Eine Wahrheit, die Grenzen sprengt, religiöse Mauern niederreißt und die Kirche bis heute herausfordert
Einleitung: War Jesus nur für Israel da?
Eine der am häufigsten wiederholten — und zugleich am meisten missverstandenen — Vorstellungen bei der Lektüre des Evangeliums ist diese: Jesus sei nur für die Juden gekommen. Es stimmt, dass Er im Volk Israel geboren wurde, hauptsächlich in Galiläa und Judäa predigte und dass seine geschichtliche Sendung „zu Hause“ begann. Doch das Werk Christi auf ein ethnisches, kulturelles oder rein zeitliches Projekt zu reduzieren, bedeutet, das Herz des Evangeliums verfehlt zu haben.
Jesus wurde nicht nur zu den Kindern Israels seiner Zeit gesandt. Von Anfang an besaß seine Sendung eine universale Dimension, auch wenn sie sich pädagogisch und schrittweise entfaltete. Diese Wahrheit findet einen ihrer klarsten und leuchtendsten Ausdrücke in Johannes 10,16, wenn der Herr selbst erklärt:
„Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch diese muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es eine Herde und einen Hirten geben.“ (Joh 10,16)
Diese Worte sind keine nebensächliche Metapher. Sie sind ein theologischer Schlüssel, eine Prophetie und ein Wegweiser für die Kirche aller Zeiten.
1. Der historische Kontext: Israel als Ausgangspunkt, nicht als Grenze
Die Erwählung Israels: ein Mittel, nicht ein Zweck
Gott erwählte Israel nicht aus Exklusivismus, sondern für die Sendung. Bereits im Alten Testament trägt die Erwählung Abrahams einen universalen Horizont:
„In dir sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden.“ (Gen 12,3)
Israel ist das Werkzeug, nicht das endgültige Ziel. Es ist das priesterliche Volk, das berufen ist, das Kommen des Messias vorzubereiten, der alle retten würde, Juden wie Heiden.
Wenn Jesus in Matthäus 15,24 sagt:
„Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden“,
verneint Er nicht die Universalität seiner Sendung, sondern kennzeichnet die Ordnung des Heilsplanes: zuerst die Verheißung, dann ihre Ausweitung auf die ganze Welt.
2. Johannes 10: der Gute Hirt und der universale Horizont
„Dieser Stall“ und „andere Schafe“
In Johannes 10 stellt sich Jesus als der Gute Hirt vor, ein Bild, das tief im Alten Testament verwurzelt ist (Ezechiel 34; Psalm 23). Der unmittelbare „Stall“ ist Israel. Doch Jesus führt eine revolutionäre Aussage ein:
„Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind.“
Diese „anderen Schafe“ sind die Heiden, die Völker, die nicht dem mosaischen Bund angehörten. Christus bekräftigt etwas Entscheidendes:
- Auch sie gehören Ihm
- Auch sie werden gerufen
- Auch sie werden seine Stimme hören
- Auch sie werden Teil der einen Herde sein
Es wird nicht zwei Kirchen geben, noch zwei Wege des Heiles.
Es wird einen Hirten und eine Herde geben.
3. Jesus handelte bereits mit universaler Gesinnung
Obwohl sich seine Verkündigung auf Israel konzentrierte, sind die Evangelien voller klarer Zeichen universaler Offenheit:
- Die Heilung des Dieners des römischen Hauptmanns (Mt 8,5–13)
- Das Gespräch mit der Samariterin (Joh 4), einer Frau, einer Fremden und als häretisch geltend
- Der Glaube der kanaanäischen Frau (Mt 15,21–28), den Jesus als Vorbild hinstellt
- Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter
- Die Anbetung der Magier — Heiden — ganz am Anfang des Evangeliums
Jesus sprengt religiöse Denkmuster, nicht um die Wahrheit zu relativieren, sondern um zu zeigen, dass das Heil nicht Eigentum einer Gruppe ist, sondern Gabe für alle.
