Kann man den Glauben nach und nach verlieren, ohne es zu bemerken?

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, den Glauben kennenzulernen … und doch war es noch nie so einfach, ihn zu vergessen. Es gibt Menschen, die vor einigen Jahren noch jeden Tag beteten und sich heute kaum noch daran erinnern können, wann sie das letzte Mal zur Beichte gegangen sind. Katholiken, die einst mit Leidenschaft die Wahrheit verteidigten und nun Gleichgültigkeit empfinden. Seelen, die Gott nicht plötzlich verlassen haben, sondern langsam, fast unmerklich.

Und genau darin liegt eine der gefährlichsten geistlichen Realitäten: Der Glaube geht gewöhnlich nicht von einem Tag auf den anderen verloren. Kaum jemand wacht eines Morgens auf und sagt: „Heute werde ich aufhören zu glauben.“ Viel häufiger geschieht etwas viel Leiseres, Allmählicheres und Tragischeres.

Der Glaube kann erlöschen wie eine Lampe, der das Öl ausgeht.

Nach und nach.

Ohne Lärm.

Ohne Skandal.

Ohne dass man es merkt.

Der Glaube: eine übernatürliche Gabe, kein vorübergehendes Gefühl

Bevor wir tiefer gehen, müssen wir etwas Grundlegendes verstehen: Der Glaube ist nicht einfach ein religiöses Gefühl oder eine kulturelle Tradition. Der Glaube ist eine göttliche Tugend, die Gott der Seele eingießt.

Der Katechismus lehrt, dass der Glaube ist:

„Die göttliche Tugend, durch die wir an Gott glauben und alles glauben, was Er gesagt und offenbart hat.“

Es geht nicht nur darum, Gott zu „fühlen“. Viele Menschen glauben, solange sie religiöse Emotionen empfinden, sei ihr Glaube lebendig. Doch wahrer Glaube kann sogar mitten in Trockenheit, Zweifeln, Leiden und innerer Dunkelheit bestehen.

Wahrer Glaube ist die Hingabe des Verstandes und des Willens an den sich offenbarenden Gott.

Darum kann er schwächer werden, wenn wir aufhören, diese Hingabe zu nähren.

So wie der Körper Nahrung braucht, braucht auch die Seele Nahrung. Niemand wundert sich darüber, dass ein Muskel verkümmert, wenn er nicht benutzt wird. Dennoch glauben viele, ihr Glaube werde stark bleiben, obwohl sie nie beten, nie das Evangelium lesen, nie beichten und in einer Umgebung leben, die Gott entgegensteht.

Der Glaube stirbt gewöhnlich nicht durch einen Schuss.

Er stirbt durch Verhungern.

Die Warnung Christi: die geistliche Abkühlung

Unser Herr sprach klar über diese Gefahr. Im Evangelium nach Matthäus finden wir diese erschütternden Worte:

„Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten.“
(Mt 24,12)

Beachten wir den Ausdruck: wird erkalten.

Es heißt nicht, dass sie plötzlich verschwinden wird.

Es heißt nicht, dass sie gewaltsam herausgerissen wird.

Es spricht von einem fortschreitenden Prozess.

Etwas, das einst brannte, beginnt langsam zu verlöschen.

Zuerst erkaltet das Gebet.

Dann erkaltet die Liebe zur Wahrheit.

Danach erkaltet der Abscheu vor der Sünde.

Später erkaltet das Verlangen, zur Messe zu gehen.

Und schließlich lebt die Seele weit entfernt von Gott, ohne die Tragödie überhaupt zu bemerken.

Die große Gefahr der Gewohnheit

Einer der größten geistlichen Feinde ist Routine ohne inneres Leben.

Viele Katholiken erfüllen äußerlich weiterhin ihre „Pflichten“, während sie sich innerlich immer weiter von Gott entfernen. Sie besuchen die Messe, aber ohne Aufmerksamkeit. Sie beten mechanisch. Sie beichten ohne tiefgehende Gewissenserforschung. Sie haben das Staunen vor dem Heiligen verloren.

Und die Seele gewöhnt sich langsam daran, lau zu leben.

Geistliche Lauheit ist besonders gefährlich, weil sie gewöhnlich keinen sichtbaren Skandal hervorruft. Die laue Seele fällt nicht unbedingt in monströse Sünden. Sie hört einfach auf, Gott intensiv zu lieben.

