Wenn das Gewissen sich nicht ergibt – nicht einmal dem Imperium
Über Guy Fawkes zu sprechen, ruft heute meist Masken, Straßenproteste und systemkritische Parolen hervor. Seine Gestalt auf eine moderne Pop-Ikone zu reduzieren, ist jedoch eine schwere historische Ungerechtigkeit … und auch eine geistliche. Hinter dem stilisierten Gesicht, das heute auf Transparenten und in den sozialen Netzwerken kursiert, steht ein verfolgter Katholik, ein Mann, der im traditionellen Glauben geformt wurde und in einer Zeit lebte, in der die Treue zu Christus und zur Kirche das Leben kosten konnte.
Dieser Artikel will weder Gewalt verherrlichen noch verwerfliche Taten rechtfertigen, sondern verstehen, unterscheiden und geistlich lernen aus einer komplexen historischen Episode voller Licht und Schatten. Denn selbst im menschlichen Irrtum kann die Geschichte zu einer Lehrmeisterin des Gewissens werden.
1. England: als Katholik zu sein ein Verbrechen war
Um Guy Fawkes zu verstehen, muss man ihn in das England nach der Reformation einordnen, nach dem von Heinrich VIII. eingeleiteten und unter Elisabeth I. und Jakob I. gefestigten Schisma. Am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts:
- Die Feier der Messe war illegal
- Priester wurden verfolgt, inhaftiert und hingerichtet
- Romtreue Katholiken wurden mit Geldstrafen belegt, enteignet oder zum Tode verurteilt
- Der katholische Glaube galt als Hochverrat gegen den Staat
Es handelte sich nicht nur um einen theologischen Streit, sondern um eine systematische religiöse Verfolgung. In diesem Kontext lebten viele Katholiken ihren Glauben im Untergrund, wie in den ersten Jahrhunderten des Christentums.
„Wenn euch die Welt hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat“
(Joh 15,18)
2. Wer war Guy Fawkes wirklich?
Guy Fawkes (1570–1606) wurde in York geboren, in eine Familie, die sich nach dem Tod seines Vaters eng mit dem Katholizismus verband. Vollständig zum katholischen Glauben bekehrt, wuchs Fawkes in einem Klima des geistlichen Widerstands auf.
Er war kein improvisierter Aufrührer. Er war:
- Ein intellektuell gebildeter Mann
- Ein Berufssoldat
- Ein überzeugter Katholik, der sah, wie sein Glaube von der politischen Macht mit Füßen getreten wurde
Angesichts der Unmöglichkeit, seinen Glauben frei zu leben, traf Guy Fawkes eine entscheidende Wahl: Er ging nach Flandern, um unter spanischer Flagge zu kämpfen.
3. Guy Fawkes und die spanischen Tercios: Glaube, Disziplin und Ehre
Dieser Punkt ist wesentlich und wird selten mit der nötigen Strenge erklärt.
Guy Fawkes diente in den spanischen Tercios, dem gefürchtetsten und diszipliniertesten Heer Europas – nicht aus nationalistischen, sondern aus religiösen Gründen. Die Tercios waren nicht nur eine militärische Macht, sondern in vielen Fällen Verteidiger der Christenheit gegen das protestantische Vordringen.
Dort lernte Fawkes:
- Disziplin
- Opferbereitschaft
- Gehorsam
- Den Sinn, für etwas zu kämpfen, das das eigene Leben übersteigt
Für viele englische Katholiken stellte Spanien damals die letzte große katholische Macht dar, die den Glauben gegen die institutionalisierte Häresie schützen konnte.
Hier formte sich der Widerstandsgeist Guy Fawkes’:
nicht der des Chaos, sondern der eines Soldaten, der glaubt, eine gerechte Sache zu verteidigen.
4. Die Pulververschwörung: ein moralischer Irrtum, kein Akt des Glaubens
Die sogenannte Gunpowder Plot (1605) zielte darauf ab, das englische Parlament in die Luft zu sprengen und König Jakob I. zu beseitigen. Guy Fawkes war mit der Bewachung des Schießpulvers betraut.
