Es gibt Ausdrucksweisen in der Heiligen Schrift, die trotz jahrhundertelanger Betrachtung durch Heilige, Kirchenväter und große Theologen bis heute ein tiefes Geheimnis bewahren. Eine davon ist der Katechon, ein griechischer Begriff, der im Zweiten Brief des heiligen Paulus an die Thessalonicher vorkommt und im Laufe der Geschichte des Christentums zahlreiche Deutungen hervorgerufen hat.
Der heilige Paulus spricht von einer Macht, die das Auftreten des Menschen der Gesetzlosigkeit zurückhält und verhindert, dass sich jener vollständig offenbart, dessen Erscheinen der glorreichen Wiederkunft Jesu Christi vorausgehen wird. Worauf bezieht sich der Apostel? Handelt es sich um eine Institution, eine Autorität, eine geistige Kraft oder eine Anordnung der göttlichen Vorsehung? Besteht ein Zusammenhang mit dem Antichristen und den Ereignissen, die dem Ende der Zeiten vorausgehen werden?
Diese Frage ist keineswegs nebensächlich. Sie führt uns in eine der rätselhaftesten Stellen der christlichen Eschatologie, also jener theologischen Lehre, die sich mit den letzten Dingen befasst: der Vollendung der Geschichte, der zweiten Ankunft Christi, dem Jüngsten Gericht und dem endgültigen Sieg Gottes über das Böse.
Dennoch müssen wir uns dem Katechon mit Besonnenheit nähern. Die Kirche hat keine konkrete Identifizierung dieser Wirklichkeit dogmatisch festgelegt. Deshalb dürfen wir eine theologische Deutung, mag sie auch noch so alt oder überzeugend erscheinen, nicht zu einer verbindlichen Glaubenswahrheit erklären.
Das wirklich Entscheidende ist, zu verstehen, was der heilige Paulus lehrt: Das Böse verfügt nicht uneingeschränkt über den Lauf der Geschichte, der Antichrist tritt nicht unabhängig vom zulassenden Willen Gottes auf, und keine Macht der Gesetzlosigkeit kann den endgültigen Triumph Jesu Christi vereiteln.
1. Was bedeutet das Wort Katechon?
Das Wort Katechon stammt vom griechischen κατέχον (tò katéchon), einem Ausdruck, der mit dem Verb κατέχω (katéchō) zusammenhängt und zurückhalten, festhalten, aufhalten, hemmen oder unter Kontrolle halten bedeuten kann.
Im Zusammenhang mit dem Zweiten Thessalonicherbrief bezeichnet es dasjenige, was das Auftreten des Menschen der Gesetzlosigkeit zurückhält oder hemmt.
Ein besonders interessantes sprachliches Detail besteht darin, dass der heilige Paulus zwei unterschiedliche grammatische Formen verwendet:
- Tò katéchon (τὸ κατέχον): eine neutrale Form, die mit „das, was ihn zurückhält“ oder „dasjenige, was ihn aufhält“ übersetzt werden kann.
- Ho katéchōn (ὁ κατέχων): eine männliche Form mit der Bedeutung „derjenige, der ihn zurückhält“ oder „der, welcher ihn aufhält“.
Dieser Unterschied ist seit Jahrhunderten Gegenstand theologischer Überlegungen. Er scheint darauf hinzudeuten, dass die Wirklichkeit, die diese Funktion ausübt, sowohl unter einem unpersönlichen Gesichtspunkt – als Kraft, Macht oder Institution – als auch unter einem persönlichen Gesichtspunkt betrachtet werden kann, also als jemand, der diese Aufgabe erfüllt.
Allerdings erlaubt die Grammatik allein keine eindeutige Identifizierung des Katechon. Sie beweist auch nicht, dass es sich notwendigerweise um zwei verschiedene Wirklichkeiten handelt. Der heilige Paulus erklärt in dem Text, der uns überliefert ist, nicht ausdrücklich, worin seine Identität besteht.
Eindeutig ist hingegen seine Funktion: Er verhindert, dass die Gesetzlosigkeit vor der von Gott bestimmten Zeit ihre vollständige Erscheinung erreicht.
2. Die grundlegende Bibelstelle: Der heilige Paulus und das Geheimnis der Gesetzlosigkeit
Die entscheidende Stelle findet sich in 2 Thessalonicher 2, 1–12. Es ist wichtig, den gesamten Abschnitt zu lesen, denn die Aussagen über den Katechon können nicht angemessen verstanden werden, wenn man sie von ihrem Zusammenhang trennt.
Der heilige Paulus schreibt an eine christliche Gemeinde, die sich Sorgen darüber machte, ob der Tag des Herrn bereits gekommen sei. Einige hatten Botschaften verbreitet, die bei den Gläubigen den Eindruck erwecken konnten, die Wiederkunft Christi stehe unmittelbar bevor oder habe bereits stattgefunden.
In diesem Zusammenhang fordert der Apostel sie auf, sich nicht täuschen oder beunruhigen zu lassen.
Er erklärt, dass vor der glorreichen Offenbarung Jesu Christi ein großer Abfall stattfinden und der sogenannte Mensch der Gesetzlosigkeit erscheinen werde.
Der Text lautet:
„Lasst euch durch niemanden und auf keine Weise täuschen! Denn zuerst muss der Abfall kommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit offenbar werden, der Sohn des Verderbens“ (2 Thessalonicher 2, 3).
