„Du sollst keinen unreinen Gedanken oder Begierden zustimmen“
1. Einleitung: ein Gebot des Herzens
Das Neunte Gebot gehört oft zu den vergessensten, verharmlosten oder missverstandenen, selbst unter praktizierenden Katholiken. Vielleicht, weil es nicht von sichtbaren Taten spricht, sondern von etwas Tieferem, Intimerem, Stilleren: dem menschlichen Herzen.
„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5,27–28).
Mit diesen Worten erhebt Christus die Moral und erinnert uns daran, dass die Sünde nicht in den Händen beginnt, sondern im Herzen, im Denken, in den bewusst zugelassenen Begierden. Das Neunte Gebot ist keine bloße „Wiederholung“ des Sechsten, sondern dessen innere Vertiefung.
Dieses Gebot ruft uns zur Reinheit des Herzens, zur Ordnung der Begierden und dazu, die Sexualität nach dem Plan Gottes zu leben – sogar auf der Ebene der Gedanken.
2. Was lehrt die Kirche über das Neunte Gebot?
Der Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 2514–2533) erklärt, dass dieses Gebot:
- freiwillig zugelassene unreine Begierden verbietet
- zur inneren Keuschheit aufruft
- dazu einlädt, die Begierlichkeit (Konkupiszenz) zu bekämpfen
- eine Erziehung des Blickes, des Denkens und des Herzens verlangt
Die Konkupiszenz ist jene ungeordnete Neigung, die im Menschen nach der Erbsünde zurückbleibt. Sie ist an sich keine Sünde, wird aber zur Sünde, wenn man ihr frei zustimmt.
👉 Die Versuchung ist keine Sünde.
👉 Die bewusste Zustimmung ist es.
3. Ein zutiefst aktuelles Gebot
Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist von:
- ständiger Hypersexualisierung
- allgegenwärtiger Pornographie
- sozialen Netzwerken, die darauf ausgelegt sind, Begierde zu wecken
- der Normalisierung unreiner Gedanken
- der Relativierung der inneren Sünde
Heute mehr denn je ist die Einhaltung des Neunten Gebotes ein Akt geistlicher Widerständigkeit, innerer Freiheit und wahrer Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Die Kultur sagt: „Denken schadet niemandem.“
Christus sagt: „Das Herz zählt.“
4. Warum sind Sünden gegen das Neunte Gebot schwerwiegend?
Weil sie:
- das Herz verderben
- den Boden für äußere Sünden bereiten
- den anderen entmenschlichen, indem sie ihn zum Objekt machen
- das geistliche Leben schwächen
- die echte Liebe ersticken
Unreine Begierde ist keine Liebe, sondern Besitz, Gebrauch, Konsum. Und wo Gebrauch ist, da gibt es keine Hingabe.
5. Konkrete Sünden gegen das Neunte Gebot
(Detaillierte und gründliche Gewissenserforschung)
Nachfolgend eine ausführliche und konkrete Liste, besonders gedacht für einen traditionellen Katholiken, der sich gut und aufrichtig beichten möchte.
