Jahrhundertelang blickten Christen nicht nur mit Staunen, sondern mit Gewissheit zum nächtlichen Firmament: jenseits der Sterne, jenseits der sichtbaren Himmel befand sich der Empyreische Himmel, die Wohnstätte Gottes und der Seligen.
Heute, in einem Zeitalter von Weltraumteleskopen und kosmologischen Theorien, mag diese Vorstellung poetisch oder sogar naiv erscheinen. Doch der Empyreische Himmel ist keine bloße mittelalterliche Kuriosität. Er ist ein Schlüssel, um zu verstehen, wie die Kirche über das Verhältnis zwischen Gott, dem Universum und unserem ewigen Ziel nachgedacht hat.
Entdecken wir gemeinsam, was der Empyreische Himmel ist, wie diese Vorstellung entstand und was sie uns heute für unser geistliches Leben lehren kann.
🌌 1. Was bedeutet „Empyreischer Himmel“?
Das Wort „empyrisch“ stammt vom griechischen empyros und bedeutet „feurig“ oder „vom Feuer erfüllt“. Gemeint ist kein materielles Feuer, sondern das Feuer der göttlichen Herrlichkeit, das reine Licht, das von Gott ausgeht.
In der mittelalterlichen Kosmologie war das Universum in konzentrische Sphären gegliedert:
- Die Erde im Zentrum.
- Die Sphären der Planeten.
- Die Sphäre der Fixsterne.
- Der „Erste Beweger“.
- Und schließlich, jenseits aller sichtbaren Schöpfung: der Empyreische Himmel.
Dort wohnten Gott, die Engel und die Heiligen. Es war der höchste Bereich – unbeweglich, vollkommen und ewig.
Diese Sichtweise wurde von großen christlichen Denkern entwickelt, etwa von Santo Tomás de Aquino, der die aristotelische Kosmologie in die christliche Theologie integrierte, und fand ihren erhabensten literarischen Ausdruck im Werk von Dante Alighieri.
📖 2. Biblische Grundlage: Spricht die Bibel von einem „physischen“ Himmel?
Die Heilige Schrift verwendet eine zutiefst symbolische und pädagogische Sprache. Im Alten Testament lesen wir:
„Der Herr hat seinen Thron im Himmel errichtet“ (Psalm 103,19).
Und der heilige Paulus schreibt:
„Ich kenne einen Menschen in Christus … der bis in den dritten Himmel entrückt wurde“ (2 Korinther 12,2).
Im antiken jüdischen Denken sprach man von mehreren „Himmeln“, die im höchsten gipfelten, wo Gott seine Herrlichkeit offenbart. Es handelt sich nicht um eine astronomische Beschreibung, sondern um eine Weise, Transzendenz und Überlegenheit auszudrücken.
Wenn die mittelalterlichen Theologen den Empyreischen Himmel „über den Sternen“ verorteten, wollten sie keine moderne Wissenschaft betreiben. Sie bekräftigten etwas Wesentliches:
Gott ist jenseits aller geschaffenen Wirklichkeit.
🌠 3. Mittelalterliche Kosmologie und das hierarchische Universum
Im Mittelalter, im Anschluss an Aristoteles und Ptolemäus, wurde das Universum als geordnetes und hierarchisches Ganzes verstanden. Es war weder unendlich noch chaotisch, sondern harmonisch und sinnhaft.
Die Erde befand sich im Zentrum – nicht aus Ehre, sondern wegen ihrer Dichte und Vergänglichkeit. Was höher war, galt als vollkommener. So symbolisierte der Empyreische Himmel an der Spitze des Kosmos:
- Die absolute Vollkommenheit.
- Die göttliche Unbeweglichkeit.
- Die Fülle der ewigen Liebe.
Für den heiligen Thomas von Aquin war der Empyreische Himmel nicht bloß eine Metapher: Er verstand ihn als eine besondere geschaffene Wirklichkeit jenseits von Bewegung und Zeit, in der die Seligen wohnen.
✨ 4. Der Empyreische Himmel in der Göttlichen Komödie
Im Paradiso der Göttlichen Komödie beschreibt Dante den Empyreischen Himmel als ein Meer aus reinem Licht, in dem die Heiligen eine „himmlische Rose“ bilden und in dem er schließlich Gott als die „Liebe, die Sonne und Sterne bewegt“, schaut.
Hier erfassen wir etwas Tiefes:
Der Empyreische Himmel ist nicht einfach ein „Ort“. Er ist die vollkommene Gemeinschaft mit Gott.
🔭 5. Was geschah, als sich die Astronomie veränderte?
Mit Nicolás Copérnico und später Galileo Galilei wurde das geozentrische Weltbild durch das heliozentrische ersetzt. Das Universum wurde nicht mehr als Reihe endlicher Sphären verstanden, sondern als weit und möglicherweise unendlich.
