Das „Vergessene Opferungsgebet“: Die Unterdrückten Gebete und Ihre Tiefe Bedeutung

Die Heilige Messe ist das Herz des katholischen Glaubens. Sie ist das Opfer Christi, das auf unblutige Weise auf dem Altar erneuert wird – die Quelle und der Höhepunkt des christlichen Lebens. Doch im Laufe der Geschichte hat die Messfeier verschiedene liturgische Reformen durchlaufen. Eine der bedeutendsten fand im 20. Jahrhundert statt und veränderte mehrere Teile des Ritus grundlegend, insbesondere die Opferung.

Aber welche tiefere Bedeutung hatte das traditionelle Opferungsgebet? Welche Gebete wurden unterdrückt, und warum? Und vor allem: Was haben wir in theologischer und spiritueller Hinsicht verloren?

Dieser Artikel möchte diese Fragen beantworten, indem er das traditionelle Opferungsgebet wiederentdeckt und seine Bedeutung für das Verständnis des eucharistischen Opfers beleuchtet.


1. Das Alte Opferungsgebet: Ein Ritus mit Tiefgründiger Opfer-Theologie

Vor der liturgischen Reform des 20. Jahrhunderts war die Opferung in der tridentinischen Messe (auch Messe des heiligen Pius V. genannt) mit Gebeten erfüllt, die die Opfercharakter der Eucharistie betonten. In diesem Moment der Messe bot der Priester Gott das Brot und den Wein dar, die später in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden sollten. Obwohl die Wandlung noch nicht vollzogen war, deuteten die Opferungsgebete bereits auf die Realität des Kreuzesopfers Christi hin.

Einige der bedeutendsten Gebete waren:

a) Suscipe, Sancte Pater

„Nimm an, heiliger Vater, allmächtiger und ewiger Gott, dieses makellose Opfer, das ich, dein unwürdiger Diener, dir darbringe, dir, meinem lebendigen und wahren Gott, für meine unzähligen Sünden, Vergehen und Nachlässigkeiten, und für alle hier Anwesenden, sowie für alle gläubigen Christen, Lebende und Verstorbene, damit es mir und ihnen zum Heil gereiche zum ewigen Leben. Amen.“

Dieses Gebet bringt eine klare Theologie zum Ausdruck: Die Messe ist ein Opfer, das Gott dargebracht wird, wobei der Priester nicht nur als „Vorsitzender der Versammlung“ fungiert, sondern als Mittler zwischen Gott und den Menschen, der das Opfer für alle darbringt.

b) Offerimus tibi, Domine

„Wir bringen dir, Herr, den Kelch des Heiles dar und flehen deine Milde an, dass er emporsteige mit lieblichem Wohlgeruch vor dein göttliches Angesicht, zu unserem Heil und dem der ganzen Welt. Amen.“

Hier wird der sühnende Charakter des Messopfers betont. Es handelt sich nicht nur um ein Gedächtnis, sondern um eine wirkliche und wirksame Darbringung, die für das Heil der Welt eintritt.

c) In spiritu humilitatis

„Im Geiste der Demut und mit zerknirschtem Herzen mögen wir von dir, Herr, aufgenommen werden, und unser heutiges Opfer möge sich so vollziehen, dass es dir wohlgefällig sei, Herr, mein Gott.“

Dieses Gebet erinnert uns daran, dass wir mit Demut vor Gott treten müssen. Der Priester wirft sich geistlich vor die göttliche Majestät nieder, erkennt seine Unwürdigkeit an und bittet darum, dass das Opfer angenommen werde.

d) Veni, Sanctificator

„Komm, Heiliger, allmächtiger, ewiger Gott, und segne dieses Opfer, das deinem heiligen Namen bereitet ist.“

Eine Anrufung des Heiligen Geistes, der um die Heiligung des Opfers gebeten wird, wodurch das gemeinsame Wirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist in der Liturgie deutlich wird.


2. Warum Wurden Diese Gebete Unterdrückt?

Mit der liturgischen Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die 1969 von Papst Paul VI. promulgiert wurde, wurde das traditionelle Opferungsgebet abgeschafft und durch kürzere Gebete mit weniger expliziter Opfersprache ersetzt. Stattdessen wurden folgende Formeln eingeführt, die von jüdischen Segensgebeten inspiriert sind:

  • Gelobt seist du, Herr, Gott des Universums, du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit…
  • Gelobt seist du, Herr, Gott des Universums, du schenkst uns den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit…

Diese Gebete nehmen eine eher horizontale Perspektive ein, indem sie Dankbarkeit und gemeinschaftliche Teilnahme betonen, während die ausdrückliche Bezugnahme auf das Sühneopfer Christi weggelassen wird.