Wenig später führt der heilige Paulus jene geheimnisvolle Wirklichkeit ein, um die es hier geht:
„Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, damit er erst zu seiner Zeit offenbar wird. Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Werk; nur muss erst der beseitigt werden, der jetzt noch zurückhält“ (2 Thessalonicher 2, 6–7).
Anschließend erklärt er den Ausgang:
„Dann wird der Gesetzlose erscheinen. Der Herr Jesus wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch die Erscheinung seiner Ankunft vernichten“ (2 Thessalonicher 2, 8).
Diese Worte enthalten mehrere grundlegende Lehren.
Erstens: Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit war bereits zur Zeit der Apostel am Werk. Das Böse tritt nicht plötzlich am Ende der Geschichte auf. Seine Wurzeln sind schon lange zuvor in der Welt vorhanden.
Zweitens: Der Ausbreitung der Gesetzlosigkeit ist eine zeitliche Grenze gesetzt. Das Erscheinen des Menschen des Verderbens findet nicht dann statt, wenn dieser es selbst will, sondern zu dem Zeitpunkt, der dem göttlichen Ratschluss entspricht.
Drittens: Der Antichrist wird nicht das letzte Wort haben. Seine Macht wird durch Jesus Christus bei seiner glorreichen Wiederkunft vernichtet werden.
Die letzte Aussage ist besonders wichtig. Der Abschnitt endet nicht mit den Worten über die Macht des Antichristen, sondern mit dem endgültigen Sieg Christi.
Der Katechon muss innerhalb dieser Perspektive verstanden werden: nicht als eine unabhängige Kraft, die dem Bösen auf gleicher Ebene gegenübersteht, sondern als eine Wirklichkeit, die der göttlichen Vorsehung untergeordnet ist.
3. Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit: Ein Böses, das bereits in der Welt wirkt
Um den Katechon zu verstehen, müssen wir uns mit einem weiteren paulinischen Ausdruck beschäftigen: mysterium iniquitatis, dem Geheimnis der Gesetzlosigkeit.
Der heilige Paulus erklärt, dass dieses Geheimnis bereits wirksam war, als er an die Thessalonicher schrieb.
Was bedeutet das?
Es geht nicht einfach um die Existenz von Menschen, die Sünden begehen, oder um das gewöhnliche Vorhandensein menschlicher Schwächen. Die Bedeutung weist auf etwas Tieferes hin: auf das Wirken des Bösen, das sich gegen die von Gott gewollte Ordnung richtet und die Voraussetzungen für eine immer tiefere Auflehnung gegen seine Autorität schafft.
Die Sünde kann, wenn sie zu einer bewussten und dauerhaften Haltung wird, eine gemeinschaftliche Dimension annehmen. Menschen geben Irrtümer weiter, schaffen ungerechte Strukturen, normalisieren Verhaltensweisen, die dem natürlichen Sittengesetz widersprechen, und gelangen schließlich sogar dazu, das Böse als etwas Gutes darzustellen.
Diese Wirklichkeit besitzt eine geistliche, moralische und auch gesellschaftliche Dimension.
Die Heilige Schrift bietet weitere Zeugnisse dieses Widerstandes gegen Gott.
Der heilige Johannes schreibt:
„Ihr habt gehört, dass ein Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichristen gekommen“ (1 Johannes 2, 18).
Der Apostel sagt damit nicht, dass all diese Antichristen notwendigerweise der endgültige Antichrist seien. Er zeigt vielmehr, dass sich der Widerstand gegen Christus bereits in der Geschichte durch jene offenbart, die seine Identität leugnen und die von ihm verkündete Wahrheit zurückweisen.
Auch unser Herr warnt:
„Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten“ (Matthäus 24, 12).
Die Verbindung dieser beiden Stellen ermöglicht es uns, eine wesentliche Dimension des Problems zu erkennen: Die Ausbreitung der Gesetzlosigkeit besteht nicht ausschließlich in der äußerlichen Verfolgung der Kirche. Sie kann sich auch durch eine innere Schwächung des Glaubens, den Verlust der Nächstenliebe und die fortschreitende Aufgabe der Wahrheit zeigen.
Genau in diesem Zusammenhang erscheint der Katechon: Während das Geheimnis der Gesetzlosigkeit bereits wirkt, hält etwas es zurück, damit es noch nicht seine endgültige Erscheinung erreicht.
4. Die Deutung der ersten Christen: War das Römische Reich der Katechon?
Eine der ältesten und bekanntesten Deutungen identifiziert den Katechon mit dem Römischen Reich und seiner politischen Autorität.
Diese Erklärung besitzt besondere Bedeutung, weil sie bei christlichen Autoren der ersten Jahrhunderte begegnet.
Um sie zu verstehen, müssen wir uns in den historischen Kontext des frühen Christentums versetzen.
Die ersten Christen lebten unter römischer Herrschaft. Das Reich bildete eine politische und rechtliche Ordnung, die trotz ihrer Ungerechtigkeiten, Verfolgungen und religiösen Widersprüche in weiten Gebieten eine gewisse institutionelle Stabilität gewährleistete.
Aus dieser Perspektive konnte das Verschwinden dieser Macht mit dem Eintreten einer Situation des Chaos in Verbindung gebracht werden, die das Erscheinen des Antichristen begünstigen würde.
Damit sollte nicht behauptet werden, das Römische Reich sei eine christliche Institution gewesen oder alle seine Kaiser seien gute Herrscher gewesen. Tatsächlich verfolgten einige von ihnen die Christen grausam.
Die Deutung bezog sich auf seine Funktion als politische Autorität und als Mittel zur Eindämmung des Chaos.