Und das beeinflusst schließlich alles.

Im Buch der Offenbarung des Johannes richtet Christus harte Worte an die Gemeinde von Laodizea:

„Weil du lau bist, weder heiß noch kalt, werde ich dich aus meinem Mund ausspeien.“
(Offb 3,16)

Lauheit erscheint nicht plötzlich. Sie setzt sich langsam fest. Sie ist eine innere Erosion.

Heute wird ein Gebet ausgelassen.
Morgen wird eine Sünde relativiert.
Dann wird ein moralischer Kompromiss gerechtfertigt.
Später wird die häufige Beichte aufgegeben.
Schließlich beginnt die Seele, das als normal anzusehen, was sie früher entsetzte.

Und oft geschieht all das, ohne dass die Person sich dessen voll bewusst ist.

Wie beginnt man, den Glauben zu verlieren?

1. Indem man das Gebet aufgibt

Das Gebet ist der Sauerstoff der Seele.

Eine Seele, die nicht betet, beginnt schließlich wie die Welt zu denken. Das ist unvermeidlich.

Es gibt keine geistliche Neutralität. Wenn wir aufhören, auf Gott zu hören, werden wir anfangen, auf andere Stimmen zu hören: Ideologien, soziale Medien, leere Unterhaltung, vorherrschende Meinungen oder ungeordnete Leidenschaften.

Alfons Maria von Liguori sagte:

„Wer betet, wird gerettet; wer nicht betet, wird verdammt.“

Das mag für den modernen Menschen hart klingen, doch es drückt eine tiefe Wahrheit aus: Ohne beharrliches Gebet wird die Seele geistlich schutzlos.

Viele begannen einfach damit, das tägliche Gebet aufzugeben.

Mehr nicht.

Doch dieses kleine Aufgeben öffnete langsam die Tür zur geistlichen Abkühlung.

2. Indem man die Sünde normalisiert

Die schwere Sünde beleidigt nicht nur Gott. Sie verdunkelt auch den geistlichen Verstand.

Jede bewusst begangene Sünde verhärtet das Herz ein wenig mehr.

Beim ersten Mal schreit das Gewissen.

Beim zweiten Mal protestiert es weniger.

Beim dritten Mal schweigt es fast.

Bis die Seele beginnt, bequem mit dem zu leben, was ihr früher Schmerz bereitete.

Das geschieht heute ständig bei Unreinheit, Zusammenleben außerhalb der Ehe, Abtreibung, Verhütung, Hass, Stolz oder mangelnder Nächstenliebe.

Die moderne Kultur toleriert viele Sünden nicht nur: sie feiert sie.

Und ein Katholik, der ständig Inhalte, Serien, Musik, Reden und Ideologien konsumiert, die dem Evangelium widersprechen, kann sich daran anpassen, ohne es zu merken.

Die menschliche Seele besitzt eine enorme Fähigkeit zur Gewöhnung.

3. Indem man den Sinn für das Heilige verliert

Wenn der Sinn für das Heilige verschwindet, beginnt der Glaube schwächer zu werden.

Die traditionelle Kirche hat dies immer tief verstanden. Deshalb legte sie so großen Wert auf Stille, Ehrfurcht, liturgische Schönheit, Fasten, heilige Zeichen, Sammlung und Anbetung.

Denn der Mensch muss erfahren, dass er vor etwas Göttlichem steht.

Wenn alles banalisiert wird, wird der Glaube oberflächlich.

Eine Generation, die sich nicht mehr leicht hinkniet, wird schließlich aufhören anzubeten.

Es ist kein Zufall, dass so viele Heilige auf die eucharistische Ehrfurcht bestanden. Die Weise, wie wir Gott äußerlich behandeln, formt schließlich unser inneres Leben.

4. Indem man ganz von der Welt vereinnahmt lebt

Noch nie gab es so viele Ablenkungen.

Bildschirme.
Benachrichtigungen.
Sekundenlange Videos.
Ständiger Lärm.
Ununterbrochene Informationen.
Permanente Reizüberflutung.

Der Teufel muss uns nicht immer zu großen Sünden verleiten. Manchmal genügt es ihm, uns dauerhaft abzulenken.

