Glaube weist beide Möglichkeiten zurück.

Derjenige, der handelt, lehrt, liebt, leidet und stirbt, ist immer derselbe Jesus Christus, der ewige Sohn Gottes, der diese Handlungen gemäß seiner göttlichen oder menschlichen Natur vollzieht, je nachdem, worum es sich handelt.

7. Eine einzige göttliche Person: Wer wurde geboren, litt und starb am Kreuz?

Diese Frage führt uns zu einer der tiefgründigsten Konsequenzen der hypostatischen Union.

Wenn wir sagen, dass Jesus Christus in Bethlehem geboren wurde, wer wurde dann geboren?

Der Sohn Gottes.

Wenn wir behaupten, dass Jesus angesichts des Grabes des Lazarus weinte, wer weinte dann?

Der Sohn Gottes, gemäß seiner menschlichen Natur.

Wenn wir bekennen, dass Jesus Christus am Kreuz starb, wer starb dann?

Der Sohn Gottes, gemäß seiner menschlichen Natur.

Hier begegnen wir einer theologischen Lehre, die als Austausch der Eigenschaften (communicatio idiomatum) bekannt ist.

Sie besagt, dass wir aufgrund der personalen Einheit Christi dieser einen Person die Eigenschaften und Handlungen zuschreiben können, die jeweils einer seiner beiden Naturen entsprechen.

Deshalb können wir rechtmäßig sagen, dass Gott von Maria geboren wurde, dass Gott gelitten hat und dass Gott für uns gestorben ist.

Diese Aussagen müssen jedoch richtig verstanden werden.

Die göttliche Natur ist an sich ewig, leidensunfähig und unsterblich. Gott hört nicht auf, Gott zu sein, unterliegt nicht der Vergänglichkeit und kann gemäß seiner Göttlichkeit nicht sterben.

Doch die Person, die Gott ist, nahm eine menschliche Natur an, die wahrhaft fähig war zu leiden und zu sterben.

Deshalb starb nicht die Göttlichkeit Christi, sondern Jesus Christus, die göttliche Person des Sohnes, starb gemäß der Menschheit, die er angenommen hatte.

Diese Unterscheidung mindert nicht den Wert des Kreuzes. Im Gegenteil, sie ermöglicht uns, seine Tiefe zu verstehen.

Das erlösende Opfer war nicht einfach der Tod eines frommen Menschen. Es war das menschliche Opfer des menschgewordenen Sohnes Gottes.

Die göttliche Identität dessen, der sich hingibt, und die Wirklichkeit seines menschlichen Leidens sind untrennbar miteinander verbunden.

Das Heiligste Herz Jesu: Ein wahrhaft menschliches Herz, das göttlich liebt

Diese Lehre erhellt auch die traditionelle Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu.

Das Herz Christi ist weder ein leeres Symbol noch eine bloß gefühlsbetonte Darstellung der Liebe Gottes.

Es ist das menschliche Herz des Sohnes Gottes, das wahrhaft mit seiner göttlichen Person vereint ist.

Jesus liebte mit einem menschlichen Herzen. Er empfand Mitleid, Trauer, Zärtlichkeit und Schmerz. Seine Liebe war kein Anschein von Menschlichkeit, sondern eine Wirklichkeit, die er in unserer Natur lebte.

Die Verehrung des Heiligsten Herzens erinnert uns daran, dass die Liebe Gottes keine abstrakte Idee ist: Sie hat sich geschichtlich in Jesus Christus offenbart, der sein Leben für uns hingegeben hat.

8. Christus besitzt einen eigenen Verstand und Willen

Die hypostatische Union hat eine weitere grundlegende Konsequenz: Jesus Christus nahm nicht nur einen menschlichen Leib an, sondern auch eine vernunftbegabte Seele mit menschlichem Verstand und menschlichem Willen.

Diese Frage war Gegenstand wichtiger Kontroversen während des 7. und 8. Jahrhunderts.

Einige vertraten den Monotheletismus, dem zufolge Christus nur einen einzigen Willen, nämlich den göttlichen, besitze.

Diese Auffassung stellte jedoch die Vollständigkeit seiner Menschheit infrage.

Wenn Jesus Christus keinen wirklichen menschlichen Willen besessen hätte, hätte er unsere menschliche Natur nicht vollständig angenommen.

