Darf man die konsekrierte Hostie kauen?

Eine kleine Geste … mit unendlicher Tiefe

Wenige scheinbar „einfache“ Fragen offenbaren so viel über unseren Glauben wie diese: Darf man die konsekrierte Hostie kauen?
Manche stellen sie schüchtern, andere mit Sorge, wieder andere sogar mit einem Gefühl von Schuld. Und das ist verständlich: Es geht um das Allerheiligste Sakrament des Altares, um den Leib, das Blut, die Seele und die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus.

Dieser Artikel will bilden, das Gewissen erhellen und eine klare geistliche Orientierung bieten – ohne Moralisieren, ohne Angst, aber mit der ganzen theologischen Ernsthaftigkeit und ehrfürchtigen Liebe, die dieses Thema verlangt. Denn es geht nicht nur darum, wie wir kommunizieren, sondern wen wir empfangen.


1. Der Kern der Frage: Was ist die konsekrierte Hostie wirklich?

Bevor wir beantworten, ob man sie kauen darf, müssen wir eine grundlegendere Frage klären:

👉 Was ist die konsekrierte Hostie?

Der katholische Glaube lehrt – und das ist weder symbolisch noch poetisch noch metaphorisch –, dass nach der Konsekration:

die Substanz des Brotes aufhört zu existieren
und sich wahrhaft in Christus selbst verwandelt.

Dieses Geheimnis nennt man Transsubstantiation, feierlich definiert vom Konzil von Trient.

Auch wenn die sinnlich wahrnehmbaren Gestalten bleiben (Geschmack, Textur, Form), ist das, was wir empfangen, Christus selbst, lebendig und verherrlicht.

Darum warnt der heilige Paulus mit erschütternder Schärfe:

„Wer also unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn.“
(1 Korinther 11,27)


2. Was tat Jesus beim Letzten Abendmahl? Das Schlüsselverb im Griechischen

Hier betreten wir einen faszinierenden – und wenig bekannten – Bereich des ursprünglichen biblischen Textes.

In den Evangelien sagt Jesus:

„Nehmt und esst.“
(Matthäus 26,26)

Im Griechischen wird das Verb verwendet:

φάγετε (phágete)

Imperativ des Verbs φαγεῖν (phageîn)

Dieses Verb bedeutet wörtlich „essen“, nicht „hinunterschlucken, ohne zu kauen“.
Es ist dasselbe Verb, das für das Essen von Brot, Fisch oder jeder gewöhnlichen Speise gebraucht wird.

Doch es gibt noch mehr.

In der Brotrede (Johannes 6), als viele Anstoß nehmen, mildert Jesus seine Sprache nicht, sondern verschärft sie:

„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“ (Johannes 6,54)

Hier ändert sich das Verb:

τρώγω (trógō)

Das bedeutet „kauen, nagen, zerbeißen“.

Es ist kein elegantes Wort. Es ist roh, körperlich, realistisch.

👉 Jesus wählt bewusst ein Verb, das das Kauen einschließt.

Damit wird die Vorstellung grundlegend widerlegt, das Kauen der Hostie sei an sich respektlos.


3. Also … ja oder nein? Eine klare Antwort der katholischen Theologie

Ja, man darf die konsekrierte Hostie kauen.

Es ist keine Sünde.
Es ist nicht an sich ehrfurchtslos.
Es macht die Kommunion nicht ungültig.

Die Kirche hat niemals gelehrt, dass die Hostie ohne Kauen hinuntergeschluckt werden müsse.

Im Gegenteil:

  • Schon in den ersten Jahrhunderten empfing man die Kommunion, wie man Brot isst.
  • Die Kirchenväter haben das Kauen niemals verboten.
  • Es gibt kein lehramtliches Dokument, das es verurteilt.

👉 Das Problem ist nicht das Kauen,
👉 sondern die innere und äußere Haltung, mit der man kommuniziert.


4. Warum glauben dann so viele, „das dürfe man nicht“?

Hier betreten wir das pastorale und geistliche Feld.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich, um die Ehrfurcht zu unterstreichen, sehr sorgfältige fromme Praktiken:

  • Immer kleinere Hostien
  • Kommunion auf die Zunge
  • Vermeidung jedes Bruchstücks
  • Absolute Stille

All dies entspringt einer tiefen Liebe zum Allerheiligsten Sakrament, nicht einer dogmatischen Verpflichtung.