Tertullian und der Fortbestand des Reiches
Eines der bedeutendsten Zeugnisse findet sich bei Tertullian, einem christlichen Schriftsteller vom Ende des zweiten und Anfang des dritten Jahrhunderts.
In seinem Werk Apologeticum, Kapitel 32, erklärt er, warum die Christen für die Kaiser und die Stabilität des Römischen Reiches beteten.
Tertullian führt aus, dass die Vollendung jener schrecklichen Ereignisse, die dem Ende vorausgehen würden, durch den Fortbestand des Reiches noch aufgehalten werde.
Seine Überlegung steht in engem Zusammenhang mit der traditionellen Deutung des Katechon.
Dabei ist zu präzisieren, dass Tertullian an dieser Stelle keinen vollständigen exegetischen Kommentar zu 2 Thessalonicher 2 vorlegt. Sein Zeugnis stellt jedoch einen sehr bedeutsamen historischen Beleg für die frühe Verbindung zwischen der römischen Stabilität und dem Aufschub der endzeitlichen Ereignisse dar. newadvent.org+1
Der heilige Johannes Chrysostomus: Die ausdrücklichste Deutung
Ein noch direkteres Zeugnis finden wir bei dem heiligen Johannes Chrysostomus, einem der großen Kirchenväter und Kirchenlehrer.
In seiner vierten Homilie über den Zweiten Thessalonicherbrief stellt er bei der Auslegung der Verse 6 und 7 des zweiten Kapitels genau die Frage:
Was ist es, das das Erscheinen des Antichristen verhindert?
Chrysostomus erwähnt zwei Deutungen: Einige meinten, es handle sich um die Gnade des Heiligen Geistes, während andere die zurückhaltende Macht mit dem Römischen Reich identifizierten.
Chrysostomus selbst bringt seine Vorliebe für die zweite Erklärung zum Ausdruck.
Seine Begründung lautet, dass der heilige Paulus möglicherweise verhüllt gesprochen habe, damit seine Worte nicht als Wunsch nach der Zerstörung des Reiches verstanden würden, was eine unnötige Verfolgung der Christen hätte auslösen können.
Nach dieser Deutung würde die kaiserliche Autorität, solange sie fortbestehe, eine Macht darstellen, die das Entstehen einer Situation der Anarchie verhindern könne, in der der Mensch der Gesetzlosigkeit seine Herrschaft errichten könnte.
Chrysostomus bringt das künftige Verschwinden dieser Autorität mit dem anschließenden Erscheinen des Gesetzlosen in Verbindung. newadvent.org+1
Der heilige Augustinus: Besonnenheit angesichts des Geheimnisses
Auch bei dem heiligen Augustinus finden wir eine außerordentlich wichtige Überlegung, und zwar im Buch XX, Kapitel 19, seines Werkes De civitate Dei (Vom Gottesstaat).
Der heilige Augustinus untersucht die Worte des heiligen Paulus und erkennt ausdrücklich die Schwierigkeit an, dasjenige zu identifizieren, was den Antichristen zurückhält.
Er erwähnt die Deutung, die sich auf das Römische Reich bezieht, aber auch andere Erklärungen, die ihm bekannt waren.
Eine davon brachte das Geheimnis der Gesetzlosigkeit mit den Bösen und Heuchlern in Verbindung, die innerhalb der Kirche verbleiben und deren Anwesenheit und Vermehrung den Boden für das Auftreten des Antichristen bereiten könnten.
Der Heilige stellt diese Deutungen nicht als endgültige Gewissheiten dar. Im Gegenteil: Er gesteht demütig ein, dass er nicht mit Sicherheit weiß, worauf sich der Apostel bezog.
Seine Haltung ist eine wertvolle Lehre für jede eschatologische Betrachtung: Wenn die Heilige Schrift eine Frage offenlässt, darf der Christ seine Vermutungen nicht zu Dogmen erheben. newadvent.org+1
Die römische Deutung besitzt somit bedeutende patristische Grundlagen. Sie ist weder eine moderne Erfindung noch eine Theorie, die ausschließlich in zeitgenössischen Kreisen entstanden ist.
Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Kirchenväter die Schwierigkeit dieser Stelle anerkannten und dass die Identifizierung des Katechon vom Lehramt nicht als für alle Katholiken verbindliche Glaubenswahrheit festgelegt worden ist.
5. Andere Deutungen des Katechon: Eine geistliche Kraft?
Obwohl die Deutung des Römischen Reiches eine beträchtliche historische Bedeutung besitzt, ist sie nicht die einzige vorgeschlagene Erklärung.
Im Laufe der Jahrhunderte sind andere Deutungen entstanden, die versuchen, das Wesen jener Macht zu verstehen, welche das Auftreten des Antichristen zurückhält.
Es ist wichtig, sie kennenzulernen und dabei stets zwischen theologischen Deutungen und den Lehren zu unterscheiden, welche die Kirche als sichere Glaubenswahrheiten vorlegt.
A. Das Wirken des Heiligen Geistes
Einige Ausleger haben den Katechon mit dem Wirken des Heiligen Geistes in Verbindung gebracht.
Diese Vorstellung geht von einer theologischen Überlegung aus: Der Heilige Geist wirkt ununterbrochen in der Kirche und in der Welt. Er erleuchtet die Gewissen, stärkt die Gläubigen und trägt das Evangelisierungswerk.
Sein Wirken steht der Sünde entgegen und ermöglicht es, dass die Wahrheit Christi selbst inmitten der größten Schwierigkeiten weiterhin verkündet wird.