Das Dritte Konzil von Konstantinopel, das zwischen den Jahren 680 und 681 abgehalten wurde, definierte, dass es in Christus zwei natürliche Willen und zwei natürliche Wirkweisen gibt: einen göttlichen und einen menschlichen.

Beide sind vollkommen miteinander vereint und aufeinander abgestimmt in der einen Person des Wortes.

Der menschliche Wille Christi widersetzt sich nicht dem göttlichen Willen, sondern unterordnet sich ihm freiwillig.

Getsemani: Die Menschheit Christi angesichts des Leidens

Die Szene in Getsemani ermöglicht uns, diese Wirklichkeit auf außergewöhnliche Weise zu betrachten.

Im Garten am Ölberg erlebt Jesus Angst angesichts der bevorstehenden Passion.

Der heilige Matthäus überliefert diese Worte:

„Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Matthäus 26,39).

Diese Worte bringen keinen moralischen Widerspruch zwischen Jesus und dem Vater zum Ausdruck.

Sie zeigen die Wirklichkeit seines menschlichen Willens, der naturgemäß das Leiden und den Tod zurückweist und sich dennoch freiwillig dem göttlichen Willen überlässt.

Christus war kein Mensch, der unfähig gewesen wäre, Schmerz zu empfinden. Ebenso wenig war er eine menschliche Person, die von der Sünde beherrscht wurde.

Sein Gehorsam war vollkommen frei und wahrhaft menschlich.

Der heilige Maximus Confessor, einer der großen Verteidiger der beiden Willen Christi, erkannte die Bedeutung dieser Frage für das Heil des Menschen.

Wenn Christus keinen menschlichen Willen besessen hätte, hätte er weder unsere Natur angenommen noch sie vollständig geheilt.

In seinem Gehorsam stellt Christus das wieder her, was die Sünde in Unordnung gebracht hatte: die Beziehung zwischen dem menschlichen Willen und dem Willen Gottes.

Der Katechismus entfaltet diese Lehre in den Nummern 471–475, und auch der heilige Johannes Paul II. erläuterte ihre dogmatische Bedeutung in seinen Katechesen über Jesus Christus.

9. Warum war es notwendig, dass Gott Mensch wurde?

Die Menschwerdung war kein zufälliges Ereignis und auch keine bloße äußere Offenbarung göttlicher Macht.

Der Sohn Gottes nahm unsere Natur um unseres Heiles willen an.

Der Katechismus der Katholischen Kirche stellt in den Nummern 456–460 mehrere grundlegende Gründe für die Menschwerdung dar:

  • Um uns mit Gott zu versöhnen.
  • Damit wir die Liebe Gottes erkennen.
  • Um unser Vorbild in der Heiligkeit zu sein.
  • Um uns an der göttlichen Natur Anteil zu geben.

Diese Gründe ermöglichen uns, die Größe dieses Geheimnisses zu verstehen.

Gott wird Mensch, um den Menschen mit Gott zu versöhnen

Die Sünde hatte einen Bruch in der Beziehung zwischen Gott und der Menschheit verursacht.

Der Mensch konnte aus eigener Kraft weder die gegen Gott begangene Beleidigung wiedergutmachen noch aus eigener Kraft das übernatürliche Heil erlangen.

Die Erlösung geht auf die unverdiente Initiative Gottes zurück.

Der ewige Sohn nimmt unsere Natur an, um durch seinen Gehorsam, seine Passion und seine Auferstehung die Versöhnung der Menschheit mit dem Vater zu vollbringen.

Der heilige Paulus schreibt:

„Denn Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat“ (2 Korinther 5,19).

Die menschliche Natur Christi ist das wirkliche Mittel, durch das der Sohn Gottes unsere Erlösung vollbringt.

Gott wird Mensch, um uns seine Liebe zu zeigen

Wir können die göttlichen Vollkommenheiten betrachten, die Schöpfung bewundern und über die Existenz Gottes nachdenken.

Doch in Jesus Christus offenbart sich die göttliche Liebe auf persönliche, geschichtliche und unmittelbare Weise.

Gott bleibt angesichts des menschlichen Leidens nicht fern.

In Christus kennt er die Erfahrung des menschlichen Lebens von innen heraus: Müdigkeit, Armut, Unverständnis, Verlassenheit, Ungerechtigkeit und Schmerz.

