Ein einziges Weihnachtsfest, drei Geheimnisse: die eindrucksvolle Symbolik der drei Heiligen Messen am Weihnachtstag in der traditionellen Liturgie

Es gibt Traditionen der Kirche, die umso aktueller erscheinen, je älter sie sind. Eine davon — heute selbst vielen praktizierenden Katholiken kaum bekannt — ist die Feier von drei unterschiedlichen Heiligen Messen am Weihnachtstag nach der traditionellen Liturgie. Dabei handelt es sich weder um eine bloße fromme Wiederholung noch um einen liturgischen Überschuss: Es ist lebendige Katechese, wahre gelebte Theologie, die uns Schritt für Schritt in das unergründliche Geheimnis der Menschwerdung einführt.

In einer Welt, die Weihnachten auf ein Gefühl, ein Familienessen oder eine festliche Dekoration reduziert, antwortet die Kirche mit Tiefe: drei Messen, drei Tageszeiten, drei Blickwinkel auf dasselbe ewige Geheimnis. Und jede von ihnen hat dem Menschen von heute etwas Entscheidendes zu sagen.

Dieser Artikel möchte dir helfen, diesen liturgischen Reichtum zu verstehen, zu lieben und zu leben — von seinen historischen Ursprüngen über seine theologische Bedeutung bis hin zu einer praktischen pastoralen Anleitung, damit er nicht bloß Wissen bleibt, sondern deine Art, Weihnachten zu leben, verwandelt.


1. Eine alte Tradition: Warum drei Messen an Weihnachten?

Der Brauch, am 25. Dezember drei Messen zu feiern, erscheint in Rom bereits im 5. und 6. Jahrhundert und festigt sich endgültig in der traditionellen römischen Liturgie. Er entstand weder zufällig noch aus klerikaler Bequemlichkeit, sondern aus einer tiefen geistlichen Einsicht: Das Geheimnis Christi lässt sich nicht aus nur einer Perspektive erschöpfen.

Die Kirche, Mutter und Lehrmeisterin, wollte, dass die Gläubigen Weihnachten von drei unterschiedlichen Höhen aus betrachten, so wie man einen heiligen Berg umschreitet, um ihn von allen Seiten zu bewundern:

  1. Die Messe in der Nacht (Missa in Nocte)
  2. Die Messe im Morgengrauen (Missa in Aurora)
  3. Die Messe am Tage (Missa in Die)

Jede dieser Messen besitzt ihre eigenen liturgischen Texte (Orationen, Lesungen, Antiphonen). Das zeigt deutlich, dass es sich nicht um „dieselbe Messe in Wiederholung“ handelt, sondern um drei Feiern mit eigener Identität.


2. Die Messe in der Nacht: Gott tritt in die Dunkelheit der Welt ein

a) Der Zeitpunkt: die Nacht

Die Mitternachtsmesse wird nicht zufällig zu dieser Stunde gefeiert. In der Heiligen Schrift steht die Nacht für die vom Bösen verwundete Welt, für Unwissenheit, Angst und schweigendes Warten.

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht“ (Jesaja 9,1)

Christus wird nicht im Komfort des Tageslichts geboren, sondern in der Nacht, denn gerade das Dunkle kommt Er zu retten.

b) Das betrachtete Geheimnis

Diese Messe betrachtet die zeitliche Geburt des Sohnes Gottes:
Der ewige Gott tritt in die Geschichte ein, nimmt Fleisch an, umarmt Armut, Schweigen und Zerbrechlichkeit.

Das Evangelium nach dem heiligen Lukas zeigt uns das Kind, in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt. Es gibt keine menschliche Größe, aber eine unendliche Größe bleibt verborgen.

c) Eine Botschaft für heute

In einer Welt voller Verwirrung, Angst und Sinnverlust verkündet die Nachtmesse eine tröstliche Wahrheit:

👉 Gott flieht nicht vor unseren Nächten: Er wird in ihnen geboren.


3. Die Messe im Morgengrauen: Christus wird im erwachenden Herzen geboren

a) Der Zeitpunkt: der Anbruch des Tages

Die zweite Messe wird bei Tagesanbruch gefeiert, wenn die Nacht langsam weicht und das Licht sanft hervortritt.

Es ist noch nicht der volle Tag, sondern ein Übergangsmoment, Sinnbild der Seele, die beginnt, sich Gott zu öffnen.

b) Das betrachtete Geheimnis

Hier legt die Liturgie den Akzent auf die Geburt Christi in den Seelen. Die Hirten, nachdem sie die Botschaft gehört haben, gehen, sehen und glauben. Die innere Bewegung hat begonnen.

