Das Wort Gottes passt nicht in nur ein Buch

Warum es die Glaubenserfahrung verarmt, es auf die Bibel zu reduzieren, und wie die Kirche es seit Jahrhunderten lebendig bewahrt

Es gibt Aussagen, die sehr fromm klingen, aber eine tiefe Verwirrung verbergen. Eine der am häufigsten wiederholten heutzutage lautet: „Das Wort Gottes ist die Bibel.“ Für viele Christen erscheint dies offensichtlich, fast unbestreitbar. Doch für einen Katholiken ist diese Aussage unvollständig und theologisch falsch.

Das Wort Gottes beschränkt sich nicht auf die Bibel.
Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes, ja. Aber sie ist nicht die Gesamtheit des Wortes Gottes.

Und diese Unterscheidung ist kein akademisches Detail oder ein Streit unter Theologen: sie wirkt sich direkt darauf aus, wie wir den Glauben leben, wie wir die Kirche, die Autorität, die Liturgie und unsere Beziehung zu Gott heute verstehen.

Dieser Artikel möchte Ihnen helfen, das Wort Gottes in seiner ganzen Fülle zu verstehen, zu lieben und zu leben, so wie die Kirche es über zweitausend Jahre empfangen, bewahrt und weitergegeben hat.


1. Vor der Bibel existierte das Wort bereits

Beginnen wir mit dem Wesentlichen.

👉 Gott begann nicht erst zu sprechen, als die Bibel geschrieben wurde.
👉 Gott sprach zuerst durch Taten, durch Menschen, durch eine lebendige Geschichte.

Der biblische Glaube entsteht nicht aus einem Buch, sondern aus einer Begegnung.

„In vielerlei Weise und zu vielerlei Zeit hat Gott früher zu den Vätern durch die Propheten gesprochen; in diesen letzten Tagen hat er zu uns durch den Sohn gesprochen.“
(Hebräer 1,1–2)

Das Wort Gottes ist vor allem eine Person: Jesus Christus.

Jesus hat kein Buch geschrieben.
Jesus hat nicht befohlen, Bücher zu schreiben.
Jesus hat eine Kirche gegründet und seine Lehre konkreten Menschen anvertraut: den Aposteln.


2. Das Wort Gottes ist der lebendige Christus, nicht nur ein Text

Der heilige Johannes drückt dies mit verblüffender Klarheit aus:

„Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“
(Johannes 1,14)

Das Wort ist nicht zuerst Tinte auf Papier.
Das Wort ist das ewige Wort des Vaters, Fleisch geworden, mit Stimme, Gesten, Schweigen, Wundern, Tod und Auferstehung.

📌 Die Bibel zeugt vom Wort, erschöpft es aber nicht.
📌 Wer das Zeugnis mit der Fülle des Geheimnisses verwechselt, reduziert es.


3. Schrift und Tradition: zwei untrennbare Formen desselben Wortes

Die Kirche lehrt mit absoluter Klarheit – und hier gibt es keine Zweideutigkeit –, dass:

Das Wort Gottes in der Heiligen Schrift und in der Heiligen Tradition enthalten ist.

Dies ist keine „katholische Meinung“.
Es ist die feierliche Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils:

„Die heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden einen einzigen heiligen Schatz des Wortes Gottes, der der Kirche anvertraut ist.“
(Dei Verbum, 10)

Was ist die Heilige Tradition?

Es handelt sich nicht um „alte Bräuche“ oder „menschliche Zusätze“.

Die Tradition ist:

  • Die lebendige Lehre der Apostel
  • Überliefert mündlich, liturgisch, dogmatisch
  • Vor, während und nach der Abfassung der biblischen Texte

📖 Die Bibel entstand innerhalb der Tradition, nicht umgekehrt.


4. Eine unbequeme Tatsache: Die Kirche existierte Jahrhunderte ohne die „Bibel“ in der heutigen Form

In den ersten 300 Jahren konnten die meisten Christen:

  • Nicht lesen
  • Hatten keinen Zugang zu Texten
  • Besaßen keinen definierten „Neuen Testament“-Kanon

Wie lebten sie also den Glauben?

✔ Indem sie die apostolische Verkündigung hörten
✔ Indem sie an der Liturgie teilnahmen
✔ Indem sie die Sakramente empfingen
✔ Indem sie nach der empfangenen Tradition lebten

👉 Der Glaube hing nicht von einem persönlichen Buch ab, sondern von einer lebendigen Kirche.