Nicht weil seine Göttlichkeit lernen oder unsere Begrenzungen erfahren müsste, sondern weil der Sohn unsere Natur wahrhaft angenommen hat.

Gott wird Mensch, um uns den Weg der Heiligkeit zu zeigen

Jesus Christus rettet uns nicht nur: Er zeigt uns auch, wie wir leben sollen.

Seine Demut, sein Gehorsam, seine Liebe, seine Reinheit, seine Geduld und seine Treue zum Vater sind das vollkommene Vorbild des christlichen Lebens.

Wir folgen nicht einfach einer Reihe moralischer Regeln. Wir folgen einer Person.

Der Christ ist berufen, Christus ähnlich zu werden, seine Tugenden nachzuahmen und durch die Gnade mit ihm verbunden zu leben.

Gott wird Mensch, um uns Anteil am göttlichen Leben zu geben

Der zweite Petrusbrief bringt eine der außergewöhnlichsten Folgen des Heils zum Ausdruck:

„Damit ihr durch sie Anteil an der göttlichen Natur erhaltet“ (2 Petrus 1,4).

Die Kirchenväter haben diese Lehre tiefgehend entfaltet. In der Theologie wird sie als Vergöttlichung oder Theosis bezeichnet.

Das bedeutet nicht, dass der Mensch seiner Natur nach zu Gott wird oder dass der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf verschwindet.

Es bedeutet, dass wir durch die Gnade erhoben werden, am göttlichen Leben teilzunehmen.

Der heilige Athanasius von Alexandrien brachte diese Lehre mit einer Formel zum Ausdruck, die traditionell mit seiner Theologie verbunden wird: Das Wort wurde Mensch, damit wir durch die Gnade vergöttlicht werden können.

Die hypostatische Union ist die einzigartige Grundlage dieser Erhebung: Der Sohn vereint unsere menschliche Natur persönlich mit sich, um uns die Früchte seines Erlösungswerkes mitzuteilen.

10. Die Jungfrau Maria und das Geheimnis der hypostatischen Union

Wir können nicht über die Menschwerdung nachdenken, ohne bei der Gestalt der allerseligsten Jungfrau Maria zu verweilen.

Die Gottesmutterschaft Mariens ist keine nebensächliche Frage der katholischen Lehre. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Identität Jesu Christi.

Wenn die Kirche Maria als Theotokos, als Mutter Gottes, verkündet, verteidigt sie damit eine grundlegende Wahrheit: Derjenige, der aus ihr dem Fleische nach geboren wurde, ist eine göttliche Person, der ewige Sohn des Vaters.

Maria ist nicht die Mutter der göttlichen Natur, denn Gott hat keinen Anfang und kann seine Existenz nicht von einem Geschöpf empfangen. Sie ist auch weder die Mutter des Vaters noch die Mutter des Heiligen Geistes.

Sie ist die Mutter Jesu Christi, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist.

Deshalb ist der Titel Mutter Gottes eine notwendige Konsequenz der personalen Einheit Christi.

Die Gottesmutterschaft als Verteidigung des Glaubens

Die Bedeutung dieses Titels wurde besonders während der nestorianischen Kontroverse und des Konzils von Ephesus deutlich.

Der heilige Cyrill von Alexandrien war einer der wichtigsten Verteidiger dieser Lehre. Sein grundlegendes Anliegen bestand darin, die Einheit Jesu Christi zu bewahren.

Wenn der von Maria Geborene lediglich ein Mensch wäre, mit dem sich das Wort später verbunden hätte, würden wir den Erlöser künstlich in zwei Subjekte aufspalten.

Wenn aber derjenige, der von Maria geboren wird, das menschgewordene Wort selbst ist, dann ist es rechtmäßig und notwendig, sie Mutter Gottes zu nennen.

Dies hilft uns auch zu verstehen, warum die Kirche der Jungfrau Maria stets eine tiefe Verehrung entgegengebracht hat.

Ihre Würde entspringt ihrer einzigartigen Beziehung zu Jesus Christus. Sie ist die Mutter des Erlösers, das von Gott auserwählte Geschöpf, damit der ewige Sohn unsere menschliche Natur annehmen konnte.

Die Betrachtung Mariens führt uns notwendigerweise zu Christus.

