Eine vergessene Lehre des Katechismus, die dein Beichten (und dein Leben) verändern wird
Wir leben in einer Zeit, in der Sünde fast immer als etwas rein Individuelles, Intimes verstanden wird – „zwischen Gott und mir“. Doch die katholische Tradition – weitaus realistischer und tiefer – erinnert uns an eine unbequeme, aktuelle und zutiefst evangelische Wahrheit:
👉 Wir sündigen nicht nur durch das, was wir tun, sondern auch durch das, was wir zulassen, fördern oder verschweigen.
Der Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1868, fasst eine alte, anspruchsvolle und heute fast vergessene Lehre zusammen: die neun Arten, an der Sünde anderer teilzunehmen. Sie zu verstehen, verändert nicht nur unser moralisches Bewusstsein, sondern ändert radikal unsere Art zu beichten, zu arbeiten, zu erziehen, zu wählen, zu konsumieren… und zu lieben.
Dieser Artikel soll Leitfaden, Spiegel und Weckruf zur Umkehr sein – aus einer soliden theologischen, pastoralen und hochaktuellen Perspektive.
1. Was sagt der Katechismus genau? (KKK 1868)
Der Katechismus sagt klar:
„Sünde ist eine persönliche Tat. Wir tragen jedoch Verantwortung für die Sünden anderer, wenn wir an ihnen mitwirken…“ (KKK 1868)
Er listet anschließend neun konkrete Formen dieser Mitwirkung auf:
- Direkte und freiwillige Teilnahme
- Befehlen, Beraten, Loben oder Billigen
- Nicht-Offenlegen oder Nicht-Verhindern, wenn man dazu verpflichtet ist
- Schutz derjenigen, die Böses tun
- Beitrag zur Schaffung von Sündenstrukturen
(Die traditionelle Morallehre entwickelt diese Punkte zu neun klassischen Modi, die wir nun einzeln betrachten werden.)
Eine zentrale Aussage:
🔴 Schweigen kann Sünde sein
🔴 Moralische Neutralität existiert nicht
🔴 Unterlassen befleckt ebenfalls das Gewissen
2. Biblische Wurzeln: Sünde ist nie nur „meine Sache“
Die Heilige Schrift ist klar: Böses breitet sich aus, wenn es toleriert wird.
„Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen!“
(Jesaja 5,20)
„Beteiligt euch nicht an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern deckt sie auf“
(Epheser 5,11)
„Wer also weiß, das Gute zu tun, und es nicht tut, für den ist es Sünde“
(Jakobus 4,17)
Die Bibel kennt keine individualistische Moral. Wir sind füreinander verantwortlich, besonders dann, wenn unsere Position, unser Einfluss oder unser Schweigen das Böse legitimiert.
3. Die neun Arten, an der Sünde anderer teilzunehmen (einzeln erklärt)
1️⃣ Sünde befehlen
Jemandem befehlen, etwas objektiv Böses zu tun.
📌 Zeitgenössisches Beispiel:
- Vorgesetzte, die Lügen, Datenfälschung oder Missbrauch am Arbeitsplatz verlangen.
- Behörden, die ungerechte Gesetze erlassen.
🔍 Theologischer Schlüssel:
Wer befiehlt, trägt die Hauptverantwortung, auch wenn er die Tat nicht selbst ausführt.
2️⃣ Sünde raten
Jemandem eine böse Handlung vorschlagen, dazu drängen oder rechtfertigen.
📌 Beispiel:
- „Mach es, niemand wird es erfahren.“
- „Heute ist das nicht mehr wirklich Sünde.“
⚠️ Pastoraler Hinweis:
Viele schwere Sünden beginnen mit einem scheinbar harmlosen Rat.
3️⃣ Sünde billigen
Innerlich oder äußerlich eine böse Handlung zustimmen.
📌 Beispiel:
- Über eine Blasphemie lachen.
- Immoralisches Verhalten „applaudieren“, um Ärger zu vermeiden.
👉 Dies schließt direkt die Kultur des Likes, des Beifalls und des stillen Mitwirkens ein.
4️⃣ Sünde provozieren
Bedingungen schaffen, die jemand anderen zur Sünde führen.
📌 Beispiel:
- Jemanden in Versuchung führen, obwohl man seine Schwäche kennt.
- Inhalte verbreiten, die zum Laster verleiten.
🔍 Klassische moralische Lehre:
Auch wenn man die Tat nicht selbst begeht, ist man moralische Ursache dafür.
5️⃣ Sünde loben
Öffentlich das Exaltieren dessen, was objektiv böse ist.
