Der Schleier: Der Kleidungs­kodex der Frauen in der frühen Kirche, der in einigen Riten bis heute fortbesteht

Über den weiblichen Schleier in der Kirche zu sprechen bedeutet, sich einem Thema zu nähern, das auf den ersten Blick fern, kontrovers oder sogar überholt erscheinen mag. Doch wenn man es mit Gelassenheit, theologischer Tiefe und pastoraler Sensibilität betrachtet, erweist sich der Schleier als ein überaus reicher geistlicher Schlüssel, der fähig ist, mit dem Herzen der heutigen Welt in Dialog zu treten. Er ist keine leblose Reliquie der Vergangenheit, sondern ein bedeutungsvoller Zeichen, der in bestimmten Riten und Gemeinschaften bis heute fortlebt und unser Verständnis von Körper, Würde, Liturgie und dem Geheimnis Gottes erhellen kann.

Dieser Artikel will weder auferlegen noch die Vergangenheit verklären, sondern vielmehr erklären, einordnen und begleiten, um verständlich zu machen, warum der Schleier in der frühen Kirche so wichtig war, welche Bedeutung er hatte — und noch hat — und wie er heute ohne Karikaturen oder ideologische Verkürzungen verstanden werden kann.


1. Der Schleier in der Heiligen Schrift: Ausgangspunkt

Die Grundlage für den Gebrauch des Schleiers in der frühen Kirche findet sich klar in der Heiligen Schrift, insbesondere im Ersten Brief des heiligen Paulus an die Korinther (1 Kor 11,2–16). Diese Stelle, die wegen ihrer Schwierigkeit oft gemieden wird, wurde über Jahrhunderte hinweg von der christlichen Tradition einmütig ausgelegt.

Der heilige Paulus spricht nicht vom Schleier als einer bloßen gesellschaftlichen Konvention, sondern als von einem Zeichen mit theologischer, liturgischer und geistlicher Dimension. In seiner Argumentation treten mehrere Schlüsselaspekte hervor:

  • Die Ordnung der Schöpfung
  • Der Unterschied und die Ergänzung von Mann und Frau
  • Die Beziehung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren in der Liturgie
  • Die Gegenwart der Engel im Gottesdienst

Für den Apostel ist das christliche Gebet kein privater oder rein innerlicher Akt, sondern ein kosmisches Geschehen, in dem sich Himmel und Erde begegnen. Der Schleier erscheint daher als ein äußeres Zeichen, das eine innere Haltung ausdrückt: Ehrfurcht, Bescheidenheit und Bewusstsein für das Geheimnis.


2. Keine kulturelle Auferlegung, sondern eine symbolische Sprache

Oft hört man, der Schleier sei lediglich eine kulturelle Gepflogenheit der antiken Welt gewesen. Ohne zu leugnen, dass es einen konkreten kulturellen Kontext gab, hat die frühe Kirche den Schleier niemals ausschließlich als gesellschaftliche Norm verstanden.

Dies zeigt sich daran, dass:

  • Er in sehr unterschiedlichen Kulturen beibehalten wurde, nicht nur in semitischen oder griechisch-römischen.
  • Er liturgisch übernommen wurde und nicht nur im Alltagsleben.
  • Er stets mit Gebet und Gottesdienst verbunden war, nicht mit dem öffentlichen Leben.

Das frühe Christentum hat kulturelle Zeichen nicht abgeschafft, sondern sie verklärt und verwandelt, indem es ihnen einen neuen Sinn verlieh. So wurde der Schleier zu einer Sprache des Leibes, zu einer stillen Katechese, die von der Demut vor Gott und der Heiligkeit der Person sprach.


3. Der Schleier und die Liturgie: Eintritt in den heiligen Raum

Einer der heute am meisten vergessenen Aspekte ist die enge Verbindung des Schleiers mit dem Bewusstsein für das Heilige. In der alten Liturgie sprach alles: Gesten, Stille, Ausrichtung und Kleidung.

Das Bedecken des Hauptes beim Eintritt ins Gebet bedeutete:

  • Die Anerkennung, dass man vor Gott steht
  • Die Annahme, dass das Geheimnis größer ist als man selbst
  • Das Aufhören, sich „zur Schau zu stellen“, um anzubeten

So wie sich der Priester für den Altar bekleidet, nahm auch die Frau — als Betende — ein äußeres Zeichen der Sammlung an. Nicht um sich aus Scham zu verbergen, sondern um Ehrfurcht zum Ausdruck zu bringen. Der Schleier sagte nicht „die Frau ist weniger wert“, sondern „Gott ist unendlich größer“.


4. Maria, die verschleierte Frau schlechthin

Die christliche Ikonographie hat den Schleier immer im Licht der Jungfrau Maria verstanden. Nahezu alle ihre traditionellen Darstellungen zeigen sie verschleiert — und das nicht ohne Grund.

Maria ist die Frau der fruchtbaren Stille, jene, die das Geheimnis im Herzen bewahrt, die sich vom Schatten des Höchsten bedecken lässt. Ihr Schleier ist ein Bild für:

  • Ihre Demut
  • Ihre Reinheit
  • Ihre vollständige Hingabe an Gott

Weit davon entfernt, ein Symbol der Unterdrückung zu sein, ist der marianische Schleier ein Zeichen innerer Freiheit, einer Frau, die sich nicht zur Schau stellen muss, weil sie weiß, wer sie vor Gott ist.