Aus dieser Perspektive könnte der Katechon als Hinweis auf das göttliche Wirken verstanden werden, das die Ausbreitung der Gesetzlosigkeit zurückhält.
Allerdings muss etwas präzisiert werden: Es gibt keine dogmatische Festlegung, die den Heiligen Geist ausdrücklich mit dem Katechon aus 2 Thessalonicher 2 gleichsetzt.
Außerdem kannte der heilige Johannes Chrysostomus diese Deutung, bevorzugte jedoch die Identifizierung mit dem Römischen Reich.
B. Die Engelsmächte
Eine weitere Möglichkeit bringt den Katechon mit dem Eingreifen der Engel in die Vorsehungsordnung der Welt in Verbindung.
Die Heilige Schrift stellt die Engel als geistige Geschöpfe dar, die Gott dienen, seine Aufträge ausführen und am Schutz des auserwählten Volkes mitwirken.
Im Buch Daniel finden wir ein bedeutsames Beispiel:
„In jener Zeit tritt Michael auf, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes eintritt“ (Daniel 12, 1).
Auch die Offenbarung beschreibt den Kampf des heiligen Michael und seiner Engel gegen den Drachen:
„Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen“ (Offenbarung 12, 7).
Diese Stellen ermöglichen es uns zu verstehen, dass sich die Heilsgeschichte nicht ausschließlich auf einer sichtbaren und menschlichen Ebene abspielt. Es gibt auch eine geistige Wirklichkeit, in der die Engel den Plänen Gottes dienen.
Einige Ausleger haben diese Dimension mit dem Katechon in Verbindung gebracht. Wir können jedoch nicht behaupten, dass der heilige Michael notwendigerweise jene Person ist, auf die sich der heilige Paulus bezieht.
C. Die Verkündigung des Evangeliums
Eine dritte Deutung betrachtet den Evangelisierungsauftrag der Kirche als eine Wirklichkeit, welche die Ausbreitung der Gesetzlosigkeit zurückhält.
Jesus Christus verkündet im Evangelium:
„Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker es hören; dann erst kommt das Ende“ (Matthäus 24, 14).
Die Kirche hat den Auftrag, die Wahrheit zu verkünden, zur Umkehr aufzurufen und die Menschen zum Heil zu führen.
Solange dieser Auftrag fortbesteht, wird das Evangelium weiterhin den Völkern verkündet, und die Gnade Gottes wirkt weiterhin in der Geschichte.
Aus dieser Perspektive haben einige die Verkündigung des Christentums mit der zurückhaltenden Funktion des Katechon in Verbindung gebracht.
Allerdings identifiziert Matthäus 24, 14 die Evangelisierung nicht ausdrücklich mit dem Katechon des heiligen Paulus. Es handelt sich um einen möglichen theologischen Zusammenhang, nicht um eine von der Heiligen Schrift festgelegte Gleichsetzung.
Was sollen wir aus all diesen Deutungen schließen?
Dass es eine Wirklichkeit gibt, welche das Böse zurückhält, ihre konkrete Identität jedoch für die theologische Diskussion offenbleibt.
Was wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist, dass keine dieser Wirklichkeiten eine eigenständige Macht gegenüber Gott besitzt. Jede Autorität, jeder geistliche Auftrag und jedes Wirken der Engel hängt letztlich von der göttlichen Vorsehung ab.
6. Der Katechon und die Vorsehung Gottes: Das Böse hat Grenzen
Dies ist wahrscheinlich der wichtigste theologische Aspekt des gesamten Themas.
Die Existenz des Katechon führt uns zu einer grundlegenden Wahrheit des katholischen Glaubens: Gott ist der Herr der Geschichte, und nichts kann sich seiner Herrschaft entziehen.
Das Böse existiert. Der Teufel wirkt. Die Menschen können Gott aus freiem Willen zurückweisen und Gesellschaften aufbauen, die seinem Gesetz widersprechen.
Doch keine dieser Wirklichkeiten besitzt absolute Macht.
Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt, dass Gott der souveräne Herr seines Ratschlusses ist und dass seine Vorsehung die Geschichte ihrer Vollendung entgegenführt (KKK 302–314).
Das bedeutet nicht, dass Gott der Urheber der Sünde wäre oder die Ungerechtigkeiten billigte, die Menschen begehen.
Es bedeutet vielmehr, dass seine Macht selbst dann, wenn er schmerzhafte Ereignisse zulässt, imstande ist, aus ihnen ein Gut hervorzubringen, das unser unmittelbares Verständnis übersteigt.
Der heilige Augustinus entwickelt diesen Gedanken in seinen Überlegungen über den Ursprung des Bösen und die göttliche Vorsehung. Das moralische Böse entspringt dem ungeordneten Gebrauch der geschaffenen Freiheit und nicht Gott. Dennoch kann Gott es zulassen, ohne die Herrschaft über seine Schöpfung zu verlieren.
Diese Unterscheidung ist für das Verständnis des Katechon entscheidend.
Wir dürfen uns nicht zwei gleichberechtigte Mächte vorstellen, die einander gegenüberstehen: eine, die das Gute verkörpert, und eine andere, die das Böse repräsentiert, und die miteinander um die Kontrolle des Universums kämpfen.
Eine solche Vorstellung widerspräche der katholischen Lehre.
Gott hat keinen Gegner, der seine Souveränität gefährden könnte. Satan ist ein gefallener geistiger Geschöpf, dessen Macht begrenzt ist und dessen endgültige Verurteilung feststeht.