Hier ist eine ehrliche theologische Lesart unerlässlich:
- Der Zweck (Religionsfreiheit) rechtfertigt keine in sich schlechten Mittel
- Die wahllose Tötung Unschuldiger kann niemals moralisch erlaubt sein
- Die katholische Lehre lehnt Terrorismus ab, selbst in Verfolgungssituationen
Die Kirche lehrt klar:
„Und warum sollten wir nicht Böses tun, damit Gutes daraus entstehe? – wie man uns verleumderisch nachsagt. Ihr Urteil ist gerecht.“
(Röm 3,8)
Guy Fawkes ist weder Märtyrer noch Heiliger. Er war ein Mann seiner Zeit, glühend im Glauben, aber fehlgeleitet in seinen Mitteln.
Gerade deshalb ist seine Geschichte so wertvoll: weil sie uns lehrt, zu unterscheiden und nicht zu idealisieren.
5. Vom verfolgten Katholiken zum säkularisierten Symbol
Die große historische Ironie ist folgende:
Guy Fawkes, ein traditioneller Katholik, wird heute als Symbol von Bewegungen benutzt, die antichristlich, relativistisch oder sogar antikatholisch sind.
Die durch V wie Vendetta popularisierte Maske hat seine Gestalt ihrer geistlichen Wurzeln beraubt. Das System hat damit erreicht, was es immer anstrebt: den Widerstand seiner transzendenten Bedeutung zu entkleiden und ihn zu einer bloßen ästhetischen Geste zu machen.
Darin liegt eine tiefe Lehre für die Christen unserer Zeit.
6. Aktuelle theologische Anwendung: Wie widerstehen, ohne den Glauben zu verraten?
Heute erleben wir (zumindest im Westen) keine blutigen Verfolgungen wie im 17. Jahrhundert, wohl aber eine kulturelle und moralische Verfolgung:
- Lächerlichmachung des Glaubens
- Gesetze gegen das Naturrecht
- Druck, das christliche Gewissen zum Schweigen zu bringen
Die Frage ist nicht, ob wir widerstehen sollen, sondern wie.
Wahrer christlicher Widerstand:
✔️ Entspringt nicht dem Hass, sondern der Wahrheit
✔️ Bedient sich nicht der Gewalt, sondern der Treue
✔️ Will nicht zerstören, sondern bekehren und Zeugnis geben
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute“
(Röm 12,21)
7. Praktischer theologischer und pastoraler Leitfaden: Heute als Katholik widerstehen
1. Das Gewissen formen
Ein Katholik ohne Bildung ist ein verwundbarer Katholik. Studiere die Lehre, den Katechismus und die Geschichte der Kirche.
2. Den Glauben ohne Komplexe leben
Verberge nicht, wer du bist. Geistliche Feigheit ist eine stille Form der Apostasie.
3. Gott mehr gehorchen als den Menschen
Wenn das staatliche Gesetz dem moralischen Gesetz widerspricht, muss das christliche Gewissen standhaft bleiben.
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“
(Apg 5,29)
4. Gewalt ablehnen, auch bei Provokation
Das Kreuz wird nicht mit Schießpulver verteidigt, sondern mit Treue.
5. Sühne und Gebet darbringen
Wo Hass war, bringe Opfer dar. Wo Irrtum war, bringe Buße dar.
8. Guy Fawkes: eine Warnung für unsere Zeit
Guy Fawkes fordert uns nicht als Held heraus, sondern als Warnung:
- Eifer ohne Unterscheidung kann zur Sünde führen
- Glaube ohne moralischen Gehorsam verformt sich
- Widerstand ohne Liebe wird zur Zerstörung
Doch er erinnert uns auch an etwas Wesentliches:
Der Glaube ist es wert, selbst wenn er einen hohen Preis fordert.
Schluss: Treue vor Rebellion
Der wahre christliche Widerstand braucht keine Masken und keine Sprengstoffe. Er braucht Heilige, treue Familien, wohlgeformte Gewissen und mutige Katholiken.
Guy Fawkes war ein Sohn einer verfolgten Kirche. Lernen wir aus seinem Kontext, korrigieren wir seine Fehler und stellen wir uns seiner grundlegenden Frage:
👉 Was bin ich bereit zu verlieren, um meinen Glauben nicht zu verraten?
Denn letztlich geht es nicht darum, Parlamente zu stürzen, sondern darum, standhaft vor Gott zu bleiben.
„Sei getreu bis in den Tod, dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben“
(Offb 2,10)