Einleitung: ein Durst, den der Lärm nicht stillen kann
Wir leben umgeben von Bildschirmen, Benachrichtigungen, Meinungen, Dringlichkeiten und ständigen Reizen. Noch nie hatten wir so viel Zugang zu Information … und paradoxerweise waren wir noch nie so zerstreut, innerlich so müde, so leer. Viele Christen – und auch viele, die es noch nicht wissen – leben mit einem tiefen Durst, der sich weder durch Unterhaltung noch durch Aktivismus, Erfolg oder sogar durch ein bloß äußerliches religiöses Leben stillen lässt.
Dieser Durst hat einen Namen: kontemplativer Durst.
Er ist weder eine spirituelle Modeerscheinung noch ein Luxus, der Mönchen oder außergewöhnlichen Seelen vorbehalten wäre. Der kontemplative Durst ist eine wesensmäßige Notwendigkeit des menschlichen Herzens, das für Gott geschaffen ist, und heute zeigt er sich mit besonderer Kraft in einer lauten, beschleunigten und fragmentierten Welt. Dieser Artikel möchte dir helfen, diesen Durst zu erkennen, ihn theologisch zu verstehen und zu lernen, wie man ihm auf konkrete, realistische und zutiefst christliche Weise begegnet.
1. Was ist kontemplativer Durst?
Kontemplativer Durst ist das tiefe und manchmal unaussprechliche Verlangen nach Gott selbst, nicht nur nach seinen Gaben, seiner Hilfe oder seinem Trost, sondern nach seiner Gegenwart. Es ist das Sehnen des Herzens, innezuhalten, zu schauen, zu hören, zu verweilen … und sich von Gott anschauen zu lassen.
Es ist keine intellektuelle Neugier.
Es ist keine vorübergehende religiöse Emotion.
Es ist keine Flucht aus der Welt.
Es ist ein innerer Ruf, der entsteht, wenn die Seele ahnt, dass „der Mensch nicht vom Brot allein lebt“ (vgl. Mt 4,4) – nicht einmal vom geistlichen Brot, verstanden lediglich als Aktivität, Engagement oder gute Werke.
Der heilige Augustinus brachte es in zeitlosen Worten zum Ausdruck:
„Du hast uns auf Dich hin geschaffen, o Herr, und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in Dir.“
Diese Unruhe ist im Kern kontemplativer Durst.
2. Biblische Grundlage: „Mich dürstet“
Die Heilige Schrift ist von Anfang bis Ende vom Bild der Dürre und des Durstes durchzogen. Das ist kein Zufall.
a) Der Durst des Menschen nach Gott
Der Psalmist ruft aus:
„Gott, du mein Gott, dich suche ich,
meine Seele dürstet nach dir;
nach dir schmachtet mein Leib
wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Ps 63,2)
Hier gibt es keinen Aktivismus und keine langen Reden: Es gibt Verlangen, Suchen, Warten. Kontemplation beginnt immer damit, die eigene Trockenheit zu erkennen.
b) Der Durst Gottes nach dem Menschen
Doch es gibt etwas noch Erschütternderes: Auch Gott dürstet nach dem Menschen.
Am Kreuz spricht Christus eines der eindringlichsten Worte des Evangeliums:
„Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte:
‚Mich dürstet.‘“ (Joh 19,28)
Die Tradition der Kirche hat in diesen Worten weit mehr gesehen als nur ein körperliches Bedürfnis. Es ist der Schrei des Herzens Christi, dürstend nach Seelen, dürstend nach Liebe, dürstend nach unserer Antwort.
Der kontemplative Durst entsteht genau an der Schnittstelle dieser beiden Durste:
des Durstes des Menschen, der Gott sucht, und des Durstes Gottes, der den Menschen sucht.
3. Die geistliche Geschichte des kontemplativen Durstes
a) Die Wüstenväter
Die ersten großen Meister des kontemplativen Durstes waren die Väter und Mütter der Wüste (3.–5. Jahrhundert). Sie flohen vor dem Lärm der Welt nicht aus Verachtung, sondern um zu lernen, auf Gott zu hören.
Für sie war Kontemplation keine Flucht, sondern innerer Kampf, Reinigung des Herzens und Wachsamkeit der Seele.
Abba Arsenius pflegte zu sagen:
„Flieh, schweige, verharre in der Stille.“
Nicht als psychologisches Rezept, sondern als geistliche Pädagogik, damit das Herz wieder nach dem Wesentlichen dürste.
b) Die große monastische Tradition
Der heilige Benedikt strukturierte ein ganzes Leben um die Suche nach Gott (quaerere Deum). Liturgie, Arbeit und Schweigen waren keine Selbstzwecke, sondern Wege, um den kontemplativen Durst lebendig zu halten.
