Wir leben im Zeitalter der Sofortüberweisungen, der „Solidarität per Klick“, internationaler NGOs und viraler Kampagnen in sozialen Netzwerken. Und dennoch wächst mitten in all dieser Hypervernetzung die Armut – materiell wie geistlich – weiter an. Was fehlt uns?
Uns fehlt die Wiederentdeckung der tiefen Bedeutung des Almosens.
Nicht als bevormundende Geste. Nicht als bloßer Akt der Philanthropie. Sondern als das, was es in der katholischen Tradition wirklich ist: ein Werk der Barmherzigkeit, ein Akt der Gerechtigkeit, ein Weg der Umkehr und ein reales Mittel der Heiligung.
Dieser Artikel möchte dir helfen, das Almosen von seinen biblischen Wurzeln her, in seiner Entwicklung innerhalb der kirchlichen Tradition und in seiner konkreten Anwendung im Alltag zu verstehen. Denn das Almosen ist im Christentum keine Option: Es gehört zum Herzen des Evangeliums.
1. Was ist das Almosen wirklich?
Das Wort „Almosen“ stammt vom griechischen eleēmosýnē und bedeutet Barmherzigkeit. Es geht nicht nur darum, Geld zu geben, sondern konkrete Mitmenschlichkeit zu üben.
In der katholischen Tradition ist das Almosen neben dem Gebet und dem Fasten eine der drei großen Bußpraktiken. Unser Herr lehrt dies klar in der Bergpredigt:
„Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler tun … Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut“ (Mt 6,2–3).
Christus sagt nicht „wenn du vielleicht Almosen gibst“, sondern „wenn du Almosen gibst“. Es ist etwas Erwartetes, Normales, Wesentliches für den Jünger.
2. Biblische Wurzeln: Das Almosen in der Heilsgeschichte
Im Alten Testament
Im Volk Israel war das Almosen eng mit der Gerechtigkeit verbunden. Es war kein freiwilliger Akt der Nächstenliebe, sondern eine moralische Verpflichtung.
Das Buch Tobit ist besonders deutlich:
„Denn Almosen retten vor dem Tod und reinigen von jeder Sünde“ (Tob 12,9).
Hier finden wir eine theologisch kraftvolle Aussage: Das Almosen hat einen sühnehaften Wert. Nicht weil es Vergebung „erkauft“, sondern weil es Zeichen aufrichtiger Umkehr und Wiedergutmachung ist.
In Israel gab es konkrete Strukturen zum Schutz der Armen: das Jubeljahr, den Zehnten für Witwen und Waisen, das Recht, auf den Feldern Nachlese zu halten … Armut wurde nicht ignoriert, sondern als gemeinschaftliche Verantwortung verstanden.
Im Neuen Testament
Im Urchristentum war das Almosen eine ständige Praxis. Die Apostelgeschichte beschreibt, wie die ersten Christen ihre Güter gemeinsam hielten (Apg 4,32–35).
Der heilige Petrus sagt zum Gelähmten: „Silber und Gold besitze ich nicht …“ (Apg 3,6). Selbst in Armut teilt die Kirche, was sie hat.
Der heilige Paulus organisierte Sammlungen für die notleidenden Christen in Jerusalem (2 Kor 8–9). So wird das Almosen Ausdruck kirchlicher Gemeinschaft.
3. Entwicklung in der Tradition der Kirche
Schon in den ersten Jahrhunderten betrachtete die Kirche das Almosen als wesentlich für das christliche Leben.
Die Kirchenväter
Der heilige Johannes Chrysostomus erklärte:
„Den Armen nicht an unseren Gütern teilhaben zu lassen, heißt, sie zu bestehlen und ihnen das Leben zu nehmen.“
Dieser Satz ist revolutionär: Der Arme ist nicht Objekt deiner Großzügigkeit, sondern Träger eines moralischen Anspruchs.
Der heilige Augustinus lehrte, dass das Almosen das Herz von ungeordneter Anhänglichkeit an Reichtum reinigt.
Mittelalter und Soziallehre
In der Theologie des heiligen Thomas von Aquin ist das Almosen in der Tugend der Liebe verwurzelt, steht aber auch in Beziehung zur Gerechtigkeit. Befindet sich jemand in schwerer Not, wird der Überfluss des Reichen zu einer moralischen Verpflichtung.
Später wird die Soziallehre der Kirche betonen, dass das Privateigentum eine soziale Funktion hat.
4. Tiefer theologischer Grund
1️⃣ Das Almosen entspringt der Liebe
Die Liebe (Caritas) ist die übernatürliche Liebe, die Gott in die Seele eingießt. Sie ist keine bloße Philanthropie. Sie bedeutet, den Nächsten um Gottes willen zu lieben.
Wenn du im Stand der Gnade Almosen gibst, hat deine Tat ewigen Wert.
2️⃣ Es ist Teilhabe an der göttlichen Barmherzigkeit
Gott ist reich an Barmherzigkeit. Wenn du Barmherzigkeit übst, nimmst du an seiner eigenen Weise zu lieben teil.
3️⃣ Es hat eine sühnehafte Dimension
Die Tradition lehrt, dass das Almosen die durch die Sünde verursachte Unordnung heilt, weil es eine ihrer tiefsten Wurzeln bekämpft: den Egoismus.
4️⃣ Es durchbricht die Götzenverehrung des Geldes
In unserer Zeit ist Geld zu einem Absoluten geworden. Christus war eindeutig:
„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6,24).
Das Almosen zerbricht diese innere Versklavung.
5. Das Almosen im heutigen Kontext: Ist es noch relevant?
Mehr denn je.
Wir leben in einer Kultur, in der:
- Aus Angst angehäuft wird.
- Konsum zwanghaft geworden ist.
- Manchmal aus Imagegründen gespendet wird.
- Aus der Distanz geholfen wird, ohne persönliche Beteiligung.
Das christliche Almosen verlangt…