Der Katechismus bringt dies in den Nummern 391–395 deutlich zum Ausdruck: Satan wurde von Gott gut erschaffen, wurde durch eine freie Entscheidung böse und kann durch sein Wirken, so real dieses auch ist, den Aufbau des Reiches Gottes nicht verhindern.
Der Katechon muss daher innerhalb dieser Wirklichkeit betrachtet werden: Die Gesetzlosigkeit kann wirken, aber sie kann weder selbst den Zeitpunkt ihres Auftretens noch den Ausgang der Geschichte bestimmen.
7. Der Katechon und der Antichrist: Was lehrt die Kirche tatsächlich?
Wer vom Katechon spricht, muss unweigerlich auch über den Antichristen sprechen.
Die Gestalt des Antichristen erscheint an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments, auch wenn nicht alle dieselbe Bezeichnung verwenden.
Der heilige Johannes gebraucht in seinen Briefen ausdrücklich den Begriff „Antichrist“. Der heilige Paulus hingegen spricht vom Menschen der Gesetzlosigkeit oder vom Gesetzlosen.
Der Katechismus der Katholischen Kirche greift diese Lehre in den Nummern 675–677 auf, und zwar im Abschnitt über die letzte Prüfung der Kirche.
Nummer 675 lehrt:
„Vor dem Kommen Christi muss die Kirche eine letzte Prüfung durchmachen, die den Glauben vieler Gläubigen erschüttern wird.“
Der Katechismus erklärt, dass diese Prüfung von einer religiösen Täuschung begleitet sein wird, die den Menschen eine scheinbare Lösung ihrer Probleme anbietet, allerdings um den Preis, dass sie die Wahrheit aufgeben.
Weiter heißt es, dass die höchste religiöse Täuschung diejenige des Antichristen sein wird: ein Pseudomessianismus, bei dem der Mensch sich selbst verherrlicht und den Platz Gottes und seines Messias einnimmt.
Diese Lehre ist grundlegend, denn sie ermöglicht es uns zu verstehen, dass der Antichrist nicht auf eine politische, militärische oder revolutionäre Gestalt reduziert werden darf.
Seine tiefste Bedeutung ist religiöser Natur: Er verkörpert die Auflehnung gegen Gott und den Anspruch, eine menschliche Erlösung unabhängig von Jesus Christus aufzubauen.
Der Antichrist ist nicht einfach jemand, der Christen verfolgt
Die äußerliche Verfolgung ist eine mögliche Erscheinungsform des Widerstandes gegen Christus. Die antichristliche Täuschung kann jedoch wesentlich subtiler sein.
Sie kann als Lehre auftreten, die den Menschen Glück verspricht, indem sie jeden Bezug zu Gott beseitigt.
Sie kann sich als Ideologie zeigen, die den Menschen zum absoluten Maßstab für Wahrheit und Gutsein erklärt.
Sie kann sich in einer Gesellschaft äußern, die versucht, das natürliche Sittengesetz durch willkürliche menschliche Entscheidungen zu ersetzen.
Und sie kann auch in den religiösen Bereich eindringen, wenn man den Anschein von Spiritualität bewahren möchte, während man die christliche Botschaft ihres übernatürlichen Inhalts beraubt.
Nicht jede politische Ungerechtigkeit, jeder philosophische Irrtum oder jeder gesellschaftliche Konflikt ist für sich genommen eine Erscheinung des Antichristen. Überstürzte Identifizierungen müssen vermieden werden.
Wir können jedoch erkennen, dass jeder Vorschlag, der den Menschen bewusst an die Stelle Gottes setzt, im Kern dieselbe Versuchung der Auflehnung gegen den Schöpfer wiederholt.
Der Katechismus warnt in Nummer 676 genau vor jenen Formen eines säkularisierten Messianismus, die versuchen, innerhalb der Geschichte eine Hoffnung auf Erlösung zu verwirklichen, die ihre Vollendung nur jenseits dieser Geschichte erreichen kann.
Diese Warnung ist von großer Aktualität.
8. Kann der Katechon mit der katholischen Kirche identifiziert werden?
Diese Frage verdient eine besondere Betrachtung.
In bestimmten theologischen und traditionsverbundenen Kreisen wurde der Katechon mit der katholischen Kirche, ihrer geistlichen Autorität oder dem Fortbestand der christlichen Ordnung in der Gesellschaft in Verbindung gebracht.
Diese Erklärung besitzt eine gewisse innere Logik: Die Kirche verkündet die geoffenbarte Wahrheit, spendet die Sakramente, bekämpft den Irrtum, bildet die Gewissen und ruft die Menschen dazu auf, gemäß dem Gesetz Gottes zu leben.
Dort, wo der christliche Glaube seinen Einfluss bewahrt, kann er auch dazu beitragen, bestimmte Erscheinungsformen moralischer und gesellschaftlicher Verderbnis einzudämmen.
Die europäische Geschichte bietet zahlreiche Beispiele für den Einfluss des Christentums auf die Entstehung von Institutionen, Gesetzen, Universitäten, Krankenhäusern und Einrichtungen zur Unterstützung Bedürftiger.
Dennoch müssen wir zwischen einer theologischen Deutung und einer dogmatischen Aussage unterscheiden.
Die Kirche hat nicht festgelegt, dass der Katechon die katholische Kirche, das Papsttum oder eine bestimmte historische Form christlicher politischer Ordnung ist.
