Sünden gegen das Fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten“ (Ex 20,13)

1. Ein kurzes Gebot … und doch unermesslich

Das Fünfte Gebot — „Du sollst nicht töten“ — scheint auf den ersten Blick eines der klarsten und einfachsten zu sein. Viele denken: „Ich habe noch nie jemanden getötet, also betrifft mich dieses Gebot nicht.“ Doch die Lehre der Kirche, erleuchtet durch die Heilige Schrift und vertieft durch die Tradition, zeigt uns, dass dieses Gebot weit über den physischen Mord hinausgeht.

Das Fünfte Gebot schützt das menschliche Leben in all seinen Dimensionen: körperlich, geistlich, psychologisch und sozial. Es verteidigt das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, aber auch die Würde der Person, die Unversehrtheit von Leib und Seele sowie die Liebe zum Nächsten.

Jesus vertieft dieses Gebot radikal, wenn er sagt:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: ‚Du sollst nicht töten‘; wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein“ (Mt 5,21–22).

Darum bedeutet nicht töten auch nicht zerstören, nicht verachten, nicht verletzen, nicht schaden, nicht verlassen, nicht hassen.


2. Das menschliche Leben: ein heiliges Geschenk Gottes

Das Leben gehört nicht uns. Es ist ein Geschenk Gottes, und nur Er ist sein Herr. Das menschliche Leben anzugreifen bedeutet im tiefsten Sinn eine Rebellion gegen den Schöpfer.

Die Kirche lehrt klar:

  • Jedes menschliche Leben ist heilig
  • Jeder Mensch besitzt eine unantastbare Würde
  • Niemand darf entscheiden, wer leben oder sterben soll

Das gilt für das ungeborene Kind, für den Kranken, für den alten Menschen, für den Menschen mit Behinderung, für den Armen, für den Feind, für den, der anders denkt.


3. Schwere und direkte Sünden gegen das menschliche Leben

🔴 1. Vorsätzlicher Mord

  • Eine Person direkt und bewusst töten
  • Den Mord anordnen, Auftragskiller engagieren, ungerechte Hinrichtungen befehlen
  • Aktiv an einem Mord teilnehmen

🔴 2. Abtreibung (äußerst schwere Sünde)

  • Direkt oder indirekt den Tod eines ungeborenen Kindes verursachen
  • Einer Abtreibung zustimmen, sie erleichtern, finanzieren oder fördern
  • Druck auf eine andere Person ausüben, damit sie abtreibt
  • Abtreibung moralisch rechtfertigen
  • Ärzte oder medizinisches Personal, die an Abtreibungen mitwirken
  • Politiker oder Gesetzgeber, die abtreibungsfreundliche Gesetze fördern

🔴 3. Euthanasie und assistierter Suizid

  • Den Tod eines kranken oder alten Menschen „aus Mitgefühl“ herbeiführen
  • Beim Suizid helfen, dazu raten oder ihn ermöglichen
  • Euthanasie als „würdigen Tod“ rechtfertigen
  • Grundlegende Pflege verweigern, um den Tod zu beschleunigen

🔴 4. Suizid

  • Freiwillig gegen das eigene Leben handeln
  • Den eigenen Tod planen, versuchen oder ernsthaft wünschen

(Die Kirche unterscheidet stets die subjektive Schuld, doch die Tat an sich ist schwer ungeordnet)


4. Sünden gegen die körperliche Unversehrtheit und die Gesundheit

⚠️ 5. Körperliche Gewalt

  • Schlagen, verletzen, foltern
  • Häusliche Gewalt
  • Körperliche Misshandlung von Kindern, alten Menschen oder Abhängigen
  • Gewalt bei Schlägereien, Übergriffen oder Raufereien

⚠️ 6. Psychische Gewalt

  • Systematische Demütigung
  • Bedrohung
  • Emotionale Manipulation
  • Absichtliches Zufügen von Leid durch Worte oder Schweigen
  • Zerstörung des Selbstwertgefühls eines anderen

⚠️ 7. Hass und Rachegedanken

  • Jemandem den Tod wünschen
  • Sich über das Unglück anderer freuen
  • Bewusst Groll hegen
  • Rachegedanken nähren

5. Sünden der Sprache gegen das Fünfte Gebot

Auch Worte können töten.

🗣️ 8. Schwere Beleidigungen

  • Jemanden verächtlich beschimpfen
  • Andere durch Worte entmenschlichen
  • Jemanden öffentlich lächerlich machen

🗣️ 9. Verwünschungen

  • Anderen Böses wünschen
  • Unglück über jemanden herabrufen

🗣️ 10. Verleumdung und Rufschädigung

  • Den guten Ruf einer Person ungerechtfertigt schädigen
  • Die Ehre oder den guten Namen eines Menschen zerstören

6. Unterlassungssünden: Töten durch Gleichgültigkeit

Man sündigt nicht nur durch das, was man tut, sondern auch durch das, was man unterlässt.

⚖️ 11. Verweigerung von Hilfe

  • Einer Person in Gefahr nicht helfen
  • Bedürftige ignorieren, obwohl man helfen könnte
  • Am Leiden des Nächsten gleichgültig vorbeigehen

⚖️ 12. Verlassen

  • Kinder, Eltern oder den Ehepartner verlassen
  • Sich nicht um die Schwächsten kümmern

7. Sünden gegen das eigene Leben und den eigenen Körper

⚠️ 13. Selbstzerstörung

  • Drogenabhängigkeit
  • Alkoholismus
  • Schwerer Missbrauch des eigenen Körpers
  • Unnötige Risikoverhaltensweisen

⚠️ 14. Schwere Vernachlässigung der Gesundheit

  • Notwendige medizinische Versorgung ohne gerechtfertigten Grund ablehnen
  • Durch Leichtsinn das eigene Leben oder das Leben anderer gefährden

8. Soziale und strukturelle Sünden gegen das Leben

🌍 15. Ungerechtigkeiten, die töten

  • Extreme Ausbeutung der Arbeit
  • Gleichgültigkeit gegenüber der Armut
  • Systeme, die ausgrenzen und marginalisieren

🌍 16. Förderung der Kultur des Todes

  • Ideologien unterstützen, die das Leben relativieren
  • Abtreibung, Euthanasie oder Gewalt normalisieren
  • Den Wert des menschlichen Lebens lächerlich machen

9. Für die Gewissenserforschung: konkrete Fragen

Vor der Beichte stelle man sich ehrlich folgende Fragen:

  • Habe ich das Leben anderer oder mein eigenes verachtet?
  • Habe ich Hass oder Groll in mir getragen?
  • Habe ich durch Worte oder Schweigen verletzt?
  • War ich gleichgültig gegenüber dem Leid anderer?
  • Habe ich Abtreibung oder Euthanasie gerechtfertigt?
  • Habe ich andere körperlich oder psychisch misshandelt?
  • Habe ich verantwortungsvoll für mein Leben und meine Gesundheit gesorgt?
  • Habe ich den Frieden gefördert oder den Konflikt?

10. Christus, der Herr des Lebens

Das Fünfte Gebot ist nicht nur ein Verbot, sondern ein Ruf zur Liebe. Christus ist gekommen, damit wir das Leben in Fülle haben (Joh 10,10). Das Leben zu verteidigen heißt, so zu lieben, wie Er liebt.

Jede Beichte ist eine Gelegenheit zur Heilung, zur Versöhnung und dazu, sich erneut für das Leben zu entscheiden.

„Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Dtn 30,19).

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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