A. Sünden der zugelassenen unreinen Gedanken
- Freiwilliges Zustimmen zu ungeordneten sexuellen Gedanken
- Sich an sexuellen Fantasien erfreuen, auch wenn sie nicht ausgeführt werden
- Unreine Gedanken bewusst festhalten
- Nach deren Zurückweisung bewusst zu einem unreinen Gedanken zurückkehren
- Unreine Erinnerungen aus der Vergangenheit nähren
- Sexuelle Situationen zur eigenen Lust vorstellen
- Unreinen Gedanken während des Gebetes zustimmen
- Unreine Gedanken innerlich rechtfertigen
- Sich bewusst entscheiden, nicht gegen unreine Gedanken zu kämpfen
B. Sünden der unreinen Begierde
- Sexuelles Begehren einer Person, die nicht der eigene Ehepartner ist
- Wunsch nach sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe
- Wunsch nach Ehebruch
- Wunsch nach sexuellen Handlungen gegen das Naturgesetz
- Wunsch nach unerlaubten sexuellen Erfahrungen
- Wunsch, den anderen nur zum eigenen Vergnügen zu benutzen
- Wunsch, sexuell zu beherrschen oder zu besitzen
- Wunsch nach moralisch ungeordneten sexuellen Praktiken
- Wunsch, den Körper eines anderen Menschen als Objekt zu besitzen
C. Sünden des Blickes
- Freiwilliges Anschauen mit unreiner Absicht
- Den Blick bewusst festhalten, um sich zu erregen
- Provokante Bilder suchen
- Den Blick nicht abwenden, obwohl man weiß, dass er Begierde weckt
- Lüstern schauen
- Anzügliche Bilder konsumieren, auch wenn sie nicht explizit sind
- Schauen mit der Absicht zu fantasieren
- Den unreinen Blick als normal ansehen
D. Sünden im Zusammenhang mit Pornographie und sexuellen Inhalten
- Pornographie bewusst suchen
- Pornographie mit voller Zustimmung anschauen
- Abonnements oder Archive mit pornographischem Material besitzen
- Den Konsum von Pornographie rechtfertigen
- „Leichte“ erotische Inhalte mit unreiner Absicht konsumieren
- Serien, Filme oder Videos ansehen, um sexuelle Erregung zu suchen
- Provokanten Accounts in sozialen Netzwerken folgen
- Nahe Gelegenheiten zur digitalen Sünde nicht meiden
E. Sünden der inneren Selbstgefälligkeit
- Inneres Wohlgefallen an unreinen Gedanken finden
- Das Vergnügen akzeptieren, das ungeordnete Begierden hervorrufen
- Unreiner Begierde nicht freiwillig widerstehen
- Szenen oder Bilder im Geist wiederholen
- Sich in der Vorstellungskraft ergehen
- Ausreden suchen, um nicht gegen die Begierde zu kämpfen
F. Sünden gegen die Keuschheit des Herzens
- Den Kampf um Reinheit bewusst ablehnen
- Die Tugend der Keuschheit verachten
- Die christliche Sexualmoral innerlich verspotten
- Ungeordnete Begierde als normal betrachten
- Sich weigern, das Herz zu erziehen
- In einer dauerhaften Haltung der Unreinheit leben
- Die innere Sünde damit rechtfertigen, dass „sie niemandem schadet“
G. Sünden der Unterlassung
- Nahe Gelegenheiten zur Sünde nicht meiden
- Situationen nicht fliehen, die unreine Gedanken hervorrufen
- Gewohnheiten nicht korrigieren, die Begierde nähren
- Nicht beten, wenn die Versuchung aufkommt
- Nicht regelmäßig beichten
- Sich nicht bemühen, in der Reinheit zu wachsen
- Keine geistliche Hilfe suchen, wenn sie notwendig ist
6. Der Ruf zur Reinheit: ein Weg der Freiheit
Die christliche Reinheit ist keine Unterdrückung, sondern eine Ordnung der Liebe. Sie ist nicht die Verneinung des Begehrens, sondern seine Ausrichtung auf das wahre Gut.
Das reine Herz:
- liebt, ohne zu benutzen
- schaut, ohne zu besitzen
- begehrt, ohne zu beherrschen
- lebt die Sexualität als Gabe
„Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8).
7. Geistliche Mittel zur Befolgung des Neunten Gebotes
- Häufige Beichte
- Tägliches Gebet
- Hut der Sinne
- Fasten und Buße
- Der Rosenkranz
- Geistliche Begleitung
- Die Sakramente
- Ein stimmiges sakramentales Leben
- Flucht vor den Gelegenheiten zur Sünde
8. Schluss: Gott verlangt nichts Unmögliches
Gott verlangt kein Herz ohne Kampf, sondern ein aufrichtiges Herz. Fallen ist nicht dasselbe wie aufgeben. Das Neunte Gebot ist keine Last, sondern eine Verheißung innerer Freiheit.
Christus ist nicht gekommen, um den Sünder zu verurteilen, sondern um das Herz zu heilen.
Möge dieses Gebot kein Anlass zur Angst sein, sondern zur Umkehr, zur Hoffnung und zum Vertrauen auf die Gnade.
„Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz“ (Ps 51).