Ebenso wenig wäre es richtig, jede Krise der Kirche automatisch mit dem Verschwinden des Katechon gleichzusetzen.
Die Kirche kann Zeiten der Schwäche, der Verfolgung, der Verwirrung und sogar schwerer Skandale durchleben, die von ihren eigenen Mitgliedern verursacht werden. Doch ihre übernatürliche Sendung hängt nicht von der Stärke einer bestimmten Zivilisation ab.
Christus versprach seinen Jüngern:
„Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28, 20).
Und er erklärte außerdem:
„Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Matthäus 16, 18).
Diese Worte bedeuten nicht, dass die Kirche von Leiden, Verfolgungen oder Krisen ausgenommen wäre. Sie bedeuten, dass Jesus Christus seinem Versprechen treu bleibt und die Kirche von den Mächten des Bösen nicht zerstört werden wird.
Die Kirche kann gesellschaftlichen Einfluss verlieren, Verfolgungen erleiden und schwere Schwierigkeiten erfahren. Dennoch bleibt sie der Leib Christi und das von Gott gewollte Werkzeug für das Heil der Menschen.
Deshalb ist es legitim, den möglichen Zusammenhang zwischen dem Katechon und der Sendung der Kirche zu untersuchen. Diese Identifizierung darf jedoch nicht als festgelegte Lehre dargestellt werden.
9. Welche Beziehung besteht zwischen dem Katechon und der geistlichen Krise unserer Zeit?
Auch wenn wir nicht behaupten können, dass wir gerade den Zeitpunkt des Verschwindens des Katechon erleben, bietet die paulinische Stelle wertvolle Maßstäbe, um einige Herausforderungen der Gegenwart zu verstehen.
Wir leben in einer Zeit, in der bestimmte kulturelle Strömungen versuchen, die menschliche Freiheit von jedem Bezug zur objektiven Wahrheit zu trennen.
Die Freiheit wird häufig als Fähigkeit dargestellt, ohne Grenzen Entscheidungen zu treffen, als wären Gut und Böse lediglich gesellschaftliche Konstruktionen.
Die katholische Tradition lehrt jedoch etwas ganz anderes.
Die wahre Freiheit besteht nicht darin, alles tun zu können, sondern darin, das Gute wählen zu können.
Der heilige Thomas von Aquin erklärt, dass das natürliche Sittengesetz die Teilnahme des vernunftbegabten Geschöpfes am ewigen Gesetz Gottes ist. Der Mensch kann durch seine Vernunft bestimmte grundlegende Prinzipien des sittlich Guten erkennen, auch wenn seine Erkenntnis durch die Sünde, schlechte Gewohnheiten und Irrtümer verdunkelt werden kann.
Wenn eine Gesellschaft zunehmend die Fähigkeit verliert, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, werden auch die Grundlagen geschwächt, die es ermöglichen, ein wahrhaft menschliches Zusammenleben aufzubauen.
Hier finden wir eine pastorale Anwendung des Begriffs der Eindämmung der Gesetzlosigkeit.
Die Familie als Schule des geistlichen Widerstandes
Die christliche Familie besitzt eine unersetzliche Sendung.
Sie ist der erste Ort, an dem Kinder lernen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, und an dem sie die Bedeutung von Opferbereitschaft, Gehorsam, Achtung und Nächstenliebe entdecken.
Wenn Eltern den Glauben weitergeben, ihre Kinder das Beten lehren und sie gemäß der christlichen Moral erziehen, tragen sie dazu bei, Menschen heranzubilden, die den Einflüssen widerstehen können, welche sie von Gott entfernen wollen.
Die Familie ist nicht der Katechon im technischen Sinne des paulinischen Ausdrucks. Sie nimmt jedoch an der Sendung teil, die moralische Ordnung zu bewahren und die christliche Wahrheit weiterzugeben.
Die Verteidigung der Wahrheit gegenüber dem Relativismus
Eine weitere Herausforderung unserer Zeit ist die Tendenz, alle Meinungen als gleichwertig zu betrachten und zu behaupten, dass keine Wahrheit universelle Gültigkeit beanspruchen könne.
Das Christentum darf jedoch nicht auf die geoffenbarte Wahrheit verzichten, um sich den kulturellen Vorlieben jeder Epoche anzupassen.
Jesus Christus sagte nicht, dass er eine Meinung unter vielen sei.
Er sagte:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14, 6).
Die Treue zu Christus verlangt, die Wahrheit mit Liebe, aber auch mit Festigkeit zu verteidigen.
Es geht nicht darum, den Glauben mit Gewalt aufzuzwingen oder jene zu verachten, die anders denken. Es geht darum, nicht auf das zu verzichten, was Gott geoffenbart hat.
Das Gebet und das sakramentale Leben
Das Gebet, die heilige Messe, die häufige Beichte, die Eucharistie und das Rosenkranzgebet gehören zu den grundlegenden Mitteln, um das geistliche Leben zu stärken.
Der Christ kann das Böse nicht wirksam bekämpfen, wenn er seine eigene Beziehung zu Gott vernachlässigt.
Der Kampf gegen die Gesetzlosigkeit beginnt im Inneren des Herzens.
Ein Mensch, der sich bemüht, im Stand der Gnade zu leben, die Gerechtigkeit zu praktizieren, die Sünde zurückzuweisen und in der Nächstenliebe zu wachsen, trägt dazu bei, dass das Licht Christi in der Welt gegenwärtig bleibt.
Wir können die letzten Ereignisse der Geschichte nicht kontrollieren. Aber wir können unserer christlichen Berufung in der Gegenwart treu bleiben.