Verschwand damit der Empyreische Himmel?
Nein. Was verschwand, war das wörtliche kosmologische Bild.
Doch die theologische Wahrheit bleibt unversehrt:
- Gott ist nicht im Raum eingeschlossen.
- Der Himmel ist kein astronomischer Ort.
- Die ewige Herrlichkeit übersteigt physische Koordinaten.
Der Katechismus lehrt, dass der Himmel „der Zustand höchster und endgültiger Glückseligkeit“ in der Gemeinschaft mit Gott ist.
🔥 6. Die tiefe theologische Bedeutung
Theologisch gesehen bringt der Empyreische Himmel drei grundlegende Wahrheiten zum Ausdruck:
1️⃣ Gott ist transzendent
Er ist nicht Teil des Universums. Er befindet sich nicht darin wie ein weiteres Objekt.
2️⃣ Die Schöpfung ist auf Ihn hingeordnet
Der ganze Kosmos weist auf seinen Schöpfer hin.
3️⃣ Unser Ziel ist übernatürlich
Wir sind nicht nur für diese Welt geschaffen.
Wie der heilige Paulus sagt:
„Unsere Heimat ist im Himmel“ (Philipper 3,20).
🌍 7. Was sagt uns der Empyreische Himmel heute?
In einer materialistischen Kultur, in der nur das Messbare als wirklich gilt, erinnert uns das Konzept des Empyreischen Himmels daran:
- Die Wirklichkeit erschöpft sich nicht im Sichtbaren.
- Der Mensch hat ein ewiges Ziel.
- Die Geschichte hat eine Richtung.
Heute können wir Sonden an die Grenzen unseres Sonnensystems senden, doch kein Teleskop wird den Himmel als Zustand der Gnade entdecken. Denn der Himmel ist keine ferne Galaxie: Er ist das Leben Gottes selbst, das uns geschenkt wird.
🕊 8. Praktische Anwendungen für das tägliche Leben
Hier hört der Empyreische Himmel auf, Theorie zu sein, und wird zur pastoralen Wirklichkeit.
✨ 1. Mit ewiger Perspektive leben
Wenn der Himmel unser Ziel ist, verändern sich unsere Entscheidungen.
- Vergebe ich oder halte ich an Groll fest?
- Suche ich Heiligkeit oder Bequemlichkeit?
- Lebe ich nur für heute oder für die Ewigkeit?
✨ 2. Das Herz ordnen
Die mittelalterliche Kosmologie lehrte ein geordnetes Universum.
Auch unsere Seele braucht Ordnung.
Wenn Gott im Zentrum steht, findet alles seinen rechten Platz.
✨ 3. Den Blick erheben
Der Christ ist jemand, der über das Sichtbare hinausblickt.
Inmitten von Krisen, Kriegen und Unsicherheit erinnern wir uns daran, dass unsere Hoffnung nicht auf menschlichen Strukturen ruht, sondern auf der ewigen Verheißung.
🌟 9. Vom „physischen Oben“ zum „geistigen Darüber hinaus“
Die große Lehre lautet:
Der Empyreische Himmel war kein naiver Irrtum. Er war eine Pädagogik.
Die Menschen des Mittelalters verwendeten die Sprache des Kosmos, um eine ewige Wahrheit auszudrücken:
Gott ist über allem, und auf Ihn hin sind wir unterwegs.
Heute stellen wir uns keine kristallinen Sphären mehr vor, die sich um die Erde drehen. Doch wir bekennen weiterhin:
- Ich glaube an das ewige Leben.
- Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches.
- Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.
Der Himmel ist nicht „oben“ im astronomischen Sinn.
Er ist „jenseits“ im ontologischen Sinn.
💡 Schluss: Den Sinn für Transzendenz wiederentdecken
Vielleicht besteht die größte Gefahr unserer Zeit nicht darin, den Himmel zu leugnen, sondern ihn zu vergessen.
Der Empyreische Himmel lädt uns ein, wiederzuentdecken:
- Den Sinn für Staunen.
- Das Bewusstsein unserer ewigen Würde.
- Die Ausrichtung auf das Höchste.
Denn letztlich ist die Frage nicht, wo der Himmel ist.
Die Frage ist: Worauf ist dein Herz ausgerichtet?
Wie der Psalm sagt:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn“ (Psalm 121,1–2).
Möge unser ganzes Leben ein innerer Aufstieg zu diesem wahren Empyreum sein, wo die Liebe nicht erlischt und das Licht keinen Untergang kennt.
Und möge jede tägliche Entscheidung ein weiterer Schritt zu jener Heimat sein, die man nicht mit Teleskopen entdeckt, sondern mit Heiligkeit.