In der Geschichte der Kirche gibt es nur wenige Persönlichkeiten, die spirituelle Tiefe mit so entscheidendem historischem Einfluss verbinden wie der Heilige Bernhard von Clairvaux. Seine Sanftmut, seine asketische Strenge und seine theologische Klarheit transformierten nicht nur das klösterliche Leben im 12. Jahrhundert, sondern markierten auch einen Wendepunkt in der Verteidigung des Glaubens. Unter seinen vielen Beiträgen ist vielleicht einer der faszinierendsten und am wenigsten verstandenen seine Rolle bei der Legitimierung der Ritter des Tempels, dieser „Miliz Christi“, die als Antwort auf die spirituellen und weltlichen Herausforderungen des mittelalterlichen Christentums entstand.
Dieser Artikel untersucht nicht nur die Geschichte von Bernhard und den Templern, sondern auch die theologische Bedeutung seines Handelns und die praktischen Implikationen für das geistliche Leben heute.
1. Historischer Kontext: Der Kreuzzug und der Aufstieg der Templer
Im Jahr 1095 rief Papst Urban II. in Clermont, Frankreich, zum Ersten Kreuzzug auf, mit dem Ziel, die Heiligen Stätten in Jerusalem zurückzuerobern. Die Idee, das Heilige Land zu verteidigen, war nicht nur militärisch: sie war vor allem spirituell. Pilger, die zum Heiligen Grab reisten, waren ständig den Gefahren von Banditen und feindlichen Soldaten ausgesetzt. In diesem Kontext beschlossen die ersten Ritter, ihre Waffen zum Schutz der Christen einzusetzen und ein religiöses Leben zu führen, das Gebet und Kampf verband. So entstanden um 1119 die Ritter des Tempels, allgemein bekannt als Templer.
Doch diese Idee stellte ein radikales Dilemma dar: Wie konnte man Gewalt innerhalb des christlichen Lebens theologisch rechtfertigen? Die Kirche hatte immer gelehrt, dass vorsätzlicher Mord eine schwere Sünde sei, und Krieg durfte nur in sehr spezifischen Fällen moralisch gerechtfertigt werden. Hier kommt Bernhard von Clairvaux ins Spiel.
2. Bernhard von Clairvaux: Der Heilige der Sanftmut
Bernhard von Clairvaux (1090–1153) war ein Zisterziensermönch, dessen Spiritualität die Kirche seiner Zeit tief beeinflusste. Sein Beiname „der Heilige der Sanftmut“ spiegelt nicht nur seinen persönlichen Charakter wider, sondern auch die Art und Weise, wie er die Wahrheit mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe verteidigte. Er war ein unermüdlicher Reformator, Prediger des Zweiten Kreuzzugs und Berater von Päpsten und Königen. Sein spiritueller Schwerpunkt lag auf der Vollkommenheit der Gottesliebe und der Nachahmung Christi.
1129 verfasste und förderte Bernhard die Regel der Ritter des Tempels, die erste geistliche Formulierung dieser Miliz. Dies geschah auf dem Konzil von Troyes, bei dem er die notwendige kirchliche Autorität zusammenzog, um dieser besonderen Form des christlichen Lebens, das Gebet und Kampf vereinte, Legitimität zu verleihen.
3. Die theologische Rechtfertigung der Templer
Bernhard betrachtete die Templer nicht als bloße Krieger, sondern als Werkzeuge der göttlichen Vorsehung. Sein zentrales Argument war, dass die Verteidigung der Pilger und der Heiligen Stätten ein Akt der Nächstenliebe und des Gehorsams gegenüber Gott war – nicht ein Ausdruck von persönlicher Ambition oder Blutdurst. Wie er selbst schrieb:
„Wer mit dem Schwert den Tempel Gottes verteidigt und die Pilger schützt, vollbringt dadurch ein Werk der Barmherzigkeit, und sein Schwert ist ein Instrument der göttlichen Liebe.“
Dieser Ansatz beruhte auf klaren Prinzipien:
- Gerechter Krieg im Dienst des Glaubens: Inspiriert von der Lehre des heiligen Augustinus über den gerechten Krieg erkannte Bernhard, dass die Verteidigung der Unschuldigen und der heiligen Stätten moralisch erlaubt sein kann, wenn sie dem Guten dient und nicht persönlichen Interessen.
- Die Spiritualisierung der Miliz: Die Templer sollten wie Mönche leben: Gehorsam, Keuschheit und Armut, kombiniert mit bewaffneter Verteidigung. Ihr Kampf war nicht um Ruhm oder Reichtum, sondern zur Ehre Gottes.
- Der Schutz der Pilger als Werk der Barmherzigkeit: Sich um die Reisenden ins Heilige Land zu kümmern, war ein Akt aktiver Nächstenliebe, und das Schwert konnte als Verlängerung der Barmherzigkeit genutzt werden, um die Schwachen zu verteidigen.