📌 Beispiel:
- Untreue, Gewalt, Abtreibung oder Korruption verherrlichen.
- Ungerechtes Verhalten belohnen.
📖 „Sie tun sie nicht nur, sondern billigen auch diejenigen, die sie tun“
(Römer 1,32)
6️⃣ Sünde decken
Böses verschweigen, obwohl man verpflichtet ist, es anzuprangern oder zu korrigieren.
📌 Beispiel:
- Missbrauch vertuschen.
- Ungerechtigkeiten „zum Wohl der Institution“ verschweigen.
⚠️ Achtung:
Nicht jede Diskretion ist Sünde, aber schuldhaftes Vertuschen ist es.
7️⃣ Schweigen, wenn man korrigieren müsste
Schuldhaftes Schweigen.
📌 Beispiel:
- Einen Bruder, der auf Abwege gerät, nicht warnen.
- Ein Kind, einen Mitarbeiter oder Gläubigen, der unter der eigenen Verantwortung steht, nicht korrigieren.
📖 „Wenn du nicht sprichst, um den Gottlosen zu warnen, werde ich sein Blut von deiner Hand fordern“
(Ezechiel 33,8)
8️⃣ Den Sünder verteidigen
Den Schuldigen rechtfertigen, schützen oder als Opfer darstellen, ohne seine Bekehrung zu suchen.
📌 Beispiel:
- „Er ist so, man muss ihn verstehen.“
- „Übertreib nicht, alle machen es.“
🔍 Pastoral:
Barmherzigkeit rechtfertigt niemals Sünde; sie sucht die Wahrheit, die befreit.
9️⃣ Direkt teilnehmen
Aktiv an der bösen Tat mitwirken.
📌 Beispiel:
- Materiell mitwirken.
- Mittel oder Ressourcen bereitstellen.
👉 Hier ist die Schuld offensichtlich, aber nicht immer die häufigste Form.
4. Eine vergessene Lehre… aber heute dringend notwendig
Warum wird diese Lehre kaum gepredigt?
- Weil sie unbequem ist.
- Weil sie moralischen Mut erfordert.
- Weil sie Relativismus entlarvt.
- Weil sie uns zwingt, unser soziales, berufliches und digitales Leben zu prüfen.
Heute nehmen wir an der Sünde anderer teil:
- durch Likes
- durch Schweigen
- durch unsere Konsumentscheidungen
- durch unsere Stimmen bei Wahlen
- durch berufliche Entscheidungen
- durch die Inhalte, die wir teilen
👉 Der Katechismus ist relevanter denn je.
5. Praktischer Leitfaden für Gewissenserforschung und Beichte
Wichtige Fragen (theologisch und pastoral):
- Habe ich aus Bequemlichkeit geschwiegen, obwohl ich hätte sprechen müssen?
- Habe ich Ideen genehmigt oder verbreitet, die dem Glauben und der Moral widersprechen?
- Habe ich schlechte Ratschläge gegeben, um Konflikte zu vermeiden?
- Habe ich Ungerechtigkeiten aus Angst oder Eigeninteresse geschützt?
- Habe ich indirekt am Bösen in meiner Arbeit oder Umgebung mitgewirkt?
📌 Wichtig:
Diese Sünden müssen ebenfalls gebeichtet werden, unter Angabe von:
- der Art der Mitwirkung
- der Schwere
- der Häufigkeit
- dem Verantwortungsgrad
6. Weg der Umkehr: Von Mitläufern zu Zeugen
Die gute Nachricht lautet:
💥 Der gleiche Mechanismus funktioniert auch für das Gute
So wie sich Böses durch Mitwirkung verbreitet, verbreitet sich auch Heiligkeit:
- mit Liebe korrigieren
- die Wahrheit sagen
- schweigen, wenn es angebracht ist, aber niemals aus Feigheit
- das Böse nicht applaudieren
- bewusst das Gute wählen
„Ihr seid das Salz der Erde“
(Matthäus 5,13)
Salz macht keinen Lärm, aber es verhindert, dass alles verfault.
7. Fazit: Eine Lehre, die das Leben verändert
Die neun Arten, an der Sünde anderer teilzunehmen, sind keine Liste, um Skrupel zu fördern, sondern eine Schule der christlichen Verantwortung.
Sie erinnern uns daran:
- wir sind keine Inseln
- wir sind nicht neutral
- wir sind keine bloßen Zuschauer
Jeder Christ ist berufen, mit einem wachen, gebildeten und mutigen Gewissen zu leben.
Denn manchmal ist die schwerste Sünde nicht das, was wir tun,
sondern das, was wir zulassen, dass andere in unserem Namen tun.