5. Wer entschied, welche Bücher zur Bibel gehören?

Eine entscheidende Frage.

📌 Die Bibel fiel nicht fertig gebunden vom Himmel.
📌 Die Kirche discernierte, geleitet vom Heiligen Geist, den Kanon.

Die Konzile von Hippo (393) und Karthago (397) legten den biblischen Kanon fest, den Katholiken heute verwenden.

👉 Ohne Tradition und Lehramt wüssten wir nicht, was Schrift ist und was nicht.


6. Die Reduktion des Wortes Gottes auf die Bibel: ein protestantisches Konzept

Die Idee, dass:

„Die Bibel ist das einzige Wort Gottes und die einzige Autorität“

ist das Prinzip der „Sola Scriptura“, formuliert in der protestantischen Reformation des 16. Jahrhunderts.

Was ist das Problem?

  1. Die Bibel lehrt niemals „Sola Scriptura“
  2. Die Auslegung liegt im individuellen Ermessen
  3. Der Glaube fragmentiert sich in tausende widersprüchliche Lesarten

📉 Ergebnis: Spaltungen, doktrinelle Verwirrung, subjektiver Glaube.

Der katholische Glaube hingegen stützt sich auf ein untrennbares Dreibein:

  • Heilige Schrift
  • Heilige Tradition
  • Lehramt der Kirche

7. Das Wort Gottes spricht auch heute

Gott ist kein pensionierter Autor.

👉 Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam (vgl. Hebräer 4,12).

Es spricht heute:

  • In der Liturgie, besonders in der Eucharistie
  • Im authentischen Lehramt
  • Im Leben der Heiligen
  • Im Urteilsvermögen der Kirche

📌 Wenn die Kirche treu lehrt, spricht Christus weiterhin.


8. Praktischer theologischer und pastoraler Leitfaden

Wie man das Wort Gottes in Fülle lebt (nicht nur durch Bibellesen)

1. Die Bibel innerhalb der Kirche lesen

Nicht als isoliertes Buch, sondern:

  • Mit den Kirchenvätern
  • Mit dem Katechismus
  • Mit der Liturgie

2. Die Worte bei der Messe hören

Das verkündete Wort ist keine private Lektüre, sondern ein sakramentaler Akt.

👉 Christus spricht zu seiner versammelten Kirche.

3. In der Tradition gebildet werden

  • Konzile kennen
  • Heilige lesen
  • Lehramt studieren

Das schränkt die Freiheit nicht ein, sondern gibt Wurzeln.

4. Bibelismus vermeiden

Nicht jeder Vers ist wörtlich oder isoliert auszulegen.

📌 Die Bibel versteht man mit der Bibel, aber aus dem Glauben der Kirche heraus.

5. Das Wort leben

Das Wort wird nicht nur auswendig gelernt:

  • Es wird gehorcht
  • Es wird gefeiert
  • Es wird verkörpert

9. Ein Glaube, der größer ist als ein Buch

Die Bibel zu lieben ist unerlässlich.
Den Glauben nur auf die Bibel zu reduzieren, ist ihn zu verarmen.

Das Wort Gottes:

  • Ist der lebendige Christus
  • Überliefert durch die Tradition
  • Bewahrt durch die Kirche
  • Erleuchtet durch die Schrift

Oder wie der heilige Augustinus mit durchschlagender Klarheit sagte:

„Ich würde dem Evangelium nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewegen würde.“


Fazit: kehre nach Hause zurück

In einer fragmentierten Welt bietet der katholische Glaube etwas Revolutionäres:
ein lebendiges, vollständiges, kohärentes Wort, verkörpert in einer konkreten Kirche.

Gib dich nicht mit einem reduzierten Christentum zufrieden.
Schließe die Stimme Gottes nicht in wenigen Seiten ein.

📖 Lies die Bibel.
🕊 Höre auf die Tradition.
Bleibe in der Kirche.

Dort – und nur dort – offenbart sich das Wort Gottes in seiner ganzen Fülle.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

Auch ansehen

Sünden gegen das Achte Gebot

„Du sollst kein falsches Zeugnis geben gegen deinen Nächsten“ (Ex 20,16)Wahrheit, Wort und Glaubwürdigkeit im …

error: catholicus.eu