Die Gründe für diese Änderungen wurden breit diskutiert. Einige Liturgiker argumentierten, dass das alte Opferungsgebet die Wandlung zu sehr vorwegnehme, als ob der Leib und das Blut Christi bereits vor der Transsubstantiation geopfert würden. Andere behaupteten, dass die neue Version sich stärker an die alten liturgischen Bräuche der Kirche anpasse, insbesondere an die der Ostkirche.

Viele Theologen und Gläubige haben jedoch darauf hingewiesen, dass diese Unterdrückung die Theologie der Messe verarmt hat, das Bewusstsein für das Sühneopfer geschwächt und eine eher protestantische Sicht auf die Eucharistie als bloßes „Mahl“ verstärkt hat.


3. Welche Bedeutung Hat Das Für Unser Geistliches Leben?

Das „vergessene Opferungsgebet“ erinnert uns daran, wie wichtig es ist, ein tieferes und reicheres Verständnis der Messe wiederzugewinnen. Über jede liturgische Debatte hinaus gibt es wesentliche spirituelle Implikationen für die Gläubigen:

  1. Das Opferverständnis wiederentdecken
    Die Messe ist nicht nur ein gemeinschaftliches Mahl oder ein Gebetstreffen. Sie ist die reale Vergegenwärtigung des Opfers Christi am Kreuz. Ohne eine klare Bezugnahme auf das Opfer laufen wir Gefahr, die Eucharistie zu trivialisieren.
  2. Die Demut vor Gott fördern
    Die Gebete des tridentinischen Opferungsgebetes lehren uns, dass wir unwürdig sind, Gott etwas darzubringen. Doch durch seine Gnade können wir unser Leben, unsere Sorgen und unsere Freuden als Opfergabe darbringen.
  3. Mit einem zerknirschten Herzen beten
    Das alte Gebet In spiritu humilitatis erinnert uns daran, dass wir mit einem Geist der Reue und Demut vor Gott treten müssen – etwas, das in der modernen Liturgie manchmal weniger betont wird.
  4. Die Fürbitte der Messe wieder schätzen lernen
    Das tridentinische Opferungsgebet erwähnte ausdrücklich das Gebet für die Lebenden und die Toten. Dies stärkt das Verständnis, dass die Messe eine reale Wirkung auf die Seelen im Fegefeuer und auf die gesamte Kirche hat.

4. Wie Können Wir Dieses Geistliche Erbe Wiederentdecken?

Wer diese verlorene Tiefe wiederentdecken möchte, kann dies auf verschiedene Weise tun:

  • Besuch der traditionellen lateinischen Messe: Viele Gemeinden feiern die Messe nach dem Missale von 1962, in dem das alte Opferungsgebet noch erhalten ist.
  • Einbeziehung dieser Gebete in das persönliche Gebet: Obwohl sie nicht mehr im neuen Messbuch stehen, können diese Gebete privat als Vorbereitung auf die Kommunion gesprochen werden.
  • Studium der Theologie des eucharistischen Opfers: Die Lektüre von Dokumenten wie der Enzyklika Mediator Dei von Pius XII. oder Ecclesia de Eucharistia von Johannes Paul II. kann helfen, das Messverständnis zu vertiefen.

Fazit

Das „vergessene Offertorium“ ist nicht nur eine Frage liturgischer Nostalgie, sondern ein Thema von großer theologischer und geistlicher Bedeutung. Die abgeschafften Gebete enthielten einen reichen dogmatischen Schatz, der uns half, die tiefere Bedeutung des Heiligen Messopfers besser zu verstehen. In einer Zeit, in der der katholische Glaube mit Verwirrung und Herausforderungen konfrontiert ist, kann die Wiederentdeckung der Tiefe unserer Liturgie ein Licht sein, das unsere Beziehung zu Gott stärkt und uns hilft, das eucharistische Mysterium noch bewusster zu leben.

Möge es uns mit Demut und Eifer gelingen, unser Leben erneut mit dem Opfer Christi zu vereinen, indem wir die Worte unserer Vorfahren im Glauben sprechen: „Nimm an, o heiliger Vater, diese makellose Opfergabe…“

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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