Es ist die Messe der persönlichen Begegnung, des Übergangs vom gehörten Glauben zur liebenden Erkenntnis.

c) Eine Botschaft für heute

Diese Messe richtet sich unmittelbar an den gewöhnlichen Christen:

👉 Christus will nicht nur in Bethlehem geboren werden, sondern in deinem Herzen.

Es genügt nicht zu wissen, dass Jesus „einmal“ geboren wurde; Er muss heute in deinem Leben geboren werden, in deinen Entscheidungen, in deiner Art zu lieben, zu vergeben und zu arbeiten.


4. Die Messe am Tage: das ewige Wort, Licht der Welt

a) Der Zeitpunkt: der volle Tag

Die dritte Messe wird im vollen Tageslicht gefeiert, wenn alles sichtbar wird und die Wirklichkeit ohne Schatten erscheint.

b) Das betrachtete Geheimnis

Hier erreicht die Liturgie ihre größte theologische Tiefe. Das Evangelium erzählt nicht von der Krippe, sondern den Prolog des heiligen Johannes:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1)

Die Kirche erhebt unseren Blick:
nicht nur auf das Kind, das geboren wird, sondern auf den ewigen Sohn, der vor aller Zeit vom Vater gezeugt ist.

Weihnachten ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern ein ewiges Geheimnis.

c) Eine Botschaft für heute

In einer Kultur, die Jesus auf eine sympathische Figur oder einen moralischen Lehrer reduziert, verkündet diese Messe mit Nachdruck:

👉 Das Kind von Bethlehem ist wahrer Gott vom wahren Gott.


5. Ein einziges Weihnachtsfest, drei Geburten

Die liturgische Tradition fasst diese drei Messen als Betrachtung von drei Geburten Christi zusammen:

  1. Die ewige Geburt des Sohnes im Schoß des Vaters (Messe am Tage)
  2. Die zeitliche Geburt in Bethlehem (Messe in der Nacht)
  3. Die geistliche Geburt in den Seelen der Gläubigen (Messe im Morgengrauen)

Es gibt nicht drei Christusse, sondern einen einzigen Christus, betrachtet in seiner ganzen Fülle.


6. Praktische theologische und pastorale Anleitung, diese Tradition heute zu leben

Auch wenn heute nur wenige Gläubige alle drei Messen besuchen können, kann jeder ihren geistlichen Sinn leben. Hier eine klare und realistische Anleitung.

a) Innere Vorbereitung

  • Den Advent in Stille und mit sakramentaler Beichte leben
  • Weihnachten mit einer gereinigten Seele begehen, nicht nur mit einem geschmückten Haus

b) Während der Weihnachtstage

  • Nacht: Zeit für stilles Gebet nehmen und Gott danken, dass Er in deine Dunkelheiten eintritt
  • Morgengrauen: ausdrücklich bitten, dass Christus in deinem Herzen geboren wird und dein konkretes Leben verwandelt
  • Tag: das Glaubensbekenntnis bewusst sprechen, besonders den Glauben an die Gottheit Christi

c) Im täglichen Leben

  • Weihnachten als christliches Geheimnis verteidigen, nicht nur als kulturelles Ereignis
  • Traditionelle Gesten wiederentdecken: die Krippe, das Gebet in der Familie, die Evangelienlesung zu Hause
  • In Demut leben und daran denken, dass Gott die Niedrigkeit erwählt hat

7. Ein Weihnachten, das verwandelt

Die traditionelle Liturgie ist keine Nostalgie der Vergangenheit, sondern Prophetie für die Gegenwart. Die drei Weihnachtsmessen lehren uns:

  • Gott tritt in die Geschichte ein
  • Gott verwandelt das Herz
  • Gott herrscht in Ewigkeit

An einem einzigen Tag führt uns die Kirche von der Krippe zur Ewigkeit, vom Schweigen der Nacht zum vollen Licht des Wortes.

Diese Tradition neu zu entdecken ist kein geistlicher Luxus, sondern eine dringende Notwendigkeit, um Weihnachten wieder authentisch, tief und wirklich christlich zu leben.

Denn letztlich ist die große Frage von Weihnachten nicht, ob wir es gut feiern …
sondern ob wir Christus wirklich in uns geboren werden lassen.

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Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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