Später vertieften Heilige wie:
- der heilige Bernhard von Clairvaux
- die heilige Teresa von Jesus
- der heilige Johannes vom Kreuz
die Erfahrung eines Gottes, der sich im Schweigen, in der Nacht, im Loslassen und in der reinen Liebe finden lässt.
Gerade der heilige Johannes vom Kreuz lehrte, dass der kontemplative Durst schärfer wird, wenn Gott abwesend zu sein scheint. Trockenheit ist kein Scheitern, sondern Reinigung des Verlangens.
4. Theologische Relevanz heute: eine stille Dringlichkeit
Im heutigen Kontext ist der kontemplative Durst aus drei wesentlichen Gründen notwendiger denn je:
1. Gegen geistliche Oberflächlichkeit
Viele Christen leben einen aktivistischen, moralistischen oder bloß kulturellen Glauben. Die Kontemplation gibt dem Glauben sein Zentrum zurück: Gott selbst.
2. Gegen innere Erschöpfung
Ein Übermaß an Reizen erzeugt geistliche Müdigkeit. Die Kontemplation fügt keine weitere Last hinzu, sondern ordnet die Seele neu.
3. Gegen den Verlust des Sinns
Wenn das innere Schweigen verloren geht, geht auch die Fähigkeit verloren zu unterscheiden, zu lieben und zu hoffen. Der kontemplative Durst ist ein Gegengift zum modernen Nihilismus.
5. Kontemplativer Durst ist nicht nur für Mönche
Das ist ein entscheidender Punkt.
Kontemplation erfordert keinen Wechsel des Lebensstandes, sondern eine Veränderung des Herzenszentrums.
Ein Vater oder eine Mutter, ein Arbeiter, ein junger Mensch, ein alter Mensch – alle sind berufen, Räume des liebenden Blicks auf Gott zu pflegen.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies klar in Erinnerung gerufen:
Die Berufung zur Heiligkeit – und damit zur Vereinigung mit Gott – ist universal.
6. Eine rigorose praktische Anleitung: den kontemplativen Durst heute leben
(aus theologischer und pastoraler Sicht)
Schritt 1: Den Durst erkennen (Demut)
- Akzeptiere deine Zerstreuung, deine Trockenheit, deine Müdigkeit.
- Verdecke sie nicht mit geistlichem Lärm.
- Sage aufrichtig: „Herr, ich dürste nach Dir, aber ich weiß nicht, wie ich trinken soll.“
👉 Theologisch: Die Gnade wirkt dort, wo Wahrheit ist.
Schritt 2: Wahre Stille wiedergewinnen
- Schalte unnötige Reize bewusst aus.
- Widme mindestens 10–15 Minuten täglich einem wortlosen Schweigen.
- „Tue“ nichts: verharre.
👉 Pastoral: Stille erzieht das Verlangen und reinigt die Absicht.
Schritt 3: Kontemplation aus dem Wort
- Lies einen kurzen biblischen Text (besonders aus den Evangelien oder den Psalmen).
- Suche keine Gedanken: blicke auf Christus.
- Verweile bei einem Satz, der das Herz berührt.
Beispiel:
„Maria aber bewahrte all diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2,19)
👉 Theologisch: Das Wort ist ein Sakrament der Gegenwart.
Schritt 4: Eucharistische Anbetung (wenn möglich)
- Die Eucharistie ist die objektive Quelle aller Kontemplation.
- Es ist nicht nötig, etwas zu „fühlen“: Es genügt, da zu sein.
- Der Durst wird erzogen, indem man vor dem verweilt, der ihn stillen kann.
👉 „Wer Durst hat, komme zu mir und trinke.“ (Joh 7,37)
Schritt 5: Die Trockenheit annehmen, ohne zu fliehen
- Echte Kontemplation führt durch dürre Phasen.
- Ziehe dich nicht zurück, wenn du nichts spürst.
- Treue ist mehr wert als Emotion.
👉 Theologisch: Gott reinigt die Liebe, um sie unentgeltlich zu machen.
Schritt 6: Die Kontemplation das Leben verwandeln lassen
Echter kontemplativer Durst:
- macht geduldiger
- barmherziger
- demütiger
- freier
Er entfernt uns nicht von der Welt: er führt uns zu ihr zurück mit dem Herzen Christi.
7. Schluss: ein Durst, der zur Quelle führt
Der kontemplative Durst ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern eine Gnade, die es zu bewahren gilt. Er ist das Zeichen, dass die Seele lebt, dass Gott weiter ruft – selbst mitten im Lärm.
In einer Welt, die schreit, flüstert die Kontemplation.
In einer Kultur, die rennt, wartet die Kontemplation.
In einer Gesellschaft, die konsumiert, betet die Kontemplation an.
Fürchten wir uns nicht vor diesem Durst.
Denn letztlich kann ihn nur Gott stillen.