Denn eine abgelenkte Seele hört auf, auf Gott zu schauen.

Das geistliche Leben verlangt innere Stille. Und das ist beinahe revolutionär geworden.

Viele Menschen ertragen nicht einmal fünf Minuten Stille.

Und ein Herz, das nicht zur Sammlung fähig ist, wird die Stimme Gottes kaum hören können.

5. Intellektueller Stolz

Ein weiterer häufiger Weg zum schrittweisen Verlust des Glaubens ist der intellektuelle Stolz.

Der moderne Mensch glaubt oft, nur das sei wahr, was man messen, beweisen oder kontrollieren kann. Das Geheimnis wird verspottet, die Tradition verachtet und der einfache Glaube als naiv angesehen.

Doch der Glaube verlangt Demut.

Keine irrationale Demut, sondern die Demut anzuerkennen, dass Gott unendlich größer ist als unser Verstand.

Thomas von Aquin lehrte, dass Vernunft und Glaube sich nicht widersprechen, erinnerte aber auch daran, dass die menschliche Vernunft Grenzen hat.

Wenn ein Mensch beginnt, sich über die Offenbarung zu stellen, erschafft er sich schließlich einen Gott nach seinem eigenen Maß.

Und dieser Gott ist in Wirklichkeit nicht mehr Gott.

Der Verlust des Glaubens geschieht selten plötzlich

Es gibt ein Bild, das dies gut erklärt.

Stellen wir uns ein Schiff vor, das den Hafen verlässt.

In den ersten Minuten scheint es sich kaum zu bewegen. Alles wirkt gleich. Doch nach Stunden der Fahrt ist die Entfernung riesig.

So geschieht es bei vielen Seelen.

Kleine, scheinbar unbedeutende Verzichte schaffen im Laufe der Zeit enorme geistliche Distanzen.

Darum bevorzugt der Teufel gewöhnlich kleine Schritte.

Er muss ein geistliches Leben nicht in einer einzigen Nacht zerstören.

Es genügt ihm, es langsam abzukühlen.

Die Symptome eines schwächer werdenden Glaubens

Viele Menschen erleben dies vielleicht, ohne es zu erkennen. Einige häufige Symptome sind:

  • Verlust des Verlangens zu beten.
  • Langeweile in der Messe.
  • Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde.
  • Relativierung der Lehren der Kirche.
  • Scham, den Glauben öffentlich zu zeigen.
  • Ein Leben, das nur auf Materielles ausgerichtet ist.
  • Mangelndes Interesse am Heil der Seele.
  • Verlust des Opfergeistes.
  • Ständige Suche nach Unterhaltung.
  • Anhaltende geistliche Kälte.

Diese Symptome bedeuten nicht unbedingt, dass der Glaube gestorben ist, aber sie können darauf hinweisen, dass er ernsthaft geschwächt wird.

Kann ein geschwächter Glaube wiederhergestellt werden?

Ja.

Und das ist eine der schönsten Botschaften des Christentums.

Solange ein Mensch lebt, sucht die Gnade Gottes ihn weiter.

Gott wird niemals zuerst müde.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn im Evangelium nach Lukas hört der Vater nie auf zu warten. Und als der Sohn zurückkehrt, läuft der Vater ihm entgegen.

Dieses Bild offenbart das Herz Gottes.

Viele Menschen glauben, sie seien hoffnungslos verloren, weil sie jahrelang fern, lau oder voller Sünden gelebt haben. Doch die göttliche Barmherzigkeit ist größer als unser Elend.

Gefährlich ist nicht das Fallen.

Wirklich gefährlich ist es, sich daran zu gewöhnen, gefallen zu leben.

Wie man den Glauben wieder stärkt

1. Zum täglichen Gebet zurückkehren

Auch wenn es schwerfällt.
Auch wenn Trockenheit da ist.
Auch wenn man „nichts fühlt“.

Treues Gebet baut die Seele langsam wieder auf.

Besonders wichtig sind:

  • Der Heilige Rosenkranz.
  • Das stille Gebet.
  • Die Lesung des Evangeliums.
  • Eucharistische Anbetung.
  • Die traditionellen Gebete der Kirche.

Padre Pio nannte den Rosenkranz „die Waffe“.

Und er übertrieb nicht.