10. Eine notwendige Warnung: Den Katechon nicht in eine Verschwörungstheorie verwandeln
Das Interesse am Katechon ist in bestimmten Kreisen gewachsen, die über das Ende der Zeiten, die Krise der Institutionen und die Zukunft der christlichen Zivilisation nachdenken.
Dieses Interesse kann legitim sein, wenn es aus dem Wunsch entsteht, die Heilige Schrift zu verstehen und die Eschatologie zu vertiefen.
Es besteht jedoch eine Gefahr: Das paulinische Geheimnis kann zu einem Instrument werden, mit dem jedes politische oder gesellschaftliche Ereignis als untrügliches Zeichen des Weltendes gedeutet wird.
Im Laufe der Geschichte wurden zahlreiche Identifizierungen des Antichristen und der Mächte vorgeschlagen, die ihn angeblich zurückhalten. Viele dieser Deutungen waren von den Konflikten und Sorgen ihrer jeweiligen Epoche geprägt.
Deshalb ist es grundlegend, sich an die Worte unseres Herrn zu erinnern:
„Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel und nicht der Sohn, sondern nur der Vater“ (Matthäus 24, 36).
Die Kirche lehrt nicht, dass wir besessen davon leben sollen, Daten zu berechnen, verborgene Identitäten aufzudecken oder jedes Ereignis als endgültige Erfüllung einer Prophezeiung zu interpretieren.
Die christliche Eschatologie ist keine Disziplin, die dazu bestimmt ist, Angst zu schüren.
Ihr Ziel besteht darin, uns daran zu erinnern, dass die Geschichte einen Sinn hat, dass Christus in Herrlichkeit wiederkommen wird und dass wir alle vor dem Gericht Gottes erscheinen werden.
Die christliche Hoffnung besteht nicht darin, die Einzelheiten der Zukunft im Voraus zu kennen, sondern darin, Jesus Christus treu zu bleiben.
11. Wie soll ein Katholik angesichts des Geheimnisses des Katechon leben?
Das Studium des Katechon sollte uns nicht zur Angst führen, sondern zu größerer geistlicher Wachsamkeit.
Der heilige Paulus schrieb den Thessalonichern nicht, damit sie in Schrecken vor dem Erscheinen des Antichristen leben sollten. Er schrieb ihnen, um ihre Irrtümer zu berichtigen, ihren Glauben zu stärken und zu verhindern, dass sie sich täuschen ließen.
Diese Lehre ist auch heute vollkommen gültig.
Wir können daraus mehrere praktische Schlussfolgerungen ziehen.
Erstens: den Glauben in seiner ganzen Fülle bewahren.
Wir dürfen das Evangelium nicht den ideologischen Moden anpassen und die Lehren Christi nicht aus Angst davor aufgeben, von der Welt zurückgewiesen zu werden.
Zweitens: im Stand der Gnade leben.
Die beste Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi besteht nicht darin, herauszufinden, wer der Antichrist sein wird, sondern darin, durch das Gebet, die Sakramente und ein moralisch konsequentes Leben mit Gott versöhnt zu leben.
Drittens: die Wahrheit verteidigen, ohne die Nächstenliebe zu verlieren.
Der Christ ist dazu berufen, den Irrtum zu bekämpfen. Er darf jedoch niemals vergessen, dass er auch dazu berufen ist, den Nächsten zu lieben. Die Festigkeit in der Lehre rechtfertigt weder Hass noch ungerechte Gewalt oder Verachtung gegenüber anderen Menschen.
Viertens: für die Kirche und die staatlichen Autoritäten beten.
Die christliche Tradition hat stets die Bedeutung des Gebets für diejenigen anerkannt, die Regierungsverantwortung tragen. Der heilige Paulus selbst fordert dazu auf, Fürbitten, Gebete und Danksagungen für alle Menschen zu verrichten, auch für die Herrscher (1 Timotheus 2, 1–2).
Dieses Gebet bedeutet nicht, jede ihrer Entscheidungen gutzuheißen, sondern Gott darum zu bitten, dass diejenigen, die Autorität ausüben, im Einklang mit der Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl handeln.
Fünftens: die Hoffnung lebendig erhalten.
Der Christ weiß, dass das Böse in der Geschichte große Macht erlangen kann. Zugleich weiß er aber auch, dass seine Herrschaft begrenzt und vergänglich ist.
Wir dürfen die Lage der Welt nicht mit dem endgültigen Schicksal der Menschheit verwechseln.
Das letzte Wort gehört weder der Sünde noch der Verfolgung noch dem Antichristen.
Es gehört Jesus Christus.
12. Der endgültige Sieg gehört nicht dem Katechon, sondern Jesus Christus
Ein Detail in der Stelle des heiligen Paulus verdient besondere Beachtung.
Wenn der Apostel das Erscheinen des Menschen der Gesetzlosigkeit beschreibt, stellt er keinen endlosen Kampf zwischen gleichwertigen Mächten dar.
Er erklärt, dass Jesus Christus den Gesetzlosen durch den Hauch seines Mundes töten und durch die Erscheinung seiner Ankunft vernichten wird.
Dieses Bild besitzt eine außergewöhnliche theologische Kraft.
Die Macht des Antichristen wird, wie groß sie auch erscheinen mag, der glorreichen Gegenwart des Herrn nicht widerstehen können.
Die Offenbarung entfaltet dieselbe Perspektive durch das Bild des endgültigen Kampfes zwischen Christus und den Mächten des Bösen.