Und je mehr wir die hypostatische Union verstehen, desto tiefer begreifen wir die Größe ihrer göttlichen Mutterschaft.

11. Die hypostatische Union und die Eucharistie: Derselbe Christus, der sich für uns hingegeben hat

Die Lehre von der hypostatischen Union ermöglicht uns auch, das Geheimnis der Eucharistie besser zu verstehen.

In der heiligen Messe empfangen wir nicht einfach eine symbolische Erinnerung an Jesus oder eine Darstellung seiner Lehren.

Die Kirche bekennt die wirkliche, wahre und wesenhafte Gegenwart Jesu Christi unter den eucharistischen Gestalten.

Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt diese einzigartige Gegenwart in den Nummern 1374–1377.

Und wer ist in der Eucharistie gegenwärtig?

Derselbe Jesus Christus, der von Maria geboren wurde, in Galiläa predigte, am Kreuz starb und glorreich auferstanden ist.

Das heißt: Der ganze Christus: sein Leib, sein Blut, seine Seele und seine Gottheit.

Die hypostatische Union hilft uns zu verstehen, weshalb die menschliche Natur Christi niemals von seiner göttlichen Person getrennt werden kann.

Sein Leib ist wahrhaft menschlich, gehört aber persönlich dem Sohn Gottes.

Deshalb empfangen wir in der Eucharistie keinen menschlichen Leib, der von der Gottheit getrennt wäre, sondern Christus selbst in seiner Herrlichkeit.

Diese Wirklichkeit sollte unsere Art, an der heiligen Messe teilzunehmen, verwandeln.

Die eucharistische Anbetung, die Ehrfurcht vor dem Tabernakel, die Sammlung während der Liturgie und die angemessene Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Kommunion sind keine bloßen religiösen Formalitäten.

Sie sind Ausdruck unseres Glaubens daran, dass Jesus Christus dort wahrhaft gegenwärtig ist.

Wenn wir vor dem Allerheiligsten Sakrament niederknien, beten wir denselben Herrn an, den die Apostel betrachtet haben und den die Engel in Ewigkeit anbeten.

12. Was lehrt uns die hypostatische Union als Katholiken unserer Zeit?

Es könnte scheinen, dass die hypostatische Union ausschließlich zu den großen theologischen Diskussionen der Antike gehört.

Ihre Konsequenzen betreffen jedoch unmittelbar unser geistliches Leben und unsere Art, das Christentum zu verstehen.

In einer Zeit, in der Jesus Christus oft nur als moralischer Lehrer, sozialer Reformer oder menschliches Vorbild der Güte dargestellt wird, ist es besonders notwendig, diese Lehre wiederzuentdecken.

Jesus ist nicht einfach jemand, der uns lehrt, bessere Menschen zu werden.

Jesus Christus ist Gott selbst, der Mensch geworden ist, unser Herr, unser Erlöser und der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Diese Wahrheit hat konkrete Konsequenzen.

Erste Lehre: Wir dürfen Christus nicht auf einen einfachen Menschen reduzieren

Die zeitgenössische Kultur neigt mitunter dazu, Jesus als historische Gestalt, als Lehrer von Werten oder als Verteidiger der Armen anzuerkennen, hat aber Schwierigkeiten, seine Göttlichkeit anzunehmen.

Den historischen Jesus vom ewigen Sohn Gottes zu trennen, bedeutet jedoch, den Kern des christlichen Glaubens zu verändern.

Wir können nicht nur jene Lehren bewahren, die uns angenehm sind, und seine göttliche Identität beiseitelassen.

Wenn Christus Gott ist, besitzen seine Worte eine Autorität, die jede menschliche Meinung übersteigt.

Seine Lehre über Ehe, Familie, Sünde, Vergebung, ewiges Leben und die Notwendigkeit der Umkehr kann nicht auf einen moralischen Vorschlag unter vielen anderen reduziert werden.

Der Christ muss Christus in seiner ganzen Wirklichkeit annehmen.

Zweite Lehre: Der Mensch besitzt eine außerordentliche Würde

Die Menschwerdung offenbart, wie weit Gott dem Menschen entgegenkommen wollte.

Der ewige Sohn nahm nicht nur einen menschlichen Anschein an und benutzte unsere Natur auch nicht als ein bloß äußerliches Werkzeug.

Er nahm unsere Natur wahrhaft an.