2. Zur häufigen Beichte zurückkehren

Die Beichte ist nicht nur ein „Radiergummi“ für Sünden.

Sie ist ein Sakrament, das die Seele stärkt.

Viele entdecken den Glauben gerade dann wieder, wenn sie nach Jahren zu einer aufrichtigen Beichte zurückkehren.

Die Beichte zerbricht die innere Härte.

Sie gibt der Seele ihre geistliche Sensibilität zurück.

Sie lässt die Seele wieder klar sehen.

3. Darauf achten, was in die Seele eindringt

Nicht jeder Inhalt ist harmlos.

Was wir sehen, hören und konsumieren, formt uns letztlich.

Eine Seele, die ständig mit Vulgarität, Oberflächlichkeit oder antichristlichen Ideologien genährt wird, wird schließlich schwächer werden.

Der moderne geistliche Kampf wird auch durch die Augen, die Ohren und die Vorstellungskraft geführt.

4. Die Stille suchen

Äußere Stille hilft der inneren Stille.

Viele Heilige suchten Zeiten der Einsamkeit, um Gott besser hören zu können.

Heute bedeutet das oft, das Handy auszuschalten, unnötigen Lärm zu reduzieren und Zeiten der Betrachtung zurückzugewinnen.

5. Sich der lebendigen Tradition der Kirche nähern

Die katholische Tradition ist keine archäologische Nostalgie. Sie ist über Jahrhunderte angesammelte Weisheit.

Die Heiligen, die traditionelle Liturgie, die Kirchenväter, alte Andachten, sakraler Gesang, Fasten und geistliche Disziplin helfen enorm dabei, den Glauben zu stärken, weil sie ständig daran erinnern, dass das Christentum nichts Oberflächliches oder der Welt Angepasstes ist.

Die gegenwärtige Glaubenskrise

Wir können nicht ignorieren, dass wir eine enorme geistliche Krise erleben.

Viele Getaufte glauben nicht mehr wirklich an:

  • die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie,
  • die Todsünde,
  • die Hölle,
  • die Notwendigkeit der Umkehr,
  • die objektive Wahrheit,
  • die göttliche Autorität der Kirche.

Und ein großer Teil dieser Krise entstand nicht aus offener Rebellion, sondern aus jahrzehntelanger fortschreitender Abkühlung.

Der moderne Säkularismus hat eine Kultur geschaffen, in der Gott überflüssig erscheint. Alles drängt zu einem Leben, das auf Konsum, unmittelbares Vergnügen und Individualismus ausgerichtet ist.

Doch das menschliche Herz hungert weiterhin nach Ewigkeit.

Denn der Mensch wurde für Gott geschaffen.

Eine Warnung, die uns aufwecken sollte

Christus stellte im Evangelium nach Lukas eine beunruhigende Frage:

„Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?“
(Lk 18,8)

Es ist eine Frage, die auch an uns gerichtet ist.

Es genügt nicht, einmal Glauben gehabt zu haben.

Der Glaube muss gepflegt, genährt und verteidigt werden.

So wie eine Ehe gepflegt werden muss, damit sie nicht erkaltet, verlangt auch die Beziehung zu Gott tägliche Treue.

Schlussfolgerung: Niemand verliert gewöhnlich plötzlich den Glauben

Meistens beginnt der Verlust des Glaubens mit kleinen Dingen:

  • einem aufgegebenen Gebet,
  • einer aufgeschobenen Beichte,
  • einer gerechtfertigten Sünde,
  • einer geduldeten Lauheit,
  • einem Leben, das von der Welt vereinnahmt ist.

Und nach und nach gewöhnt sich die Seele daran, fern von Gott zu leben.

Doch auch das Gegenteil ist wahr.

Der Glaube kann langsam wiedergeboren werden.

Durch kleine Akte der Treue.
Durch Demut.
Durch Reue.
Durch Beharrlichkeit.
Durch Gnade.

Gott kann eine scheinbar erloschene Seele wieder entzünden.

Und vielleicht ist genau dieser Moment bereits ein Ruf Gottes, geistlich aufzuwachen.

Denn die größte Tragödie ist nicht, Geld, Gesundheit oder Ansehen zu verlieren.

Die größte Tragödie ist es, sich daran zu gewöhnen, ohne Gott zu leben … und es nicht einmal zu bemerken.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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