Karneval: Das wahre Wesen des „Abschieds vom Fleisch“ wiederentdecken

Wir leben in einer Zeit, in der fast alles seiner Bedeutung entleert ist. Feste werden zu Vorwänden für Exzesse, Traditionen verwandeln sich in bloße folkloristische Veranstaltungen, und Worte werden zu Klängen ohne Tiefe. Unter den Wörtern, die ihre Seele verloren haben, ist „Karneval“.

Für viele bedeutet „Karneval“ Kostüme, Übermaß und Vergnügen vor der Fastenzeit. Doch der ursprüngliche Sinn dieses Festes birgt eine immense geistliche Tiefe. Es geht um den bewussten Abschied von den Fleischeslusten, das „Fleisch ade“ – ein spirituelles Vorbereiten auf die Buße.

Aber was bedeutet es wirklich, vom Fleisch Abschied zu nehmen?
Geht es nur darum, ein paar Tage auf Fleisch zu verzichten?
Oder steckt etwas viel Tiefgründigeres und Radikaleres dahinter?

Dieser Artikel möchte Ihnen helfen, den wahren theologischen und pastoralen Sinn des Karnevals wiederzuentdecken – nicht als oberflächliche Feier, sondern als geistliche Schwelle zur Umkehr.


1. Die christlichen Wurzeln des Karnevals

Bevor die Welt den Karneval zu einem Spektakel des Übermaßes machte, hatte die Kirche bereits eine ernste Zeit der Vorbereitung auf die Fastenzeit etabliert.

In der alten liturgischen Tradition führten die Tage vor Aschermittwoch – Septuagesima, Sexagesima und Quinquagesima – die Seele allmählich in einen Bußgeist ein. Das „Halleluja“ verschwand aus der Liturgie, und die violette Farbe kündigte den geistlichen Kampf an. Die Kirche, wie eine weise Mutter, bereitete das Herz vor.

Der Karneval markierte die Schwelle zwischen zwei Welten:

  • Der gewöhnlichen Zeit
  • Der Zeit der Buße

Er war keine Einladung zur Sünde, sondern ein bewusster Abschied von legitimen Genüssen, um sich für das Opfer bereit zu machen.

Das Christentum war nie ein Feind der Freude. Aber es lehrt, dass es Zeiten zum Feiern und Zeiten zur Reinigung des Herzens gibt.

„Alles hat seine Zeit, und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ (Prediger 3,1).

Der Karneval war genau das: der Moment, sich bewusst zu machen, dass ein geistlicher Kampf bevorsteht.


2. „Abschied vom Fleisch“: Mehr als Diät, eine spirituelle Entscheidung

Wenn die Kirche von „Fleisch“ spricht, meint sie nicht nur Nahrung. In der Heiligen Schrift symbolisiert das Fleisch die ungeordnete Neigung, die menschliche Schwäche, den alten Menschen.

Paulus erklärt dies deutlich:

„Denn die, die nach dem Fleisch leben, trachten nach dem, was dem Fleisch dient; die aber nach dem Geist leben, nach dem, was dem Geist dient“ (Römer 8,5).

„Abschied vom Fleisch“ zu nehmen, bedeutet also nicht einfach, das Menü zu ändern.
Es ist die Kriegserklärung gegen alles, was uns innerlich versklavt.

Fleisch im biblischen Sinne steht für:

  • Selbstsucht
  • Ungeordnete Sinnlichkeit
  • Geistige Trägheit
  • Hochmut
  • Übermäßige Anhaftung an Vergnügen

Der Karneval im tieferen Sinn ist der Moment, sich zu fragen:

  • Was beherrscht mein Leben?
  • Was hindert mich daran, Gott mehr zu lieben?
  • Welche Begierden steuern meine Entscheidungen?

Denn wahres Fasten beginnt im Herzen.


3. Der Gegensatz zur modernen Welt

Wenn wir die heutige Kultur betrachten, sehen wir genau das Gegenteil vom ursprünglichen Geist des Karnevals.

Heute ist Karneval gleichbedeutend mit:

  • Übermaß
  • Sexualisierung
  • Aufhebung moralischer Hemmungen
  • Lächerlichmachen des Heiligen
  • Überschreiten von Grenzen

Was ursprünglich ein bescheidener Abschied sein sollte, ist zu einer Apotheose der Ausschweifung geworden.

Doch dies ist kein Zufall. Die moderne Gesellschaft hat das Bewusstsein für Buße verloren. Sie hat vergessen, dass der Mensch Reinigung braucht. Sie hat Freiheit mit Unkontrolliertheit verwechselt.

Und doch hat das menschliche Herz weiterhin Durst nach Ordnung, Sinn und Erlösung.

Wenn die Welt das Vergnügen übertreibt, versucht sie im Kern, eine geistliche Leere zu füllen, die nur Gott befriedigen kann.


4. Die spirituelle Pädagogik der Kirche

Die Kirche betrachtet die Fastenzeit nicht als Strafe, sondern als Therapie für die Seele.

Wie der Körper Entgiftung braucht, so braucht auch die Seele Reinigung.

Der Karneval war die letzte Erinnerung vor dieser geistlichen „Kur“:

  • Bereite dich vor
  • Vereinfache dein Leben
  • Löse dich
  • Ordne deine Begierden

Fasten, Abstinenz und Buße haben eine tief menschliche und theologische Logik:

  1. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht Sklaven unserer Impulse sind.
  2. Sie lehren uns, dass Vergnügen nicht das höchste Ziel ist.
  3. Sie ordnen uns auf die wahre Liebe aus.