Das Lamm siegt, weil es der Herr der Geschichte ist.
Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt in Nummer 677, dass das Reich Gottes seine Vollendung nicht durch einen geschichtlichen Triumph der Kirche erreichen wird, der als fortschreitende Ausweitung ihrer zeitlichen Macht verstanden wird, sondern durch den endgültigen Sieg Gottes über den letzten Ausbruch des Bösen.
Diese Aussage schützt uns vor zwei entgegengesetzten Irrtümern.
Der erste besteht darin zu glauben, dass sich das Böse am Ende durchsetzen wird und die Menschheitsgeschichte zum Scheitern verurteilt ist.
Der zweite besteht darin zu glauben, dass wir aus eigener Kraft eine vollkommene Gesellschaft aufbauen können, die das endgültige Eingreifen Gottes überflüssig macht.
Die christliche Hoffnung überwindet beide Extreme.
Wir arbeiten für das Gute, verteidigen die Wahrheit, erziehen unsere Kinder, geben den Glauben weiter und bemühen uns, unsere Gesellschaft gemäß dem Evangelium zu verändern. Aber wir wissen, dass die Fülle des Reiches nicht das Werk einer rein menschlichen Gestaltung sein wird.
Sie wird ein Geschenk Gottes sein.
Und wenn Jesus Christus in Herrlichkeit wiederkommt, wird jede Auflehnung gegen ihn ein Ende finden.
Schlussfolgerung: Solange das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirkt, bleibt die christliche Hoffnung bestehen
Der Katechon ist einer der rätselhaftesten Begriffe der christlichen Eschatologie.
Der heilige Paulus stellt ihn als dasjenige vor, was das Auftreten des Menschen der Gesetzlosigkeit zurückhält, bis der von Gott bestimmte Zeitpunkt gekommen ist.
Die ersten christlichen Schriftsteller wie Tertullian und der heilige Johannes Chrysostomus brachten ihn insbesondere mit dem Fortbestand des Römischen Reiches in Verbindung. Der heilige Augustinus untersuchte seinerseits verschiedene Deutungen und erkannte die Schwierigkeit an, zu einer endgültigen Identifizierung zu gelangen.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden auch Erklärungen vorgeschlagen, die sich auf das Wirken des Heiligen Geistes, die Engelsmächte, die Verkündigungsmission und die göttliche Vorsehung beziehen.
Wir müssen jedoch etwas Wesentliches in Erinnerung behalten: Die konkrete Identität des Katechon ist kein Dogma der katholischen Kirche.
Was hingegen zum Kern unseres Glaubens gehört, ist, dass Gott die Geschichte lenkt, dass das Böse keine unbegrenzte Macht besitzt, dass die Kirche eine letzte Prüfung durchstehen wird und dass Jesus Christus in Herrlichkeit wiederkommen wird, um seine Feinde endgültig zu besiegen.
Deshalb sollte das Geheimnis des Katechon nicht zu einem Anlass für ständige Spekulationen werden, sondern zu einem Aufruf zur Wachsamkeit, zur Treue und zur Beharrlichkeit.
In einer Welt, die häufig so leben möchte, als gäbe es Gott nicht, ist der Christ dazu berufen, Zeugnis für eine Wahrheit abzulegen, die sich nicht mit den Epochen verändert.
Wir wissen nicht, wann der endgültige Augenblick kommen wird. Wir kennen nicht alle Einzelheiten dessen, was der heilige Paulus den Thessalonichern angekündigt hat. Aber wir kennen denjenigen, der das Schicksal der Geschichte in seinen Händen hält.
Und diese Gewissheit muss unsere Hoffnung tragen.
Denn auch wenn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit weiterhin wirkt, auch wenn die Wahrheit verachtet wird und auch wenn die Kirche die schwierigsten Prüfungen durchstehen muss, bleibt Christus König, Herr und Richter der Lebenden und der Toten.
Nicht der Antichrist wird das letzte Wort haben.
Nicht die Macht dieser Welt.
Nicht die Gesetzlosigkeit.
Das letzte Wort wird Jesus Christus gehören.
Christus siegt, Christus herrscht, Christus gebietet.
Biblische, patristische und lehramtliche Quellen
Heilige Schrift
- 2 Thessalonicher 2, 1–12: Der Mensch der Gesetzlosigkeit und der Katechon.
- 1 Johannes 2, 18–22: Die Antichristen und der Widerstand gegen Christus.
- Matthäus 24, 12–14 und 24, 36: Die Gesetzlosigkeit, die Verkündigung des Evangeliums und die Ungewissheit des endgültigen Zeitpunktes.
- Matthäus 16, 18: Die Verheißung Christi an seine Kirche.
- Daniel 12, 1: Der heilige Michael und die letzte Drangsal.
- Offenbarung 12, 7–12: Der Kampf des heiligen Michael gegen den Drachen.
Kirchenväter
- Tertullian, Apologeticum, Kapitel 32.
- Heiliger Johannes Chrysostomus, Homilien über den Zweiten Brief an die Thessalonicher, Homilie IV.
- Heiliger Augustinus, De civitate Dei (Vom Gottesstaat), Buch XX, Kapitel 19.
Lehramt der Kirche
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nummern 302–314: Die göttliche Vorsehung.
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nummern 391–395: Der Fall der Engel und das Wirken Satans.
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nummern 668–682: Die glorreiche Wiederkunft Christi.
- Insbesondere Nummern 675–677: Die letzte Prüfung der Kirche und der endgültige Sieg Gottes.