- Gehorsam gegenüber der Kirche: Bernhard bestand darauf, dass die Templer der Autorität des Papstes unterstellt waren, sodass militärische Gewalt stets dem göttlichen und kirchlichen Gesetz untergeordnet war.
4. Die drei Dimensionen der „Miliz Christi“
Bernhard konzipierte das Templerleben auf drei sich ergänzenden Ebenen:
a) Spirituelle Dimension
Die Templer praktizierten ständiges Gebet und nahmen täglich an der Messe teil. Bernhard lehrte sie, dass ohne ein tiefes inneres Leben jede äußere Handlung vor Gott wertlos ist. Seine Spiritualität basierte auf Psalm 144,1:
„Gelobt sei der Herr, mein Fels, der meine Hände zum Krieg und meine Finger zum Kampf lehrt.“
Dieser Vers spiegelte die Synthese wider, die Bernhard zwischen physischem Kampf und geistlicher Stärke herstellte.
b) Militärische Dimension
Die Verteidigung der Heiligen Stätten und der Pilger rechtfertigte militärische Ausbildung. Aber es handelte sich nicht um aggressiven Krieg: es war Schutz und Disziplin, immer im Dienst der Gerechtigkeit und der Kirche.
c) Pastorale Dimension
Die Templer sollten moralisches Vorbild und geistliche Wegweiser für Christen sein, Gerechtigkeit, Frömmigkeit und soziale Ordnung fördern. Ihre Existenz erinnerte das Christentum daran, dass der Glaube das gesamte menschliche Leben umfassen kann, einschließlich des physischen Schutzes anderer.
5. Theologische Relevanz für die Gegenwart
Obwohl die Templer offiziell 1312 verschwanden, behält Bernhards Lehre eine tiefe Relevanz für heute:
- Integration von Handlung und Kontemplation: Spiritualität beschränkt sich nicht auf passives Gebet; sie bedeutet, in der Welt rechtschaffen zu handeln. Jeder Christ ist aufgerufen, in seinem eigenen Kontext „Templer“ zu sein: die Wahrheit verteidigen, die Schwachen schützen und dem Gemeinwohl dienen.
- Die Rolle der moralischen Unterscheidung: Bernhard erinnert uns daran, dass nicht jede mächtige oder einflussreiche Handlung legitim ist. Stärke muss Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Gottes Autorität untergeordnet sein.
- Sakramentale und gemeinschaftliche Dimension: So wie die Templer in Gemeinschaft und Gehorsam lebten, erfordert das heutige christliche Leben aktive Teilnahme an Kirche und Sakramenten, um Handlungen richtig zu lenken.
6. Theologisch-pastoraler Praxisleitfaden
Inspiriert von Bernhards Lehre können wir die Prinzipien der Templer spirituell und praktisch im Alltag anwenden:
a) Verteidigung des Glaubens
- Sich in Lehre und Schrift bilden, um „den Glauben, der in euch ist, mit Sanftmut zu verteidigen“ (1 Petrus 3,15).
- Keine Angst vor Engagement in den Bereichen Gerechtigkeit, Wahrheit und Schutz der Schwachen haben.
b) Persönliche Disziplin
- Gehorsam und Demut im Alltag üben.
- Keuschheit und Mäßigung in modernen Gewohnheiten fördern: soziale Medien, Unterhaltung, Beziehungen.
c) Aktive Nächstenliebe
- Konkrete Gelegenheiten suchen, um Bedürftige zu schützen und zu dienen.
- Den „geistlichen Kampf“ als Teil des täglichen Dienstes sehen: gegen Ungerechtigkeit, Lüge und Egoismus kämpfen.
d) Gemeinschaft und Spiritualität
- Sich in Gebetsgruppen, Fortbildungsprogrammen und Dienstinitiativen engagieren.
- Die Sakramente als Hauptquelle der Stärke für jede gute Handlung betrachten.
7. Fazit
Bernhard, mit seiner Sanftmut und Weisheit, lehrte uns, dass wahre christliche Stärke Kontemplation, Gehorsam und gerechtes Handeln vereint. Die Templer, weit entfernt davon, bloße Krieger zu sein, waren ein lebendiges Beispiel dafür, wie der Glaube sogar das mächtigste Schwert formen kann, um Gottes Liebe und das Wohl des Nächsten zu dienen.
Heute, auch wenn wir keine Waffen führen, sind wir aufgerufen, geistliche Templer zu sein: Verteidiger der Wahrheit, Hüter der Gerechtigkeit und Diener der Nächstenliebe, auf dem Weg, den Bernhard uns vor fast tausend Jahren zeigte. Wie der Apostel schrieb:
„Seid stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke“ (Epheser 6,10), was uns daran erinnert, dass unser mächtigster Schutz Glaube und Tugend sind.
Bernhard lehrt uns, dass jedes christliche Leben eine „Miliz Christi“ sein kann – nicht mit dem Schwert, sondern mit einem willigen Herzen, einer dienenden Hand und einer der Herrschaft Gottes hingegebenen Seele.