Jesus selbst gab uns das Beispiel:

„Diese Art kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden“ (Matthäus 17,21).

Geistlicher Kampf wird nicht durch Reden gewonnen, sondern durch innere Disziplin.


5. Die heutige „Fleischeslust“: Wovon müssen wir Abschied nehmen?

Wenn Karneval „Abschied vom Fleisch“ bedeutet, müssen wir uns ehrlich fragen:
Welches „Fleisch“ beherrscht heute unser Leben?

Vielleicht ist es kein Steak.
Vielleicht ist es:

  • Zwanghafter Konsum
  • Smartphone-Abhängigkeit
  • Ständige Suche nach Anerkennung
  • Pornografie
  • Oberflächlichkeit
  • Mangel an Stille
  • Intellektueller Hochmut

In einer überreizten Gesellschaft kann wahres Fasten bedeuten:

  • Fasten von Bildschirmen
  • Fasten von Lärm
  • Fasten von Kritik
  • Fasten von Vergleichen
  • Fasten von Groll

Die Fastenzeit beginnt lange vor dem Aschermittwoch: Sie beginnt, wenn wir erkennen, was uns von Gott entfernt.


6. Theologische Tiefe: Der alte und der neue Mensch

Paulus spricht vom „alten Menschen“ und vom „neuen Menschen“ (Epheser 4,22–24).

Der Karneval symbolisiert den Übergang zwischen beiden.

Der alte Mensch lebt unter der Herrschaft des Fleisches.
Der neue Mensch lebt im Geist.

Es geht nicht darum, den Körper zu verachten. Das Christentum ist nicht dualistisch. Das Fleisch ist gut, weil es von Gott geschaffen und vom Christus in der Inkarnation angenommen wurde.

Das Problem ist nicht das Fleisch an sich, sondern seine Unordnung.

Buße zerstört die Natur nicht; sie heilt sie.
Fasten hasst den Körper nicht; es diszipliniert ihn.
Verzicht nimmt die Freude nicht weg; er reinigt sie.

Das Christentum will das Verlangen nicht vernichten, sondern auf Gott ausrichten.


7. Praktische Anwendungen: Den Karneval heute wirklich leben

Wenn wir die authentische Bedeutung wiederfinden wollen, hier ein konkreter geistlicher Leitfaden:

1. Mach eine ernsthafte Gewissenserforschung vor der Fastenzeit

Frage dich:

  • Welche Gewohnheit beherrscht mich?
  • Welche Sünde wiederholt sich?
  • Welche Bindung fällt mir am schwersten loszulassen?

2. Wähle einen bedeutungsvollen Verzicht

Nicht etwas Oberflächliches, sondern etwas, das dir wirklich schwerfällt.

3. Erstelle einen geistlichen Plan

  • Beichte
  • Strukturierte tägliche Gebete
  • Geistliche Lektüre
  • Konkrete Werke der Nächstenliebe

4. Übe bewusste Mäßigung

In Nahrung, Konsum, Sprache und sozialen Medien.

5. Pflege die Gemeinschaft

Erlebe diese Zeit in der Familie und erkläre Kindern ihre wahre Bedeutung. Die Weitergabe des Glaubens beginnt zu Hause.


8. Karneval als Akt der Freiheit

Die Welt nennt Freiheit, zu tun, was man will.
Das Christentum nennt Freiheit, nicht Sklave seiner Wünsche zu sein.

„Abschied vom Fleisch“ zu nehmen, ist ein tief revolutionärer Akt in unserer Zeit.

Es ist die Bestätigung:

  • Ich bin nicht meine Impulse
  • Ich bin nicht meine Begierden
  • Ich bin nicht meine Abhängigkeiten
  • Ich bin Kind Gottes

Und diese Erinnerung verändert das Leben.


9. Vom Verzicht zur Auferstehung

Vergessen wir nicht, dass der Karneval nicht in Enthaltung endet.
Er führt zu Ostern.

Christlicher Verzicht ist immer auf etwas Größeres ausgerichtet.

Man lässt etwas Gutes zurück, um etwas Besseres zu empfangen.
Man verlässt das Unmittelbare, um das Ewige zu umarmen.

Christus fordert uns nicht zum Verzicht um des Verzichts willen, sondern um uns zu befähigen, eine tiefere Freude zu empfangen.


Schlussfolgerung: Die Seele des Karnevals wiederentdecken

Vielleicht kannst du dieses Jahr die Kultur nicht ändern.
Aber du kannst dein Herz ändern.

Vielleicht wird die Welt weiterhin das Übermaß feiern.
Aber du kannst die innere Freiheit feiern.

Karneval ist keine Lizenz zu sündigen, bevor man „gut benimmt“.
Er ist eine heilige Schwelle.
Er ist ein Ruf zur bewussten Umkehr.
Er ist das Flüstern der Kirche, das uns sagt:

„Bereite dich vor. Kehre zu Gott zurück. Ordne dein Leben. Verabschiede dich von dem, was dich bindet.“

Wenn wir die wahre Bedeutung von „Abschied vom Fleisch“ wiederentdecken, werden wir nicht nur die Fastenzeit verwandeln.

Wir werden unser ganzes Leben verwandeln.

Und dann werden wir verstehen, dass das größte Fest nicht der vorübergehende Karneval ist, sondern das ewige Osterfest, auf das wir zusteuern.

Denn wahre Freude entsteht nicht aus Übermaß.

Sie entsteht aus einem gereinigten Herzen.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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