4. Kreuz und Auferstehung: der universale Wendepunkt
Erst nach dem Pascha-Mysterium tritt diese Wahrheit voll ans Licht. Der abschließende Auftrag ist eindeutig:
„Geht hin und macht alle Völker zu Jüngern.“ (Mt 28,19)
Das Kreuz reißt die Mauer nieder, die Juden und Heiden trennte (vgl. Eph 2,14).
Die Kirche wird katholisch geboren, das heißt universal.
Der heilige Paulus bringt es mit absoluter Klarheit zum Ausdruck:
„Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie … ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28)
5. Theologische Relevanz heute: Christus gehört keinem Lager
Gegen religiösen Exklusivismus
Johannes 10,16 schützt uns vor einer stets präsenten Versuchung:
zu glauben, Christus gehöre nur „zu uns“.
- Zu einer Gruppe
- Zu einer bestimmten Sensibilität
- Zu einer missverstandenen Tradition
- Zu einer geschlossenen Identität
Christus löst sich nicht auf, aber Er schließt sich auch nicht ein.
Die Wahrheit wird nicht verhandelt, sondern sie wird allen angeboten.
Die Kirche bewahrt treu den Glaubensschatz, aber sie tut es für die Welt und nicht gegen sie.
6. Praktischer theologischer und pastoraler Leitfaden
Wie Johannes 10,16 heute leben
1. Auf die Stimme des einen Hirten hören
Bevor wir uns um die „anderen Schafe“ sorgen, müssen wir uns fragen:
- Erkenne ich wirklich die Stimme Christi?
- Oder folge ich ideologischen, emotionalen oder kulturellen Stimmen?
👉 Praxis: tägliche Lektüre des Evangeliums und Gewissenserforschung im Licht des Wortes Gottes.
2. Geistlichen Stolz vermeiden
Zur sichtbaren „Herde“ zu gehören, garantiert keine innere Treue.
👉 Praxis: sakramentale Demut pflegen — häufige Beichte, Bewusstsein, dass der Glaube Gnade und nicht Verdienst ist.
3. Annehmen ohne zu relativieren
Christus ruft alle, aber Er beseitigt die Wahrheit nicht, um dies zu tun.
👉 Pastorale Praxis:
- Menschen annehmen, nicht Irrtümer rechtfertigen
- Den Sünder lieben, nicht die Sünde segnen
- Mit Liebe und Klarheit Zeugnis geben
4. Einen missionarischen Glauben im Alltag leben
Nicht alle sind berufen, in die Ferne zu gehen, aber alle sind berufen, Christus auszustrahlen.
👉 Konkrete Praxis:
- Stimmigkeit des Lebens
- Reine und wahrhaftige Sprache
- Echte Barmherzigkeit
- Mut, Rechenschaft über die Hoffnung zu geben, die in uns ist
5. Vertrauen in das Wirken des Hirten haben
Jesus sagt nicht: „Vielleicht werden sie kommen“, sondern:
„Auch diese muss ich führen.“
Die Sendung gehört Christus. Wir arbeiten mit.
👉 Geistliche Praxis: Gebet für die Bekehrung der Welt, ohne Angst und ohne Triumphalismus.
Schluss: ein Hirt für eine verwundete Welt
Johannes 10,16 ist nicht nur ein schöner Satz. Es ist eine Verheißung, ein Programm und eine Verantwortung.
In einer fragmentierten, polarisierten und müden Welt voller leerer Worte spricht Christus weiterhin:
„Ich habe noch andere Schafe … und sie werden auf meine Stimme hören.“
Die Frage ist nicht, ob Jesus nur zu Israel gesandt wurde.
Die eigentliche Frage lautet:
Sind wir heute bereit, uns vom Guten Hirten gebrauchen zu lassen, damit diese Schafe seine Stimme hören können?
Denn letztlich geht es nicht darum, eine Gruppe zu vergrößern,
sondern die ganze Menschheit unter dem einen Hirten zu vereinen, der sein Leben für seine Schafe hingibt.