Dies erhellt zutiefst die Würde jeder menschlichen Person.

Der Leib ist kein Gefängnis, aus dem wir uns befreien müssen, und auch keine verachtenswerte Wirklichkeit im Gegensatz zum Geist. Die menschliche Natur wurde vom Sohn Gottes selbst angenommen.

Deshalb verteidigt der christliche Glaube die Einheit von Leib und Seele und erkennt den Wert des menschlichen Lebens von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende an.

Die Würde des Menschen hängt weder von seiner Produktivität noch von seiner geistigen Leistungsfähigkeit, seiner körperlichen Stärke, seinem Alter oder seinem gesellschaftlichen Nutzen ab.

Jeder Mensch besitzt eine Würde, die nicht auf materielle Kriterien reduziert werden kann.

Die Menschwerdung ist eine außerordentliche Offenbarung des Wertes unserer menschlichen Natur.

Dritte Lehre: Das menschliche Leiden ist Christus nicht fremd

Wenn wir Krankheit, einen familiären Verlust, Ungerechtigkeit oder eine Situation der Angst durchleben, können wir Jesus Christus betrachten.

Er kannte das menschliche Leiden wahrhaft.

Er weinte, erlebte die Verlassenheit durch seine Jünger, ertrug Gewalt und nahm einen schmerzhaften Tod an.

Das bedeutet nicht, dass das Leiden an sich gut wäre oder dass wir es suchen sollten.

Es bedeutet, dass das menschliche Leiden einen neuen Sinn erhalten kann, wenn es in Einheit mit Christus gelebt wird.

Der Christ ist nicht dazu berufen, seine Kreuze allein zu tragen.

Er ist dazu berufen, sie geistlich mit dem erlösenden Opfer unseres Herrn zu vereinen.

Wie der heilige Paulus lehrt:

„Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage, und ergänze in meinem Fleisch, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt, für seinen Leib, die Kirche“ (Kolosser 1,24).

Der Wirksamkeit des Opfers Christi fehlt nichts. Was der Apostel ausdrückt, ist die Teilnahme der Christen an den Leiden ihres Herrn, durch die sie geistlich an der Sendung der Kirche mitwirken können.

Vierte Lehre: Wahre Freiheit besteht darin, unseren Willen auf Gott auszurichten

Der Gehorsam Christi in Getsemani bietet eine außergewöhnliche Lehre für unser tägliches Leben.

Wir leben in einer Kultur, die Freiheit häufig mit der Möglichkeit gleichsetzt, alles zu tun, was wir wollen.

Doch die christliche Freiheit besteht nicht darin, unseren Impulsen wahllos zu folgen.

Sie besteht darin, das Gute wählen und unser Leben gemäß der Wahrheit ausrichten zu können.

Christus zeigt uns, dass der Gehorsam gegenüber Gott unsere Menschlichkeit nicht zerstört. Er vollendet sie.

Wenn wir demjenigen vergeben, der uns verletzt hat, eine Versuchung zurückweisen, unsere familiären Pflichten erfüllen oder trotz Schwierigkeiten der Wahrheit treu bleiben, nehmen wir an jenem Gehorsam teil, den Christus vollkommen verwirklicht hat.

Heiligkeit bedeutet nicht, aufzuhören, Mensch zu sein, sondern der Gnade zu erlauben, unsere Menschlichkeit zu verwandeln.

Fünfte Lehre: Unser christliches Leben muss auf Jesus Christus ausgerichtet sein

Die hypostatische Union erinnert uns daran, dass das Zentrum des Christentums weder eine Ideologie noch eine kulturelle Gewohnheit oder eine Sammlung von Regeln ist.

Das Zentrum ist eine Person: Jesus Christus.

Deshalb müssen jede Glaubensunterweisung, jede Andacht, jede liturgische Praxis und jedes Werk der Nächstenliebe uns zu einer tieferen Vereinigung mit ihm führen.

Das Gebet, die sakramentale Beichte, die Teilnahme an der heiligen Messe, die Lesung der Heiligen Schrift und die Übung der Tugenden sind Mittel, um in dieser Vereinigung zu wachsen.

Es genügt nicht, intellektuell zu wissen, dass Jesus Christus Gott und Mensch ist.

Wir müssen ihn als Herrn unseres Lebens anerkennen.