Doch es geschah etwas Wichtiges:
👉 Fromme Praxis wurde mit moralischer Pflicht verwechselt.

So wuchsen viele Gläubige mit der Vorstellung auf:

„Wenn ich kaue, ist das respektlos.“

Das ist es nicht.
Respektlos wäre vielmehr:

  • Zerstreut zu kommunizieren
  • Ohne Glauben an die reale Gegenwart zu kommunizieren
  • Im Stand der Todsünde zu kommunizieren
  • Zu kommunizieren, als würde man einfach „etwas“ entgegennehmen

5. Eine zentrale Wahrheit, die nur wenige kennen

Der heilige Thomas von Aquin erklärt etwas Wesentliches:

👉 Christus ist gegenwärtig, solange die sakramentalen Gestalten bestehen.

Wenn die Hostie nicht mehr die Gestalt von Brot hat (nach der Verdauung), endet die sakramentale Gegenwart, auch wenn die geistliche Wirkung bleibt.

Das bedeutet etwas sehr Wichtiges:

🔹 Kauen verletzt Christus nicht
🔹 Es „zerbricht“ Ihn nicht
🔹 Es „zerstört“ Ihn nicht

Der verherrlichte Christus leidet nicht, ist nicht zerbrechlich und unterliegt nicht den körperlichen Prozessen eines sterblichen Leibes.


6. Eine strenge praktische Anleitung: Wie man heute ehrfürchtig kommuniziert

Hier kommen wir zum wichtigsten Teil: die pastorale Anwendung.

1. Vor der Kommunion

  • Eine ernsthafte Gewissenserforschung
  • Beichte bei schwerer Sünde
  • Eucharistisches Fasten (mindestens eine Stunde)
  • Ein innerer Akt des Glaubens:
    „Herr, ich bin nicht würdig …“

2. Im Moment der Kommunion

  • Ob auf die Zunge oder in die Hand (wo erlaubt)
  • Mit Sammlung
  • Ohne Hast
  • Ohne automatische Gesten

3. Kauen oder nicht kauen?

  • Man darf sanft kauen, ohne Übertreibung
  • Grobe oder nachlässige Bewegungen vermeiden
  • Es tun im Bewusstsein dessen, wen man empfängt

Eine ruhige äußere Geste erzieht das Herz.

4. Nach der Kommunion

Das ist der große vergessene Moment.

👉 Die Minuten nach der Kommunion sind pures Gold.

Der heilige Johannes Paul II. sagte:

„Es ist der innigste Moment der Vereinigung mit Christus in der ganzen Messe.“

Stille.
Danksagung.
Innere Anbetung.


7. Der wahre Skandal ist nicht das Kauen … sondern zu vergessen, wen wir empfangen

In unserem heutigen Kontext – schnell, laut, oberflächlich – liegt das Problem nicht darin, ob man die Hostie kaut oder nicht.

Das eigentliche Drama ist:

  • Ohne Glauben zu kommunizieren
  • Ohne Beichte zu kommunizieren
  • Ohne Liebe zu kommunizieren
  • Zu kommunizieren wie ein automatisches Recht

Jesus sagte nicht:

„Nehmt und verzehrt ein Symbol.“

Er sagte:

„Das ist mein Leib.“
(Τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου – Toutó estin to sōmá mou)


8. Zum Schluss: eine geistliche Einladung

Wenn du das nächste Mal kommunizierst, erinnere dich daran:

Du „tust“ nicht einfach etwas.
Du empfängst jemanden.

Du darfst die Hostie kauen.
Aber tu es als einer, der empfängt:

  • seinen König,
  • seinen Gott,
  • seinen Erlöser,
  • den Freund, der sich zum Brot macht.

Denn am Ende muss nicht der Mund besonders fein sein,
sondern das Herz muss vor Glauben brennen.

„Wer dieses Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“
(Johannes 6,58)

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

Auch ansehen

DIE LITURGISCHEN KREDENZ:DER „KLEINE ALTAR“, DER DAS WUNDER TRÄGT

Es gibt Elemente in der Liturgie, die oft unbemerkt bleiben… bis man ihren tiefen Sinn …

error: catholicus.eu