5. Der Schleier als Ausdruck von Würde, nicht von Unterordnung

Eines der größten zeitgenössischen Missverständnisse besteht darin, den christlichen Schleier mit einer Form der weiblichen Unterwerfung gleichzusetzen. Diese Deutung hält jedoch einer ernsthaften Analyse aus der Sicht der traditionellen katholischen Theologie nicht stand.

In der christlichen Sichtweise:

  • Die Frau ist dem Mann nicht unterlegen.
  • Unterschied bedeutet nicht Ungleichheit.
  • Der Körper ist kein Objekt, sondern ein Tempel des Heiligen Geistes.

Der Schleier schützte gerade diese Würde, indem er daran erinnerte, dass der weibliche Körper weder Ware noch Spektakel noch Objekt visuellen Konsums ist. In einer Kultur — der unseren —, die von ständiger Zurschaustellung besessen ist, kann der Schleier heute als ein zutiefst gegenkultureller Akt gelesen werden.


6. Warum verschwand der Schleier aus der allgemeinen Praxis?

Über Jahrhunderte hinweg war der Gebrauch des Schleiers in der lateinischen Kirche allgemein üblich. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts begann er zu verschwinden, besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, obwohl das Konzil ihn niemals verboten hat.

Sein Verschwinden ist hauptsächlich zurückzuführen auf:

  • Rasche kulturelle Veränderungen
  • Eine Verwechslung von Zeichen und Verpflichtung
  • Den Verlust des Sinns für das Heilige
  • Ein verarmtes Verständnis liturgischer Symbolik

Selbst der frühere Codex des kanonischen Rechts von 1917 erwähnte ihn ausdrücklich. Der heutige Codex tut dies nicht mehr, doch juristisches Schweigen bedeutet keine theologische Ablehnung.


7. Der Schleier heute: Freiheit, nicht Zwang

Es ist wichtig, dies klar festzuhalten: Die Kirche verpflichtet Frauen heute nicht, ihr Haupt zu bedecken. Jede Wiederentdeckung des Schleiers kann nur aus innerer Freiheit heraus verstanden werden, niemals aus Zwang.

In bestimmten Kontexten:

  • Traditionellen Gemeinschaften
  • Feiern des überlieferten römischen Ritus
  • Ostkirchlichen katholischen und orthodoxen Kirchen

… wird der Schleier weiterhin als persönliche geistliche Entscheidung verwendet, als Geste des Gebets, der Sammlung und der Liebe zur Tradition.

Wenn eine Frau sich heute entscheidet, einen Schleier zu tragen, tut sie dies nicht aus Gehorsam gegenüber einer äußeren Vorschrift, sondern um einen bewussten Glauben auszudrücken, den Wunsch, tiefer in das Geheimnis einzutreten.


8. Ein Zeichen, das die heutige Welt herausfordert

In einer Gesellschaft, die von Überexposition, Individualismus und dem Verlust der als Tugend verstandenen Scham geprägt ist, stellt der Schleier unbequeme, aber notwendige Fragen:

  • Muss alles gezeigt werden?
  • Was bedeutet Freiheit wirklich?
  • Wie lebt der Christ seinen Körper vor Gott?

Der Schleier ist nicht die Antwort für alle, aber er kann ein prophetisches Zeichen sein, eine stille Erinnerung daran, dass der Mensch nicht im Sichtbaren aufgeht.


9. Eine stille Katechese, die noch immer spricht

Zeichen sterben nicht, wenn sie nicht mehr mehrheitlich verwendet werden; sie sterben, wenn sie ihres Sinnes beraubt werden. Der Schleier, richtig verstanden, spricht auch heute noch mit erstaunlicher Aktualität.

Er spricht von:

  • Anbetung
  • Demut
  • Geistlicher Schönheit
  • Achtung vor dem Geheimnis

Und er erinnert uns daran, dass der christliche Glaube nicht nur mit Worten gelebt wird, sondern auch mit dem Körper, mit Gesten und mit der Stille.


Schlussfolgerung: Sich bedecken, um das Wesentliche zu offenbaren

Der Schleier will die Frau nicht verbergen, sondern das Wesentliche offenbaren: dass wir alle vor Gott Geschöpfe sind, berufen zur Gemeinschaft, zum Respekt und zur Heiligkeit.

Die Wiederentdeckung seines Sinnes — auch wenn nicht notwendigerweise seines Gebrauchs — kann uns helfen, eine vergessene Wahrheit neu zu entdecken: dass das Heilige Zeichen braucht, und dass das Christentum keine Angst vor Symbolik hat, weil es weiß, dass das Sichtbare zum Unsichtbaren führen kann.

In einer Welt, die alles zeigt, flüstert uns der Schleier zu, dass Gott Geheimnis bleibt… und dass nur jene, die sich in Demut beugen, Ihn wirklich schauen können.

Über catholicus

Pater noster, qui es in cælis: sanc­ti­ficétur nomen tuum; advéniat regnum tuum; fiat volúntas tua, sicut in cælo, et in terra. Panem nostrum cotidiánum da nobis hódie; et dimítte nobis débita nostra, sicut et nos dimíttimus debitóribus nostris; et ne nos indúcas in ten­ta­tiónem; sed líbera nos a malo. Amen.

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