13. Wie wir das Geheimnis der Menschwerdung betrachten und geistlich leben können

Die Lehre von der hypostatischen Union darf nicht im Bereich theologischer Definitionen stehen bleiben.

Sie ist eine Wahrheit, die betrachtet, geliebt und gelebt werden soll.

Wir können durch einige konkrete geistliche Übungen tiefer in sie eindringen.

Die Evangelien betrachten. Lesen wir langsam die Berichte über die Kindheit Jesu, sein öffentliches Wirken, seine Passion und seine Auferstehung. Bei jeder Begebenheit sollten wir uns daran erinnern, dass der ewige Sohn Gottes derjenige ist, der handelt.

Die eucharistische Anbetung praktizieren. Widmen wir uns der Zeit vor dem Allerheiligsten Sakrament und betrachten wir denselben Christus, der unsere Menschheit angenommen hat, um uns zu retten.

Den Engel des Herrn beten. Dieses traditionelle Gebet erinnert täglich an das Geheimnis der Menschwerdung. Seine Worte ermöglichen es uns, innezuhalten und darüber nachzudenken, wie das Wort durch das Wirken des Heiligen Geistes Fleisch geworden ist.

Den heiligen Rosenkranz beten. Die freudenreichen Geheimnisse ermöglichen uns insbesondere, die Menschwerdung, die Heimsuchung, die Geburt Jesu und sein verborgenes Leben in Nazareth zu betrachten. Sie sind eine Schule der Betrachtung der allerheiligsten Menschheit Christi.

Die Tugenden unseres Herrn nachahmen. Die Demut von Bethlehem, der Gehorsam von Nazareth, die Liebe seines öffentlichen Wirkens und die Hingabe von Golgota müssen zu konkreten Vorbildern für unser Leben werden.

Zur Jungfrau Maria gehen. Als Mutter Gottes lehrt uns Maria, Christus aufzunehmen, seine Worte im Herzen zu bewahren und ihm selbst in den schwierigsten Augenblicken treu zu bleiben.

Diese Praktiken helfen uns, vom bloßen Wissen um die Lehre zu einer persönlichen und tiefen Beziehung zu Jesus Christus überzugehen.

14. Ein Geheimnis, das der Verstand betrachtet, aber niemals ausschöpfen kann

Die hypostatische Union gehört zu den zentralen Geheimnissen des christlichen Glaubens.

Der menschliche Verstand kann die Definitionen der Kirche verstehen, zwischen den Naturen und der Person unterscheiden, die Konzilien studieren und die theologischen Konsequenzen der Menschwerdung vertiefen.

Doch er wird niemals die Tiefe dieses Geheimnisses vollständig ausschöpfen können.

Wir dürfen Geheimnis nicht mit Widerspruch verwechseln.

Der Glaube verlangt von uns nicht, zu glauben, dass Jesus Christus gleichzeitig Gott und nicht Gott sei oder dass er im selben Sinne eine und zwei Naturen besitze.

Er lehrt uns, dass er eine einzige göttliche Person ist, die in zwei unterschiedlichen und vollständigen Naturen besteht.

Die Schwierigkeit liegt nicht in einem logischen Widerspruch, sondern in der Größe einer Wirklichkeit, die unser vollständiges Erkenntnisvermögen übersteigt.

Wir können wahrhaft erkennen, wer Christus ist, ohne vollständig zu begreifen, wie die personale Vereinigung von Göttlichkeit und Menschlichkeit möglich ist.

Und gerade deshalb muss dieses Geheimnis uns zur Anbetung führen.

Der heilige Leo der Große, einer der bedeutendsten Verteidiger der christologischen Lehre im 5. Jahrhundert, trug durch seinen berühmten Tomus ad Flavianum, einen dogmatischen Brief über das Geheimnis Christi, entscheidend zur Formulierung von Chalcedon bei. Darin verteidigte er die Vollständigkeit beider Naturen in der Einheit Christi.

Seine Lehre erinnert uns daran, dass die Eigenschaften jeder Natur in der einen Person des Erlösers unversehrt bestehen bleiben.

Wir haben keinen geteilten Christus und keinen Christus, der in eine Mischung von Naturen verwandelt wurde.

Wir haben denselben Herrn Jesus Christus, wahren Gott und wahren Menschen.

Schlussfolgerung: Der ewige Gott, der ein menschliches Antlitz annehmen wollte

Die hypostatische Union stellt uns vor eine der außergewöhnlichsten Wahrheiten der gesamten christlichen Offenbarung.

Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, wollte in unsere Geschichte eintreten.

Das ewige Wort nahm es an, von einer Frau geboren zu werden.

Der Allmächtige nahm die Gebrechlichkeit eines menschlichen Leibes an.

Der Herr des Lebens wollte das Leiden erfahren und sein Leben am Kreuz hingeben.

Und all dies, ohne auch nur einen Augenblick aufzuhören, Gott zu sein.

In Jesus Christus bleiben die Göttlichkeit und die Menschlichkeit für immer in einer einzigen Person vereint: dem ewigen Sohn des Vaters.

Diese Wahrheit erklärt die Größe der Menschwerdung, den unendlichen Wert des erlösenden Opfers und die außerordentliche Würde unserer menschlichen Natur.

Sie erinnert uns auch daran, dass das Christentum keine Religion ist, die auf einer abstrakten Idee gründet, sondern auf einem wirklichen Ereignis: Gott ist uns entgegengekommen.

Wenn wir deshalb das Kind von Bethlehem betrachten, beten wir denselben Gott an, der seit aller Ewigkeit existiert.

Wenn wir auf den Gekreuzigten schauen, betrachten wir den Sohn Gottes, der sein Leben gemäß seiner Menschheit zu unserem Heil hingegeben hat.

Und wenn wir Christus betrachten, der in Herrlichkeit auferstanden ist, erkennen wir denselben Herrn, der eines Tages wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten.

Die hypostatische Union ist nicht nur eine Definition, die wir kennen müssen, um die katholische Theologie zu verstehen.

Sie ist eine Wahrheit, die unsere Art zu glauben, zu beten, zu lieben und zu leben verwandeln muss.

Denn wenn Gott Mensch werden wollte, um uns zu retten, kann unsere Antwort nicht Gleichgültigkeit sein.

Sie muss aus Glauben, Anbetung, Dankbarkeit und der Hingabe unseres ganzen Lebens an Jesus Christus bestehen.

Beten wir also das menschgewordene Wort an, den wahren Gott und wahren Menschen, unseren Herrn und Erlöser!

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Johannes 1,14).


Lehrquellen und weiterführende Literatur

Die folgenden Quellen ermöglichen es, das Geheimnis der hypostatischen Union anhand der Heiligen Schrift, der Konzilien und des kirchlichen Lehramtes zu studieren:

  1. Heilige Schrift: Johannes 1,1–14; Philipper 2,5–11; Kolosser 1,15–20 und 2,9; Galater 4,4–5; Hebräer 2,14–18 und 4,15.
  2. Konzil von Nicäa (325): Glaubensbekenntnis zur Göttlichkeit des Sohnes und seiner Wesensgleichheit mit dem Vater.
  3. Konzil von Ephesus (431): Lehre über die personale Einheit Christi und die Berechtigung des Titels Theotokos für die allerseligste Jungfrau Maria.
  4. Konzil von Chalcedon (451): Dogmatische Definition der beiden Naturen Christi in der einen Person des Wortes.
  5. Drittes Konzil von Konstantinopel (680–681): Definition der beiden Willen und der beiden natürlichen Wirkweisen Jesu Christi.
  6. Katechismus der Katholischen Kirche: Nummern 456–483, insbesondere 464–478, die der Menschwerdung sowie der wahren Göttlichkeit und Menschlichkeit Jesu Christi gewidmet sind.
  7. Der heilige Leo der Große: Tomus ad Flavianum, dogmatischer Brief über das Geheimnis Christi, der für das Verständnis der Definition von Chalcedon grundlegend ist.
  8. Der heilige Cyrill von Alexandrien: Briefe und christologische Schriften im Zusammenhang mit der nestorianischen Kontroverse und der personalen Einheit Christi.
  9. Der heilige Maximus Confessor: Schriften über die beiden Willen Christi und die Bedeutung seines menschlichen Willens für unser Heil.
  10. Pius XII.: Enzyklika Sempiternus Rex Christus (1951) über das Konzil von Chalcedon und die Lehre von den beiden Naturen Christi.

Sei gegrüßt, Maria. Es lebe Christus, der König!

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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